Kapitel 7
Nachtschatten
Rashid saß ziemlich verschlafen beim Frühstück. Sie waren gestern Abend bis spät in die Nacht im Gemeinschaftsraum gewesen und er hatte nicht viel Schlaf bekommen.
Gähnend nahm er sich Müsli und stieß James in die Rippen. „Gibst mir mal die Milch?"
James blickte auf ihn herab. „Wohin, ins Müsli oder über den Kopf zum Aufwachen?" Sein bester Freund schien wie immer hellwach und grinste amüsiert, als er dem Mauren Milch in seine Müslischale goss.
Rashid grummelte eine Antwort und begann geistesabwesend sein Müsli zu löffeln. Immer wieder sah er zum Ravenclaw-Tisch hinüber, wo Alena zwischen seiner Schwester und Mary saß. Sie wirkte wesentlich wacher als er es war und schien sich gerade eifrig mit Layla zu beraten, was sie mit einem gerade empfangenen Brief machen sollten.
„Hey Sina, was starrst du da so rüber?" Eine Hand traf ihn im Rücken und er verschluckte sich an seinem Essen.
Mit hochrotem Kopf und fuchsteufelswild tauchte Rashids Kopf wieder aus seiner Frühstücksschale auf.
„Oa Steve, mach nicht am frühen Morgen schon son Terror!" Steven McGallafrey, seines Zeichens größter Gryffindorschüler ever, hatte ihm einen ‚freundschaftlichen Klaps' gegeben.
„Schon gut, schon gut, reg dich ab." Steven setzte sich neben James und begann, sich Ei aufzuladen. „Ich bin nur neidisch, weil du so eine süße Freundin hast." Er grinste übers ganze Gesicht und auch Rashids Laune hob sich wieder etwas.
„Kommt einer von euch nachher mit Quidditch spielen?" Jetzt war auch Fhyr Divión, der letzte Gryffindorjunge ihres Jahrgangs, aufgetaucht. Wie immer sah er total verwuschelt und durcheinander aus und grinste breit. Seine roten Haare standen wild ab und James, der mit glatt gekämmten Haaren und akkurat sitzender Schuluniform beinahe das genaue Gegenteil des etwas verrückten Fhyr darstellte, schüttelte belustigt den Kopf.
„Gerne, aber meinst du nicht, dass du dich vorher mal kämmen solltest, Fu?" Fhyr zuckte die Achseln.
„Lohnt sich nicht. Geht beim Fliegen eh alles wieder verloren."
Auch der blonde Riese wollte gern etwas fliegen und so wurden Zeit und Treffpunkt festgelegt.
James jedoch sah Rashid fragend an.
„Was ist mit dir? Kommst du auch?"
„Vielleicht. Alena will zu Nachtschatten. Wenn dann noch Zeit ist, komm ich noch zu euch."
Rashid erhob sich, verabschiedete sich von den anderen und ging hinüber zum Ravenclaw-Tisch.
Alena und Layla überlegten immer noch, was sie am Besten auf den Brief antworten sollten, den Layla heute morgen von einem Hufflepuffjungen zugesteckt bekommen hatte, als Rashid auftauchte.
„Da ist mein Brüderchen." Layla nickte in seine Richtung und grinste etwas schief. Sie hatte sich noch immer nicht ganz daran gewöhnt, dass ihre Freundin mit ihrem jüngeren Bruder zusammen war, würde es wahrscheinlich nie tun. „Der will dich bestimmt abholen."
Alena stand auf, verabschiedete sich von ihren Freundinnen und ging mit Rashid zusammen nach draußen.
Als sie an Hagrids Hütte vorbeikamen, steckte ihr Besitzer seinen zottigen Kopf aus der Tür, um zu sehen, wer da vorbeilief.
„Ach ihr seids. Na denn, ers grad hinten." Er wies mit dem Kopf zum Waldrand.
„Ist Silver auch da?" Die Einhornstute begleitete Nachtschatten meist und kam oft sogar mit bis zum Waldrand.
Er schüttelte den Kopf. „Nee. Hat sich aber ohnehin rar gemacht in letzter Zeit. Kommt noch nich mal an, wenn ich im Wald bin."
Hagrid verschwand wieder im Inneren seiner Hütte und Alena ging weiter zu dem Verschlag im Garten, in dem Nachtschatten den Winter verbracht hatte.
Rasch zog sie die Schulrobe aus und schnappte sich Putzzeug und Zaum. Ihre Reitkleidung hatte sie schon morgens unter die Schuluniform gezogen.
Rashid war schon ein Stück in den Wald gegangen und kam gerade wieder heraus, den kleinen grauen Wallach neben seiner Schulter.
„Er hat offenbar schon gewartet. Er stand einfach da und sah mich an." Lachend klopfte er dem Tier den Hals.
Ein Lächeln auf den Lippen begann Alena, mit kräftigen Strichen Schmutz aus dem silbergrauen Fell zu bürsten. Anbinden musste sie den Wallach nicht, es war noch nie nötig gewesen.
Nachtschatten wandte den Kopf nach hinten um ihr zuzusehen und setzte ihn auf ihrer Hüfte ab, die Augen geschlossen. „Alte Schlafmütze." Spielerisch zog Rashid den Wallach am Ohr und er schüttelte unwillig den Kopf.
Dankbar lächelte Alena ihn an und gab ihm einen raschen Kuss. Nicht nur hatte Rashid nichts gegen das Pferd, er verstand sich auch gut mit ihm und konnte mit ihm umgehen.
„Da seid ihr ja schon zu zweit!", stellte sie amüsiert fest.
Als sie mit dem Putzen fertig war, trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Das saubere Fell glänzte im Sonnenlicht und die hellen Flecken mit denen das Pferd übersäht war, waren deutlich zu erkennen.
Sie hob die Trense vom Boden auf und streifte sie dem Araber über den Kopf. Wie jedes Mal schüttelte er sich unwillig, als sie seine kleinen Ohren für einen Moment einklemmte.
Alena stellte sich neben seine Schulter, holte kurz Schwung und sprang auf seinen Rücken.
Rashid trat zurück und sah zu ihr hoch.
„Ich geh wieder hoch ins Schloss. Vielleicht geh ich auch noch zu den anderen Gryffindors, die wollten Quidditch spielen."
Er winkte ihr noch einmal zu und wandte sich zum Gehen.
