Horatio unterdrückte ein Grinsen, doch dann holte ihn die Realität wieder ein und er seufzte. Was hätte ihr nicht alles passieren können! Er durfte gar nicht daran denken. Nachdenklich folgte er Betsy zum Strand. Dank seiner langen Beine holte er sie schnell ein, doch sie würdigte ihn keines Blickes. Eine Zeitlang liefen sie schweigend nebeneinander her, dann ergriff Horatio das Wort.
„Seit nahezu zehn Jahren fahre ich jetzt zur See, Miss Betsy, und sie können mir glauben, in dieser Zeit habe ich viel erlebt. Und ich meine wirklich viel. Ich habe gegen Franzosen und Spanier gekämpft, Duelle ausgetragen, saß in Kerkern und Gefängnissen ein, stand wegen Meuterei vor Gericht, den Galgen dicht vor Augen, habe Kameraden an meiner Seite sterben sehen, bin mehr als nur einmal dem Tod knapp von der Schippe gesprungen. Aber eins ist sicher: Nichts davon war so anstrengend, so nervenaufreibend wie die Aufgabe, sie wohlbehalten nach Nassau zu bringen."
Betsy blieb abrupt stehen und starrte ihn an. Sie dachte, er würde scherzen, doch konnte sie in seinen Augen keine Spur von Heiterkeit entdecken. Er sah bloß müde und resigniert aus und Betsy biss sich beschämt auf die Lippen. Wo waren ihre guten Vorsätze hin? Horatio erwiderte ihren Blick ernst und fuhr fort.
„Vielleicht könnten Sie ihren Freiheitsdrang solange zügeln, bis ich sie sicher in Nassau abgeliefert habe – wann immer das der Fall sein wird. Miss Betsy, nur weil wir hier noch niemanden entdeckt haben, heißt das noch lange nicht, dass wir alleine hier sind! Wir können uns Sorglosigkeit nicht leisten, verstehen Sie? Ich verspreche Ihnen, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um uns beide hier herauszuholen, aber bitte..." er machte eine Pause und schaute sie eindringlich an, „bitte tun Sie mir bloß einen winzig kleinen Gefallen: bleiben Sie immer in meiner Nähe! Wir können und werden diese Gegend erkunden, aber dann nur gemeinsam! Keine eigenmächtigen Wanderungen mehr, einverstanden? "
„Aber Mr. Hornblower, so ein paar Schritte am Strand entlang, das ist doch vollkommen ungefährlich und..." Horatio schüttelte entschieden den Kopf und seufzte. Musste sie denn immer Widerworte geben? Langsam wurde er ärgerlich.
„Nein, zum Teufel, nirgendwohin! Ich begleite Sie gerne auf Spaziergängen – wenn wir überhaupt die Muße dafür finden, da wir uns eher auf unser Überleben konzentrieren sollten – aber Sie gehen nicht alleine!" Seine Augen wurden dunkel und blitzten unheilverkündend. „Im übrigen habe ich nicht die geringsten Skrupel, sie irgendwo festzubinden, wenn Sie nicht hören wollen!"
Betsy, die oft genug mitbekommen hatte, wie effizient er auf dem Schiff für Ordnung sorgte, zweifelte daran keinen Augenblick. Sie würde nicht den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen, denn trotz seines freundlichen, umgänglichen Verhaltens, das sich oft hart an der Grenze zur Gutmütigkeit bewegte, strahlte er eine natürliche Autorität aus. Und diese Autorität spielte er im Zweifelsfall ohne das geringste Zögern aus.
„Ja, Sir", flüsterte sie kaum hörbar und senkte den Blick.
Horatio nickte kurz und fuhr nach einer Weile fort.
„Was hätten Sie denn gemacht, Miss Betsy, wenn nicht ich es gewesen wäre, der sie beim Baden im Teich entdeckt hätte?" Betsy erwiderte entsetzt seinen forschenden Blick und Horatio nickte innerlich zufrieden. Hatte er jetzt endlich einen Nerv bei ihr getroffen?
Die Vorstellung jagte Betsy in der Tat keinen geringen Schrecken ein. In ihrer Arglosigkeit hatte sie an Szenarien dieser Art nicht den geringsten Gedanken verschwendet. Natürlich hatte er recht – sie wussten nicht sicher, ob und wer sich noch hier herumtreiben würde. Horatio war ein Gentleman durch und durch, vertrauenswürdig und pflichtbewusst, von ihm hatte sie nichts zu befürchten, aber selbst irgendein Mitglied der Schiffsbesatzung hätte ihr gefährlich werden können – so ganz allein da draußen am Teich...
Sie biss sich auf die Lippen und schweigend legten sie das letzte Stück zu ihrem kleinen Lagerplatz zurück.
Betsy machte sich sofort daran, ihnen ein Frühstück zu servieren und Horatio dankte ihr mit einem Lächeln. Er war nicht verwöhnt, was das Essen an Bord eines Schiffes anging und würde mit ihren kargen Vorräten und der geringen Abwechslung problemlos zurechtkommen – es blieb ihnen wenig anderes übrig. Er schmunzelte in sich hinein, als er Betsys betrübten Gesichtsausdruck sah, mit dem sie den Apfel und den Schiffszwieback musterte. Aber sie beklagte sich nicht. Tapferer, kleiner Wildfang, dachte er fast liebevoll.
„Wir müssen unbedingt frisches Wasser holen", meinte Horatio, als sie ihr karges Mahl beendet hatten. „Und dann sehen, dass wir uns einen Regen- und Windschutz errichten. Wir werden nicht jede Nacht das Glück haben, im Trockenen schlafen zu können."
Betsy nickte zustimmend. Ihre Gedanken wanderten für einen kurzen Moment zurück zur vergangenen Nacht und sie errötete sanft. Wie würden sie heute nacht wohl schlafen? Bloß nicht daran denken! Schnell sprang sie auf und kramte in den Kisten nach geeigneten Behältnissen für ihren Frischwasservorrat. Horatio hatte ein mittelgroßes Fass ausfindig gemacht und Betsy konnte zwei Kannen beisteuern. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg zurück zum Fluss.
„Wir könnten noch ein Stück weiter am Fluss entlanglaufen als nur bis zum Teich und sehen, ob wir vielleicht sogar zur Quelle kommen, es ist ja noch früh am Tag und so könnten wir gleich ein Stück der Umgebung erkunden", schlug Horatio vor. Sein Blick fiel auf ihre umwickelten Füße. „Wenn Sie richtig laufen können, natürlich nur."
„Gute Idee", stimmte Betsy zu. „Ich kann fast wieder schmerzfrei gehen, keine Sorge." Horatio nickte.
„Aber Sie sagen sofort, wenn es zuviel wird, hören Sie?" Betsys Augen blitzten amüsiert.
„Würden Sie mich dann den ganzen Weg zurücktragen, Sir?" Horatio errötete sanft, sehr zu ihrer Belustigung, aber er schwieg nur dazu.
Betsy lachte ihr helles, fröhliches Lachen, das Horatio insgeheim so bezaubernd fand, tätschelte unverfroren seinen Arm und sprang vorneweg in Richtung Teich. Horatio folgte ihr kopfschüttelnd, konnte sich ein Lächeln aber nicht ganz verkneifen.
Zu ihrer großen Freude war der Weg bis zur Quelle tatsächlich gar nicht mehr weit. Schnell füllten sie ihre Behälter mit dem glasklaren Wasser und entschieden sich – weil sie für heute zu arg beladen waren – wieder zum Strand zurückzugehen und die Zeit lieber dafür zu nutzen, ein Regendach zu bauen. Am Teich machten sie eine kurze Pause und Betsy bemerkte den sehnsüchtigen Blick in Horatios Augen. Sie deutete ihn richtig.
„Sie möchten gerne ein Bad nehmen, hab ich recht, Sir?" fragte sie und Horatio blickte sie überrascht an. Er nickte verlegen.
„Nun ja, ich habe daran gedacht, in der Tat. Aber wir sollten eher..."
„Na dann springen Sie doch schnell hinein! Ich warte auch hier – ganz brav. Und passe auf, dass Sie niemand belästigt." Horatio lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, Miss Betsy, wir sollten lieber..." Doch sie nahm ihm resolut das Wasserfässchen ab und zupfte an seiner Jacke.
„Unsinn! Das Wasser ist herrlich erfrischend und wir haben Zeit. Los, machen Sie schon!" Sie schob ihn fast mit Gewalt in Richtung Ufer. „Ich drehe mich auch um und guck nicht hin!" grinste sie.
Horatio seufzte. Die Verlockung war in der Tat gewaltig, aber warum sollte er ihr nicht nachgeben... Es würde ja nicht lange dauern. Betsy, die schon ein Stück weitergegangen war, blieb plötzlich stehen. Ihr war etwas eingefallen.
„Sir, wenn Sie... wenn Sie mir ihr Hemd geben möchten – ich wasche es dort drüben an der Furt ein bisschen aus und sie könnten in Ruhe ihr Bad nehmen..." Horatio blickte beschämt an sich hinab. Seine Kleidung war in einem wahrlich beklagenswerten Zustand. Als er sich übers Kinn fuhr, seufzte er innerlich. Gegen eine Rasur wäre auch nichts einzuwenden gewesen!
„Das ist sehr nett von Ihnen, Miss Betsy. Ich nehme ihr Angebot sehr gerne an. Aber bitte bleiben sie in der Nähe." Betsy nickte bloß und Horatio zog Jacke und Hemd aus. Sie vergaß vollkommen, die Augen abzuwenden und ließ ihre Blicke neugierig, um nicht zu sagen ungeniert über seinen nackten Oberkörper gleiten. Und ihr gefiel durchaus, was sie sah. Breite Schultern, schmale Hüften – perfekt verteilte Muskeln unter leichtgebräunter Haut. Sie wurde rot, als Horatio dezent hüstelte und ihr sein Hemd hinhielt, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen.
„Danke, Miss Betsy. Ich bin gleich wieder da, versprochen." Betsy griff hastig nach dem ehemals weißen Stück Stoff, nickte schweigend und machte sich daran, es im klaren Wasser des Flüsschens mit ein paar Kieselsteinen zu bearbeiten. Ihre Gedanken kreisten dabei unablässig um das eben Gesehene und ihr wurde ziemlich warm.
Horatio währenddessen vergewisserte sich, dass Betsy beschäftigt war und ihn nicht sehen konnte, entledigte sich schnell seiner Schuhe und Hose, öffnete das dunkelblaue Seidenband seines Zopfes, schüttelte die dunklen Locken aus und sprang mit einem wohligen Seufzer splitternackt in die kühlen Fluten. Wie erfrischend, wie überaus erfrischend! Mehrere Minuten plantschte er im Wasser herum, tauchte unter, machte ein paar Schwimmstöße, genoss die angenehme Kühle. Oh, er hätte ewig hier drinnen bleiben können! Doch es wäre nicht sonderlich nett gewesen, Betsy so lange warten zu lassen. Seufzend und etwas widerwillig begab er sich schließlich an den Rand des Ufers, wo seine Hose lag und kletterte aus dem Wasser. Er fuhr regelrecht zusammen, als er sich Betsy gegenüber sah, die ihn mit offenem Mund anstarrte und sehr, sehr rot geworden war.
