LETZTE EHRE
13:05:23 ARS , Geonosis, Petranaki-Arena (ca. 40 Klicks nördlich von RMSU M2), 0330 CcT
Die Schlacht war so gut wie vorbei, sie war kurz gewesen und hatte für die Republik mit einem Blitzsieg geendet. Doch die Geonosianer waren ein stolzes und kriegerisches Volk und immer wieder kam es zu kleineren Gefechten, da einzelne uneinsichtige Stockkolonien sich zu profilieren versuchten, indem sie kühn ihre Soldatendrohnen aussandten, damit diese den erbitterten Widerstand gegen die Besatzer zu proben. Doch inzwischen hatten sich diese Kampfhandlungen immer mehr in den Süden und den Osten der ursprünglichen Schlachtfelder verlagert. Hier, in der Petranaki-Arena, waren die Waffen schon seit längerer Zeit verstummt.
Nun loderten Flammen in die Nacht empor, und Funken tanzten wie glühende Insekten vor dem dunklen Himmel, wo zwei der vier geonosianischen Primärmonde standen. Die dichte, staubgeschwängerte Atmosphäre dämpfte ihre Leuchtkraft erheblich und liess sie übergross erscheinen, und knapp über dem südlichen Horizont spannten sich die matt orange schimmernden Asteroiden-Ringe des Planeten. Der Anblick war durchaus atemberaubend, doch Padmé hatte ihm bislang kaum Beachtung schenken können. Ihre Aufmerksamkeit galt unter Anderem jenen rund zweihundert toten Jedi vor ihr, die lichterloh brannten. Aus Holzmangel hatte man ihre Körper in der sandigen, von Kratern übersäten Rotunde der zerbombten Arena auf behelfsmässige Scheiterhaufen aus Schutt aufgebahrt, sie mit irgendwelchem Treibstoff übergossen und in Brand gesteckt. Padmé stand zwischen den wenigen überlebenden Jedi und ein paar ranghohen Klon-Kommandanten der Armee, um an deren Seite den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen.
Die Szenerie war gespenstisch. Es war ein höchst beunruhigendes Gefühl, erneut an derselben Stelle zu stehen, an welcher einem noch vor Stunden, und unter dem begeisterten Johlen der Zuschauer, eine gefrässige Bestie nach dem Leben getrachtet hatte. Sie konnte die Beweggründe des Jedi-Ordens, die Feuerbestattung ausgerechnet vor dieser lebensverachtenden Kulisse abzuhalten, nicht nachvollziehen. Mit einer Mischung aus Faszination und tiefem Unbehagen blickte die junge Senatorin in die vom flackernden Feuerschein erhellten Gesichter der Offiziere. Und wohin sie auch sah: aus jedem dieser Gesichter starrte Jango Fett zu ihr zurück. Jango Fett, der mandalorianische Kopfgeldjäger, der von Vizekönig Gunray angeheuert worden war, sie zu eliminieren. Jango Fett, der an Dookus Seite gestanden hatte, als man Anakin und ihr das Urteil in dieser Farce von Gerichtsverhandlung verkündet hatte. Jango Fett, der von der Loge des Erzherzoges aus, mit eher gleichmütiger Miene den Verlauf ihrer Hinrichtung verfolgt hatte. Ja, Jango Fett mochte inzwischen dem Glauben seines Volkes entsprechend im Manda weilen, doch seine Abkömmlinge standen sehr lebendig hier ...
Es hatte etwas Zeit in Anspruch genommen, den ganzen Ausführungen von Jedi-Meister Windu zu lauschen. Doch diese hatten Padmé dennoch recht schnell zu der Erkenntnis gebracht, dass Jango Fett nicht nur einen Sohn hatte. Und dass demzufolge der junge Mann, welcher sie in der Wüste notdürftig verarztet hatte, nur einer von hunderttausenden identischer Fett-Klone war. Es war nicht die Schuld dieser Soldaten, dass sie aussahen, wie sie eben aussahen, und Padmé wusste nur zu gut, dass Äusserlichkeiten einen niemals dazu veranlassen sollten, jemanden leichtfertig in eine Schublade zu stecken … doch sie tat sich unendlich schwer damit, diese Soldaten anzusehen und dabei nicht an den Mann zu denken, der sich mit der Beseitigung ihrer Person ein paar zusätzliche Credits hatte verdienen wollen. Sie konnte beim besten Willen, niemanden anderes sehen, als Jango Fett, obschon sie, tief in ihrem Herzen, auch Mitleid für diese Klone hegte: diese Soldaten hatten keine Eltern, keine Ehefrauen, keine Kinder, die um sie weinten, und ihr Andenken in Ehren hielten, geschweige denn Witwen- und Waisenrenten bezogen, wenn sie fielen. Und dass sie fielen, hatte sie sehen können. Weiter draussen, abseits der Arena, war ein ähnliches, jedoch weniger glorreiches Spektakel, als dieses hier, veranstaltet worden, bei dem es primär einfach nur um die effiziente Beseitigung sterblicher Überreste gegangen war. Sie wollte lieber gar nicht erst wissen, wie viele tausend Klone in dieser einen Schlacht heute ihr Leben verloren hatten. Sie waren nur zu einem einzigen Zweck erschaffen, aufgezogen und trainiert worden. Sie hatten nicht einmal Namen, lediglich Nummern. Ein CT gefolgt von einer vielstelligen Nummer, wie Droiden – wie Sklaven …
Und da heisst es noch grossartig, in der Republik gäbe es keine Sklaverei mehr, dachte sie bitter. Sie sind alle Eigentum, Sklaven der Republik, und das ganz legal!
Sklaverei war etwas, das Padmé zutiefst verachtete, möglicherweise um Anakins und um seiner Mutter Willen. Sie wusste, unter welchen teilweise unhaltbaren Umständen manche Sklaven ihr Dasein zu fristen hatten. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen, auf Tatooine, und dabei hatten Anakin und seine Mutter zu jenen Leibeigenen gehört, welchen es noch einigermassen gut erging, und die sogar gewisse Privilegien geniessen konnten …
Doch das Bedauern, welches sie für diese Männer in ihren weissen Rüstungen empfand, konnte die leise Furcht in ihr nicht fortwischen, die sie in deren Nähe unweigerlich befiel. Padmé schauderte innerlich. Es würde für sie wahrhaftig ziemlich strapaziös werden, nachher in der Obhut der vierfachen Ausgabe eines mandalorianischen Söldners die Rückreise antreten zu müssen.
Jemand trat beinahe lautlos neben sie. Aus dem Augenwinkel erkannte sie Meister Kenobi, der zu spät zu der Verbrennung kam und mit dessen Auftauchen sie gar nicht mehr gerechnet hatte. Sie nickte ihm kurz freundlich zu, erleichtert ein vertrautes Gesicht zu erblicken, und sah dann wieder zu den steinernen Scheiterhaufen. Sie hätte sich bei ihm nur zu gerne nach Anakins Befinden erkundigt, doch sie war sich nicht sicher, ob sie damit das Protokoll verletzte. Auch fürchtete sie, dass der Jedi ihre wahren Gefühle für seinen Schüler erriet, wenn sie jetzt damit begann, ihn deswegen zu löchern. Also schwieg sie, obwohl ihr unzählige Fragen so glühend heiss auf der Zunge brannten, wie all die Feuer vor ihr.
Und so sah sie zu, wie die Flammen an den geschwärzten Körpern leckten und sie langsam zu Asche zerfallen liess, doch ihre Gedanken waren inzwischen längst bei Anakin angelangt. Wie ging es ihm? War er wach? Schlief er? Hatte er Schmerzen? Durfte sie irgendwann zu ihm? Was würde nun mit ihm geschehen? Würde er überhaupt im Jedi-Orden bleiben können? Würde man ihm einen Mechno-Arm anpassen? Kybernetische Gliedmassen waren heutzutage kaum mehr von den echten zu unterscheiden … Natürlich hatte sich Padmé nicht jeden Jedi, dem sie bis jetzt begegnet war, so genau angesehen, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, je einen einarmigen oder anderweitig verstümmelten Jedi gesehen zu haben – mit Ausnahme dieses kleinen, einäugigen Lannik, der jetzt gerade vielleicht zehn Meter von ihr entfernt stand. Sie entsann sich, dass er ihr schon damals, vor zehn Jahren, anlässlich der Einäscherung von Meister Qui-Gon Jinn aufgefallen war und auch dort hatte er bereits ein Gesicht gemacht, als hätte er soeben in eine faule Shuura-Frucht gebissen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass es an dem stechenden, brechreizerregenden Qualm lag, der immer wieder in unregelmässigen Abständen sämtliche Teilnehmer der Trauerfeierlichkeit einhüllte, und das, obwohl sie einen gebührenden Abstand zu den brennenden Leichen einhielten, doch Padmé zweifelte ernsthaft daran. Sie überlegte, warum er sein fehlendes Auge nie durch ein entsprechendes Implantat hatte ersetzen lassen …
Ihr wurde plötzlich klar, wie wenig sie über die Jedi tatsächlich wusste. Und dann kam ihr unverhofft dieser Gedanke, für den sie sich, noch während er sich in ihrem Kopf zu formen begann, bereits zutiefst schämte: Wenn Anakin den Orden verlassen muss, könnten wir heiraten, eine Familie gründen, Kinder haben. Wir könnten zusammen glücklich werden, zusammen alt werden!
Es war so berauschend, sich das vorzustellen. So berauschend und doch so furchtbar falsch! Anakin war Entsetzliches widerfahren, daraus einen romantisch motivierten Vorteil ziehen zu wollen, war einfach nur … verabscheuungswürdig! Ein Ausschluss aus dem Orden wäre Anakins Untergang gewesen. Die Jedi waren sein Leben! Auch wenn er sich bei ihr über Obi-Wans Lehrmethoden beschwert hatte. Letztendlich meckerte jeder Schüler dann und wann über seinen Mentor. Sie wusste, wie wichtig es Anakin war, seine Prüfung abzulegen und die Ritterschaft zu erlangen. Unwillkürlich starrte sie den Jedi zu ihrer Rechten an.
„M'Lady?"
Sie erschrak, da Obi-Wan so unmittelbar auf ihren Blick reagierte. Sie hatte dies nicht provozieren wollen, es war schlicht Unachtsamkeit gewesen. Sie überlegte kurz, wie sie sich am besten aus dieser Situation würde winden können und meinte dann leise: „Darf ich Euch etwas anvertrauen, Meister Kenobi?"
„Gewiss…"
„Zu meinem persönlichen Schutz, wurden vier dieser Klon-Soldaten abgestellt. Ich muss gestehen, dass ich mich in ihrer Gegenwart höchst unwohl fühle, und mir graut vor dem Gedanken, mit diesen Männern nachher allein in meiner Yacht eingesperrt zu sein." Es war heraus. Hoffentlich hielt Obi-Wan sie jetzt nicht für hysterisch.
„Ich versichere Euch, dass diese Soldaten der Republik, und natürlich auch Euch, treu ergeben sind und ihr nichts von ihnen zu befürchten habt, M'Lady."
„Ich weiss", Padmé seufzte insgeheim. Nein, das war nicht unbedingt die Art von Zuspruch, die sie hatte hören wollen. „Trotzdem wäre mir lieber, wenn auch Ihr mit an Bord sein könntet. Euer ursprünglicher Auftrag lautete doch, mein Leben zu schützen."
„Ein angeschlagener Jedi würde Euch nicht beschützen können. Ich wäre Euch auf der Reise nicht von grossem Nutzen, M'Lady."
„Darum geht es nicht, Ich möchte lediglich nicht mit diesen Klonen allein gelassen werden. Sie erinnern mich einfach zu sehr an Jango Fett, versteht Ihr? Es geht mir um die Gesellschaft, um Eure Gesellschaft. Würdet Ihr mir Gesellschaft leisten …?"
„Ich kann und möchte meinen Schüler nicht so lange allein lassen, nicht jetzt", unterbrach er sie leise.
„Wie geht es ihm?", wagte sie nun doch zu fragen. Sie konnte einfach nicht anders.
„Besser ...", erwiderte er reichlich vielsagend.
„Und ... was geschieht nun mit ihm?"
„Er wird baldmöglichst nach Coruscant ins medizinische Zentrum des Tempels verlegt. Alles Weitere wurde noch nicht entschieden." Der Jedi schien dem noch etwas hinzufügen zu wollen, überlegte es sich dann jedoch offenbar anders und starrte ins Feuer.
„Anakin könnte selbstverständlich ebenfalls mit uns kommen. An Bord ist genug Platz. Eine der Kabinen ist bei Bedarf sogar als Krankenstation verwendbar. Es wäre für Euch und ihn bestimmt bequemer …" Sie setzte ein gewinnendes Lächeln auf ihn an.
„Da habt Ihr ohne Frage Recht, M'Lady. Ich werde dem Rat Euren Vorschlag unterbreiten."
„Ich danke Euch, Meister Kenobi." Sie war erleichtert, auch wenn er ihr vorläufig absolut nichts hatte versprechen können.
