'"Mann, was hat er schon wieder vor?" B. A. flüsterte Murdock ins Ohr
"Woher soll ich das wissen? Old MacDonald ist ja nicht wirklich bei Verstand!"
Murdock's Blick haftete auf Hannibal, der an der gläsernen Theke des Hotels stand und auf eine Bedienung wartete. Ein schelmisches Grinsen zeichnete sich auf seinen Lippen ab, als er seinen beiden Männern zu zwinkerte.
"Leute, ich kann euch hören, ich stehe unmittelbar neben euch. Entspannt euch und vertraut mir."
"Ja, B. A., vertrau ihm."
"Tu ich, ja Hannibal. Könntest du trotzdem verraten, warum wir jetzt ins dritte Hotel gelaufen sind?"
"Face ist hier in der Stadt."
"Schon klar, Mann. Das hab ich inzwischen auch gerafft. Aber er wird wohl nicht im Hotel sitzen und auf uns warten...?"
"Offenbar verfolgt er das gleiche Ziel, sonst wäre er nicht bei Tenkoff aufgeschlagen. " Ungeduldig tippte Hannibal mit der Hand erneut auf die kleine Klingel auf der Theke. Warum dauerte das so lange? Er haßte warten. "Hallo? Kundschaft!"
"Mann, er hat sich mit einer Tussi eingelassen und ist wie immer in Schwierigkeiten geraten, typisch Faceman."
"Möglich B. A. Trotzdem finde ich den Zufall merkwürdig. Wir sollten ihn dringend finden, denn…"
"Guten Tag Sir, kann ich etwas für sie tun?"
"Ja, Ma'am." Hannibal drehte sich mit einem charmanten Grinsen zu der jungen Frau. "Ich suche einen Freund von mir. Er sagte, er sei hier in Lewiston untergekommen, aber ich Trottel habe mir den Namen der Unterkunft nicht aufgeschrieben."
"Es tut mir leid, ich kann Ihnen Gästenamen nicht einfach so rausgeben."
"Sehr ärgerlich, wir wollten uns heute treffen und jetzt wartet er vermutlich auf mich. Können Sie vielleicht eine Ausnahme machen?"
Sie schüttelte freundlich den Kopf "Wirklich Sir, das geht nicht."
Hannibal zückte sein Portemonnaie und zog einen SChein heraus. "Denken Sie doch noch mal genau nach, er ist blond, gutaussehend, sein Name ist ähm, Danil…"
Ihr Grinsen verschwand, mit finsterem Blick starrte sie Hannibal an.
"Das reicht aber nicht. Mister Smith - nehme ich an?"
Irritiert blickte Hannibal sie an: "Woher …?"
"2385 Dollar und 50 Cent"
"Ich versteh nicht recht, Ma'am?"
"Die offene Rechnung. Ich habe ehrlich gesagt, nicht damit gerechnet, daß das hier noch mal einer bezahlt. Genaugenommen dachte ich, er verarscht mich. Ich bin ehrlich verblüfft. Brauchen Sie eine Quittung?"
Hannibal drehte sich hilfesuchend nach seinen beiden Männern um, dann wieder zur ihr: "Sie kennen ihn also? Er war hier?"
"Kennen?" Sie lachte abwertend. "Mir wäre lieber ich hätte ihn nie kennengelernt, benutzt hat er mich."
B. A.s Grinsen konnte Hannibal nicht sehen, aber Murdock's leises Kichern war deutlich hinter ihm zu hören.
"Er sagte, sein Freund John Smith käme um die Rechnung zu begleichen. Natürlich habe ich ihm kein Wort geglaubt, wer würde das auch?"
"Sein Freund John..? Aha, also ähm, wie hoch war die Rechnung noch gleich?"
"Immernoch 2385 Dollar und…"
"50 Cent - Ok, ich habe 200 Dollar als Anzahlung. Mehr habe ich nicht. Sagen Sie mir jetzt noch, wo wir ihn finden können?"
"Zahlen Sie die Rechnung vollständig?"
"Nicht möglich, Ma'am."
"Sehen Sie, ich weiß auch nicht, wo er ist. Hoffentlich ist er überfahren worden."
"Meinen Respekt, Soldat. Ihre Leistungen sind außergewöhnlich. Sie haben den Test bestanden und gehören absofort zu unseren Alpha-Teams. Melden Sie sich bei Lieutenant Colonel…
"Die war aber nicht gut auf Face zu sprechen."
"Nein Mann, den Eindruck hatte ich auch." B. A. grinste noch immer und gab Murdock kichernd einen freundschaftlichen Schubs.
Der Colonel schob seine beiden Männer auf den Gehweg "Wollt ihr euch hier ein Zimmer nehmen, oder können wir uns langsam wieder vorwärts bewegen? Ich brauche noch heute einen Hubschrauber - ich will Ivankovs Gelände von oben sehen. Außerdem müssen wir noch mal zu unserem neuen Freund Tenkoff, er soll seine Beziehungen spielen lassen. Wir brauchen eine Einladung."
"Wofür, Boss?"
"Ganz einfach Murdock, für diese dämliche Charity Veranstaltung. Ich will etwas Wind machen und Aufregung verbreiten. Nicolai soll wissen, daß die Luft dünn wird. Und dann muss ich wissen wo Face ist. Ich hoffe, er kommt nicht auf die schlechte Idee es mit Ivankov aufzunehmen."
"Warum bist du dir so sicher, daß er nicht für Ivankov arbeitet?"
Hannibal schaute ihn irritiert an. Face auf der falschen Seite? Das erschien ihm irrational. Trotzdem war er irgendwie besorgt. Wenn Face noch ein klitzekleines Bißchen des alten "Face" in sich trug, würde er allein an Ivankov's Tür klopfen wollen. Und das bereitete ihm großes Unbehagen. Nicht, daß er ihn nicht fähig hielt… aber mit all dem was geschehen war? War er noch in der Lage sein Wissen abzurufen? Während sich seine Gedanken verselbstständigten, verfolgte sein Blick eine alte Frau, die sich in einigen Metern Entfernung mit ihrem vollen Einkaufswagen abmühte. Decken, leere Flaschen, Tüten und allerlei anderes merkwürdiges Zeug, welches er nicht genau erkennen konnte, war darin aufgetürmt. Ihr Gesicht war faltig und alt, die Haut hatte eine fast bräunliche Farbe, die Wangenknochen traten markant hervor.
"Wir sollten noch mal in Annas Wohnung nachschauen." sagte er gedankenverloren. "Ich gebe zu, daß die Möglichkeit besteht, daß Face sich anders verhält, wie wir ihn kennen…. Fakt ist, er ist hier und ist irgendwie in das kleine Drama involviert. Das mag ich nicht." Er griff nach der Zigarre in seiner Tasche. "Überhaupt nicht. Ich muß ..."
"Vorsicht Hannibal!"
B. A zog ihn gerade noch rechtzeitig am Arm zur Seite, als der vollgestopfte Einkaufswagen führerlos auf Hannibal zu rollte. In letzter Sekunde stoppte B. A. das Gefährt:
"Hey Lady, Vorsicht! Hier stehen Leute! Ist wohl ein bißchen zu schwer, das gute Stück?!"
Wortlos wackelte sie auf ihren Wagen zu und griff danach, zerrte ihn B. A. förmlich aus der Hand.
Als dieser nicht gleich los ließ, murmelte sie irgendetwas Unverständliches vor sich hin. Es klang ein bißchen unhöflich, doch den genauen Wortlaut konnte man nicht verstehen.
"Ma'am, kann man ihnen vielleicht helfen?" Murdock schaltete sich ein, doch sie antwortete nicht, brabbelte nur weiter vor sich hin, zog ihren Einkaufswagen heran, um ihren Weg fortzusetzen.
"Los, wir fahren zu Anna's Wohnung." unterbrach Hannibal die Situation.
"Ok, Hannibal, aber Murdock fährt nicht, da wird's mir schlecht! Ich fahre nicht mit, wenn du Murdock wieder ans Steuer läßt! - AUTSCH!"
B. A. sprang herum, stürzte beinahe seitlich über den Einkaufswagen, den die alte DAme ihm von hinten in die Beine gerammt hatte.
"Was soll das denn, Ma'am?!"
Klein wie sie war, starrte sie ihn von unten an, dann zeigte sie mit ihrem zittrigen Fingern auf ihn
"Hannibal, hmm?."
B. A. rieb sich die Waden. "Was stimmt denn nicht mit Ihnen, Lady?"
"Hannibal, der Große, hmm ja ja."
Hannibal trat nach vorne. "Ma'am, das bin ich. Mein Name ist Hannibal. Können wir Ihnen denn irgendwie behilflich sein?"
Mit großen Augen schaute sie zu ihm auf, dann ließ sie ihren Wagen los, kam dicht an Hannibal heran. Ein modriger Geruch stieg in seine Nase als sie vor ihm stand. Ihre Finger berührten ihn vorsichtig am Revers, während sie ihm tief in die Augen starrte.
"Ja ja ja hmmm, Du bist Hannibal. Der Einzigartige, hmm.."
"Nun, Ma'am, es gibt bestimmt nicht so viele wie mich - aber einzigartig würde ich jetzt nicht…"
"Hannibal, du verstehst es zu siegen, hmmm, ja, aber dein Heer hat Verluste erlitten."
"Was?"
"Sieh' zurück Hannibal Barkas. Deine Männer frieren, ja ja, hmm."
"Ihr geschichtliches Wissen ist wirklich toll, Ma'am…. aber wir haben echt keine Zeit für einen Plausch."
"Ja Ja ja hmm. Es ist kalt."
"Ist ihnen kalt?"
"Kalt und deine Männer leiden Hunger, ja, ja hm."
"Also bei 15°C plus frieren die beiden nicht…" Verunsichert schaute er zu B.A. und Murdock "Jemand Hunger?"
Verwirrtes Kopfschütteln.
"Ja hmm, sie werden erfrieren, Hannibal. Ja ja, das weißt du. Du mußt ihnen helfen. Nur du kannst helfen. Hilf' ihnen Hannibal. "
"Ma'am. Es tut mir wirklich leid, aber wir haben zu tun. B.A. gib ihr doch bitte mal ein paar Dollar, damit sie sich etwas Warmes kaufen kann."
Bereitwillig zückte B. A. seine Geldbörse und hielt ihr einen Schein entgegen. Überraschend schnell riß sie ihm den SChein aus der Hand, ließ ihn in ihrem zerzausten Wollmantel verschwinden.
"Hmmm, ja ja. Du bist groß und stark Junge, und du hast ein gutes Herz. Sprich du mit deinem Colonel, hmmm."
"Wo-Woher wissen Sie denn, daß er Colonel ist?" Murdock antwortete, ehe B. A. etwas sagen konnte.
"Und du, Herr der Lüfte, hmm ja, ich weiß,…" sie drehte sich zu Murdock "Dein Kopf ist ein bißchen durcheinander, ja, aber dein Herz kennt immer den richtigen Weg. Nur Mut, du mußt nur auf dein Herz hören, hmm ja, ja?"
"Hannibal? Die macht mir Angst…" Murdock wich mit verzerrtem Gesicht einen deutlichen Schritt zurück.
"Ja ja ja hmm."
"Woher wissen Sie meinen Rang, Ma'am?" sagte Hannibal, nicht sicher, was hier gerade vor sich ging.
"Ja, Mann, und woher wissen Sie, daß der Spinner da nicht mehr alle Latten am Zaun hat?
"Hannibal, sie werden sterben. hmm ja."
"Ich möchte wirklich nicht respektlos sein, aber ich weiß nicht wovon Sie sprechen. Meinen Männern geht es gut. Wenn Sie Hilfe brauchen, werden wir ihnen gern helfen…?"
"hmmm ja, ist das der Sieg wert?"
"Ok Ma'am. Wir müssen jetzt wirklich los. - Murdock, B. A." Er drehte sich um, doch weiter kam er nicht. Ihre Hand krallte sich an seinem Jackenärmel und hielt ihn fest.
"Hannibal!" Ihre stimme war unerwartet laut: "Dein Lieutenant braucht dich!"
Hannibal starrte sie entsetzt an, er brauchte einige Sekunden um klare Gedanken zu fassen:
"Mein Lieutenant? Woher wissen sie von meinem Lieutentant?"
Er trat wieder näher an sie heran: "Wissen Sie wo er ist?"
"Ja Ja Ja, hmm.. Muß geh'n. Der Weg is' noch weit."
"Ma'am. Wo ist er?"
Sie schaute ihn verwirrt an: "Wer, Junge? Wen suchst du?"
"Meinen Lieutentant. Sie haben doch gerade..."
"Ja ja ja, Hannibal der Große."
"Wenn Sie wissen wo er ist, dann sagen Sie es!"
"Du wirst verlieren Hannibal Barkas, du wirst verlieren, hmm ja ja."
"Lady!" B. A. legte seine große Hand auf ihren schmächtigen Arm. "Wir müssen wissen wo der Lieutentant ist. Er ist unser Freund!"
"Dein Freund. Ja Ja Ja. Auch Freunde werden sterben. Geh zurück Hannibal"
"Ja, das werde ich tun. Wo ist er?"
"hmmm ja. Ich muß weiter, der Tag ist bald zu Ende." Sie drehte sich um und griff nach ihrem Einkaufswagen
"Hör'n Sie." Hannibals Stimme klang bedrohlich ernst. "Ich suche meinen Lieutentant. Er braucht mich und ich will ihn … retten. Sie müssen mir helfen. Wo finde ich ihn? Ich brauche Ihre Hilfe!"
Sie schaut ihm erneut tief in die Augen, wartete einen kurzen Moment, ehe sie antwortete:
"Nur du kannst ihm helfen."
"Das will ich."
"Vor den Bergen, ja ja hmm. Und lass dich nicht von der SChlange irreführen. Denn es ist vor den Bergen."
"Schlange?"
"Muß weiter, ja ja, hmm"
"Welche SChlange und was ist vor den Bergen?"
"Ein Andenken an die, die in die Berge ziehen. Ich hörte sie sagen, 12 sind es. Ich weiß nicht, hmm ja ja. 12 Mann, das ist bestimmt ein kleines Heer, Hannibal. hmmm ja ja. Ein kleines Heer vielleicht. Ja. Ja. Aber geh nicht in die Berge, Hannibal. Sie werden sterben. Ich weiß es, ich hab es gesehen, weißt du. Ja, ja. hmm."
Hannibal atmete tief ein. Die Alte machte es einem nicht leicht. "Bleib ruhig, Smith" forderte er sich selbst leise auf. Was auch immer es wahr, aber sie machte ihn irgendwie wütend. Seltsam, denn es kostete normalerweise eine Menge Energie, ihn wirklich wütend zu machen. Murdock hatte es bis heute nicht geschafft, - Aber diese Frau… Seine Arme brauchten Kontrolle, sonst würde er sie schütteln, er spürte es. Einfach schütteln
"Nicht die Schlange!" Sie drehte sich erneut und begann ihren Weg fortzusetzen. "Zieh nicht in die Berge, Hannibal Barkas. Nicht in die Berge, Ja ja ja hmmm…. "
"Nicht in die Berge Hannibal Barkas" sagte sie vor sich hin, während sie sich von den dreien entfernte. Nach einigen Metern hörten sie sie immernoch das Gleiche sagen.
"Wollen wir sie nicht aufhalten?" Fragte B. A. ohne jemand dabei anzusehen. "Das hat sie sich nur ausgedacht, oder?"
"Nein B. A.. Das glaube ich nicht." Murdock kam mit seinem Kopf dicht vor B. A.'s Augen und machte dabei ein übertrieben ernstes Gesicht: "Ich kenne diesen Blick. Siehst du? So wie meiner!"
"Ach geh mir aus der Sonne, du Freak!"
Murdock grinste verschmitzt während er sein ernstes Gesicht noch zu betonen versuchte.
"Ich weiß nicht, was gerade hier vor sich ging." Hannibal legte seine Hand auf Murdocks Schulter, sein Gesicht war fast regungslos: "Murdock, sag mir deine Meinung."
B. A. schob sich dazwischen:
"Du willst jetzt nicht ernsthaft die Meinung eines Irren über einen anderen Irren wissen?"
Hannibal ließ sich nicht beirren: "Captain?"
Das Grinsen aus Murdocks Gesicht verschwand: "Colonel, einer unserer Männer braucht unsere Hilfe."
"Bist du dir sicher?"
"Ja, Sir."
"Wie ernst schätzt du die Lage ein?"
Murdock schaute kurz zu Boden, ehe er antwortete: "Colonel, das Analysieren schwieriger Situationen möchte ich lieber dir überlassen."
"Deine Meinung, Captain?!." Es war kein Wunsch. Er spürte, wie sich Murdock's Haltung straffte.
"Würdest du mir eine Skala vorgeben von Eins bis Zehn?"
"Ja, Eins bis Zehn."
"Ist Zehn das Ernsteste?"
"Ja."
"Dann sage ich Elf."
Hannibal steckte die Zigarre, die er die ganze Zeit in seiner Hand gehalten hatte, wieder in die Tasche. "Ich brauch eine Strassenkarte. Sofort."
