7. Dimming the light

He doesn`t know what to say, so he prays

Whatever, whatever, whatever

Whatever happens don`t let go of my hand

Whatever happens don`t let go of my hand

(Michael Jackson, Whatever happens)

Es wäre ungerecht all den Mütter und Vätern Mittelerdes gegenüber, die ihr Leben für ihre Kinder geben würden, wenn man behauptete, dass kein Kind je so sehr geliebt worden war wie Anárion Eichenschild, dennoch konnte man mit Fug und Recht sagen, dass der Junge der kostbarste Schatz im Haus seiner Eltern war. Thranduil hatte immer gewusst, dass der Zwergenkönig eine weiche Seite besaß, doch seit ihr Sohn das Licht der Welt erblickt hatte, schämte sich Thorin nicht, sie auch zu zeigen. Oftmals saß der König unter dem Berg am Bett des Babys, redete mit ihm und sah es minutenlang einfach nur an und es waren diese Momente, in denen dem Elbenkönig klar war, dass wenn er Thorin nicht schon verfallen gewesen wäre, der Zwerg gerade sein Herz stahl.

Zur Freude seiner beiden Väter wuchs und gedieh der Junge wie jedes normale Kind und auch Thranduils Gesundheit schien beinah wieder hergestellt zu sein, so dass er bereits wenige Tage nach der Geburt des Kindes wieder auf seinem Thron saß und die Geschäfte seines Reiches verwaltete, während Thorin bei ihrem Sohn blieb. Doch so sehr es den Zwergenkönig erleichterte zu sehen, dass sich alles zum Guten gewendet hatte, so lieferte ihm dies auch keinen Vorwand noch länger in Lasgalen zu bleiben. Es fiel Thorin nicht leicht seine kleine Familie zu verlassen, doch zwei Wochen nach Anárions Geburt konnte er seine Abreise zum Erebor nicht mehr hinauszögern. Noch immer wütete im Reich unter dem Berg die Seuche, die von der Stadt Thal eingeschleppt worden war, so dass seine Anwesenheit dort dringender erforderlich war als je zuvor.

„Ich will nicht, dass Ihr geht", ließ Thranduil ihn wissen, als Thorin seinen Beutel für die Reise packte. Der Elbenkönig wiegte das Baby in seinem Arm, während er im Zimmer auf und ab ging, um es zum Schlafen zu bringen. Der kleine Halbelb quengelte unruhig und strampelte dabei mit den Armen und Beinen, so dass sein Vater Mühe hatte, ihn festzuhalten. Es schien beinah so, als fühle Anárion, die Spannung, die in der Luft lag, denn trotz Thranduils beruhigendem Gemurmel wollte der Junge einfach nicht in den Schlummer sinken.

„Es ist meine Pflicht als König in diesen schweren Stunden bei meinem Volk zu sein, dass wisst Ihr ebenso gut wie ich. Und wenn die Rollen vertauscht wären, würdet Ihr genauso handeln", erwiderte der Zwerg bestimmt. „Doch auch wenn ich scheide, mein Herz wird hier bei Euch bleiben."

„Dann nehmt wenigstens einen meiner Heiler mit, wenn ich Euch schon nicht aufhalten kann, und versprecht mir, dass Ihr Euch fern haltet von den Kranken", forderte der Herrscher des Waldlandreiches und Thorin konnte die Sorge in seiner Stimme hören. „Euer Sohn ist noch zu klein, um Euren Thron schon jetzt von Euch zu erben."

„Sorgt Euch nicht. Ich habe nicht vor schon in Mahals ewige Hallen einzugehen." In einer zärtlichen Geste legte der Zwergenkönig die Hand auf die Wange seines Gefährten, dann beugte er sich zu seinem Sohn und küsste das Kind auf den dunklen Haaransatz. „Bis bald, Anárion", sagte er leise zu dem Säugling. „So ich kann, werde ich bis zum nächsten vollen Mond zurück sein."

Der Elbenkönig nickte, obwohl ihm das Herz schwer war. „Möge Valar mit Euch sein."

XXXXXX

Trotz der Sorge, die Thranduil bezüglich seines Gefährten fühlte, waren seine Tage durch die königlichen Pflichten und die Aufgabe gleichzeitig ein Baby zu versorgen so ausgefüllt, dass kaum Zeit für dunkle Gedanken blieb. Seit einer halben Ewigkeit war im Waldlandreich kein Kind mehr geboren worden, so dass täglich Elben kamen, um Anárion zu sehen und ihn mit Segenswünschen zu überschütten. Mit der Zeit wurde es zu einem festen Ritual, dass wann immer der Elbenkönig auf seinem Thron saß, die Wiege seines Sohnes daneben stand. Valar sei dank war der Junge ein ruhiges Kind, das den größten Teil des Tages mit Trinken und Schlafen bestritt und wann immer es Thranduils Pflichten zuließen, kostete er die Erholung, die ihm die Ruhepausen seines Sohnes verschafften voll aus. Oftmals genoss er einfach den Hautkontakt zu dem Säugling, indem er sich mit ihm gemeinsam zur Ruhe bettete und den Frieden, den Anárion verströmte, auf sich abfärben ließ. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, doch sein Körper heilte sehr viel langsamer als nach Legolas Geburt und er war froh und dankbar, dass die Orks abgesehen von ein paar harmlosen Scharmützeln, dem Waldlandreich fern blieben.

In dem Wissen, dass der Frieden mit den Geschöpfen Mordors nicht von Dauer sein konnte, straffte und dehnte Thranduil seine verspannten Muskeln jeden Morgen in der warmen Sonne auf seinem Balkon. Vor ein paar Tagen hatte er seinen ersten Übungskampf seit vielen Monaten bestritten, auch wenn die Heiler ihn warnten sich nicht zu viel abzuverlangen. Der Herrscher des Waldlandreiches war sich sicher, dass es der Hauptmann seiner Wache nicht gewagt hatte, seinen König zu beschämen, denn Thranduils Sieg war mehr als fragwürdiger Natur gewesen. Nur zu deutlich hatte ihm diese Übung vor Augen geführt, dass es viele Stunden harten Trainings kosten würde seine Reflexe zu schulen und seinen Körper wieder stark und sehnig zu machen, so wie er es vor der Schwangerschaft gewesen war.

Auch an diesem Morgen nutzte der Elbenkönig die Zeit, in der sein Sohn schlief, um wieder eins mit dem Schwert in seiner Hand zu werden. Leichtfüßig huschte er auf bloßen Sohlen über den Balkon, das Schwert wie einen Partner im Tanze schwingend, während er einen Streich nach dem anderen gegen einen imaginären Gegner ausführte. So konzentriert war er in seine Kampfesübung, dass er die Anwesenheit einer anderen Person erst bemerkte, als ein Schatten auf ihn fiel. Überrascht drehte Thranduil sich um. „Legolas!" rief er voller Freude aus, indem er seinen Sohn erblickte und legte seine freie Hand auf die Schulter des Prinzen. „Warum hat man mir deine Ankunft nicht gemeldet?"

„Ich wollte nicht, dass nach dir geschickt wird. Ich musste selbst sehen, dass es dir gut geht, Adar." Tatsächlich schien Legolas gerade erst eingetroffen zu sein, denn er trug noch seine Reisegewänder und seine Stiefel waren von Staub und Erde bedeckt. Einen langen Moment musterte der junge Elb seinen Vater eindringlich. Sein Blick blieb an den Schweißtropfen hängen, die Thranduils Stirn bedeckten und sein Haar feucht an seinem Gesicht kleben ließen, so dass sich bei diesem Anblick ein Schatten auf Legolas Züge legte. „So viel von deinem Licht ist entschwunden, dass nun kaum noch etwas übrig ist."

„Die Niederkunft ist noch zu frisch, als dass ich mich wieder vollständig erholen konnte, doch ich fühle meine Stärke langsam zurückkehren", widersprach Thranduil seinem Sohn, während er das Schwert zur Seite legte.

„Mich kannst du nicht täuschen, denn meine Augen sind nicht wie die deines Zwerges. Ich sehe dich sehr wohl." Seufzend schüttelte Legolas den Kopf. „Ist es wahr, ein Kind, Adar? Es bedarf schon eines Zwerges, um auf so eine törichte Idee zu kommen."

„Du darfst ihm nicht zürnen. Es war ebenso meine Entscheidung, wie die seine", antwortete Thranduil. „Doch komm und triff deinen Bruder."

Während sie gemeinsam ins Innere der königlichen Gemächer traten, ergriff Legolas erneut das Wort. „Es tut mir leid, dass du so lange auf mich warten musstest. Ich bin gekommen, sobald mich deine Nachricht erreichte."

„Du bist jetzt hier, das ist alles was zählt", erwiderte Thranduil, als sie die weiße Wiege erreicht hatten, die neben seinem Bett stand. „Sieh ihn dir an."

Mit schief gelegtem Kopf blickte Legolas hinab zu dem Säugling, der schlafend auf dem Rücken lag. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt, rechts und links neben seinem Kopf abgelegt, den Mund leicht geöffnet. Den scharfen Augen des Königssohnes entgingen weder die spitzen Ohren, die aus dem Mob dunkler Haare herausstachen, noch das Mobile aus glitzernden Mineralien, das Thorin für seinen Sohn mit den eigenen Händen gearbeitet und ihm über die Wiege gehängt hatte. „Dem Glauben der Zwerge nach soll es böse Träume abhalten", erklärte Thanduil, dem Legolas Blick nicht entgangen war. „Und Anárion scheint es tatsächlich zu beruhigen."

Der Prinz nickte wortlos. „Meinen Glückwunsch", entgegnete er schließlich steif. „Er wird bestimmt einmal ein großer Krieger werden."

Obwohl Thranduil die Worte schmerzten, zeigte er nicht, dass ihm die kühle Art seines Ältesten missfiel. Mehr war unter diesen Umständen von Legolas nicht zu erwarten gewesen. Es würde Zeit brauchen, bis sein Sohn mehr tat als seinen Bruder zu akzeptieren, doch der Elbenkönig war sich sicher, dass Legolas den Jungen früher oder später ins Herz schließen würde.

„Hast du es ihm gesagt?" fragte Legolas plötzlich, als er sich von der Wiege abwandte.

„Dafür besteht kein Anlass", gab der Herrscher des Waldlandreiches zurück. „Es würde ihn nur beunruhigen. So Valar will bleibt mir noch genug Zeit Anárion aufwachsen zu sehen. Dann ist es immer noch früh genug."

„Noch ist es vielleicht nicht zu spät, Adar", warf der Prinz ein.

Auf Thranduils Gesicht erschien ein entschlossener Ausdruck. „Ich habe meine Entscheidung vor Jahren getroffen und daran wird sich nichts ändern. Und nun geh, Legolas. Ich denke, du solltest dich frisch machen und dich ausruhen, bevor wir nachher zusammen speisen werden."

Der Prinz neigte in einer angedeuteten Verbeugung den Kopf in dem Wissen, dass das Gespräch für seinen Vater beendet war. Es schmerzte ihn unendlich, dass Thranduil jeglichen Rat ablehnte, doch es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Die Entscheidung war in der Minute gefallen gewesen, in der er sein Licht mit dem Zwergenkönig geteilt hatte und so sehr Thranduil seinem Sohn auch eingeschärft hatte, den König unter dem Berg zu respektieren, so würde er dem Zwerg diesen Umstand niemals verzeihen.

XXXXXX

Es dauerte bis zum zweiten vollen Mond seit seiner Abreise, bevor Thorin erneut gen Lasgalen aufbrach. Während der Elbenheiler, der den Herrscher des Erebor begleitet hatte, seinem König regelmäßige nüchterne Berichte schickte, waren die Nachrichten, die der Zwerg selbst an seinen Gefährten sandte immer verzweifelter. Sie sprachen von der Hilflosigkeit und Verzweiflung eines Königs, der mehr als sein halbes Leben lang für sein Reich gekämpft hatte, nur um seine Untertanen jetzt sterben zu sehen. Thranduil wünschte so inständig etwas tun zu können, die Schatten vertreiben zu können, die seinen Gefährten heimsuchten, doch er konnte das Waldlandreich nicht verlassen. Anárion war noch zu klein für so eine lange und gefährliche Reise, ganz zu schweigen von der Bedrohung durch die tückische Krankheit die im Erebor wütete und ihn auf unbestimmte Zeit zurückzulassen wagte der Elbenkönig ebenso wenig. Das einzige, dessen er sich fähig fühlte, war Thorin in den Zeilen, die er ihm per Raben schickte, immer wieder Trost zuzusprechen, auch wenn sich die Worte, die er wählte, sogar in seinen eigenen Ohren hohl anhörten. Umso erleichterter fühlte sich der Herrscher Lasgalens, als er endlich die Nachricht erhielt, dass die Seuche besiegt worden war. Trotzdem dauerte es weitere bange Tage, bevor Thorin ankündigte zum Waldlandreich aufzubrechen.

Es erschien Thanduil beinah, als sei sein Gefährte geschrumpft, als er endlich wieder vor ihm stand. Der stolze Zwergenkönig wirkte gebeugt und der Mantel aus edlen Fellen hing an seinen Schultern, als sei er ihm plötzlich um mehrere Nummern zu groß geworden. Neue graue Strähnen durchzogen seine dunklen Haare und den Bart. Seine blauen Augen, sonst strahlend und voller Leben, wirkten stumpf und langen tief in den Höhlen, als Thranduils Blick den seinen traf. „Balin ist tot", brachte der Zwergenkönig statt einer Begrüßung hervor und seine Stimme klang heiser wie das Krächzen eines Raben.

„Es tut mir so leid." Mit wenigen Schritten war Thranduil bei seinem Gefährten und schloss die Arme um den trauernden Zwerg, so dass Thorin von dem Mantel des Elben umschlossen war wie von einem Kokon. Wie ein Ertrinkender klammerte sich der Herrscher des Erebor an den Mann vor ihm. „Er war wie ein Vater für mich. Ein Ratgeber, ein Freund. Ich wusste, dass seine Zeit immer weniger wurde, aber ihn an das Fieber zu verlieren ..." Thorins Stimme brach und er vergrub stattdessen sein Gesicht im Gewand seines Gefährten. Der Geruch versprach ihm Sicherheit, Nähe und Schutz und Thorin war bereit all das für den Moment anzunehmen. In den letzten Wochen hatte er immer stark, immer der König sein müssen. Sich jetzt fallen zu lassen und zu wissen, dass man aufgefangen wurde, war ein tröstlicher Gedanke.

Thranduil verstand das Bedürfnis seines Gefährten. Mit den Augen signalisierte der Elbenkönig Legolas, der schweigend im Schatten gestanden hatte, das Baby aus der Wiege mit sich zu nehmen, um sich ganz seinem Zwerg widmen zu können und obwohl dem Prinzen anzusehen war, dass es ihn Überwindung kostete, tat er seinem Vater den Gefallen und zog sich mit seinem Bruder zurück.

XXXXXX

Am Anfang hatten sie lange geredet, oder besser Thranduil hatte Thorin über alles reden lassen, was ihm auf der Seele brannte: Über die Erinnerungen, die ihn mit Balin verbunden hatten, die schönen und die schlimmen. Über den Geruch von Krankheit und Tod, der über dem Erebor gehangen hatte, wie ein böser Schatten und über Balins letzte Tage, die Thorin an seinem Bett sitzend verbracht hatte, hoffend, bangend und schließlich realisierend, dass der Kampf verloren war. Danach hatten sie umso länger geschwiegen und Thranduil hatte den König unter dem Berg gehalten, wie es Thorin damals getan hatte, als ihm der Elb von seiner tragischen Liebe zu Legolas Vater erzählt hatte, bis der Zwerg irgendwann in einen erschöpften Schlummer fiel. Die ganze Nacht hatte Thranduil über seinen Gefährten gewacht und all die bösen Träume von ihm ferngehalten, die ihn heimzusuchen drohten, bis Thorin im Licht des grauen Morgens wieder aufgewacht war. Wortlos hatten sie sich geliebt, leidenschaftlich und ohne Hast, bis ihr ganzes Dasein auf eine Woge aus Verlagen reduziert zu sein schien, in der kein Platz für irgendwelche Schmerzen war. Später, als sie zitternd und nass geschwitzt in den Kissen lagen, hatte Thorin zum ersten Mal seit seiner Abreise aus dem Erebor wieder Frieden in seinem Herzen gefühlt. Die Wunde, die Balins Tod hinterlassen hatte, war nach wie vor präsent und es würde lange dauern, bevor sie zu heilen begann, doch ohne Balin wäre er heute nicht hier an Thranduils Seite und Thorin schuldete es dem Andenken an seinen alten Freund, diese Liebe zu ehren mit allem was er war.

Die Sonne war längst über dem Grünwald aufgegangen, als es schließlich verhalten an die Tür klopfte. „Meine Pflichten rufen mich, daher überbringe ich den Prinzen des Erebor seinen Eltern." Mit diesen Worten schritt Legolas in das Zimmer, kaum dass er die Erlaubnis zum Betreten erhalten hatte, Anárion in seinen Armen tragend. In dem Versuch die Mimik seines Ältesten zu lesen, studierte Thanduil Legolas fein geschnittene Züge, doch sie waren verschlossen wie meist. Gern hätte der Elbenkönig gewusst, wie seine beiden Söhne die Nacht verbracht hatte, doch die Mine des Elbenprinzen gab nichts preis. Im Gegensatz zu Legolas, der den Blick starr geradeaus gerichtet hielt, schaute der Säugling mit großen Augen neugierig hinüber zum Bett, auf dem seine Väter lagen. Sofort sprang Thorin auf die Beine. „Mein Sohn, wie groß du geworden bist." Staunend nahm er Legolas den Jungen ab, der die Gelegenheit nutzte sich sofort zurückziehen. Der Zwerg allerdings registrierte die ablehnende Haltung des Elben kaum. Tatsächlich hatte Thorin nur Augen für das Baby, welches ihn ebenfalls aufmerksam betrachtete.

„Sein Wuchs ist nicht verwunderlich bei den Mengen, die er trinkt", erwiderte Thranduil, welcher mit dem Rücken am Bettgestell lehnte, amüsiert. „Er hat wahrlich den Appetit eines Zwerges."

Der Herz ging Thorin auf, ob dieser Worte und in einer Geste der Zuneigung beugte sich der Zwergenkönig herab, um das Kind auf die Stirn zu küssen, doch genau in diesem Moment schlossen sich Anárions Finger um einen von Thorins Zöpfen und er begann heftig daran zu ziehen. Obwohl es alles andere als angenehm war, seinen Sohn an seinen Haaren zerren zu lassen, konnte sich der Köng unter dem Berg ein Lächeln nicht verkneifen „Und er hat eindeutig auch die Stärke eines Zwerges. Ein echter Sohn Durins."

XXXXXX

Ein warmer Wind begrüßte die Karawane aus Elben und Zwergen, als die Bäume sich teilten und sie hinaus auf die steinige Ebene ritten. Ein milder Frühling war zu einem warmen Sommer geworden, so dass das Gras zwischen den Felsen von bunten Blumen wie Farbspritzer eines übereifrigen Malers gesprenkelt war. Vogelgezwitscher lag in der Luft und es roch nach Sonne und wilden Kräutern, doch trotz der vermeintliche Idylle waren sowohl Thorins Truppen als auch die von Thranduil wachsam. Aufmerksam ließen die Elben ihre Augen über das Land schweifen, während die Zwerge die eine Hand am Zügel und die andere stets am Heft ihrer Waffen beließen. Entgegen seiner Gewohnheit immer an der Spitze seiner Männer zu reiten, fand sich Thranduil nun in der Mitte der Eskorte wieder, von Thorin auf der einen Seite und Legolas auf der anderen flankiert. Der junge Elbenprinz wirkte ebenso angespannt wie die anderen Krieger. Immer wieder tasteten seine Finger über seinen Bogen, den er am Köcher auf seinem Rücken befestigt hatte, um ihn jederzeit griffbereit zu wissen. Vom ersten Moment an, als sie die Reise in Erwägung gezogen hatten, war Legolas nicht davon abzubringen gewesen, seinen Vater zu begleiten und obwohl es dem Elbenkönig nicht gefiel, sein Königreich für die Dauer ihrer Abwesenheit dem Rat anzuvertrauen, hatte er die Entscheidung seines Sohnes begrüßt. Aus dem Augenwinkel beobachtete Thranduil seinen Ältesten und Stolz erfüllte sein Herz. Legolas war zu einem klugen Mann und einem guten Krieger herangewachsen. Wenn die Zeit gekommen war, würde er guten Gewissens gehen können in dem Wissen, dass sein Reich in den besten Händen war.

Es tat gut die vertraute Rüstung wieder am Körper zu tragen, das Schwert bei jeder Bewegung des Pferdes gegen sein Bein schlagen zu fühlen, doch der Elbenkönig betete trotzdem dafür, dass sie es nicht brauchen würden. Immer wieder wanderte sein Blick hinab zu Anárion, der dank eines extra für ihn gebrauten Trankes aus Mohnblumen und Mitternachtskraut in einem Tragetuch aus Stoff an die Brust seines Vaters gebunden, friedlich schlief. Mit geschlossenen Augen, die Wangen von der Wärme gerötet, glich er Thorin noch mehr als er es im Wachen tat. Nur die spitzen Ohren, die aus dem dunklen Haarschopf herausstachen, ließen keinen Zweifel daran, dass er kein reiner Zwerg war. Unbewusst seufzte Anárion und streckte im Schlaf seine Glieder. Auch wenn die Lösung keinem der beiden Könige gefiel, war es dennoch die einzig mögliche gewesen, um den Säugling für die Dauer der Reise ruhig zu stellen. Der inzwischen sechs Monate als Junge war einfach zu lebhaft für einen Ritt dieser Länge und sollte es wirklich zu einem Zwischenfall kommen, konnte Thranduil nicht gleichzeitig das Baby beruhigen und um sein Leben kämpfen. Der Elbenkönig konnte die Augen seines Gefährten auf sich spüren, weshalb er aufsah und Thorins stille Frage mit einem Nicken beantwortete. Anárions Atem ging langsam und gleichmäßig und seine Haare waren feucht von der Wärme, die in dem Tragetuch herrschte, kein Grund zur Beunruhigung. Valar sei gepriesen, dem Jungen ging es gut. Tatsächlich hatte er in den sechs Monaten seines Lebens noch nie irgendwelche Anzeichen einer Krankheit gezeigt, nicht einmal die eines Schnupfens, was wohl dem elbischen Anteil seines Blutes zuzuschreiben war, welches er von Thranduil geerbt hatte.

Trotz der Sorge um die Sicherheit ihres Sohnes genoss der Elbenkönig den Ritt. Viel zu lange hatte er in seinem Palast im Waldlandreich ausharren müssen. Gemeinsam mit Thorin und seinen Söhnen durch Mittelerde zu reiten, ließ ihn wieder die Freiheit fühlen, die er all die Monate vermisst hatte. Allein der Gedanke daran, dass diese Reise die erste und zugleich die letzte war, die sie zusammen unternehmen würden, machte Thranduils Herz schwer. Wenn sie ihr Ziel erst erreicht hatten, würde die Zeit des Abschieds unwiderruflich immer näher kommen. Damals vor über zweitausend Jahren, als Legolas das Licht der Welt erblickt hatte, hatte er sich geschworen nie wieder jemanden so zu lieben wie seinen Sohn, doch er hatte kläglich versagt. Vielleicht hatte Legolas recht und es war ein Fehler gewesen in Thorins Wunsch nach einem Kind einzuwilligen, doch seine Gefühle für den Zwerg hatten ihn blind und taub jeder Vernunft gemacht. Die Liebe ließ einen Dinge tun, die jedem anderen als Torheit erscheinen mochten, doch Thranduil konnte seine Entscheidung nicht bedauern. Wenn er hinab auf Anárion sah, wusste er, dass es jedes Opfer wert war, dass er für seinen Sohn gebracht hatte. „Schlaf nur, Meleth nin", murmelte der Elbenkönig indem er mit seinem freien Arm seinen Sohn noch etwas fester an sich presste. „Wenn die Gestirne mit uns sind, werden wir Morgen den einsamen Berg erreichen und am Abend in den goldenen Hallen des Erebor speisen. Deinem neuen Zuhause und zukünftigen Königreich."

Tbc ...