Wieder einmal ließ die Wirkung des Betäubungsmittels nach, aber es dauerte von Mal zu Mal länger, bis sie wieder einen einigermaßen klaren Kopf hatten.
John rappelte sich mühsam vom Boden auf und half dann Teyla auf eine der Pritschen. Auch Ronon und Carson kamen langsam wieder zu sich. Sie starrten wütend auf die Schalen mit dem grauen Brei, der sie mit Sicherheit wieder betäuben würde. Es war eigentlich keine Wahl, die sie hatten. Wenn sie das graue Zeug verweigerten, würden sie verhungern und außerdem würde die Soldaten kommen und sie sowieso betäuben. Es war eine no-win Situation und John hasste es sie tiefstem Herzen.
Plötzlich hörte er tumultartige Geräusche aus dem Gang. Er winkte die anderen an die Tür heran und sie lauschten.
Viel gab es nicht zu hören, nur das Geräusch rascher Schritte und gedämpfte Stimmen in einiger Entfernung. Dann hörten sie Schüsse und entfernte Explosionen.
„Tretet von der Tür weg", schallte eine Stimme zu ihnen hinein.
Sie sprangen rückwärts, an die Wand, die am weitesten von der Tür entfernt war.
Ein Knall, Staub, Rauch und Trümmerstücke hüllten sie ein, aber als sie wieder etwas sehen konnten, huschten Malin und einige Andere in ihre Zelle.
„Seid ihr in Ordnung? Könnt ihr laufen?"
Sie nickten benommen, rappelten sich dann aber auf.
„Schnell, ein paar eurer Leute sind gekommen, wir holen euch hier heraus, dann verschwindet ihr mit ihnen durch das Sternentor. Wir müssen uns beeilen, einige meiner Leute haben ein Ablenkungsmanöver gestartet, mit dem sie die Wachen und die Soldaten beschäftigen, aber ich weiß nicht, wie lange sie das durchhalten."
Er winkte ihnen, ihm zu folgen, doch John rief leise: „Rodney! Sie haben Dr. McKay von uns getrennt, wir müssen ihn holen."
Malin zögerte, dann nickte er. „Wo ist er?"
Eine Frau trat vor. „Ich weiß, wo die Einzelzellen sind. Ich durfte auch einmal Gast in diesem Verlies sein." Sie schluckte sichtbar und ein Ausdruck von Schmerz legte sich über ihr Gesicht. „Ich glaube ich finde seine Zelle."
Sie ging voran, bog in eine Gang links ein und blieb vor der zweiten Tür stehen. Es war die einzige Tür, die verschlossen war, die anderen standen offen.
„Hier. Glaube ich."
„Tiria!" Malin klang ungeduldig.
„Ja ja, ich glaube er ist dieser Gang hier. Ich war halb betäubt, als sie mich hergebracht haben. Und als sie mich freiließen, war ich zu erschüttert, um mir etwas zu merken", sagte sie zerknirscht.
Malin nickte. Dann klopfte er vorsichtig an der Tür, lauschte und schüttelte dann den Kopf. „Ich höre nichts."
„Ich fürchte, er ist zu schwach, um sich bemerkbar zu machen", meinte Carson besorgt.
„Wir sprengen das Schloss auf und hoffen, dass er weit genug von der Tür entfernt ist", meinte Malin und befestigte eine kleine Sprengladung am Türrahmen.
Die Geräusche in den Gängen wurden plötzlich lauter, als bewegten sich Kämpfer auf sie zu.
„Schnell", knurrte Ronon. „Ich halte uns den Rücken frei. Er streckte seine Hände den Leuten aus Malins Gruppe entgegen und nach einem fragenden Zögern verstanden sie. Zwei von ihnen reichten ihm ihre Waffen und Ronon nahm hinter der Gruppe seine Position ein.
Die jungen Leute taten es ihm instinktiv gleich und achteten darauf, ob der Kampflärm zu ihnen kommen würde.
Der Rest von ihnen ging in Deckung, als die Sprengladung auch schon hochging und mit einem fürchterlichen Knall, Staub und Rauch die Tür aus ihren Angeln fiel.
Doch statt scheppernd auf dem Boden aufzukommen, gab sie kein Geräusch von sich, als sie liegen blieb.
Blitzartig begriff John, dass das nur eines bedeuten konnte. Sie war auf Rodney gefallen.
Er sprang in die Zelle und zerrte die schwere Stahltür von der auf dem Boden liegenden Gestalt.
Carson folgte ihm und kniete sofort neben McKay nieder.
Er untersuchte ihn flüchtig und runzelte die Stirn. „Er ist sehr schwach, hat hohes Fieber und ist extrem dehydriert. Wir müssen ihn sofort hier raus und nach Atlantis bringen!"
Ronon war plötzlich neben ihnen erschienen und hob McKay ohne einen Kommentar, oder sichtbare Anstrengung auf seine Arme.
„Gehen wir", sagte er.
Malin führte sie durch einige Gänge in die tieferen Keller des Gebäudes. Hier folgten sie einigen weiteren Gängen, die, wie Malin ihnen erklärte, zu einem entfernten Ausgang führten. Offenbar waren das Fluchttunnel, die die Menschen hier nutzten, um bei Wraithangriffen in die Wälder zu entkommen.
Sie machten eine kurze Rast, damit Carson sich McKay genauer ansehen konnte und Malin berichtete ihnen, was geschehen war.
Offenbar hatte Atlantis nur kurz der Erklärung des Protektors geglaubt, was die Energieentladung beim Tor anging, die sie angeblich hatte verschwinden lassen.
Einer der Wissenschaftler, Radek Zelenka vermutete John, hatte die Toraufzeichnungen untersucht und festgestellt, dass es, während das Wurmloch etabliert gewesen war, keinerlei Anomalien gegeben hatte, die man in den Aufzeichnungen hätte finden müssen.
Also war eine weitere Delegation von Atlantis gekommen, um ihr Verschwinden vor Ort zu untersuchen, sie waren jedoch auf die strikte Ablehnung des Protektors und der Regierung gestoßen. Diese wiesen jede Schuld oder auch nur jedes Wissen von sich und verwiesen die atlantische Delegation des Planeten. Des Weiteren verbaten sie sich empört jeden weiteren Kontakt.
Zu diesem Zeitpunkt hatten Malin und seine Leute Kontakt zu den Atlantern aufgenommen und ihnen von der Verhaftung des Teams berichtet. Sie sagten ihre Hilfe zu und mit ihrer Unterstützung gelang es, ein weiteres Team auf den Planeten zu schmuggeln, das sich versteckte und darauf wartete, dass Malin Sheppard und seine Leute befreite.
Und nun waren sie hier. Der Puddeljumper mit dem anderen Team erwartete sie außerhalb der Hauptstadt und würde mit ihnen direkt zum Tor fliegen.
„Aber ihr seid mit uns zusammen gefangen genommen worden", fragte Sheppard misstrauisch nach.
„Das war nur eine Formalität", erklärte Tiria, die neben Malin hockte. „Malin ist beim Volk sehr beliebt, wir hoffen, dass er den Protektor bei den nächsten Wahlen ablösen kann. So war es nicht möglich, ihn dauerhaft verschwinden zu lassen. Man ließ uns frei und hoffte wohl, dass es zu keinerlei Zwischenfällen kommen würde, wenn ihre Leute die Geschichte des Protektors glauben würden. Immerhin hat er sich jedweden weiteren Kontakt verbeten, um sicher zu sein, ihre Leute nie wieder zu sehen."
Sheppard nickte. Das klang alles logisch und er war froh, dass es auf diesem Planeten auch andere Menschen gab, als nur die Regierung und die Soldaten, die ihr gegenüber loyal waren.
„Ich kann hier nichts für Rodney tun, ich habe nicht einmal meine Notausrüstung", meldete sich Beckett zu Wort. „Wenn wir ihn nicht schleunigst hier heraus bekommen, kann ich nicht sagen, ob er es überleben wird."
Wie, um diese Worte zu bestätigen, gab Rodney ein schwaches Stöhnen von sich, ohne jedoch die Augen zu öffnen.
„Wir müssen dafür sorgen, dass er bei Bewusstsein bleibt", sagte der Arzt, als Ronon McKay wieder aufhob.
Sie machten sich wieder auf den Weg, schweigend und voller Furcht um das Leben ihres Kameraden.
Es dauerte nicht mehr lange, dann endete der Gang in einer Tür, von der Malin erklärte, sie führe in den Wald. Sie traten hinaus in eine klare Nacht.
Geschützt durch das dichte Laubwerk, arbeiteten sie sich zum Rand des Waldes vor, wo sie von Major Lorne und seinem Team erwartet wurden. Gerade, als sie auf den Jumper zueilten, eröffnete jemand das Feuer auf sie. Ronon ließ McKay ins Gras gleiten und ergriff seine zwei Waffen.
John wollte gerade jemanden um eine Waffe bitten, als ihn ein Schuss in den Arm traf. Der Aufprall des Geschosses ließ ihn taumeln und er ging zu Boden.
Carson, der neben McKay in die Knie gegangen war, robbte zu John, um die Verletzung zu untersuchen. Bevor er sich von McKay abwendete, zog er einen von Lornes Team zu sich heran. Er zeigte auf McKay: „Achten Sie auf ihn und sorgen Sie dafür, dass er nicht das Bewusstsein verliert. Stellen Sie ihm alberne Fragen, wer er ist, wo er wohnt, was für ein Datum wir haben. Solche Dinge. Und passen Sie auf, dass niemand ihn verletzt!"
Ehe der junge Soldat reagieren konnte, schob sich Beckett auf John zu und untersuchte seinen Arm.
Der Soldat beugte sich über Rodney, rüttelte ihn leicht an der Schulter, aber außer einem Stöhnen bekam er keine Reaktion.
„Sir, hören Sie mich? Sir?" Der Soldat bemühte sich, eindringlich, aber nicht zu laut zu sprechen, um nicht die Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen.
„Sir? Können Sie mir sagen, wer Sie sind?"
Ein weiteres Stöhnen war die Antwort, dann teilten sich McKays Lippen,
„3727", flüsterte er krächzend, ohne die Augen zu öffnen.
Dann fiel er in eine tiefe Bewusstlosigkeit.
