Kapitel 7

„Das habe ich schon einmal schneller gesehen!", fauchte Fever seine Assistenten an. Coldambers Hive war stark beschädigt und man benötigte jede Hilfe bei den Reparaturen. Ihr Hive sollte in wenigen Stunden den der Primary erreicht haben, bis dahin mussten sie die angeforderten Ersatzteile parat haben. Was aber – so fürchtete Fever – nicht der Fall sein sollte, wenn seine Männer nicht schneller arbeiteten und den Biotechnikern zur Hand gingen. Er selbst arbeitete an einem Programm zur Umgehung verschiedener Hauptleitungen, die anscheinend getroffen worden waren.

„Probleme?", fragte der gefangene Lanteaner und lächelte breit, als nur noch er und Fever im Datenverarbeitunglabor waren. Die Hauptarbeit fand im Zentrallabor statt, wohin der Cleverman seine Helfer geschickt hatte. Nur gelegentlich betrat einer von ihnen den Raum und holte etwas, das er benötigte.

Fever atmete tief durch. Dann erhob er sich langsam von seinem Hocker und trat zu dem Menschen in seiner Haltevorrichtung. Er bleckte die Zähne und versuchte Witterung aufzunehmen. Clevermen gelang dies nicht so gut wie den Blades, aber es reichte aus, um die Überheblichkeit des Lanteaners erfassen zu können. Neben den üblem Gerüchen, die Menschen – egal, ob Lanteaner oder Herdentier – nun einmal anhafteten. „Nichts, womit wir nicht zurecht kommen würden, Mensch", grollte er und betrachtete sein Gegenüber genauer. Es war ein älteres Männchen mit ergrauendem Haar, kleinen Falten um die Augen und Mundwinkel, gut genährt und offenbar gewohnt zu befehlen.

„Zu schade. Ich hätte mir gewünscht, dass dem anders wäre", sagte der Lanteaner gespielt bedauernd.

„Sie sind anders als die Meisten ihrer Art", stellte Fever lauernd fest. Vielleicht hatten sie hier versehentlich ein Exemplar gefangen, das ihnen noch anderweitig von Nutzen sein konnte als nur durch das Aktivieren verschiedener Gerätschaften.

„Ich bin nur älter und erfahrener", gab der Mensch zurück und lächelte leicht.

„Soweit ich informiert bin, stirbt Ihre Art normalerweise in einem Alter, bei dem ein Wraith gerade einmal seine Anwärterzeit hinter sich gebracht hat", meinte Fever und legte den Kopf schräg.

„Wir werden schneller erwachsen als Sie, das ist wohl richtig." Der Lanteaner zog die Augenbrauen zusammen und war nun sehr ernst.

„Interessant. Woher wissen Sie das?", fragte der Cleverman nach und roch, wie sein Gefangener nervös wurde, sich aber äußerlich nichts anmerken ließ.

„Interessiert Sie das wirklich?", versuchte der Lanteaner auszuweichen.

„Hätte ich sonst gefragt?", erwiderte Fever und lächelte leicht, „Ich bin neugierig, sonst wäre ich kein Forscher geworden. Sind Sie auch ein Cleverman? Oder ein Blade?"

Der Lanteaner stutzte, dann sagte er: „Ich weiß nicht, was diese Begriffe bedeuten. Aber ich gehöre nicht zum Militär, wenn Sie das damit fragen wollten."

„Was haben Sie getan, bevor Sie gefangen genommen wurden? Man griff Sie und einige andere mit Ihren speziellen Genen auf Tempes auf. Aber irgendetwas sagt mir, dass Sie kein Händler sind", meinte Fever und trat noch einen Schritt näher. Das Unbehagen des Lanteaners war nun deutlich zu spüren.

„Da irren Sie sich. Wir waren nur auf der Durchreise und wollten verschiedene Nahrungsmittel eintauschen, die mein Volk nicht selbst anbaut", meinte der Mensch, aber das Zucken eines seiner Augenlider strafte seine Worte Lügen.

„Oder Sie gehören zu einer der Erkundungseinheiten, die unsere Weidegründe ausspionieren, um später die Herden von dort wegzuholen", meinte Fever und knurrte leise.

„Jeder Mensch, den mein Volk vor Ihren ‚Ernten' bewahrt, ist ein Sieg über Ihre Art!" der Lanteaner gab sich trotzig und selbstbewusst.

„Sie vergessen dabei nur eines: wir werden den endgültigen Sieg davon tragen und dann ist es einerlei, wohin Sie unsere Herden umgesiedelt haben. Wir werden sie aufspüren", sagte Fever, dann fügte er hinzu: „Was allerdings keine Antwort auf meine Frage ist… was haben Sie getan, bevor wir Sie aufgriffen? Was ist Ihre Funktion in Ihrer Gemeinschaft?"

„Ich sagte Ihnen doch bereits…"

„Die Wahrheit, Mensch! Mit Ihren Lügen kommen Sie nicht weiter!" Wieder knurrte der Cleverman leise und legte den Kopf schräg.

„Dann glauben Sie mir eben nicht. Ich bin nur ein Händler, weiter nichts", behauptete der Lanteaner und starrte Fever wütend an.

Gut. Wir werden noch viel Zeit für weitere Gespräche haben…, dachte Fever und ging wieder an seine Arbeit. Er konnte spüren, dass der Mensch sich allmählich entspannte, je länger er ihm den Rücken zuwendete und an seinem Programm arbeitete.

‚Meister? Sie werden in der Biotechnik verlangt', hörte Fever Weavers Stimme in seinem Kopf. Mit einem zornigen Seitenblick auf ihren Gefangenen verließ er sein Labor und ging hinüber ins Zentrallabor, wo Straddle ihn erwartete. Der Meister der Biotechnik war ein unterkühlter Wraith, der nur selten seine Gefühle zeigte. Aber anders als bei Bonewhite, dem Inbegriff der Verschlossenheit, wirkte dieser Charakterzug bei dem Cleverman hochmütig und trug nicht zu seiner Beliebtheit bei. Andererseits war er begabt und fleißig, was ihm niemand absprechen konnte. Ähnlich wie Fever achtete er sehr auf sein Äußeres und wirkte immer gepflegt mit seinem glatt gekämmten Haar, dem komplizierten Haarknoten und dem bartlosen Kinn, auf das er sich Snows Zeichen hatte tätowieren lassen.

„Die Programmierung dieser Wartungskamera ist fehlerhaft", schnarrte Straddle und reichte Fever die faustgroße Kugel, die eingesetzt wurden, um in den Versorgungsleitungen der Schiffe nach Problemstellen Ausschau zu halten.

„Was stimmt daran nicht?", fragte Fever, der sich wunderte, warum es nicht ausreichte, dass Weaver sich darum kümmerte.

„Sie blockiert und lässt sich nicht mehr lenken, sobald sie einige Dutzend Schritte in den Leitungen zurückgelegt hat", erläuterte Straddle das Problem und schaute Fever herablassend an.

‚Meister, ich habe schon versucht ihm zu erklären, dass das an den ausgewählten Leitungen liegen könnte', hörte er Weavers furchtsame Stimme im Kopf und Fever atmete tief durch, bevor er fragte: „Darf ich fragen, in welchen Leitungen diese Kamera eingesetzt wurde?"

„Was für eine Rolle spielt das?", fauchte Straddle, womit er sich endgültig jede Sympathie bei Fever verspielte.

„Diese Kamera ist nur geeignet für die Kontrolle der Hauptleitungen in Wohnbereichen. Für den Einsatz in den Nebenleitungen ist sie zu groß, außerdem nicht gegen die Strahlung im Bereich der Maschinenräume geschützt und nicht hitzebeständig genug, um in der Nähe der Waffenbänke eingesetzt zu werden." Fever betrachtete die Kamera genauer, dann fügte er hinzu: „Außerdem ist sie verschmutzt mit etwas, das mir verdächtig nach Abbauprodukten aus dem Hüllenbereich ausschaut. Ich wiederhole meine Frage: in welchen Leitungen wurde diese Kamera eingesetzt?"

„Willst du damit sagen, die Hardware ist ungenügend?", fauchte Straddle und griff sich das Gerät.

„Ich sage nur, dass diese Hardware nicht geeignet ist für den Einsatz in Bereichen außerhalb der Hauptleitungen der Wohnbereiche. Aber Weaver wird sie sicherheitshalber auf Programmierungsfehler überprüfen", gab Fever trotzig zurück und nahm Straddle die Kamera wieder ab, bevor er sie seinem Assistenten in die Hand drückte. „War das alles, wofür ich meine Arbeit unterbrochen habe?"

Straddle schnaubte und ließ die beiden Datenspezialisten stehen.

„Mitkommen", befahl Fever seinem Assistenten, der ihm nervös in ihr eigenes Labor folgte.

„Meister, es tut mir Leid, dass…", begann Weaver, wurde jedoch jäh unterbrochen von Fever, der fauchte: „Was bildet der sich eigentlich ein?"

„Noch mehr Probleme?", fragte der Lanteaner und grinste.

Die beiden Wraith schauten ungläubig zu ihrem Gefangenen hinüber, dann knurrte Weaver: „Du bist hier nicht gefragt!"

Der Lanteaner grinste breit, schwieg jedoch daraufhin.

„Du wirst diese Kamera säubern und auf Fehler in der Programmierung testen. Und nebenbei wirst du ihren Speicher abfragen und feststellen, wo dieser blasierte Idiot sie eingesetzt hatte!", fauchte Fever seinen Assistenten an.

„Das weiß ich bereits, Meister", entgegnete Weaver kleinlaut, „sie wurde im hinteren Hüllenbereich verwendet und kam nicht gegen den Strudel in den Leitungen an."

Fever atmete tief durch. „Ja, so etwas dachte ich mir auch schon…" Er seufzte und setzte sich wieder an seine Arbeit. „Trotzdem wirst du tun, was ich dir aufgetragen habe und ein Protokoll anfertigen. Guide wird nach seiner Rückkehr sicher Interesse daran haben."

Verschüchtert machte Weaver sich an die Arbeit. Er war es nicht gewohnt, dass sein Vorgesetzter so friedlich blieb. Normalerweise pflegte Fever bei den geringsten Anlässen zu Fauchen und zu Toben, besonders, wenn er es mit der Inkompetenz anderer zu tun bekam. Auch ging er selten den Weg über den Obersten aller Cleverman, obwohl dieser nicht nur sein Mentor, sondern auch bekanntlich sein Freund war.

Missmutig beendete Fever sein Umgehungsprogramm und dachte kurz nach. Dann machte er sich daran, etwas anderes zu überprüfen und stieß auf eine Sperre. Na, das ist ja mal interessant… wer ist so dumm zu glauben, dass ich da nicht durchkäme?, dachte er grimmig und bleckte die Zähne. Niemand legte sich ungestraft mit Fever an!

A/N: Wer behauptet, man könnte nicht auch auf dem Hive ein Abenteuer erleben? *fg*