6. Visionen
Liebe Mrs. Cooper,
jetzt ist meine erste Woche in Hogwarts vorbei und ich habe ihnen noch nicht ein einziges Mal geschrieben (und dabei hatte ich es mir so sehr vorgenommen). Die Schüler hier sind sehr nett und ich habe auch schon ein paar Freunde gefunden. Sie heißen Hermine, Ron, Harry und Neville. Hermine war von Anfang an richtig nett zu mir, hat mir die Schule gezeigt, mir bei meinen Hausaufgaben geholfen und viele Fragen beantwortet. Ron und Harry sind auch sehr nett (und lustig). Ohne sie, würde ich Wahrsagen wahrscheinlich nicht überstehen, weil es so langweilig ist. Ich hatte es mir eigentlich viel besser… irgendwie anders vorgestellt. Und Neville ist auch ein Junge aus Gryffindor. Er ist echt tollpatschig und verliert und vergisst häufig Dinge, aber ansonsten ist er richtig nett und freundlich. Am Samstag habe ich zum ersten Mal jemanden Quidditch spielen gesehen (beim Training). Das Einzige was ich nicht so gut finde ist der Unterricht. Es ist so schwer mitzukommen, wenn man praktisch nichts weiß. Auch wenn ich von vielen Hilfe und Tipps bekomme, fällt mir doch alles sehr schwer und manchmal glaube ich, dass ich die ZAGs nie schaffen werde. Hoffentlich wird das ab morgen besser, denn ab dann bekomme ich in ein paar Fächern Nachhilfe. Ich hoffe ihnen geht es auch so weit gut.
Viele Grüße ihre
Lucy
P.S.: Haben sie vielleicht schon etwas über meine Eltern herausgefunden?
Ich las mir den Brief noch einmal durch, während ich auf Hermine wartete, die mich auf dem Weg in die Eulerei begleiten wollte. Ich war jetzt zwar schon eine Woche hier, doch ich konnte mir noch längst nicht alle Wege im Schloss merken.
„Hey Lucy", begrüßte mich Neville und ich blickte auf. „Auf wen wartest du?"
„Ich warte auf Hermine, weil sie mich noch vor dem Frühstück zur Eulerei begleiten wollte", sagte ich.
„Ach so", sagte Neville. „Wir sehen uns dann beim Frühstück."
Ich nickte und Neville verschwand durch das Portraitloch. Kurz darauf kam Hermine auf mich zugelaufen und wir machten uns auf den Weg durch das Portraitloch. Die Flure waren leer und kühl an diesem Septembermorgen.
„Es ist seltsam", brach ich plötzlich das Schweigen.
„Was ist seltsam?"
„In einem Monat habe ich Geburtstag und dieses Mal wird Tante Eileen nicht dabei sein", sagte ich niedergeschlagen. „Sie war die einzige Familie, die ich hatte und jetzt…"
Ich stockte, weil mir plötzlich Tränen in die Augen schossen und blieb stehen. Hermine blieb auch stehen und umarmte mich.
„Hey, alles ist gut", sagte sie tröstend. „Du bist nicht alleine. Du hast mich und Harry, Ron und Neville und all die anderen."
Ich nickte und wischte mir schnell die Tränen aus dem Gesicht.
„Es tut mir Leid, dass das in letzter Zeit so oft passiert", sagte ich entschuldigend.
Hermine sah mich schockiert an. „Du musst dich dafür doch nicht entschuldigen! Es ist doch logisch, dass du traurig bist. Das ist kein Grund, dich zu schämen."
Ich nickte wieder und wir setzten unseren Weg fort. Nach einer Weile kamen wir bei der Eulerei an. Genau genommen war es eher ein Turm. Als wir oben angekommen waren staunte ich über die vielen Eulen, die hier auf den Balken saßen. Ich konnte alle möglichen Arten und Farben sehen. Es gab ganz viele kleine und große Eulen.
„Das ist eine Schuleule", sagte Hermine und wies auf eine Eule, die einen goldenen Ring um das Bein hatte, auf dem „Hogwarts" stand.
Ich brauchte nicht lange, um Athene zu finden, da sie gleich auf mich zugeflogen kam.
„Hallo Athene", begrüßte ich sie und streichelte ihren Kopf. „Kannst du diesen Brief zu Mrs. Cooper bringen?"
Athene streckte mir ihr Bein entgegen und ich blickte mich hilfesuchend nach Hermine um.
„Was soll ich machen?"
„Du musst ihr den Brief um das Bein binden", sagte sie und zeigte mir, wie das ging. Ein paar Sekunden später flog Athene aus dem Turm und Hermine und ich machten uns endlichen auf den Weg in die Große Halle (mein Magen hatte sich schon beschwert).
In der Halle angekommen setzten wir uns zu Ron und Harry, die bereits mit dem Frühstück begonnen hatten. Neben Hermines Teller lag schon ‚Der Tagesprophet', den sie täglich zugeschickt bekam. Hermine setzte sich und schlug ihn sofort auf. Erst wusste ich nicht, wonach sie suchte, doch dann fiel es mir wieder ein.
Harry hatte Nachsitzen bei Prof. Umbridge bekommen, die jetzt kein Gryffindor mehr leiden konnte (was nicht nur mit Harrys Nachsitzen zu tun hatte). Sie hatte Harry gezwungen mit einer magischen Feder „Ich soll keine Lügen erzählen" zu schreiben, und immer wenn er das schrieb, ritzten sich die Wörter in seinen Handrücken ein. Er tat mir sehr leid. Ich war mir (obwohl ich Harry nett fand) immer noch nicht sicher, ob er die Wahrheit erzählte, aber ich fand, dass diese Art der Bestrafung einfach nicht dafür Gerechtfertigt war. Da konnte Prof. Umbridge auch eine noch so hohe Position haben.
Hermine keuchte neben mir auf und strich den Tagespropheten glatt. Harry, Ron und ich starrten auf die Schlagzeile „MINISTERIUM STREBT AUSBILDUNGSREFORM AN; DOLORES UMBRIDGE IN DAS NEU GESCHAFFENE AMT DER GROSSINQUISITORIN BERUFEN". Darunter war ein großes Foto von Prof. Umbridge, auf dem sie breit lächelte und winkte.
„Umbridge – ‚Großinquisitorin'", sagte Harry finster. „Was soll das denn heißen?"
Anstatt zu antworten las Hermine den Artikel vor, von dem ich mir nur einige Wortfetzen merken konnte. Neues Gesetz verabschiedet… Verfügungsgewalt über die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei… Cornelius Fudge… Verbesserungen an Zaubererschulen… neues Amt eines Großinquisitors für Hogwarts geschaffen… sinkendes Niveau in Hogwarts… begeisterte Zustimmung… faire und vorurteilslose Beurteilung…
„Jetzt wissen wir also, wie wir diese Umbridge auf den Hals bekommen haben! Fudge („Der Zaubereiminister", fügte sie für mich noch hinzu) hat seinen ‚Ausbildungserlass' durchgepaukt und sie uns aufgezwungen! Und jetzt hat er ihr die Macht gegeben, die anderen Lehrer zu inspizieren! Das kann ich nicht glauben. Das ist ungeheuerlich!"
„Ich weiß", sagte Harry und blickte auf seine Hand, doch Ron grinste.
„Was ist?", fragten Harry und Hermine gleichzeitig.
„Hey, ich bin schon mal gespannt, wie sie bei McGonagall inspizieren will", sagte Ron fröhlich. „Umbridge wird nicht wissen, wie ihr geschieht."
„Ja, kommt", sagte Hermine und sprang auf. „Wir müssen uns beeilen. Wenn sie Binns Unterricht inspiziert, sollten wir nicht zu spät kommen…"
Wir beeilten uns, um pünktlich im Zaubereigeschichte Unterricht anzukommen, doch Prof. Umbridge war nicht da. Sie war auch nicht im Zaubertränke Unterricht da, wo wir von Prof. Snape unsere Mondsteinaufsätze zurückbekamen. Auf meinem Aufsatz stand ein ‚E' oben in der Ecke.
„Was heißt das?", fragte ich Hermine erschrocken.
Ich war noch sie so schlecht in der Schule gewesen. Zugegeben, meine Noten lagen nicht immer zwischen ‚A' und ‚B', aber ich hatte noch nie eine schlechtere Note, als ein ‚D' gehabt.
„Keine Sorge", sagte Hermine, die meine Panik mitbekam. „Ein ‚E' ist so, wie ein ‚B' in den Muggelschulen. ‚E' heißt ‚Erwartungen übertroffen'."
Erleichtert atmete ich aus.
„Ich habe sie so benotet, als ob sie die Arbeiten bei der ZAG-Prüfung eingereicht hätten", sagte Prof. Snape und sein Blick blieb an mir Hängen, weshalb ich noch einmal auf meinen Aufsatz sah. Wenn er es wirklich nach ZAG Standards benotet hatte, konnte ich unmöglich ein ‚E' bekommen haben. Und erst jetzt fiel mir der Satz auf, der klein neben die Note geschrieben worden war. Es entspricht nicht dem ZAG Niveau, aber für ihre Kenntnisse ist es gut genug. „Das sollte ihnen eine ernüchternde Vorstellung davon geben, was sie in der Prüfung erwartet."
Ich schluckte. Über die Hälfte meines Textes hatte ich wortwörtlich aus Büchern übernommen und ich war mir hundertprozentig sicher, dass Prof. Snape das wusste.
„Das allgemeine Niveau dieser Hausarbeit war jämmerlich. Die meisten wären durchgefallen, wenn dies ihre Prüfung gewesen wäre. Beim Aufsatzthema dieser Woche geht es um die verschiedenen Sorten von Gegengiften, und ich erwarte einiges mehr an Mühe, oder ich werde anfangen, den Dummköpfen, die ein ‚S' bekommen haben, Strafarbeiten zu erteilen."
Ich schluckte. Nicht auch noch Strafarbeiten, dachte ich verzweifelt. Das wäre echt zu viel.
Nach Zaubertränke saßen wir alle in der Großen Halle beim Mittagessen. Allem in allem war Zaubertränke heute gar nicht so schlecht verlaufen, wie ich es gedacht hatte. Dieses Mal sollte ich meinen ersten Trank (einen Stärkungstrank) alleine brauen und er war mir gar nicht so schlecht gelungen. Er sah zwar mehr grün, als blau aus, aber immerhin war das besser als gar nichts.
„Natürlich hätte ich es toll gefunden, wenn ich ein ‚O' bekommen hätte…", sagte Hermine und holte mich wieder aus meinen Gedanken zurück.
„Hermine", sagte Ron scharf. „Wenn du wissen willst, welche Noten wir gekriegt haben, dann frag."
„Ich will – ich wollte nicht – nun, wenn ihr es mir sagen wollt…"
„Ich habe ein ‚M'", sagte Ron. „Zufrieden?"
„Also, dafür muss man sich doch nicht schämen", meinte Fred, der mit seinem Zwillingsbruder Greg… äh… George gerade an unserem Tisch ankam und sich hinsetzte. „Nichts auszusetzen an einem guten, gesunden ‚M'."
„Aber", sagte Hermine. „Steht ‚M' nicht für…"
„‚Mies', ja schon", sagte George. „Aber immer noch besser als ‚S', oder? ‚Schrecklich'?"
„Also, die Spitzennote ist ‚O' für ‚Ohnegleichen'", sagte Hermine. „Danach kommt ‚A'…"
„Nein, ‚E'", korrigierte Fred sie. „‚E' für ‚Erwartungen übertroffen'. Ich hab immer gedacht, George und ich sollten ein ‚E' in allem kriegen, weil wir die Erwartungen schon übertroffen haben, als wir zu den Prüfungen aufgetaucht sind."
Ich musste lachen und auch die anderen konnten ihr Lachen nicht unterdrücken. Eins hatte ich in dieser kurzen Zeit hier gelernt. Die beiden Zwillinge machten am Liebsten Witze und Streiche und waren immer für einen Spaß zu haben.
„Also, nach ‚E' kommt ‚A' für ‚Annehmbar', und das braucht man mindestens, um die Prüfung zu bestehen, richtig?"
„Ja", sagte Fred.
Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit.
„Dann kommt ‚M' für ‚Mies' und ‚S' für ‚Schrecklich'."
„Und dann ‚T'", fügte George hinzu.
„‚T'?", fragte Hermine bestürzt. „Noch schlechter als ‚S'? Was um Himmels Willen soll ‚T' bedeuten?"
„Troll", sagte George.
„Hört doch mal auf!", sagte Ron plötzlich. „Seht ihr nicht, wie blass Lucy geworden ist?"
Alle blickten mich auf einmal an.
„Geht es dir nicht gut?", fragte Fred besorgt.
„Äh… doch…", sagte ich verwirrt. „Das ist bestimmt nur wegen den Noten."
„Du brauchst keine Angst haben, Lucy", sagte George aufmunternd. „Sogar wir haben die Prüfungen bestanden."
„Ja, aber ihr hattet auch schon seit dem ersten Schuljahr Unterricht… und ich nicht", sagte ich niedergeschlagen.
„Aber sieh doch mal, wie viele Erfolge du schon erzielt hast", sagte Harry. „Du hast heute fast so einen guten Zaubertrank, wie ich gebraut – und das ganz ohne Hilfe und Vorkenntnisse."
„Und erinnere dich an deine Note im Aufsatz", sagte Hermine.
„Ja, aber…"
„Was hat sie denn bekommen?", fragte Ron neugierig.
„Ein ‚Erwartungen übertroffen'", sagte Hermine und lächelte mich an.
„Ja, aber…", wollte ich protestieren, doch ich wurde schon wieder unterbrochen.
„Das ist doch super!", sagte Fred. „Und das bei der Fledermaus Snape. Herzlichen Glückwunsch, Lucy."
„Aber eigentlich…"
„Oh, wir müssen zum Unterricht", sagte Fred und sprang auf. „Wir sehen uns später."
Ich hatte mir nicht mehr die Mühe gemacht, den anderen von Snapes Bemerkung zu erzählen und lief neben Ron und Harry die Wendeltreppe zu Prof. Trelawneys Klassenzimmer hoch. Im Raum angekommen setzen wir uns an den Tisch vom letzten Mal und ich suchte in der Tasche nach meinem Traumtagebuch. Es war doch nicht so einfach, wie ich es Harry zuerst gesagt hatte, da ich in der letzten Zeit fast nur einen Traumlosen Schlaf gehabt hatte.
Mit einem Mal wurde es im Raum still und ich sah mich um, was der Grund für die plötzliche Stille war. Prof. Umbridge hatte den Raum betreten.
„Guten Tag, Professor Trelawney", sagte sie mit ihrem breiten Lächeln. „Sie haben meine Benachrichtigung erhalten, hoffe ich? Mit Datum und Uhrzeit ihrer Unterrichtsinspektion?"
Prof. Trelawney nickte und begann die Bücher weiter auszuteilen, während sich Prof. Umbridge in einem Sessel hinsetzte und ein Klemmbrett hervorholte.
„Wir werden heute unser Studium prophetischer Träume fortsetzten", sagte sie in einem tapferen Versuch ihre mystische Tonlage zu finden, auch wenn ihre Stimme leicht zitterte. „Gehen sie zu zweit zusammen, bitte, und deuten sie mit Hilfe des Orakels die letzten nächtlichen Visionen ihres Partners."
Erschrocken sah ich mich um. Alle anderen saßen schon in Paaren – sogar Neville. Zu wem sollte ich mich jetzt setzten? Prof. Trelawney, die meinen suchenden Blick bemerkte kam zu mir und nahm mir die Entscheidung ab.
„Du hast ja gar keinen Partner, Lotty", sagte sie. „Am besten, du setzt dich zu dem Jungen da drüben, damit du nicht alleine bist."
Ich folgte ihrem Finger und sah, dass sie diesen blonden Jungen meinte… Dr… Dragomir hieß er, soweit ich mich erinnern konnte. Missmutig setzte ich mich in Bewegung. Es war kein Geheimnis geblieben, dass Harry, Ron und Hermine (und auch sonst keiner aus Gryffindor) ihn leiden konnte.
„Was willst du hier?", fragte er, als ich mich an seinen Tisch setzte.
„Ich… Prof. Trelawney meinte, ich soll mich zu dir setzten… wegen der Partnerarbeit", sagte ich zögernd.
„Ich will nicht mit jemandem über meine Träume reden", sagte er abfällig. „Und schon gar nicht mit jemandem aus Gryffindor."
Er sagte es, als wäre es eine unglaubliche Schande, wenn er auch nur mehr, als ein paar Wörter mit mir wechseln würde. So, als hätte ich eine unheilbare Krankheit. Missmutig sah ich mich im Raum um. Alle redeten mit einander. Auch wenn sie nicht über ihre Träume redeten, so redeten sie wenigstens und mussten nicht so gelangweilt herumsitzen, wie ich…
„Du bist die Neue, oder?", fragte er.
„Das hast du dir aber gut gemerkt", sagte ich kühl.
Es entstand wieder eine Pause, in der ich mich unruhig im Raum umsah.
„Warum habe ich dich noch nie hier gesehen?", fragte er.
„Warum sollte ich dir das erzählen, Dragomir!", sagte ich ärgerlich.
Und dann geschah etwas Seltsames. Sein Gesichtsausdruck wurde erst reglos und er starrte mich fassungslos an und dann… begann er zu lachen. Doch es war kein kühles Lachen und es war auch kein Lachanfall… es war eher so etwas, wie wirkliche Belustigung.
„Zu deiner Info, Lotty", sagte er immer noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Ich heiße Draco."
„Und ich heiße Lucy", sagte ich.
„Dann sind wir jetzt quitt, Lucy."
„Warum denken sie eigentlich, dass du so gemein bist… ich meine die anderen?", fragte ich.
„Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Slytherin bin", sagte Draco.
„Aber das kann doch nicht ein Grund sein, um jemanden zu hassen. Ich meine, so schlimm bist du doch nun auch nicht", sagte ich und Draco sah mich an. Er sah mich ziemlich lange an, was mich nervös machte. Ich hasste es, wenn man mich stundenlang musterte. Als ich ihm in seine (unglaublich blauen Augen sah) begann er zu sprechen.
„Du bist nicht, wie die anderen Gryffindors. Irgendwas an dir ist anders", sagte er. „Von welcher Schule kommst du?"
Doch bevor ich ihm antworten konnte kamen Prof. Trelawney und Prof. Umbridge so nahe, dass ich ihnen, bei ihrem Gespräch zuhören konnte.
„Und sie sind eine Ururenkelin der berühmten Seherin Cassandra Trelawney?", fragte Prof. Umbridge.
„Ja", antwortete Prof. Trelawney und Prof. Umbridge machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett.
„Aber ich vermute – korrigieren sie mich, wenn ich mich irre –, dass sie die Erste in ihrer Familie, seit Cassandra sind, die mit dem zweiten Gesicht begabt ist?"
„Diese Dinge überspringen oft…ähm… drei Generationen", erwiderte Prof. Trelawney und ich sah zu Draco. Offensichtlich war ich nicht die Einzige, die diesem Gespräch lauschte.
„Natürlich", sagte Prof. Umbridge süßlich und machte sie wieder eine Notiz. „Nun, vielleicht können sie einfach mal etwas für mich voraussagen?"
Prof. Trelawney erstarrte schlagartig. „Ich habe sie nicht ganz verstanden", sagte sie und griff krampfartig nach ihrem Schal.
„Ich möchte, dass sie mir etwas voraussagen", erklärte Prof. Umbridge.
„Das innere Auge sieht nicht auf Befehl", sagte sie entrüstet.
„Verstehe", entgegnete Prof. Umbridge sanft und machte sich eine weitere Notiz.
„Ich… aber…aber…warten sie!", sagte Prof. Trelawney plötzlich. „Ich… ich glaube, ich sehe etwas… etwas, das sie betrifft… ach, ich spüre etwas… etwas Dunkles… eine abgrundtiefe Gefahr… Ich fürchte… ich fürchte, sie sind in abgrundtiefer Gefahr!"
Stille trat ein.
„Schön", sagte sie sanft und fing wieder an auf ihrem Klemmbrett zu kritzeln. „Nun, wenn das alles ist, was sie können…"
Der Rest des Unterrichts war genauso langweilig, wie davor. Nur, dass sich Prof. Umbridge jetzt noch mehr Notizen machte und Prof. Trelawney so laut es ging Harrys Träume deutete, die er sich ausgedacht hatte, da er selbst auch keine Träume in letzter Zeit hatte.
Draco schien sich genug mit mir zu unterhalten haben, denn er hatte sich unbemerkt zu seinen Freunden aus Slytherin gesetzt und mich alleine am Tisch sitzen lassen.
Ich war Erleichtert, als der Unterricht zu Ende war und ich mich mit Harry und Ron zusammen auf den Weg zu Verteidigung gegen die dunklen Künste machte.
„Ich glaube dir nicht", sagte Harry plötzlich, als wir die Hälfte der Treppe schon hinter uns gelassen hatten.
„Was?", fragte ich.
„Ich glaube dir nicht, dass es dir gut geht", sagte er. „Ich meine, sieh dich doch mal an. Du bist viel blasser als sonst."
„Ach Unsinn", sagte ich. „Prof. Trelawney macht dich noch mit ihren Vorhersagen ganz verrückt."
„Nein, wirklich", sagte Harry.
„Harry, mir geht es gut!", sagte ich. „Ich habe vielleicht ein bisschen Kopfschmerzen und bin müde, aber das war es–"
Ich stoppte im Satz, als ich stolperte. Zum Glück war Harry da, der mich noch rechtzeitig am Ärmel festhielt, sonst wäre ich die ganze Wendeltreppe heruntergefallen. Doch seine Berührung rettete mich nicht nur von dem Fall, sie löste auch etwas anderes aus.
Plötzlich sah ich nicht mehr den Flur vor mir, sondern einen dunklen Raum, in dessen Mitte sich ein Podium befand, auf dem ein alter steinerner Bogen stand. Ein zerlumpter Vorhang wehte am Bogen und um das Podest herum waren wie in einer Arena steinerne Sitzbänke. Vorsichtig lief ich auf den Vorhang zu. Stimmen wisperten mir etwas ins Ohr, drängten mich dazu weiter zu laufen. Ich lief die Stufen herab und stand plötzlich vor dem Bogen auf dem Podest. Leichter Wind wehte mir entgegen, mit einem Geruch, den ich nicht beschreiben konnte. Ich wollten den Vorhang berühren, zur Seite ziehen. Ich wollte wissen, was dort hinter war. Ich streckte meine Hand aus und…
„Lucy! Lucy, wach bitte auf. Lucy!"
Jemand rüttelte an meinen Schulter und ich schlug langsam die Augen auf. Grelles Licht blendete mich und ich kniff meine Augen wieder zusammen. Mein Kopf tat seltsam weh, so als wäre ich gegen eine Mauer gerannt und meine Beine zitterten.
„W-Was ist gerade passiert?", fragte ich und versuchte mich am Treppengeländer hochzuziehen. „Bin ich die Treppe heruntergefallen?"
„Nein", sagten Harry und Ron gleichzeitig.
„Aber… was ist denn dann passiert?", fragte ich.
„Du… du bist gestolpert", sagte Harry und stützte mich, als meine Beine drohten unter mir zusammen zu sacken. „Ich habe dich festgehalten, doch du bist zusammengezuckt, hast dich verkrampft und dein Blick ist ganz glasig geworden."
„Und dann hast du etwas von einem Vorhang gesagt, den du anfassen wolltest", sagte Ron. „Das war wirklich gruselig."
„Soll ich dich in den Krankenflügel bringen?", fragte Harry, als meine Beine zu zittern begannen.
„Nein", sagte ich. „Nein, mir ist ja nichts passiert – oh!"
Meine Füße waren unter mir weggeknickt und ich saß plötzlich auf einer der Steinstufen mitten auf der Treppe.
„Kannst du aufstehen?", fragte Harry. Ich versuchte angestrengt mein Bein durchzudrücken und mich aufzurichten, aber es funktionierte nicht.
„Oh Gott, was passiert nur mit mir?", fragte ich ängstlich.
„Keine Sorge", sagte Harry. „Ich gehe und hole Prof. McGonagall."
Panisch sah ich zu Ron. „Was ist denn mit mir los?"
Ron zuckte nur mit den Schultern. „Seitdem ich mit Harry befreundet bin, passieren eigentlich dauernd merkwürdige Dinge, aber so etwas ist uns noch nie passiert."
Schweigend warteten wir auf der Treppe. Schüler liefen an uns vorbei, während mir schreckliche Gedanken durch den Kopf schossen. Würde ich jemals wieder laufen können? Gefühlte Stunden später kam Harry mit Prof. McGonagall wieder.
„Miss Prince", sagte Prof. McGonagall außer Atem. Anscheinend hatte sie sich sehr beeilt. „Was ist denn passiert? Potter hat mir gesagt, dass sie nicht mehr laufen können."
„Ich… ich weiß es auch nicht", sagte ich. „Eben stand ich noch auf der Treppe und dann war ich plötzlich in einem seltsamen Raum. Es war dunkel und kühl und da war dieser Bogen mit dem Vorhang… Ich wollte ihn berühren und dann… dann lag ich plötzlich auf Treppe und jetzt kann ich nicht mehr aufstehen."
Prof. McGonagall sah mich nachdenklich an.
„Sie ist gestolpert und ich habe sie festgehalten, damit sie nicht fällt", sagte Harry jetzt. „Doch dann hat sie sich plötzlich verkrampft und ihr Blick ist so glasig geworden…"
Ein wissender Ausdruck machte sich auf Prof. McGonagalls Gesicht breit. Inzwischen war es im Flur leer geworden. Der Unterricht musste begonnen haben.
„Ich denke, ich weiß was sie haben", sagte sie und sah mich ungläubig an. „Potter und Weasley, sie gehen jetzt besser zu ihrem Unterricht, ich werde mich schon um diese Sache kümmern."
Harry und Ron sahen nicht so aus, als würden sie mich gerne freiwillig verlassen, doch nach einigen Augenblicken setzten sie sich dann doch in Bewegung.
„Bis nachher, Lucy", sagte Ron und verschwand um die nächste Windung der Treppe.
„Denken sie, sie können ihre Beine jetzt wieder belasten?", fragte Prof. McGonagall, als sie weg waren.
„Ich weiß nicht", sagte ich und probierte noch einmal aufzustehen. Erleichtert stellte ich fest, dass ich wieder stehen konnte.
„Geht es?", fragte Prof. McGonagall.
Ich nickte zögerlich und folgte ihr langsam wieder die Treppe nach oben. Oben angekommen wies sie mir an, mich hinzusetzten und ich ließ mich erleichtert auf eine Treppenstufe sinken.
„Ich bin gleich wieder da", sagte sie und verschwand in Prof. Trelawneys Klassenraum.
Ein paar Minuten später war sie wieder da und Prof. Trelawney folgte ihr.
Was will sie denn hier?, fragte ich mich.
„Ist es wirklich wahr?", fragte Prof. Trelawney aufgeregt und sie schien nicht mehr im Geringsten über Prof. Umbridges Unterrichtsbesuch verärgert zu sein. „Hatte sie gerade wirklich–"
„Ja, es ist wahr", sagte Prof. McGonagall und ich fragte mich, was sie damit meinte.
Prof. Trelawney sah mich aufgeregt an. „Wie war es? Was hast du gesehen?"
„Ich… äh…"
„Ich denke, für Fragen ist nachher genug Zeit, Sibyll", sagte Prof. McGonagall und ich sah sie verwirrt an.
„Was ist denn gerade passiert? Was ist mit mir los?"
„Du hattest gerade deine erste Vision", sagte Prof. Trelawney. „Aber nicht nur irgendeine Vision. Es ist die Art von Vision, die nur sehr, sehr wenige Menschen haben. Denn nicht jeder besitzt ein angeborenes Inneres Auge."
Das klang viel zu verrückt um wahr zu sein.
„Oh, nein", sagte ich und lachte. „Ich habe ganz bestimmt kein angeborenes Inneres Auge. Ich kann ja noch nicht einmal einen einfachen Schwebezauber."
„Was denken sie denn, was es sonst war?", fragte Prof. McGonagall.
„Ich… ähm…", sagte ich. „Na ja…"
„Es war ganz sicher eine Vision", sagte Prof. Trelawney. „Ich wusste schon seit sie meinen Unterricht betreten hat, dass sie diese besondere Gabe hat."
Ich kam mir irgendwie blöd vor. Passierte das gerade wirklich?
„Nein, im ernst", sagte ich. „Ich bin ein ganz gewöhnliches Mädchen, an mir ist nicht besonders…"
„Du bist eine Hexe", sagte Prof. McGonagall.
„Ja, aber…"
„Bitte, Minerva, kann ich sie bei mir aufnehmen?", fragte Prof. Trelawney unruhig. „Dann könnte ich ihr zeigen, wie sie ihre Gabe einsetzten kann und sie kontrollieren kann."
„Das ist in der Tat gar keine so schlechte Idee", sagte Prof. McGonagall. „Sie könnten ihr dann auch all ihre Fragen zur magischen Welt beantworten und ihr helfen, sich schneller in unserer Welt einzuleben…"
Oh, nein, dachte ich. Bitte, bitte, lass das jetzt nicht wahr sein. Lieber würde ich im Kerker schlafen, als bei dieser Frau leben zu müssen!
„Was sagst du dazu, Lucy?", fragte Prof. McGonagall. „Somit könntest du alles noch schneller lernen und du wärst viel ungestörter, als im lauten Gryffindorgemeinschaftsraum…"
Als sie meinen nicht so begeisterten Blick sah fügte sie noch hinzu: „Natürlich gehst du weiterhin zum Unterricht und kannst dich mit deinen Freunden treffen. Nur zum schlafen und für die Hausaufgaben musst du nach hier oben kommen."
Ich war von der Idee immer noch nicht so begeistert, aber auf der anderen Hand, ging es doch sowieso nur darum, dass ich in erster Linie durch die Prüfungen kam. Also was sollte es schon? Ich war ja nicht aus der Welt und konnte meine neuen Freunde trotzdem noch sehen.
„Ja", sagte ich zögerlich. „Vielleicht ist das doch gar keine so schlechte Idee…"
„Also gut", sagte Prof. McGonagall. „Ich werde eine der Hauselfen bitten, dass sie ihnen ihre Sachen hierher bringt."
„Danke", sagte ich, obwohl ich mich eigentlich nicht so wirklich dankbar fühlte.
Hoffentlich lohnte es sich wirklich bei Prof. Trelawney zu wohnen und hoffentlich half sie mir diese neue Gabe unterdrücken zu können. Es wäre wirklich peinlich, wenn mir das im Unterricht passieren würde…
