Hermine verdrehte entnervt die Augen, als Pansy Lord Snape zum wiederholten Male auf dramatische Art und Weise erzählte, wie knapp sie doch dem sicheren Tod entronnen wäre, da ihr Pferd bei ihrem letzten Ausritt vor einem völlig verängstigten Häschen gescheut und sie sich nur auf Grund ihrer sagenhaften Reitkünste das Leben gerettet hätte. Seufzend fächelte sie sich dabei Luft zu und schloss kurz die Augen, um die tiefgreifenden Todesängste, die sie in jenem Moment ausgestanden hatte, zu verarbeiten.
Hermine warf einen kurzen Blick auf Lord Snape, der ein gelangweiltes Gähnen krampfhaft unterdrücken musste, jedoch den Augenblick nutzte um Pansys Weinkelch geschickt zu präparieren.
"Lasst uns auf dieses schreckliche Erlebnis trinken, auf das Ihr nie wieder solch furchtbare Ängste durchleben müsst."
Damit hob er seinen Kelch und prostete Pansy zu. Diese errötete und blinzelte ihm affektiert zu wobei sie wohl der festen Überzeugung war, Lord Snape damit eine wortlose Einladung zu senden. Pansy nahm einen kräftigen Zug und versuchte Lord Snape einen verführerischen Blick über den Rand ihres Kelches zuzuwerfen. Dieser schien jedoch eher von ihrer Trinkfestigkeit beeindruckt zu sein, als von ihrer Geschichte mit dem Häschen. Hermine wunderte sich über Lord Snapes Verhalten. Weshalb hatte er in Pansys Kelch ein weißes Pulver gemischt?
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, denn Pansy lallte in dem Moment etwas unverständliches vor sich hin, wobei sie krampfhaft versuchte ihre Augen offen zu halten. Kurze Zeit später sackte ihr Kopf auf ihre Brust und sie schnarchte vernehmlich. Snape massierte sich seufzend die Schläfen.
„Mir war nicht bewusst, dass diese Aufgabe weit aus anstrengender ist, als in die Schlacht zu ziehen..."
Snape warf Hermine einen undefinierbaren Blick zu.
„Ich frage mich, wie du das mit diesem Weib aushältst. Die ist ja noch schlimmer als ein Fischweib auf dem Wochenmarkt."
Hermine lächelte zur Antwort nur schelmisch und hob fragend ihre Schultern. Lord Snape stand wortlos auf und trat ans Fenster.
„Was wolltet Ihr mir nun mitteilen?"
„Dumbledore hat mich geschickt um..." In diesem Moment schnarchte Pansy laut auf, woraufhin Hermine erschrocken zu ihr herumfuhr. Snape beobachtete amüsiert diese Reaktion.
„Keine Sorge, Lady Pansy ist für die nächste Stunde völlig außer Gefecht gesetzt. Sie träumt vermutlich gerade davon, was wir für einen wunderbaren Nachmittag miteinander verbringen. Wenn sie wieder zu Bewusstsein kommt, wird sie diese Vorstellung als real empfinden und wir können uns in der Zwischenzeit ungestört unterhalten.
Ich wurde von Dumbledore dazu beauftragt, deine Nachrichten für den Orden persönlich zu überbringen. Die letzte Eule hat ihr Ziel mit einem Pfeil im Flügel erreicht und wir gehen deshalb davon aus, dass jemand versucht hat sie abzufangen."
„Lord Malfoy?"
„Gut möglich, wir müssen auf jeden Fall äußerst vorsichtig sein. Da du uns bereits berichtet hast, dass Lucius hinter dir einen Spion für den Orden vermutet, ist diese Möglichkeit jedoch ziemlich wahrscheinlich, dass er dahinter steckt."
Hermine nickte und seufzte. Dummerweise war sie die ganze Woche nicht dazu gekommen irgendetwas für den Orden herauszufinden.
„Ich habe diesmal keine Neuigkeiten, die ich Euch berichten könnte. Pansy hat mich in den letzten Tagen so sehr in Beschlag genommen, dass ich keinerlei Möglichkeiten hatte Informationen zu sammeln. Ich weiß nur, dass Lord Lestrange vergangenen Montag hier war, aber ich konnte nicht in Erfahrung bringen was er hier wollte und er ist auch nicht lange geblieben."
Snape überlegte einen Augenblick bevor er wieder zum Fenster hinaussah.
„Ich denke, diese Information ist äußerst nützlich. Anscheinend versucht Lord Parkinson seinen Einfluss beim Dunklen Lord zu erweitern. Das könnte auch bedeuten, dass er Soldaten schicken wird um die Armee des Schwarzen Lords zu verstärken. Der Orden wird etwas unternehmen müssen um nicht unvorbereitet zu sein."
Hermine schwieg und starrte auf ihre Hände. Das alles hörte sich nach Krieg an. Sie versuchte die trüben Gedanken fortzuwischen und mehr über ihren Gegenüber und die Aktivitäten ihrer Freunde herauszubekommen.
„Wisst Ihr mehr über die Vorgänge im Orden?" fragte sie etwas zurückhaltend.
Snape drehte sich wieder zu ihr um und starrte sie einige Augenblicke abschätzend an bevor er sich wieder auf einen Stuhl nieder ließ und in seinen Weinbecher blickte. Hermine nahm das als ein Zeichen und goss ihm Wein nach, wie es sich für eine anständige Gastgeberin geziemte, bevor sie sich auf ihren Platz setzte und ihn neugierig musterte. Snape nahm erst einen Schluck Wein bevor er Hermine wieder ansah.
„Der Orden baut seine Truppen weiterhin aus und versucht den Schwarzen Lord so gut wie möglich in Schach zu halten und seine Anhänger zu schwächen, aber wenn du mich fragst, dann wird es auf eine große Schlacht hinauslaufen. Niemand kann einen Sieg davon tragen, wenn er nur diplomatisch verhandelt wird. Du solltest in der nächsten Zeit sehr wachsam sein und dir alle Vorkommnisse merken."
Hermine nickte. Sie würde ihr Bestes geben, solange Pansy ihr dafür Zeit gab.
„Was werdet Ihr jetzt tun?"
Snape lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück und beobachtete die schlafende Pansy einen Augenblick, bevor er überlegte, ob er den neugierigen Fragen dieses Mädchens antworten sollte.
„Nun, ich werde zurück auf meine Burg reiten und Dumbledore eine Nachricht zukommen lassen. Außerdem sollte ich einen kleinen Besuch bei Lestrange machen und mich nach seinem Weib erkundigen, vielleicht erfahre ich dort, was er hier wollte."
Nachdenkliches Schweigen breitete sich im Raum aus und beide hingen einige Augenblicke ihren Gedanken nach, bis Hermines Gedanken zu einem abrupten Halt kamen. Wenn Dumbledore Snape den Auftrag gegeben hatte ihre Nachrichten persönlich in Empfang zu nehmen, dann ...
„Wie will Dumbledore es bewerkstelligen, dass Ihr meine Nachrichten bekommt? Ihr könnt doch nicht jedes Mal um ein Treffen mit dem Fräulein Parkinson bitten um mit mir zu sprechen?"
Snape sah sie einen Moment düster an. Hermine wusste genau was es bedeuten würde, wenn Snape sich öfter mit Pansy treffen würde. Jeder würde denken, er würde um sie werben und wenn der Krieg nicht bald ein Ergebnis hervorbringen würde, dann musste Snape Pansy heiraten um Lord Parkinson nicht zu verärgern oder zu entehren.
„Ich glaube, du weißt genau wie Dumbledore es bewerkstelligen wird. Kriege verlangen Opfer und da der dunkle Lord es gutheißen würde, dass ich eine Verbindung mit den Parkinsons eingehe, ist mein Schicksal bereits vorherbestimmt."
Hermine war von der Realität zu überrumpelt um auch nur einen Ton heraus zubringen. Es war ihr unbegreiflich, wie Dumbledore, ein gütiger und weiser Mann, so etwas von seinen Gefolgsleuten erwarten konnte! Sie spürte zum ersten Mal eine unglaubliche Wut gegenüber ihrem Mentor, dass sie sich beinahe vor sich selbst schämte.
Snape beobachtete, wie sich Hermines innerer Tumult auf ihrem Gesicht widerspiegelte. Sie schien langsam zu begreifen, dass auch Menschen, die auf der Seite des Guten kämpften, genauso mit dem Leben ihrer Anhänger umsprangen, wie der Feind. Es verärgerte ihn, dass sie so naiv war und Dumbledore bisher alles geglaubt hatte. Dumbledore war ein guter Mensch, aber er benutzte seine Gefolgsleute genauso, wie es der dunkle Lord auch tun würde, um seine Ziele zu erreichen. Natürlich hatten beide andere Motive, immerhin kämpfte Dumbledore für das Allgemeinwohl und die Zukunft der magischen Gemeinschaft, aber er hatte Hermine ebenso benutzt, wie er ihn benutzen würde um mehr Einfluss auf die dunkle Seite auszuüben. Snape hoffte ebenso sehr darauf, dass der Krieg bald eine Entscheidung bringen würde um ihn von dem Los, das ihn erwarten würde abzuhalten. Ein Nachmittag mit Pansy hatte ihm gereicht. Er hatte vorher nie ans Heiraten gedacht und hätte so auch weiterleben können, aber selbst wenn es von ihm verlangt worden wäre, hätte er sich immerhin eine Frau ausgesucht, die wenigstens noch gute Gespräche führen konnte und Intelligenz besaß. Er warf Pansy einen Blick zu und schauderte. Nein, er hoffte inständig, dass er davor bewahrt werden würde diese Frau zu ehelichen.
„Ich kann nicht glauben, dass Dumbledore es dazu kommen lassen würde, Mylord. Er wird bestimmt einen anderen Weg finden.", sagte Hermine schließlich überzeugt, unfähig sich einzugestehen, dass gerade dies nicht passieren würde.
„Ich hatte dich eigentlich für ein kluges Mädchen gehalten, aber anscheinend unterlag ich da einem Irrtum! Siehst du nicht, wie auch du als Schachfigur benutzt wirst! Deine Anstellung hier auf Herforth Castle diente auch nur dazu Informationen zu sammeln. Wenn ich nicht irre, dann verabscheust du jeden einzelnen Tag hier und würdest alles dafür geben wenn alles vorbei sein könnte. Und ich verwette meinen ganzen Besitz, dass du bereits vorher geahnt hast, dass du nur benutzt wirst und nicht wegen deiner Fähigkeiten auf diese Mission geschickt wurdest.", fuhr Snape wütend auf.
Hermine starrte den dunklen Mann vor ihr mit großen Augen an. Jedes seiner Worte war wahr. Sie hatte schon sehr bald geahnt, dass Dumbledore sie sicher nicht wegen ihren Fähigkeiten auf diese Mission geschickt hatte, sondern einzig deswegen, weil sie eine junge Frau war, die den erforderlichen Stand in der Gesellschaft hatte um Kammerzofe bei einer der einflussreichsten Familien der magischen Gemeinschaft zu werden und so an entsprechende Informationen gelangte.
Sie blickte niedergeschlagen auf ihre Hände und versuchte den Schmerz zu unterdrücken, den sie in diesem Moment empfand. Sie fühlte sich betrogen und ausgenutzt und für einen kurzen Augenblick hasste sie Snape, weil er ihr die Wahrheit so knallhart ins Gesicht geschleudert und ihr alle Illusionen genommen hatte, die es ihr ermöglicht hatten die Demütigungen hinzunehmen, die sie täglich ertragen musste.
Snape musterte Hermine und seufzte. Die Realität war hart und in Zeiten wie dieser traf sie diejenigen die sich um andere sorgten noch mehr.
„Versuch es hinzunehmen, Mädchen. Du wirst nichts an deiner Situation verändern können.", meinte er schließlich resigniert und nahm einen Schluck Wein.
„Ich kann es nicht so einfach hinnehmen!", fauchte sie ihn schließlich an und erschrak vor ihrer Schamlosigkeit.
Lord Snape hingegen amüsierte ihr Gefühlsausbruch sehr und grinste sie süffisant an, was sie nur noch mehr in Rage zu versetzen schien.
„Ich hätte nie vermutet, dass in dir auch eine Wildkatze steckt."
