Nimmerland 07
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Disclaimer: Die Lost Boys gehören leider nicht mir. Alle Rechte verbleiben bei ihren Inhabern.
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Der nächste Abend fand sie alle in Max' Esszimmer, jeden mit einem großen Glas auf Körpertemperatur erwärmten Blutes aus Max' Vorräten vor sich. Nur der Hausherr selbst und Lucy waren abwesend. Max hatte sie in ein Restaurant auf dem Pier ausgeführt und David erneut die Aufsicht über den Rest der Familie überlassen.
Paul hatte einen Finger in seinen Drink gesteckt und rührte mit zweifelndem Blick darin herum. David und Dwayne hatten ihre Gläser bereits heldenhaft in einem Zug geleert. Nur Marko trank die Plörre freiwillig.
Um den Tisch herum blinkte und leuchtete es in allen Farben. Max war im Herzen ein großes, wenn auch sehr altes Kind, und er liebte Leuchtreklamen, Puzzles, die im Dunkeln leuchteten, und Dinge, die man nur mit viel Fantasie als Kunst bezeichnen konnte. Außerdem sammelte er Modelle, vor allem von Jahrmarktsattraktionen wie Riesenrädern und Karussellen. Die meisten davon bewegten sich auch noch, und manche spielten sogar Musik.
Es war ziemlich schrecklich.
Sam und Laddie allerdings schienen Davids Abscheu nicht zu teilen. Ausnahmsweise war Laddie ohne Star oder Dwayne im Schlepptau unterwegs. Er und Sam durchstöberten die Räume im Erdgeschoss und untersuchten jedes einzelne von Max' verrückten Dekorationsobjekten. Gelegentlich stießen sie Laute des Entzückens oder der Überraschung aus. Einmal schepperte und klirrte es bedenklich, doch David beschloss, es nicht gehört zu haben.
Unterstützt wurden die Jungen bei ihrer Erkundungstour von Thorn und Nanook, die sich miteinander angefreundet hatten, seit Nanook es Thorn großzügig erlaubt hatte, sich aus seinem Futternapf zu bedienen. Es wäre ihm vermutlich auch nicht bekommen, wenn er dem Höllenhund Widerstand geleistet hätte. Nun waren die beiden den jüngsten Familienmitgliedern dicht auf den Fersen und versuchten immer wieder, ihre Nasen in Laddies Jacken- und Hosentaschen zu stecken, weil er darin wie üblich ein paar zerkrümelte Kekse, den Rest eines alten Käsebrötchens und einen halb geschmolzenen Schokoriegel aufbewahrte.
David seufzte innerlich. Babysitter war nicht gerade sein Traumjob. Gut, dass es Dwayne und Star gab …
Star saß zwischen David und Michael. Sowohl sie als auch Michael starrten das Blut in ihren Gläsern, das sich allmählich in rote Blutkörperchen und Plasma aufzuteilen begann, mit Widerwillen im Gesicht an. Die beiden hatten ihre Drinks gehorsam halb geleert und konnten sich nun nicht mehr zum Weitertrinken überwinden.
„Kippt's runter", riet Paul. „Dann habt ihr's hinter euch." Er selbst allerdings spielte immer noch mit seinem Glas herum, ohne dass er bisher einen Schluck von dem Blut getrunken hatte. Offensichtlich wartete er auf eine Chance, das Gesöff unauffällig loszuwerden. Plötzlich schien ihm die Erleuchtung zu kommen.
„He, Ed, Al!" rief er über den Tisch. Die Frog-Brüder hatten ihre Gläser zügig geleert, nachdem Dwayne ihnen erklärt hatte, dass sie mit vollem Magen weniger gefährlich für Sterbliche waren und sich in ihrer Gegenwart besser würden kontrollieren können.
„Wollt ihr noch mehr Kontrolle?", fragte Paul hoffnungsvoll und schob sein Glas ein Stück weit in ihre Richtung.
Edgar grunzte. „Hast du dir irgendwann in den letzten Tagen – oder Nächten – mal die Hände gewaschen?", fragte er zurück.
Paul hielt sich prüfend die blutbesudelten Finger mit den vor Dreck schwarzen Fingernägeln und Flecken von Motoröl vor die Augen. „Öh …", machte er schuldbewusst.
Edgar verdrehte die Augen. Nach einem kurzen Blickwechsel mit seinem Bruder ergriff er das Glas und trank es mit einem fatalistischen Gesichtsausdruck in einem Zug halb leer, ehe er es Alan reichte, der den Rest mit Todesverachtung herunterkippte. Dann schubste er es zurück zu Paul, wo es schlitternd neben den leeren Gläsern von Sam und Laddie zum Stehen kam. Laddie hatte kein großes Gewese um die Sache gemacht, er aß und trank sowieso fast alles, was man ihm in die Hand drückte, und Sam hatte sich die Nase zugehalten und das für ihn bestimmte Blut in wenigen Schlucken heruntergewürgt, weil es im Haus so viele so viel spannendere Dinge zu tun und zu entdecken gab – insbesondere, wenn Max nicht da war, um ihn daran zu hindern.
„Trinkt aus", sagte David an Star und Michael gewandt. „Wir wollen los."
Michael grunzte angeekelt, ehe er dem Beispiel seines kleinen Bruders folgte und das Blut unter Ausschaltung zumindest seines Geruchssinns herunter zwang. Star warf David einen flehentlichen Blick zu. Als er zur Antwort nur die Brauen hob, trank endlich auch sie widerwillig ihr Glas leer.
„Sam! Laddie!", rief David, und kurze Zeit später tauchten die beiden Jungen mit viel Gekicher und Gepolter zusammen mit den Hunden in der Tür zum Esszimmer auf. „Setzt euch hin", sagte David, und, während die Kinder noch dabei waren, seiner Aufforderung Folge zu leisten: „Habe ich die Aufmerksamkeit von allen?"
Marko stieß Paul in die Seite, der dabei war, mit dem restlichen Blut, das sich am Boden der Gläser gesammelt hatte, psychedelische Muster auf die Tischplatte zu malen. Paul sah von seinem Werk auf und grinste David breit an. „Jo, Mann, was geht?"
„Du gehst", erwiderte David. Manchmal ging Paul ihm auf die Nerven. Er kannte niemanden, dem Paul nicht regelmäßig ganz gravierend auf die Nerven ging.
Auf Pauls verständnislosen und etwas beleidigten Blick hin ergänzte David: „Mit Marko, Alan und Edgar. Auf die Jagd. Unauffällig."
Paul zeigte ihm lachend die Zähne. „Alles klar, Boss!", bestätigte er und salutierte ironisch.
Marko zog eine Grimasse. „David" –
„Nein!", unterbrach David ihn energisch, noch ehe er anfangen konnte, sich zu beschweren. „Ihr müsst lernen, miteinander auszukommen. Je mehr Zeit ihr gemeinsam verbringt, desto besser. – Edgar, wenn du den beiden Ärger machst, bekommst du's mit mir zu tun."
Nun war es an Edgar, eine Grimasse zu ziehen.
„Dwayne, du gehst mit Laddie und Star. Seid uncool. Besucht das Krankenhaus."
Dwayne sah nicht begeistert aus, aber er nickte.
„Michael, du kommst mit mir. Sam, du auch. Und, Sam, das ist keine Spaßveranstaltung – wir gehen raus, um Leute zu töten. Also reiß dich zusammen."
Sam hob beide Augenbrauen. „Ich dachte, ich hätte irgendwo, irgendwann, von irgendwem gehört, es würde Spaß machen, ein Vampir zu sein", nörgelte er. „Und jetzt werden wir ständig rumkommandiert …"
„Er hat Recht, Davey", schaltete Paul sich ein. „Was ist los mit dir? So bist du doch sonst nicht. Mach dich mal locker." Er schob David einen Joint über den Tisch.
Marko nickte zustimmend, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Auch Dwayne musterte ihn mit Vorwurf im Blick.
Na großartig.
David holte tief Luft. „Hört mal." Er sah einen nach dem anderen an, zuerst seine Jungs, dann die Neuen. „Ich habe jetzt die Verantwortung für doppelt so viele Leute wie vorher, und vier davon sind Kinder … Wie soll ich das auf die Reihe bekommen, wenn ich alles mit jedem einzelnen von euch ausdiskutieren muss? Hm? Ich muss uns alle schützen – unter Umständen sogar voreinander. Oder hat jemand vergessen, was vorletzte Nacht mit Marko passiert ist?"
Edgar und Alan starrten vor sich auf die Tischplatte. Sam hatte seine Hände in Nanooks dichtem Fell vergraben und mied ebenfalls die Blicke der anderen.
Paul trommelte mit den Fingern einen Rhythmus auf den Esstisch. „Trotzdem musst du uns nicht dauernd rumscheuchen. Das ist uncool", sagte er. Dann kippte er seinen Stuhl nach hinten und schwang die Stiefel auf die Tischplatte. „Tags pennen, nachts Party … weißt du noch? Außerdem, was ist mit dieser Patengeschichte? Erst sagst du, ich soll mich um Sammy kümmern, dann nimmst du ihn mit, wenn's auf die erste Jagd geht? Denkst du, ich pack das nicht?"
„Wenn ich dich für unfähig halten würde, dann würde ich dich wohl kaum mit Edgar losschicken", erwiderte David trocken.
„Müssen wir überhaupt … jagen?", warf Edgar ein. Er klang bockig. „Wozu haben wir dann eben das Zeug hier runtergewürgt?" Er deutete auf die leeren Gläser. „Das war mehr als ein halber Liter Blut für jeden, zumindest für Al und mich. Reicht das nicht für eine Nacht?"
Wunderbar. Jetzt fielen sie ihm alle in den Rücken, einer nach dem andern.
„Außerdem", warf Alan ein, „müssen wir uns mal wieder im Laden sehen lassen. Unsere Eltern sind zwar Kiffer, aber sie sind nicht so dauerbreit, dass sie nicht merken, wenn wir tage- und nächtelang nicht nach Hause kommen. Und ohne uns geht gar nichts im Laden. Unsere Ellis schaffen gerade noch die Vormittagsschicht. Jetzt, wo wir nur noch nachts arbeiten können, müssen wir jemanden für die Nachmittage einstellen, oder wir sind in ein paar Wochen pleite."
„Ihr wollt arbeiten?", fragte Marko verblüfft. „Wollt ihr Max nicht fragen, ob er euch auch noch offiziell adoptiert?"
„Unser Comicladen ist der beste in der ganzen Gegend!", gab Alan mit stolzgeschwellter Brust zurück.
Edgar ergänzte: „Unsere Familie hat ihn schon seit fast zwanzig Jahren, und" –
„Ja, wissen wir", fiel Marko ihm ins Wort. „Wir waren am Eröffnungsabend das erste Mal drin. Und dann immer mal wieder."
Paul grinste. „Aber das wisst ihr doch, oder? Ihr seid doch hier geboren."
„Wir haben euch schon als Babies zwischen den Comicauslagen rumkrabbeln sehen", sagte Marko. „Du warst ein ganz besonders süßes Baby, Edgar. Mit dicken roten Bäckchen, und immer mit Essen bekleckert." Er lachte, als Edgar ihn entsetzt anstarrte. Auch jetzt waren die prominenten Wangen des Jungen sichtbar rot.
Dwayne nickte langsam. „Und auch wir können euch nicht entgangen sein, als ihr älter wurdet. Ihr müsst schon früh gewusst haben, was wir sind, eurem Verhalten als Kinder nach zu urteilen. Die großen Kreuze an euren fünf- oder sechsjährigen Hälsen in einem sonst komplett areligiösen Haushalt waren recht eindeutig."
„Jeder, der hier geboren ist, kennt uns und weiß, was wir sind", schaltete David sich ein. „Ohne die Bestätigung von euren ebenfalls hier geborenen Eltern, die wir auch schon als Babys kannten, dass wir hier schon sehr lange rumlaufen und dass man am Besten einen weiten Bogen um uns macht, wenn man keinen Ärger will, wärt ihr doch gar nicht auf die Idee gekommen, in eurem Alter noch Vampirjäger zu spielen – oder?"
Edgar schnaufte abfällig und zuckte die Achseln. „Vielleicht nicht", gab er dann zu.
„Wie alt seid ihr überhaupt?", fragte Sam neugierig.
„Achtzig plus irgendwas", murmelte Michael.
Sam starrte erst seinen Bruder, dann die Lost Boys mit offenem Mund an. „Boah … echt jetzt?"
David fand seine Verblüffung irgendwie herzerwärmend. „Ja", antwortete er grinsend. „Wir sind alle vor 1890 geboren. Und 1906 hat Max' Bruder uns zu Vampiren gemacht."
„Alle zusammen?", fragte Sam. „Ich meine, kanntet ihr euch vorher? Wart ihr Freunde oder so?"
„Oder so", sagte Dwayne. „Wir kommen alle aus San Francisco, und wir kannten uns schon ein paar Jahre. David und ich am Längsten, dann kam Paul, zuletzt Marko."
„Wir waren eine Bande von kleinen Kriminellen", ergänzte David. „Taschendiebstähle, Trickbetrug … nichts Ernstes. Keine Räuber oder Mörder, falls ihr das denkt."
„Und Max' Bruder …?"
„Wir haben den Fehler gemacht, ihn zu überfallen", sagte David. „Er hat zurückgeschlagen und Marko schwer verletzt. Wäre er kein Vampir gewesen, dann wären wir in der Nacht tatsächlich zu Mördern geworden – oder ich zumindest. Statt dessen bekam er uns in seine Klauen."
„Wir sind seiner … überwältigenden Persönlichkeit ziemlich schnell erlegen", erklärte Marko. „Wir alle, nur David nicht."
„Davey war unser Boss, damals schon", sagte Paul. „Und es gab noch jemanden, der zu uns gehörte: Jasper." Er sah Michael an, der wiederum fragend zu David sah.
„Ja, Jasper." David wurde das Herz schwer, als er den Namen aussprach. „Michael, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, du bist Jas."
„Wir alle dachten sowas in der Art", bestätigte Paul. „Und manchmal denk' ich's immer noch. Ihr seid euch zu ähnlich."
Michael schüttelte irritiert den Kopf. „Glaubt ihr an Wiedergeburt und so'n Kram? Ehrlich?"
„Es bist nicht nur du, Michael", erwiderte David. „Es ist auch Star. Ich habe sie zu uns geholt, weil sie einer Frau gleicht, die ich … kannte … damals. Ihr Name war Anastasia."
„Klingt wie eine russische Prinzessin", warf Edgar trocken ein.
David lachte leise. „Das war sie auch."
„Was …" Sam schluckte. „Was ist mit ihnen passiert?"
„Jas verbrannte, als das Hotel einstürzte", antwortete Dwayne, ohne jemanden anzusehen.
„Das versunkene Hotel, in dem wir jetzt leben", ergänzte Paul.
„Jasper war Dwaynes Bruder", erklärte Marko. „Sein richtiger Bruder, nicht so wie wir."
„Sei still", sagte Dwayne, und Marko verstummte.
„Anastasia hat sich von den Klippen bei Hudson's Bluff gestürzt, als sie erfuhr, was ich geworden war … und was auch sie werden würde", sagte David bitter.
„Ich hab nicht vor, mich irgendwo runterzustürzen", warf Star rasch ein.
„Wie schön für dich", kommentierte Marko giftig.
„Frieden", sagte Dwayne plötzlich. „Frieden, Leute." Er stand auf und machte eine Bewegung, als wollte er den Raum verlassen. Sofort war Laddie auf den Beinen und klammerte sich an ihn. Dwayne zögerte einen Moment, dann nahm er den Jungen auf den Arm. Laddie umschlang seinen Hals und schmiegte sich an ihn, diesmal allerdings, ohne ihn zu beißen.
„Star, kommst du?", fragte Dwayne.
Sie stand wortlos auf und trat an seine Seite.
„Wir fliegen zum Krankenhaus", sagte Dwayne in Richtung Wand.
„Okay, Bruder", erwiderte David. Seine Stimme klang weicher, als er wollte. „Pass auf die beiden auf – und auf dich auch."
Als die drei das Esszimmer verlassen hatten, sagte David zu Paul und Marko: „Ihr zwei fahrt oder fliegt, das ist mir gleich, mit Edgar und Alan zu ihrem Laden, damit sie dort nach dem Rechten sehen können."
Die Frog-Brüder sahen ihn überrascht an. Ein vorsichtiges Lächeln erschien auf Alans Lippen, und Edgar straffte seinen Körper, als würde er sich einsatzbereit machen.
„Passt auf, dass sie niemanden essen. Und anschließend schaut ihr euch in den Straßen und am Strand um und sorgt dafür, dass sie jemanden essen."
Alans Lächeln gefror.
