Alte Bekannte

Leises Gemurmel lies sie wieder von der Arbeit aufblicken. In einer weiter entfernten Ecke machten die paar Männer, die sich doch noch zur Weiterarbeit haben überreden lassen, wieder einmal eine Sake-Pause. °Da hätte Ban auch gleich gar niemanden einstellen brauchen.° Mit kritischem Blick musterte sie die trinkenden Arbeiter, die sich aber davon nicht beirren ließen.

Kopfschüttelnd widmete sie sich wieder dem Flecken Erde vor ihr, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Sie war sich sicher, dass Inu Yasha hier irgendwo sein musste, im Auto war er noch hinter ihr gewesen, aber seit dem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Jetzt wo sie seine Hilfe hätte brauchen können, war er nicht da und sie fragte sich, ob es nicht vielleicht an diesem Ort lag.

Noch einmal sah Kagome auf und lies ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Sie konnte am Eingang Jigoku-sama erkennen, den sie durch das entgegenkommende Sonnenlicht nur als Schattengestalt wahr nahm.

°Irgendwie erinnert er mich an jemanden.° Doch nur kurz nahm diese Erinnerung Gestalt an und ein eisiger Schauer lief über ihren Rücken. Dann gesellte sich ein zweiter zu dem Schatten und nahm dem Ganzen den Schrecken.

„Fumio." Murmelte sie leise und beobachteten das kurze Gespräch in der Hoffnung an der Gestik dessen Inhalt erraten zu können. Aber schon nach kurzem gab sie es wieder auf.

Qualvoll schälte sie ihre Hände aus den Handschuhen und besah sich die rissige Haut.

„Wollen Sie eine Heilsalbe für Ihre Hände, Higurashi-sama?"

Erschrocken zuckte sie zusammen.

„Fumio! Ich habe dich gar nicht kommen gehört."

„Sie waren auch ziemlich in den Anblick Ihrer geschunden Hände vertieft. Sie sollten sich eine Pause gönnen, ich habe Ihnen auch einen wundervollen Tee mitgebracht, Sie werden sich erfrischt fühlen."

Und er schenkte ihr auch gleich einen Becher voll ein und reichte ihn ihr.

Dankbar nahm sie ihn an und trank einen Schluck.

„Schmeckt wirklich vorzüglich, was ist das für ein Tee?"

„Ein Rezept meiner Mutter, sie gab es mir mit, als ich das erste Mal als Assistent mit einem Archäologen arbeitete, seitdem begleitet er mich überall mit hin." Bei den Worten schwenkte er leicht die Thermoskanne.

Kagome nahm einen weiteren Schluck und lauschte entspannt der Stille, die sie bei längerem Nachdenken doch merkwürdig fand.

„Sag, Fumio, täusche ich mich, oder ist es auf einmal ruhig geworden." Langsam wandte sie den Kopf und sah mit einem letzten Rest von Hoffnung in die Ecke. Enttäuscht schüttelte sie den Kopf und fragte sich, wie sie nur auf den absurden Gedanken kam, dass die neu angestellten Leute, nach einem Tag von sinnloser Rumbuddlerei und Gesaufe, doch noch anständig arbeiten würden.

„Wo sind sie hin?"

Der junge Mann wusste sofort worauf sich die Frage bezog.

„Sie sind nach draußen gegangen, um etwas zu essen." Auch sein Blick war auf die Stelle gefallen, die eher wie ein Sandkasten einiger Riesenkinder, als ein Ort der archäologischen Forschung aussah und er legte seine Stirn in Falten. Und erst nach einigen Sekunden des Schweigens hängte er noch an:

„Was sie allerdings auch tun sollten."

„Was?"

„Essen. Mir ist nicht entgangen, dass sie bereits zu Mittag auf eine Mahlzeit verzichtete haben und das ist nun schon Stunden her."

Kagome wollte gerade betonen, dass sie keinen Hunger hätte, nur ihr Magen machte ihr einen ordentlichen Strich durch die Rechnung indem er laut knurrte.

„Ich glaube, du hast Recht."

Mit zittrigen Beinen, vom langen Knien, stand sie auf und steuerte leicht wankend auf den Ausgang zu. Fumio folgte ihr, immer bereit, sie notfalls zu stützen.

Die Sonne näherte sich schon immer mehr dem Horizont und ihre warmen Strahlen streichelten sanft Kagomes Gesicht, welches sie ihr mit verkniffenen Augen entgegenstreckte. Nach der langen Dunkelheit schmerzten das plötzlich Licht sehr und die junge Frau verharrte einige Sekunden an der Stelle, an der sie ins Freie getreten war.

So friedlich diese Kulisse auf wirkte, die vorherrschenden Geräusche taten es nicht. Lautes Gegröle und schadenfrohes Lachen empfingen Kagome in der Außenwelt. °Was ist denn jetzt schon wieder los?° dachte Kagome genervt und begann nach dem Ursprung der Stimmen zu suchen. Wie nicht anders zu erwarten traf sie die unfähigen Hilfsarbeiter bei ihrer Suche an. Laut lachend bewarfen sie ein hilfloses Tier mit Steinen und einer von ihnen rief:

„Hau endlich ab, du zweischwänzige Ausgeburt der Hölle!"

Kagome erstarrte in der Bewegung und meinte sich mit einmal an einen ähnlichen Vorfall bei ihren Abenteuer in der Senguko Jidai zu erinnern.

°Zweischwänzige Ausgeburt der Hölle?°

Sie stand noch immer am selben Fleck, als einer der Männer auf sie zugeschossen kam. Plötzlich hielt er einen großes Japanisches Messer in der Hand und schlug damit nach der kleinen Katze. Erschrocken sprang Kagome zur Seite und glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als das Tier in ihr Blickfeld gelangte.

„Kirara." Flüsterte sie leise und als hätte sie sie verstanden, sprang die Katze ihr in die ausgestreckten Arme und fauchte den Mann an.

„Lassen Sie auf der Stelle diese Höllenvieh los!" Kam es augenblicklich von dem Kerl, der immer noch sein Messer schwang.

„Wagen Sie es ja nicht, ihr auch nur ein Haar zu krümmen! Das ist nur ein unschuldiges Tier!"

„Unschuldiges Tier? Sie haben doch keine Ahnung! Der zweischwänzige Schwanz besagt doch ganz eindeutig, dass sie widernatürlich ist!"

Hinter ihm stimmten ihm seine Kumpanen grölend zu und feuerten ihn an, als er versuchte, ihr Kirara wieder zu entreißen.

„Sie Baka! Finger weg! Wenn Sie der Anblick stört, dann sehen Sie nicht hin." Von ihrer Lautstärke überrascht, stolperte er ein paar Schritte rückwärts. Solche Töne hatte er von einer so zierlich wirkenden Frau wahrlich nicht erwartet.

„Und bevor ich es vergesse," Kagome hatte ihre Stimme wieder etwas gedämpft, bevor sie so laut, dass es von dem Berg wiederhallte, verkündete, „Sie sind gefeuert! Sie alle."

Damit wandte sie sich ab, wartete gar nicht auf die Erwiderung des Mannes und ging zu einem mehr als verblüfften Fumio zurück. Bevor er was sagen konnte, fauchte Kagome ihn an:

„Kein Wort und sie wird uns begleiten, oder du begleistest diese nette Gruppen da hinten." Und deutet mit einem Nicken zu den eben Entlassenen.

Fumio schluckte kurz, streifte das Tier mit einem Blick und behielt vorerst seine Gedanken bei sich.

Kagome hingegen besah sich die Katze genau. Ihr Fell war schmutzig und sah nicht sehr gepflegt aus. Auch war sie dünn. Sie konnte die Knochen unter der Haut spüren.

„Bist du es wirklich, Kirara?"

Ein bestätigendes Mautzen kam von ihr.

„Was ist nur geschehen?" Kagome hatte mit einmal Tränen in den Augen.

Kirara kuschelte sich näher und legte ihr den Kopf an die Wange. Sie wusste nicht woher, aber sie nahm an, dass der kleine Katzendämon mehr als glücklich war, sie zu sehen. Das Schnurren von ihr bestätigte das.

„Kennen Sie dieses Katze, Higurashi-San?" Fragte nun Fumio mehr als verblüfft von dieser Vertraulichkeit.

„Sie ist mir weggelaufen vor einigen Wochen." Log Kagome. „Doch nun habe ich sie hier wiedergefunden, Kirara."

„Haben Sie nicht mal von einem fetten Kater mit dem Namen Buyo erzählt?"

„Der war vor Kirara da. Aber da der immer fetter wurde, haben wir uns nach seinem Ableben zum Kauf einer Katze entschlossen."

„So eine Rasse habe aber noch nie gesehen." Fumio sah verwundert und mit leichtem Gruseln auf die zwei Schwänze.

„Die ist neu." Wand sich Kagome aus der Affäre und ging mit der „Katze" auf dem Arm auf das Zelt zu.
"Fumio, was ist? Ich dachte wir essen jetzt?" Der Assistent riss sich mit Mühe aus seiner Starre und eilte Kagome nach.

Die Archäologin betrat die proffesorische Unterkunft und blieb gleich einmal wie angewurzelt stehen, sodass Fumio in sie hinein rannte. Vor ihren Augen breitet sich ein gar köstliches Buffet aus.

„Fumio, wie kommen all diese Sachen hierher?"

Vorsichtig lugte der Angesprochene über die Schulter der Frau.

„Ah das! Das gehört Jigóku. Er hat es sich heute Mittag liefern lassen. Unser Essen steht dort drüben." Und er deutete auf einen kleinen Tisch mit einigen Sandwiches.

Wütend murmelte sie unverständliches vor sich hin und stampfte entschlossen zu den Leckerein. Als erstes nahm sie sich einen Teller mit Japanische Nudeln mit Teriyaki- Spießen, auch gleich noch eine riesige Platte Sushi und als Nachspeise gebackene Bananen. So beladen balanzierte sie zu dem Tisch und fing sogleich an zu essen. Mit vollem Mund fragte sie den entstetzen Fumio:

„Wollen sie denn nichts?" Ohne auf seine Antwort zu warten aß sie genüsslich weiter, vergaß dabei aber nicht die abgemagerte Kirara, der sie immer wieder einen Brocken zuwarf. Als die Teller leer geputzt waren, lehnte sich Kagome zufrieden zurück.

„Ah, das war gut." Fumio musterte sie mit einem seltsamen Blick und verschlang den letzten Bissen seines Sandwiches.

Kirara sprang auf ihren Schoss und rollte sich schnurrend zusammen, während Kagome ihre Finger durch verfiltzte Fell gleiten ließ. Gedankerverloren starrte sie druch den Eingang ins freie, wo das Licht des Tages allmählich verblasste.

„Wir sollten wieder an die Arbeit gehen." sagte sie leise mehr zu sich, als zu ihrem Assistenten.

Sanft setzte sie das Kätzchen wieder auf den Boden und erhob sich. Die letzten Sonnenstrahlen genießend ging sie, gefolgt von Fumio und Kirara, auf die Höhle. Vor dem Eingang blieb sie noch einmal stehen:

„Na dann wollen wir mal." zog sich ihre Handschuhe an und ward im nächsten Moment vom Berg verschlungen.

Die Nacht war schon vor geraumer Zeit herein gebrochen und Kagome war schon mehr als müde. Immer öfter fielen ihr die Augen zu, doch sie wollte nicht aufgeben. Sie war sich sicher, dass es da etwas gab, das sie finden musste. Und zwar nur sie.

Fumio hatte es endlich aufgegeben, sie zur Rückkehr zu bewegen und hat sich in den Wagen schlafen gelegt. Bald war auch Kirara ihm gefolgt und so war sie nun ganz allein in der dunkeln kalten Höhle, was sie aber nicht weiter störte.

„Verflixt das gibt es doch nicht! Da muss doch was sein!" Wütend warf sie ihre kleine Schaufel gegen einen Felsen und was dies zum Vorschein brachte, lies sie alle Müdigkeit vergessen. Unter dem dunklen Stein leuchtete etwas weißes hervor, was eindeutig nicht zum natürlichen Umfeld dieses Ortes gehörte.

Kagome grub weiter und weiter, entfernte Schicht für Schicht des jahrhunderte alten Felsen und stand am Ende neben einem riesigen Schädelknochen eines Hundes, dessen Maße vom Kiefer bis zum Scheitel, ihre eigene Körpergröße bei weitem übertraf.

„Wahnsinn!" brachte sie noch heraus, dann ließ sie etwas verstummen.

Plötzlich hatte sich etwas verändert, etwas das nicht seh- oder gar greifbar war, ihr jedoch die Luft abzuschnüren drohte. Ihre Mikosinne schlugen Alarm, so außer Übung sie auch waren.

Ein Geräusch ließ sie umfahren und sie sah einen großen Schatten am Eingang, der verzweifelt versuchte zu ihr durchzudringen. Den Schatten konnte die bald als Säbelzahn-Kirara identifizieren, die mit all ihren Dämonenkräften versuchte gegen ein Kraftfeld anzukommen. °Das war sicher vorher noch nicht da° konnte Kagome noch denken, bis sich zwei große Hände mit Krallen auf ihre Schultern legten und die Luft vor ihr zu flimmern begann. Die Angst umklammerte ihr Herz und brachte ihren Puls zum Rasen, dennoch wendete sie langsam den Kopf.

„Inu ... Yasha?" Noch nie war sie so froh gewesen ihn zu sehen und gleichzeitig wurde sie wütend.

„Wie kannst du mich nur so erschrecken! Und wo warst du überhaupt die ganze Zeit! Und ... und..." Ganz langsam wurde ihr bewusst, dass sie ihn spüren konnte und nicht bloß sehen.

„Du hast einen Körper!" Kagome würde auf keine einzige ihrer Fragen eine Antwort bekommen, das wusste sie und dennoch tat es ihr gut mit ihm zu reden. Sanft zog er sie in seine Arme und legte seinen Finger auf ihre Lippen. Die junge Frau wollte gerade genussvoll die Augen schließen als sich zärtlich zwei Finger um ihr Kinn legten und ihren Blick wieder auf das helle Flimmern vor ihr zwang. Je länger sie hinsah, desto mehr glaubte sie Konturen in dem Ganzen erkennen zu können. Wieder wendete sie sich Inu Yasha zu:

„Inu Yasha, was ist das?" Seine einzige Antwort bestand darin, erneut in das Licht zu deuten, dessen Intensität nun wieder abnahm. Wie versteinert starrte Kagome auf das, was es hinterlassen hatte und nur stotternd brachte sie den Namen des Wesen vor ihr über die Lippen:

„Se ... Sessho ... Sesshoumaru!"