Mit meiner menschlichen Gestalt habe ich auch meine Stimme wieder.
Meinen Schlüssel zur Freiheit.

Ich bin sicher, dass Voldemort bei seiner Legilimentik nichts davon erfahren hat. Dennoch brauche ich einen Zauberstab, da für manche Magie der Gesang meines Volkes nicht geeignet ist: Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich mich mit seiner Hilfe vom Ministeriumsfluch oder diesem Sklavenhalsband Voldemorts, dem Torques, befreien könnte. Es sei denn, ich komponiere ein völlig neues Lied. Und dabei eines zu erschaffen, das für seine Aufgabe stimmig und mächtig genug ist, könnte so lange dauern wie die noch verbleibende Zeit meiner Verbannung...
Mit einem Zauberstab den Fluch zu brechen wäre jedoch machbar.

Über das genaue 'Wie', darüber kann ich mir den Kopf zerbrechen, wenn ich im Besitz eines Stabes bin.
Das es nicht genügen würde, einfach den Stab eines anderen Todessers zu stehlen, steht fest: Meine Ergebnisse mit dem geliehenen zeigen, dass ich damit nicht weit käme. Ich brauche einen, der auf mich abgestimmt ist und ohne Widerstand und Verzögerung das ausführt, was ich will. Das ich nicht einfach bei Ollivanders hineinspazieren kann, um einen neuen zu erwerben, ist ebenfalls klar.
Ich muss ihn selbst erschaffen.

Nach ein wenig Recherche in Voldemorts gut sortierter Bibliothek weiß ich, was ich benötige. Und in groben Zügen auch, wo ich es her bekommen könnte. Alles, was ich jetzt erst einmal brauche, ist Geduld. Ich darf Voldemort und meinen Mitstreitern keinen Grund geben, misstrauisch zu werden. Eine Nacht fort zu sein, fällt nicht auf, die streife ich häufiger auf der Insel umher, wenn ich nicht allzu erschöpft bin. Aber freiwillig in Wolfsgestalt mehrere Tage zu verbringen... nein, das würde ihr Misstrauen wecken.

Ich nutze meine freie Zeit, um zu lernen, eigne mir – natürlich leider nur in der Theorie – all die Zaubersprüche an, die zu lernen ich keine Gelegenheit hatte. Ich habe die Schule nicht einmal abgeschlossen, ein ganzes Trimester hätte noch gefehlt.
Eigentlich sollte es doch merkwürdig sein, dass Voldemort - so er denn überhaupt die Zeit hat, mich zu beachten - nichts dagegen hat, dass ich die meiste Zeit in der Bibliothek verbringe: Kaum einer – ich jedenfalls nicht! – würde jemandem, dem er nicht traut – und Voldemort traut mir sicherlich nicht – die Gelegenheit geben, an Wissen und somit Stärke zu gewinnen.
Der Grund dafür, dass er es tut, liegt wohl in seiner maßlosen Selbstüberschätzung. Der Gedanke, dass ihm jemand gefährlich werden könnte, existiert für ihn einfach nicht.

Monate vergehen, bevor das eintritt, was ich mir erhofft habe. Voldemort benötigt jemanden für einen Auftrag, zu dem sich ein Animagus am besten eignet - dem Spionieren an einem Ort, der zwar gegen magische Angriffe und Lauscher geschützt ist, nicht aber gegen Eindringlinge und Zuhörer, die sich keiner direkten Magie bei ihrem Lauschangriff bedienen.
Eigentlich ist das die Aufgabe Mustel Grisons, aber der wird die nächsten Wochen nirgendwo hingehen: Fenrir hat etwas zu ausgelassen mit ihm gespielt.
Und auch das gelenkigste Frettchen übersteht es nicht ohne Knochenbrüche, gegen die Wand geschleudert zu werden.

Heilen gehört nicht zu der Stärke der Todesser, sie verstehen es zwar, sich gegenseitig notdürftig wieder zusammenzuflicken – ich bin das lebende Beispiel dafür - aber der Heilungsprozess ist unvollkommen und die meisten Wunden müssen auf natürlichem Weg ausheilen.
Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal einen Grund haben würde, Fenrir dankbar zu sein. Er kann sich eines flüchtigen Gedenkens meinerseits sicher sein, wenn ich an Mustels Stelle das Hügelgrab verlasse und der Werwolf selbst die Auswirkungen von Voldemorts Zorn wegen dieses bedauerlichen Missgeschicks mit dem Iltis zu spüren bekommt.

Nott appariert mit mir aufs Festland, um von da ab seiner eigenen Aufgabe nachzugehen. Gegen Mitternacht soll ich ihn hier am vereinbarten Treffpunkt an der Küste wieder treffen.

Mein Auftrag führt mich zu einer kleinen Zauberergemeinde nahe Inverness.
Es ist beschämend einfach, sie zu belauschen, sie treffen sich in einem Pavillon, der in einem geräumigen Park liegt. Der Park wiederum ist umgeben von einem ganzen Bataillon Abwehrzaubern und Flüchen, aber wer immer diese angebracht hat, muss ein Tierliebhaber gewesen sein. Nichts hindert Katzen, Eichhörnchen, Vögel – oder im meinem Fall Wölfe – durch die Begrenzung aus verhexten dornigen Büschen, die allein schon jeden Menschen abschrecken würden, in den Park zu gelangen. Als ich durch die unteren Zweige krieche, scheinen diese sich unter der Berührung meines Fells zurückzuziehen.
Ein Hoch auf die Sentimentalität alle Tierfreunde.

Die Mitglieder dieses vermeintlich geheimen Treffens sollen potentielle Widerstandskämpfer gegen Voldemorts Aktivitäten sein. Sie gehören keiner Organisation an, jedenfalls keiner offiziellen. Es sind einfache Leute: Lehrer, Geistliche, Geschäftsmänner, Journalisten – Entscheidungsträger jedenfalls, auf deren Meinung die Menschen gewohnt sind Acht zu geben.

Während ich ihnen zuhöre, erkenne ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Schreckensherrschaft Voldemorts:
Es herrscht Krieg.
Keiner jener Art, dessen Auswirkungen man sofort sieht, mit Bewaffneten, Toten und Verletzten überall, zerstörten, explodierten Gebäuden und gesprengten Straßen. Kein Krieg, der die Menschen zu patriotischen Anstrengungen antreibt, sondern etwas wie Bürgerkrieg.
Stattdessen scheinbare Normalität, die im Grunde ausgehöhlt ist durch Misstrauen und Angst. Jeder könnte ein Verräter sein oder unter dem Imperius-Fluch stehen.
Die Menschen wagen es nicht einmal, Voldemorts Namen zu nennen. Sie bezeichnen ihn nur als „Du-weißt-schon-wer" oder „Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf."
Selbst die Muggel scheinen von der Furcht angesteckt - für sie unerklärliche Vorkommen häufen sich, Unfälle und Dinge, die sie als Naturkatastrophen deuten.

Unter einem Wacholderstrauch direkt an der Glasfront des Pavillons liegend, höre ich den Versammelten zu und frage mich, was Voldemort von dieser Gruppe befürchtet hat. Ich kenne all diese Sprüche: „Abwarten", „Den Ball flach halten", „Sich wie Schilf dem Wind beugen, um nicht zu brechen"… nur zu gut aus meiner Kindheit von meinen eigenen Verwandten.
Feigheit, als Vernunft getarnt.
Nein, diese Leute stellen nicht die geringste Gefahr für Voldemorts Pläne dar.
Nach einer halben Stunde habe ich genug gehört. Das Palaver wird endlos so weitergehen, ohne dass die wenigen zaghaften Gegenstimmen sich Gehör verschaffen werden.

Es wird Zeit, dass ich mich meiner eigenen Angelegenheit widme. Zwar wird es knapp werden, aber ich kann es schaffen, von hier zu einem geeigneten Ort zu gelangen.

Ich laufe weiter ins Landesinnere.
Vor dem Verlassen des Hügelgrabs habe ich etwas von dem Stärkungstrank in eine Phiole abgefüllt und sie im Maul hinausgeschleust. Nicht bequem, aber die einzige Möglichkeit, sie in meiner Wolfsgestalt erreichbar mit mir zu führen. Was nutzt mir der Umstand, dass alles, was ein Animagus in seiner menschlichen Form bei sich trägt – inklusive Kleidung und Tascheninhalt selbiger – die Wandlung zum Tier und zurück übersteht, wenn ich nur im Grab Mensch bin?

Nachdem ich die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht habe, spucke ich die Phiole aus, nage den Verschluss aus Siegelwachs ab, nehme die Öffnung zwischen die Zähne und halte den Kopf schief, damit mir der grauenhaft schmeckende Inhalt ins Maul läuft.
Morgen werde ich es bitter bereuen, die Schwäche nach dem Gebrauch dieser Droge ist weit stärker, als jede natürliche Müdigkeit es je sein kann, und ich fühle mich danach immer wie nach einer langen, schweren Krankheit. Aber der Preis dafür ist es diesmal wenigstens wert. Hoffe ich. Wenn ich das Gesuchte finde.

Mein Ziel ist Drummoissie Muir, wo vor mehr als zwei Jahrhunderten die Schlacht von Culloden stattfand, die mit dem Tod tausender Schotten und einiger weniger Engländer endete.
Ein ehemaliges Moor und ein Schlachtfeld zugleich. Man muss die Geschichte des Ortes nicht kennen, um das zu erahnen, es reicht, auf all die Wesen zu achten, die hier leben - Redcaps, Irrlichte, Ghoule, Thestrale. All diese Kreaturen der Dunkelheit, die angezogen werden von der düsteren Vergangenheit dieser Stätte. Zudem ziehen ganze Scharen von Geistern in der Nacht über das Moor, liefern sich ständig aufs Neue die ewig gleiche, längst verlorene Schlacht.

Ein Zauberstab sucht sich seinen Träger.
Zwar vermag ich nicht zu zaubern, aber mein Gespür für Magie ist mir geblieben, schärfer und deutlicher sogar als früher. Das, was ich suche, hat fast so etwas wie einen Geruch: Der Duft potentieller Magie, ähnlich jenem von Einhornhaaren, die im Verbotenen Wald im Unterholz hingen.

Ich bin voller falscher Energie durch den Stärkungstrank. Als ich die richtige Stelle gefunden habe, fange ich so heftig an zu graben, dass die Erde nur so unter meinen Vorderpfoten davonfliegt. Es liegt nicht weit unten, nicht einmal einen Meter tief muss ich graben, bis ich auf etwas Festes im torfigen Boden stoße: Von Blut durchtränktes Wurzelholz, von einem Baum, der hier vor vielen Jahrhunderten stand.

Ja, das ist es!
Das Holz ist von der langen Zeit im Moor fast steinhart konserviert. Ich zernage das Stück auf die annähernd richtige Größe, bis mir Zähne und Kiefer schmerzen.
Dann renne ich zurück, in der Hoffnung, dass die Wirkung des Trankes lang genug anhalten möge.

Er tut es, trotzdem komme ich mit schmerzenden Muskeln und blutenden Pfoten einige Stunden zu spät.
Als ich endlich am vereinbarten Treffpunkt angelangt bin, wartet Nott natürlich bereits ungeduldig.

„Wo warst du so lange?", verlangt er zu wissen. Sein Blick fällt auf die Wurzel in meinem Maul. „Ich fasse es nicht!", brüllt er, „Hast du Stöckchenfangen gespielt!?"
Er schäumt vor Wut und versucht, nach mir zu treten.
„Du blöder, dreckiger, flohverseuchter, räudiger Köter! Ich sollte dich hier lassen!"

Mit vollem Maul kann ich nicht einmal nach ihm schnappen. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht mehr die Energie dazu, die Wirkung des Tranks verblasst rapide.
Natürlich lässt Nott mich nicht zurück. Er wagt es nicht - sollte ich etwas Wichtiges zu berichten haben und der Meister wird es zu spät erfahren weil Nott mich nicht mit zurückgenommen hat... Nun, Fenrir ist das aktuellste Beispiel dafür, dass der dunkle Lord keine Fehler verzeiht.

Die Schreie des Werwolfs hallen immer noch durch die oberirdischen Stockwerke, als wir zurückkommen. Er ist im Gegensatz zu den Gefangenen nicht unten in einer der Zellen gesperrt – wohl, damit ihn alle hören und selbst die Dümmsten, wie Crabbe und Goyle, das Exempel, das Voldemort uns an Fenrir vorführt, verstehen.
Ich weiß nicht, was genau er mit ihm macht, ich will es gar nicht wissen.

Ich berichte einem seiner ständig maskierten Vertrauten, was ich in Inverness in Erfahrung bringen konnte und habe dann nur noch den sehnlichsten Wunsch, in meine Kammer, in mein Bett zu kommen.
Auf dem Gang davor treffe ich auf Bellatrix.
Ich bin so müde, dass ich sie beinah nicht bemerkt hätte, aber der Geruch nach ihrem Patschuli-Parfum ist so stark, dass er selbst an mein benebeltes Bewusstsein dringt.
Als sie mich bemerkt, lässt sie die Spitze ihres Zauberstabes aufleuchten, um erkennen zu können, wer ich bin. Ich nicke ihr zu und will an ihr vorbei gehen, doch sie stellt sich mir absichtlich in den Weg.

„Wohin so eilig?", fragt sie spöttisch.

Sie lehnt sich an die Tür zu meinem Zimmer, verschränkt die Arme vor der Brust und schwenkt lässig ihren Zauberstab zwischen Daumen und Zeigefinger, so dass die glühende Spitze einen leuchtenden Fächer vor ihrer Brust beschreibt. Das Licht zieht meinen Blick auf sich, und natürlich auch der illuminierte Anblick - ihr großzügiges Dekolleté, das sich milchweiß von ihrem engen schwarzen Kleid abhebt.

„Ins Bett", antworte ich unwirsch.

„Allein?", fragt sie mit einer koketten Neigung des Kopfes.

„Ja", entgegne ich mürrisch, „lass mich vorbei!"

Sie verzieht mit gespieltem Schmollen den Mund, streckt ihren Arm mit dem Zauberstab aus und fährt mit der leuchtenden Spitze langsam über die Narbe auf meiner linken Wange. Ich zwinge mich, nicht zurückzuweichen.

„Ich gebe dir einen Bonus wegen deiner Herkunft", bemerkt sie, „da du wohl mit anderen Sitten vertraut bist: Von wegen Initiative des Mannes, dem Weibchen mit der Keule auf den Kopf schlagen und an den Haaren hinter sich in die Höhle schleifen, oder so..." Sie spricht betont langsam und deutlich, als sei ich des Englischen nicht mächtig. „Ich habe dir gerade ein Angebot gemacht, Luoma."

„Und ich habe es abgelehnt, Black."

Ein weiteres lautes Heulen Fenrirs hallt durch die Gänge, aber Bellatrix lässt sich nicht ablenken. Sie hebt scheinbar erstaunt die Augenbrauen.

„Warum? Gefalle ich dir nicht?"

„Gefallen?", schnaube ich, „Du bist eine Schlange in Menschengestalt."

Sie wirft lachend den Kopf in den Nacken.

„Deine Komplimente sind verbesserungswürdig! Aber für den Anfang nicht schlecht..." Bellatrix legt ihre Arme auf meine Schultern, verschränkt die Hände hinter meinem Hals und fährt mit einem Fingernagel leicht über meinen Nacken, „Komm schon", gurrt sie, „du hast fast vierzig Jahre keine Frau gehabt…"

„Und wenn du die letzte auf Erden wärst...", unterbreche ich sie.

„…oder hast du dich mich Wölfinnen gepaart?", beendet sie den Satz mit einem bösartigen Lächeln.

„Nein!" Ich habe keine Geduld mehr, stoße sie von mir in den Gang hinein, damit sie nicht länger die Tür versperrt. „Ich finde keinen Geschmack an Tieren. Weder an Wölfinnen noch an läufigen Hündinnen wie dir."

Mit einem wütenden Fauchen wirbelt sie herum, ihr schönes Gesicht ist zur Fratze einer Banshee verzerrt, als sie mit ihrem Zauberstab auf meine Brust deutet.

Crucio!", schreit sie.

Weißglühender Schmerz schießt durch meine Nervenbahnen und scheint wie ein Netz aus Blitzen in meinem Körper zu explodieren.

Ich muss für Sekunden das Bewusstsein verloren haben, finde mich zusammengekrümmt auf dem Boden wieder. Ich habe mir auf die Zunge gebissen, in meinem Mund ist der metallenen Geschmack nach Blut.
Bellatrix dreht mich mit einem Fuß auf den Rücken, beugt sich über mich. Ich spüre ihren Atem auf meinem Gesicht, dann ihre Zunge, die in der Parodie eines Kusses das Blut aus meinem Mundwinkel leckt.

„Ich bekomme, was ich will", flüstert sie. „Immer." Sie steht auf, wirft mir unter ihren langen Wimpern hindurch einen letzten spöttischen Blick zu. „Aber ich sehe ein, dass du im Moment nicht in der Lage sein wirst, mir zu Willen zu sein."

Mit lautem Lachen appariert sie.
Ich bleibe mit geschlossenen Augen auf dem Gang liegen, warte, bis ich genügend Kraft gesammelt habe, um mich so weit aufzurichten, dass ich den Türknauf drehen kann. Ich krieche in die relative Sicherheit meiner Kammer dahinter und rolle gegen die Tür, damit sie ins Schloss fällt.
Das Bett scheint unerreichbar weit weg.

Ich vergewissere mich, dass das Wurzelstück noch in meiner Tasche ist, bevor ich mich in Wolfsgestalt zusammenrolle, um die Nacht auf dem Boden zu verbringen.
Trotz der Schreie Fenrirs und der Nachwirkungen des Crucicatus-Fluches schlafe ich wie ein Toter. Nein, tiefer: Mich - da bin ich sicher - könnte diese Nacht nicht einmal ein schwarzer Zauber wecken.