Und natürlich haben wir - ihr Lieben - auch ein Türchen Nummer sieben ;)
Zusätzlich ein großes Dankeschön an alle Reviewer! Nachrichten werden wieder folgen :)
Seelenlos Teil 7
Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, was mich mehr aus der Fassung brachte. Das Schlingern meines Wagens oder Sams Schrei neben mir. Beides zusammen war jedenfalls etwas, mit dem ich nicht umgehen konnte und mir verkrampften sich alle Muskeln von der Stirn angefangen über den Nacken bis hin zu meinen Zehen.
Hektisch warf ich einen Blick auf die sich aufbäumende Gestalt und wünschte mir einmal mehr, nicht losgefahren zu sein. Ich konnte nicht sehen, warum Sam sein Spiegelbild anstarrte oder was ihn darin so aus der Fassung brachte.
So schlimm hatte er vorhin nun auch nicht ausgesehen, warf ein kleiner, sarkastischer Teil meines Gehirnes ein, der in Konflikt mit meinem bewussten Denken geriet bei der unangebrachten Bemerkung.
Das war jetzt alles andere als hilfreich.
„Hey!", rief ich erschrocken und wehrte den unkontrollierten Schlag von der Seite mit dem Unterarm ab. Sam reagierte kaum – jedenfalls nicht mit Worten.
Ich wog ab, den Wagen tatsächlich zu stoppen, aber jedes Mal, wenn sich mein Fuß auch nur der Bremse näherte und etwas Druck ausübte, wurde Sams Verhalten noch schlimmer. Ab und an hörte ich ein gequältes Stöhnen zwischen ganz offensichtlich zusammengebissenen Zähnen.
Das einzige, was mir übrig blieb, um das Auto halbwegs sicher über die Straße zu lenken, war, meine Hand zu Sam zu strecken und ihn in den Sitz zu drücken.
Mein Hass auf Crowley wuchs ins Unermessliche. Was sollte das? War es nicht genug, dass er durch uns auf dem Thron der Hölle saß?
Als Sam mich diesmal wieder aus Reflex heraus abwehren wollte, schlug ich ihm mit der Faust so hart ich konnte vor die Brust und machte mich bereit, meinen Ellenbogen hinterherzusetzen.
„Lass die Scheiße, Sam", warnte ich ihn. „Ich tu' das nicht, weil mir nach Körperkontakt zu Mute ist, kapiert? Aber solange du dich neben mir benimmst wie ein wild gewordener Kannibale, der mich angreift, während ich hier auf Eis fahre …"
Ich brach ab. Ich brabbelte. Einfach nur, um zu reden und die Stille zu übertönen. Aus dem einen Grund, meine Sorge nicht Überhand gewinnen zu lassen. Sam war mir in merkwürdigen Zuständen bekannt. Verflucht, betrunken, tödlich verletzt, seelenlos – aber das war keiner, den ich einordnen konnte. Es machte mir eine Scheißangst.
Vor ein paar Jahren noch hätte ich ihn mit dummen Erinnerungen bei Verstand gehalten, aber jetzt hatte ich das Gefühl, es würde nicht zu ihm durchdringen. Wenn überhaupt, konnte er es dann einordnen? Ich sparte mir meine Aufmerksamkeit für den Wegweiser auf, an den ich mich nicht erinnern konnte.
Little Fall, 5 Meilen.
Es war die beste Möglichkeit, die sich uns bot.
Als der Impala langsamer wurde, verstärkte sich die Gegenwehr auf meiner rechten Seite und ich erwog ernsthaft, Sam trotz der Unterkühlung bewusstlos zu schlagen. Es war schon schwierig genug, durch den einsetzenden Schneefall und die unermüdlich wedelnden Scheibenwischer noch etwas zu sehen, geschweige denn einhändig den Kurs zu halten, als wir nun über einen besseren Waldweg rumpelten.
Man, sollte der Kerl noch irgendein Geld besitzen, würde er die Reparaturen bezahlen!
Fünf Meilen konnten lang sein, selbst für jemanden, der es gewohnt war, mehrere hundert am Tag zurückzulegen. Die Bäume huschten wie Gespenster an uns vorbei, vom Schnee schwer gewordene Zweige streiften das Dach und lösten kratzende Geräusche auf der metallenen Oberfläche aus, die eines jeden Horrorstreifens würdig gewesen wären.
Mein Leben war sowieso ein einziger Horrorfilm.
Die Kurven schlängelten sich aufwärts und je höher wir kamen, desto lichter wurden die Bäume und die Straße verschwand immer mehr im allumfassenden Weiß, weil kein Schutz vor dem Wetter mehr geboten war.
Sams Herz raste unter meinen Fingern und irgendwann hatte er seine Fingernägel in meinen Unterarm gegraben. Er drückte schon seit geraumer Zeit zu und ich spürte die harten Kanten in meinem Fleisch. Noch war mein Arm nicht taub, obwohl das nicht mehr lange dauern konnte. Trotzdem bewegte ich meinen Arm nicht, drückte nur standhaft zurück, um seiner Gegenwehr keine Chance zu bieten.
Der Schnee verdichtete sich und die Räder kämpften sich jetzt zentimeterweise vorwärts. Mein Fuß hielt sich konstant auf dem Gaspedal. Jedes Stehenbleiben hätte einen Fußmarsch bedeutet. Wir mussten …
Warum dachte ich an diese Szenarien überhaupt?
„Nein, nein … nein!"
Mit einem letzten Satz schoss der Impala über eine Unebenheit der Straße hinweg und rutschte dann fast lächerlich langsam zur Seite, bevor er in einer Schneewehe stecken blieb.
„Zum Teufel!", fluchte ich und schlug auf das Lenkrad, bevor ich den Kopf hob und mir ein winziger Stein vom Herzen fiel. Licht. Dort vorne war Licht, versteckt hinter einer weiteren Kurve, aber es zeichnete sich in der Dunkelheit deutlich ab. Am Tag hätte ich das dazugehörige Haus nie so nah vermutet.
Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit Sam zu und erstarrte. Mein Bruder hatte es aufgegeben, sein Spiegelbild für ein Monster zu halten und war bei dem Ruck des Wagens wohl mit mir in die Realität zurückgekehrt.
Das Haus hätte nicht weiter entfernt sein können, hätte es auf dem Mars gestanden.
„SAM!", herrschte ich ihn an, in dem Versuch, ihn von weiteren Schlägen in meine Richtung abzuhalten und zog meine Hände zurück. Was zur Hölle …?
Aber seine Attacken waren nicht gegen mich gerichtet. Er nahm einfach alles, was ihm vor die Augen kam, als wollte er unsichtbare Gegner abwehren.
Sicherheitshalber und ohne nachzudenken sprang ich aus dem Wagen, versank mehr als knöcheltief im Schnee und konnte den Blick verstört und fasziniert zugleich nicht von Sam abwenden. Seine Sicht war völlig blind, sein Gesicht ein Ausdruck schieren Entsetzens.
Die Gänsehaut kroch mir den Nacken hinauf und ich rieb mir unbewusst über meine Arme. Was würde passieren, wenn ich ihn toben ließ? Würde er aufhören und sich beruhigen? Und wie viel Schaden würde er bis dorthin angerichtet haben?
Ich neigte dazu, noch einmal nach Cas zu rufen, brachte aber kein Wort heraus. Wie ein Hammerschlag gegen den Kopf wurde mir klar, dass das hier eine Sache war, die wir ohne übernatürliche Hilfe lösen mussten, wenn wir irgendwann wieder zurück zur Normalität wollten. Außerdem war der Engel sowieso viel zu beschäftigt mit dem ganzen Federviehkrieg eine Etage über uns. Was war da schon ein ausrastender Ex-Höllenfürst-Aufbewahrungsort, der von einem Dämon zurück auf die Erde katapultiert worden war? Ohne alle dazugehörigen Serienteile, versteht sich.
Wenn schon, war Bobby unsere viel zu weit entfernte Anlaufstelle. Und zwischen ihm und uns lag in etwa genau so viel Weg wie zwischen dem Haus auf dem Mars und Sam und mir.
Frustriert bahnte ich mir meinen Weg um den Wagen herum und riss Sams Tür auf. Der kalte Luftzug hatte rein gar keine aufweckende Wirkung auf ihn, stachelte ihn nur noch mehr an, weil ich ihm eine Sicherheit stahl, an die er sich gekauert hatte.
„Sam."
Ich versuchte es leise, ohne ihn zu berühren. Schien, als wäre meine Stimme nicht eindrucksvoll genug für seine Panik.
„Sam?" Diesmal ging ich in die Hocke, meine Hand schwebte über seiner Schulter und ich atmete tief durch, bereit, ihm noch ein paar Schläge überzubraten. Gerade jetzt war mir nicht nach sanften Methoden zu Mute. Ich fror, hatte Hunger und musste dringend ein paar Stunden Schlaf aufholen.
Erst nach ein paar Sekunden, in denen Sam immer weiter vor mir zurückgewichen war, berührte ich ihn am Oberarm. Seine Kleidung war noch nass, aber ob es nur das Wasser von vorhin war oder jetzt auch der Schweiß, wusste der Geier. Jedenfalls strahlte er so eine Hitze ab, dass meine ausgekühlte Handfläche zu prickeln anfing.
„Hör zu, wir müssen raus aus dem Wagen und noch ein Stück laufen", erklärte ich langsam, schlimmer als bei einem kleinen Kind. „Dort oben ist ein Haus, es brennt Licht. Wenn sie keinen Platz zum Übernachten haben, können wir wenigstens telefonieren. "
Uns aufwärmen. Aus dem Weg gehen. Betrinken. Umziehen. Etwas essen.
Mir fiel noch einiges mehr ein, aber ich schluckte es hinunter, rollte stattdessen mit den Augen. „Komm schon, Alter – mach hier kein Drama."
Behutsam schob ich meinen Arm um Sam und begann zu ziehen. Ganz allmählich hinaus in die Kälte, raus aus dem Wagen.
Das war der Moment, als Sam mich um die Hüfte packte, mir seine Schulter in den Bauch rammte und mich zu Boden warf.
Okay, das kam unerwartet.
Mein Kopf knallte gemessen an meiner Fallgeschwindigkeit und der verminderten Höhe recht sanft in den Schnee, aber meine Lungen verloren mit einem Schlag alle Luft, die noch in ihnen gewesen war und ich japste wie ein Fisch auf dem Trockenen. Gott …! Um Gottes Willen, der Kerl bestand nur noch aus Knochen und Muskeln, kein Gramm pufferndes Fett hatte die Wucht des Aufpralls von seinem Schulterknochen in meinem Solarplexus abgefangen.
Sterne tanzten vor meinen Augen und obwohl ich wusste, dass es gleich vorbei sein würde, war die Todesangst als kleiner, neckender Begleiter auf meine Schulter geschlichen. ‚Tick tack, Dean. Tick tack. Weißt du, dass die Hölle immer noch einen Platz für dich frei hat?'
Unsinnig zu erwähnen, dass das es nicht besser machte. Manchmal hatte ich die untrügliche Ahnung, nicht mehr ganz ich selbst zu sein, seit ich wieder auf Erden wandelte. Irgendetwas stimmte nicht mit dem, was mein Kopf mir des Öfteren erzählte.
Wobei er gerade die Ereignisse ziemlich realitätsgetreu wiedergab.
Ich wand mich herum, saugte den Sauerstoff in meine Lungen zurück, obwohl sie protestierten bei der plötzlichen Ausdehnung und kämpfte mich auf alle Viere. Erst dort war ich bereit, den Kopf zu heben und Sam keinen Meter von mir entfernt zu sehen. Er sah mich nicht und das war der einzige Vorteil, den ich nutzen konnte.
Mit aller Kraft, die ich hatte, sprang ich aus meiner Position hoch, riss ihn zu Boden und presste ihn dort mit meinem gesamten Gewicht auf den Boden, die Hände wie Schraubstöcke an seinen Schultern.
Schock. Das war nur mein eigener Schock. Ich hatte einem panischen, nicht zurechnungsfähigen Bruder den Ausgang zur Freiheit versperrt und war ein rotes Tuch für ihn. Es war mein Fehler, nicht seiner.
Trotzdem war ich geschockt.
Und wütend.
„Hör mir mal zu, Freundchen", knurrte ich neben seinem Ohr und schüttelte ihn zur Verdeutlichung dessen kurz. „Wir werden zu diesem Haus gehen. Jetzt. Du wirst mitkommen – zu Fuß oder hinterhergeschleift, das ist mir völlig egal. Wir werden rausfinden, was Crowley angerichtet hat und es in Ordnung bringen. Wir bringen dich in Ordnung. Aber dazu musst du mitkommen und aufhören, dich wie ein Wilder zu benehmen."
Ich hielt kurz inne.
„Hab ich mich klar ausgedrückt?"
