7. Kapitel

Autor: Lindenlife

Meine Kinnlade klappte nach unten, wodurch sich mein Mund öffnete, mir aber kein Wort über die Lippen kam. Ein kleines Speichelbläschen zerplatzte zwischen meinen Zähnen.
Vor mir stand die blonde Frau aus Elliots Auto. Ich war mir fast 100prozentig sicher, es waren dieselben goldblonden Haare von vorhin. War alles wirklich erst ein paar Stunden zuvor passiert?
Glauben wollte ich es nicht.
„Olivia?"
Die Blonde sprach mich an, selbstsicher. Meine Brauen hoben sich kritisch und meine Pupillen musterten sie intensiv und eindringlich. Woher kannte sie meinen Namen?
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Maureen?" Das sollte Elliots Tochter sein?
Außer der blauen Iris und der Nase erkannte ich nichts wieder. Allerdings habe ich Maureen nie oft gesehen, das Letzte mal müsste vor vier bis fünf Jahren gewesen sein.
Ungläubig verfiel ich in eine Starre und wartete gespannt auf den weiteren Ablauf des Geschehens.
Wir beide standen nun stocksteif da, niemand äußerte sich und die Stille war erdrückend, die Luft zum Zerreißen gespannt.
Bevor der Augenblick noch peinlicher werden konnte, trat Elliot von hinten an seine Tochter u legte ihr beruhigend eine Hand auf die rechte Schulter und entspannte die Situation. "Am besten du kommst erst einmal rein", schlug er vor. Den Vorschlag dankend annehmend, schritt ich über die Schwelle.
Maureen rutschte dabei ein Stück zur Seite, um mir Platz zu machen. Leise schloss sie hinter mir die Tür und wir beide folgten Elliot zu einer hellen neumodischen Holzbank.
Ich roch frisch gestrichenes Holz und ein wenig süßlichen Duft, welcher mich an eine Mischung aus Orange und Mango erinnerte. Der Innenraum sah fast komplett verwandelt aus, anders als ich das letzte Mal vor vier Monaten hier gewesen war.
Die Möbel waren zum Teil dieselben, doch alles schien einmal den Platz gewechselt zu haben.
Der dunkelbraune Schrank stand nicht mehr neben dem Fenster wo vorher die Bank gestanden hatte, sondern ragte nun wie ein Fels in der Brandung neben der kleinen blauen Couch hervor.
Diese wirkte gegen das braune Ungetüm kleiner als ohnehin schon.
Vor dem Schrank befand sich der passende Beistelltisch mit einem grauen Fernsehgerät.
Einige Kartons standen achtlos auf dem Boden verteilt in der Gegend. Einzig und allein die Küche hielt sich immer noch rechts neben der Eingangstür.
Elliot und Maureen ließen sich auf der Sitzbank nieder und ich schnappte mir einen alten, knarrenden Stuhl. Ich wusste nicht mehr, wie lange dieser schon in Elliots Obhut befand. Höchstwahrscheinlich seit dem er bei der Polizei arbeitete. Keine Ahnung warum er ihn nicht einfach auf den Sperrmüll brachte.
Schweigend saßen wir nun um den Tisch herum, jeder dachte über etwas anderes nach und keiner blickte dem anderen in die Augen. Schließlich brach Elliot die Stille, räusperte sich und fragte mich, ob ich etwas trinken wolle. Doch mein Hals war wie zugeschnürt, ich wollte einfach nur wissen, was hier vor sich ging. Also lehnte ich ab. Nach der Frage verfiel er wieder ins Schweigen.
Langsam verlor ich die Geduld. "Was wird hier gespielt?", wollte ich nun wissen. „Du wolltest mir etwas erzählen." Allerdings äußerte sich immer noch keiner der Anwesenden.
Mein Mund blieb offen stehen, jederzeit bereit weiter zu stochern.
Maureen spielte währenddessen mit einer Strähne ihrer blonden Haare, zwirbelte diese auf ihren Finger und ließ sie wieder fallen.
Elliot zog die Stirn kraus und fasste sich an sein Kinn, um über seine Bartstoppeln zu streichen.
"Elliot. Wir wollten uns gestern Abend treffen, du bist nicht aufgetaucht, hast dich nicht gemeldet. Nächsten Morgen bist du nicht auf Arbeit, stattdessen sehe ich dich mit Maureen im Auto, Kathy blockt ab, Cragen und Fin verhalten sich auf einmal merkwürdig, du rufst mich an und willst mit mir sprechen, sagtest es gab einen Zwischenfall und jetzt sitze ich hier mit euch beiden und niemand sagt etwas. Nehmt ihr alle irgendwelche Drogen, die euch vergessen lassen?" Ich war vollkommen in Rage.
"Liv es tut mir leid", sprach der Angeklagte schließlich. "Ich hatte meine Gründe, aber ich wollte dich nicht versetzen. Ich kann dir noch nichts Genaues sagen, Maureen wird vorläufig hier bleiben. Erzähle bitte niemanden etwas davon."
Unfähig, überhaupt etwas Gescheites zu erwidern, glubschten meine Augen Elliot einfach nur an.
Als ich meine Sprache wieder gefunden hatte, blaffte ich erneut rum: "Habt ihr euch alle gegen mich verschworen? Verarscht ihr mich alle, um zu sehen, wie ich reagiere und verkauft es dann ans Fernsehen? Wo sind die Kameras? Elliot wenn es irgendwelche Probleme gibt, hast du keinen Grund diese vor mir geheim zu halten."
"Doch den hab ich", konterte er zurück. "Belasse es bitte vorerst dabei."
Wütend sprang ich auf, wobei der Stuhl nach hinten fiel und verdächtig krachte. Gut so!
Vielleicht war er endlich kaputt.
"Spinnt ihr alle? Warum sagt mir keiner was? Ihr..." Plötzlich wurde ich ruhig, fühlte mich geschlagen und gab klein bei. Solche Ausbrüche waren nicht meine Art. "Also gut, ich gehe jetzt. Du kannst dich gerne melden, wenn du wieder vernünftig geworden bist und reden willst."
Schwungvoll drehte ich mich um die eigene Achse, wäre um ein Haar über den Stuhl gestolpert, konnte mich gerade noch abbremsen und ging schnurstracks zur Tür.
"Liv warte!", rief Elliot mir nach, doch ich dachte gar nicht erst daran. Als ich die kühle, eiserne Klinke berührte, zog jemand an meinem Arm. Sauer drehte ich meinen Kopf und bemerkte Elliot hinter mir.
Voller Elan entriss ich mich aus seiner Umklammerung und befahl:" Fass mich nicht an!"
Wie ein kleiner Schuljunge mit einer schlechten Note, welcher gerade mächtigen Ärger bekam, ließ er die Schultern hängen und seine Hände legten sich glatt auf seine Oberschenkel, die in der dunkelblauen Jeans steckten, welche ich an ihm so gerne mochte. In seinen Augen schimmerte ein wenig Besorgnis, aber gleichzeitig auch Trauer. Ein wenig hortete ich Mitleid, doch es hielt sich in Grenzen.
"Auf Wiedersehen Maureen", war das letzte, was ich sagte, bevor ich die Türklinke herunter drückte, die Tür öffnete und in den eisigen Wind heraustrat.
Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl im Magen.


Eine halbe Stunde später kam auch ihr Partner aus dem Haus. Gestochen scharf sah ich seine Sorgenfalten im Gesicht durch mein gutes altes Fernglas.

Zielstrebig schritt er auf sein weißes Fahrzeug zu, klemmte sich hinter das Steuer, startete den Motor und fuhr ab.
Ich war nervös.
Wolle nicht mehr warten.
Nur Geduld, redete ich mir ein.
Er war noch nicht weit genug entfernt.
Der Peilsender an seinem Auto, welcher mir seine genaue Position verriet, klebte dort seit zwei Tagen.
Ich sah alles.
Dieser Polizist war zu dumm gewesen, es bei Abholung des Wagens aus der Werkstatt zu bemerken.
Ich war raffiniert, ein Experte auf meinem Gebiet. Er hatte mir in die Augen gesehen, als er die Rechnung bezahlte und ahnte rein gar nichts. Ich begann und beendete meine Arbeit still und heimlich, wie ein Meisterdieb, nur stahl ich den Leuten kein Geld, keine Diamanten oder Gemälde.
Ich handele anders, arbeitete klüger. Erst letzte Woche Dienstag, als dieses kreischende hysterische Weib mich in den Wahnsinn treib, bewies ich allen mein Können. Jedoch wollte ich nicht zu viel verraten.
Nicht, dass der kleinen braunhaarigen Partnerin dieses Deppen der Spaß verdorben wurde. Dort drüben lag sie, dieses zarte Wesen, welches die Blüte ihrer besten Jahre schon hinter sich hatte, zusammen gekrümmt auf dem Boden. Es war einfacher gewesen, als einem Kind den Lutscher zu klauen, so sehr hatte sie die Kontrolle über sich selbst verloren, als sie zu ihrem Auto gestürmt war.
Alles gehörte zu meinem Plan, nie machte ich Fehler.
Ich war perfekt.
Zielstrebig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Meine Stiefelabsätze hallten auf dem rauen Betonboden wieder. Als die märchenhafte Gestalt dies bemerkte, blitzen ihre braunen Augen mich böse an. Ihre Iris war wunderschön, solch eine Farbe fand ich selten. Ein dunkelbrauner Haselnusston der in bestimmten Lichtverhältnissen entweder komplett schwarz wirkte oder hell strahlte.
„Habe noch ein wenig Geduld meine Liebste, es dauert nicht mehr lange."
Ich vermutete, würde nicht dieses hässliche Klebeband, welches das Stofftuch in ihrem Mund fixierte, über ihren Lippen haften, hätte sie mir schmutzige Worte an den Kopf geworfen, vielleicht sogar gespuckt.
Ihre Hände und Füße waren mit schwarzem Isolierband umwickelt.
Flucht unmöglich. Wie ich dieses kleine gummiartige Stück Riemen liebte.
In einer bestimmten Schicht konnte man so viel an ihnen zerren, wie man wollte, es riss nicht.
Nicht weiter auf die zappelnde Gestalt am Boden achtend, schaute ich auf mein Ortungsgerät und stellte erleichtert fest, dass Detective Stabler sich irgendwo außerhalb von New York befand.
Keine Ahnung, was er dort wollte.
Ich griff zu meinem Handy, eines von vielen, ich musste auf Nummer sicher gehen, durfte nicht zurückverfolgt werden. Neben mir lag bereit gelegt das Handy dieser Schlampe von Polizistin.
So sagenhaft schön und bezaubernd sie auch sein mag, feenhaft und hübsch, trotzdem war sie einfach nur eine Frau wie jede dieser anderen Huren da draußen. Lief wie ein kleines Schoßhündchen ihrem Partner hinterher, obwohl dieser es nicht im Ansatz verdiente. Aus ihrem Handy entnahm ich die Nummer und gab sie auf der Tastatur meines auserwählten Mobilteils ein.
Es klingelte auf der anderen Seite, ich hörte den Rufton. Sehr gut, sein Handy war eingeschaltet.
„Stabler", meldete sich jemand nach dem dritten Mal Rufen am anderen Ende der Leitung.
Der Spaß begann.
„Hallo Detective Stabler", begrüßte ich ihn.
„Wer spricht da?"
„Das tut nichts zur Sache."
„Was wollen sie?"
Am Liebsten kam ich schnell gerne zum Punkt, ohne lange um den heißen Brei herum zu reden.
„Spielen sie gern Spiele, Detective?"
„Hören Sie, ich möchte wissen, wer dort ist, ich habe besseres zu tun und sollte das Telefon für wichtige Telefonate frei halten."
„Das glaube ich Ihnen nicht. An ihrer Stelle würde ich nicht auflegen und mir anhören, was ich zu sagen habe."
„Was spricht gegen das Auflegen?"
„Beantworten sie mir einfach meine Frage."
„Was soll der Scheiß?"
„Spielen sie gern Spiele, Detective Stabler?"
„Nein, tu ich nicht."
„Das ist schade. Mein Spiel sollten sie mit machen. Ich wollte eine Runde mit Ihnen spielen."
„Wer zur Hölle sind Sie?"
Seine Stimme wurde zunehmend nervöser, das konnte ich deutlich hören.
„Ich habe etwas, dass Ihnen gehört."
„Was soll das heißen?"
„Ich Stelle Ihnen jetzt eine Frage, die Regeln sind einfach. Sie müssen sich nur entscheiden."
„Wofür?"
„Stellen Sie sich vor, ihre Tochter Maureen und ihre Partnerin Olivia sitzen in einem Auto. Sie haben einen Unfall, das Fahrzeug brennt und steht kurz vor der Explosion. Sie sind als erster an der Unfallstelle und können nur eine Person retten. Auf wen fällt ihre Wahl?"
„Was soll diese Frage? Was haben Sie vor? Haben Sie etwas mit meiner Tochter angestellt?"
„Oh heißt das, sie nehmen ihre Tochter und retten sie aus dem Auto?"
„Ich weiß nicht, was…"
„Heißt das ja oder nein?"
Langsam wurde ich sehr wütend, dass dieser Idiot nicht einfach meine Frage vernünftig beantworten konnte.
So schwer war es doch gar nicht, immerhin gab es nur diese zwei Möglichkeiten.
„Ich weiß es nicht!", schrie er mir ins Ohr.
„Das ist schade, dabei habe ich Ihnen die Wahl gelassen."
„Haben sie meiner Tochter etwas getan?"
„Ihrer Tochter geht es gut. Ich gehe davon aus, Sie haben sich für sie entschieden, nachdem sie nur nach ihr gefragt haben. Ihr wird nichts geschehen. Versprochen. Auf Wiedersehen Detective."
„Wenn Sie meiner Tochter… Moment Mal, Maureen wird nichts geschehen? Ist etwas mit Olivia? Was haben Sie ihr angetan?"
„Ich lege jetzt auf. Das Spiel ist vorbei."
„Was ist mit Olivia?"
„Auf Wiedersehen."
Ich nahm das Telefon vom Ohr, welches ganz heiß glühte, drückte die rote Taste und die Leitung war tot.