7. Eintrag ins Logbuch: Barbossas Revanche
Als wir vor die Höhle traten, erwartete uns eine unschöne Überraschung: Barbossa stand mitsamt seiner Crew vor dem Höhleneingang und von der Black Pearl, Biney und der restlichen, ach so mutigen Mannschaft, war nichts mehr zu sehen.
„ Hallo, Freunde", griente Barbossa und entsicherte seine Waffe. „ Hände hoch!" So kam es, dass uns die Hände gefesselt wurden und sie uns auf die Interceptor luden. Dort steckten sie uns in ein Zimmer, das sie vorsorglich abschlossen. Elijah und Annabelle saßen aneinander gelehnt nebeneinander, Jack saß kippelnd auf einem Stuhl und knabberte lustlos an einem Apfel. Ich stand an einen Sekretär gelehnt da und starrte ins Nichts.
„ Ich frage mich nur, wo deine Mannschaft abgeblieben ist", meldete sich Elijah zu Wort.
„ Sind verduftet."
„ Feiglinge", zischte Annabelle.
„ Sie haben sich nur an den Kodex gehalten. Man kann nichts anderes und nicht mehr von ihnen erwarten", erwiderte Jack.
„ Der Kodex?", fragte ich interessiert.
„ Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen." Wir starrten Jack an.
„ Keine Helden unter Piraten, hm?", meinte Elijah. Jack zuckte die Schultern und schmiss den Apfel aus dem Fenster. In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Barbossa und ein paar seiner Männer trat ein.
„ Wer von euch hat den Ring?" Wir schwiegen. Plötzlich fiel Barbossas Blick auf Elijah. „ Ah, der da." Er zeigte auf Elijah. Seine Begleiter packten Elijah und hoben ihn hoch. Annabelle wollte dazwischengehen, doch sie wurde zurückgehalten. Die Piraten fanden rasch den Ring in Elijahs Hosentasche, ließen Elijah auf den Boden plumpsen und entschwanden zusammen mit Barbossa. Der Schlüssel drehte sich von außen im Schloss.
„ Hast du dir wehgetan", flüsterte Annabelle besorgt und stürzte zu Elijah, der den Kopf schüttelte.
„ Nein. Aber ich frage mich, wieso Barbossa wusste, dass ich den Ring habe..."
„ Wegen Bingo, deinem Onkel...", ertönte da Jacks Stimme. Wir starrten ihn an. „ Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Deswegen."
„ Dann kennt Barbossa also auch Bingo", stellte Elijah fest.
„ Klar. Barbossa war mein erster Maat damals. Er war es, der eine Meuterei gegen mich anzettelte und mich auf einer gottverlassenen Insel aussetzte. Die Pistole mit dem einzigen Schuss, die er mir damals gab, wartet immer noch darauf, dass dieser abgegeben wird und ihm sein Lebenslicht auspustet." Die Tür ging erneut auf. Elijah und Annabelle wurden gepackt.
„ Jetzt geht ihr von der Planke!" Ein anderer Pirat wandte sich an Jack und mich.
„ Und ihr beide kommt in den Kerker..."
Die Crew Barbossas stand an Deck und jubelte bei dem Gedanken daran, dass Elijah und Annabelle, die eben auf Deck geführt wurden, gleich von der Planke gehen würden. Auch Barbossa tauchte auf, mit einem feisten Grinsen im Gesicht und dem Ring auf seinem dicken kleinen Finger.
„ Tja, ihr beiden Hübschen, jetzt geht es wohl doch zu den Haien, hm?" Er starrte Annabelle an und grinste. Er trat näher und berührte leicht ihre Wange, auf der lediglich ein heller Strich noch an die kleine Wunde erinnerte.
„ Eigentlich schade... So ein hübsches Mädchen wie du..." Barbossa seufzte und zuckte mit den Schultern. Die anderen Piraten begannen zu grölen und zu kreischen. Sie machten eine Gasse in Richtung Planke frei und brüllte Aufforderungen.
„ Elijah! Ich hab Angst", murmelte Annabelle und schmiegte sich an ihn.
„ Kein Sorge, ich bin ja bei dir", erwiderte Elijah und lächelte sie liebevoll an. Annabelle nickte tapfer und erwiderte verliebt sein Lächeln. Sie waren zusammen und das war die Hauptsache.
„ Wenn ich bitten darf..." Barbossa deutete in Richtung Planke und grinste freudig. Annabelle schluckte und tauschte einen Blick mit Elijah. Da nahm Elijah all seinen Mut zusammen und trat vor.
„ Ich verlange, wie es üblich ist, eine Pistole mit einem Schuss!", rief er. Barbossa zog die Brauen hoch, dann grinste er.
„ Ich sehe schon. Du hattest in Jack einen guten Lehrmeister... – Bringt ihm eine Pistole!" Eine Pistole wurde herbeigebracht und Elijah in die verbundenen Hände gedrückt.
„ Kann ich sonst noch etwas für dich tun?", fragte Barbossa schmierig lächelnd.
„ Na ja... Also müssen wir wirklich über die Planke...", begann Elijah, als man ihm einen heftigen Schubs gab und er auf eben dieser landete.
„ Keine Scherze mehr, Bürschchen. Und jetzt, spring!", brüllte Barbossa und fuchtelte mit seinem Degen herum. Elijah schluckte und starrte hinab ins Wasser. Es war klar, wie es eben die Karibische See ist und er konnte keine Haie entdecken. Also umklammerte er die Pistole fester und sprang dann mit einem zweifachen Salto ins Wasser. Die Piraten jubelten und einer hob zwei Pappschilder mit der Aufschrift 8.0 hoch. Annabelle war die Nächste. Sie schritt stolz, so stolz wie man eben sein kann, wenn man über die Planke geht, auf besagte und spürte, wie ihre Beine nachgeben wollten. Sie hatte ja gar nicht gewusst, wie hoch die Planke über dem Meer lag. Sie schluckte und starrte wie hypnotisiert hinab. Sie wusste, dass dies genau das Falsche war, aber es ist ja auch so, dass man immer dann hinunter sieht, wenn ein anderer sagt, man solle es nicht tun. So pervers ist halt der Mensch und so starrte Annabelle hinab in die Tiefe und ihr sackten die Beine weg. Sie schlug hart mit den Knien auf der Planke auf. Ein Pirat wollte schon mit einem Wasserglas zu ihr laufen, doch Barbossa hielt ihn mit einem bösen Blick zurück.
„ Was ist los?", brüllte er. Annabelle erwiderte nichts, sie hielt heftig die Augen geschlossen.
„ Komm, Anna!", ertönte es da von unten aus Elijahs Mund. „ Das Wasser ist ganz warm!" Seine Stimme klang wie in Watte gepackt und auch sonst nahm sie die Welt kaum noch wahr, sie spürte nur noch dieses furchtbare Kribbeln in der Magengrube und die Angst vorm Fallen.
„ Kommst du?", brüllte Elijah.
„ Ich kann mich nicht bewegen!", erwiderte sie mit zitternder Stimme.
„ Lass dich fallen!", schlug Elijah vor. Annabelle nickte leicht, lehnte sich ein wenig nach rechts, spürte den heftigen Seewind und das Kribbeln in der Magengrube wurde heftiger. Dann fiel sie hinab, immer noch in der knienden Position, die Augen fest geschlossen. Die Piraten grölten. 9.5, ein gutes Ergebnis.
Als Annabelle aufkam, war es ihr, als lande sie in einem warmen Bett. Das Wasser hatte tatsächlich eine angenehme Temperatur. Als sie wieder an die Oberfläche kam, riss sie die Augen auf und blickte direkt in die von Elijah, die sie anstrahlten, dass noch nicht einmal die traumhafte Farbe des Meeres dagegen bestehen konnte.
„ Du warst sehr mutig!", lobte er sie und sie konnte sich ein stolzes Lächeln nicht verkneifen. Dann paddelten sie zu der nahe gelegenen Insel.
„Missy... Willst du nicht aus deiner Ecke in die meine kommen? Wir sind doch jetzt Leidensgenossen." Jack ließ sich auf dem Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Gitter.
„ Du hast solch ein Glück, dass mir im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden sind!", erwiderte ich nur und hob meine gefesselten Arme. Dann setzte auch ich mich nieder. Es war nicht gerade gemütlich, die Gitterstäbe drückten in meinen Rücken und eine feuchte Kühle stieg vom Boden auf.
„ Du holst dir noch den Tod, Missy..." Plötzlich stand Jack neben mir, ganz ohne seine Fesseln und er hing mir seinen Mantel um, bevor er auch meine Fesseln löste.
„ Vielen Dank." Ich rieb mir meine schmerzenden Handgelenke.
„ Alter Piratentrick." Damit setzte er sich neben mich und legte mir vorsichtig den Arm um die Schultern, als erwartete er bereits die Ohrfeige, doch ich war zu müde.
„ Du solltest ein wenig schlafen", meinte er auch sanft. Ich nickte und lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter, bevor ich die Augen schloss. Er war angenehm warm und roch nach Meersalz, Rum und Tabak. Eigentlich war er gar nicht mal so ein übler Kerl... Ich spürte nur noch, wie er mir übers Haar strich, bevor ich einschlief.
Die Insel war wunderschön. Ziemlich klein, aber dicht mit Palmen und kleinen, mit Beeren behangenen Büschen bewachsen. Elijah und Annabelle begannen sofort, sie zu erkunden und trugen rasch, nachdem sie ihre Fesseln gelöst hatten, Feuerholz, Beeren, seltsame Zitrusfrüchte und anderes zusammen. Annabelle entdeckte sogar ein verfallenes Haus auf dessen Tür in einem Herz Freitag und Robinson for ever stand. In dem Haus gab es ein paar Töpfe und eine Pfanne, die sie frech mitnahm. Außerdem entdeckte sie noch ein paar Kartoffeln und beschloss, diese ihrem Abendessen beizufügen.
Das Entzünden des Lagerfeuers stellte sich allerdings als schwieriger heraus, als erwartet. Sie hatten ja keine Streichhölzer oder so dabei. Sie überlegten einige Zeit und schließlich beschloss Elijah, zwei Stöcke aneinander zu reiben und damit ein Feuer zu entfachen. So saß er schließlich an die zwei Stunden da, der Schweiß rann ihm übers Gesicht und er rieb wie blöde die Stöcke aneinander.
„ Elijah, das bringt nichts...", seufzte Annabelle.
„ Ich habe vorhin einen Funken gesehen", erwiderte er verbissen. Das behauptete er nun schon seit eineinhalb Stunden. Annabelle stöhnte nur und griff nach einem scharfen, schwarzen Stein, mit dem sie die Kartoffeln zu schälen begann. Nach einer Weile war der Stein jedoch stumpf und sie beschloss, ihn an einem dicken Brocken zu schärfen, der zwischen ihr und Elijah lag. Sie rieb den Stein also dagegen, als sich plötzlich ein Funke löste, auf das Feuerholz sprang und es entzündete. Elijah sprang auf und begann herum zu tanzen.
„ Ich hab's doch gesagt! Da war ein Funke!", rief er und Annabelle verdrehte lachend die Augen. „ Ich habe Feuer gemacht!", brüllte Elijah auf die See hinaus und Annabelle lachte noch viel mehr. Schnaufend ließ er sich neben ihr in den Sand fallen.
„ Gut, ich habe Feuer gemacht, jetzt kannst du die Kartoffeln machen!", meinte er.
Sie machten die Kartoffeln natürlich zusammen. Sie schälten sie und schnitten sie in kleine Stücke. Das Braten allerdings übernahm Annabelle. Sie brutzelte die Kartoffeln über dem Feuer und Elijah betrachtete sie verträumt. (Wahrscheinlich dachte er gerade daran, wie es wäre, wenn sie seine Frau wäre und ihm täglich Kartoffeln briete.)
„ Wäre doch toll, wenn wir für immer auf der Insel wären", meinte er dann auch.
„ Ja..." Annabelle nickte und sah vor ihrem geistigen Augen ein Herz in eine Tür eingeritzt, in dem Elijah und Annabelle for ever stand. Sie seufzte leise. „ Du könntest Wasser holen. Ich habe einen kleinen Fluss in der Mitte der Insel gesehen."
„ Aye!" Er stand auf und machte sich auf den Weg.
Als er zurückkam, war das Essen fertig und Annabelle hatte es liebevoll auf große, grüne Blätter drapiert. Elijah setzte sich und stellte zwei Becher und eine Kanne zwischen sie.
„ Die habe ich im Haus gefunden", erklärte er auf Annabelles fragenden Blick.
„ Hmhm. Nun probier das Essen!", forderte sie ihn gespannt auf. Er nickte und griff zu. (An Gabeln hatte er nämlich nicht gedacht...) Er stopfte sich eine Handvoll in den Mund, kaute heftig, schluckte und erstarrte. Annabelle guckte ihn fragend an.
„ Was ist los?", wollte sie wissen. Er spuckte die im Mund verbliebenen Bratkartoffeln in einem hohen Bogen ins Gebüsch.
„ Heiß!", erklärte er und trank rasch ein Glas Wasser. Annabelle nickte und probierte jetzt auch, um sie ebenfalls weg zu spucken.
„ Heiß!", meinte sie und trank rasch etwas. Die schmecken ja greulich., dachte sie errötend.1
Das Essen fiel also aus, bestand lediglich aus ein paar Beeren und schließlich senkte sich der Abend hernieder. Das Lagerfeuer knisterte leise und spiegelte sich in den Augen derer wider, die drum herum saßen. Annabelle lehnte sich leicht zurück und blickte hinauf in den sternklaren Himmel.
„ Man sieht die Sterne heute Nacht so gut!", seufzte sie leise und verträumt.
„ Hmmm." Sie spürte, wie Elijah seine Hand auf die ihre legte. „ Alle nur für dich!" Ihre Blicke begegneten einander. Er streckte die andere Hand aus, um ihr Gesicht zu berühren, ihr Haar. Dabei blickte er sie unverwandt an, bevor er sich vorbeugte und sie scheu küsste.
„ Elijah...", murmelte Annabelle danach leise und fuhr ihm übers Haar.
„ Ich liebe dich, Annabelle", flüsterte Elijah und streichelte sacht ihre Wange. Die Sterne glänzten in seinen blauen Augen, als wären sie direkt in ihrem Ozean versunken.
„ Ich liebe dich auch, Elijah", erwiderte sie zärtlich, bevor sie sich erneut küssten.
„ Sieh an! Zwei Turteltäubchen, gefangen in einem Käfig!", ertönte am nächsten Morgen eine Stimme und riss mich aus dem Schlaf. Es war einer von Barbossas Leuten, einer mit Augenklappe, der grinsend vor dem Kerker stand, in dem Jack und ich saßen. Jack raffte sich nun auch auf und nahm eine verächtliche Position ein.
„ Guten Morgen, Dog Ear. Heute mal kein Knochengestell?" Dog Ear verzog das Gesicht und spuckte Jack ins Gesicht.
„ Idiot!", fauchte er und entschwand wieder. Ich stand auf, nahm eines der Enden von Jacks Kopftuch und wischte ihm übers Gesicht.
„ Danke", sagte er, starrte dann auf das Tuchende. „ Du hast es mit meinem Kopftuch...!", empörte er sich.
„ Natürlich! Womit denn sonst!", erwiderte ich.
„ Mit deinem Ärmel vielleicht? Dem Rockzipfel? Das macht man so", war seine beleidigte Antwort. Ich stöhnte nur genervt, als Dog Ear erneut erschien, diesmal mit einem anderen Piraten.
„ Jetzt geht ihr über die Planke!", versprach uns Dog Ear, schloss die Kerkertür auf und trat zusammen mit dem anderen Piraten ein. Sie fesselten uns erneut die Hände, packten uns dann an den Schultern und schubsten uns vor sich her. So brachten sie uns an Deck, wo bereits die restliche Mannschaft Barbossas inklusive ihm versammelt war und uns hämisch entgegen grinste. Mir wurde heiß und kalt. Ich wusste, dass ich es nicht einmal bis zur Insel schaffen würde, da ich nicht schwimmen konnte. Mit verbundenen Händen erst recht nicht.
„ Tja, das ist wohl das Ende unserer kleinen gemeinsamen Fahrt und es ist alles gut. Ich habe den Ring, den gesamten Schatz und ihr beide seid bald auf einer gottverlassenen Insel." Barbossa kam während er sprach, langsam auf uns zu. „ Erkennst du die Insel wieder, Jack? Es ist dieselbe, auf der wir dich schon einmal aussetzten. Nett, nicht?"
„ Sehr nett", erwiderte Jack gequält.
„ Ich bin gespannt, ob dir noch einmal solch eine Flucht gelingt..." Er grinste Jack an und tätschelte ihm den Kopf. „ Ich bezweifle es." Jack lächelte ihn süß-sauer an. Barbossa wandte sich währenddessen an mich.
„ Schade, dass du dich der falschen Seite angeschlossen hast. Was willst du mit Jack? Er ist ein Versager." Jack schnaufte.
„ Er ist ehrlich im Gegensatz zu Euch", fauchte ich ihm entgegen. Barbossa grinste verächtlich und Jack schien um zwei Zentimeter zu wachsen.
„ So ein hübsches Mädchen..." Barbossa wollte mich an der Wange berühren, doch schon war Jack wie der Blitz zwischen uns.
„ Wage es nicht", knurrte er. Barbossa kicherte leise.
„ Jack, der Held. Schade, dass du bald mit deiner Angebeteten auf dieser Insel verrotten wirst." Barbossa drehte sich auf den Absatz um und trat zur Planke. Die anderen Piraten begannen zu jubeln. Sie ahnten, worauf das hinauslief.
„ Jack!" Ich schob mich neben ihn, seine Wärme beruhigte mich auf sonderbare Weise.
„ Keine Sorge! Wenn wir erst einmal auf der Insel sind...", begann Jack, doch ich unterbrach ihn heftig:
„ Ich kann nicht schwimmen!"
„ Was?!" Er starrte mich groß an. Ich nickte und er schluckte schwer. „ Keine Angst, ich helfe dir, Love." Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. Ich nickte und war plötzlich glücklich, dass er hier bei mir war.
„ Ab über die Planke!", grinste Barbossa.
„ Moment!", rief Jack. Die Piraten stöhnten auf.
„ Das hab ich schon damals nicht an ihm gemocht", murmelte eine Stimme und Jack warf demjenigen dem sie gehörte einen bösen Blick zu, bevor er an Barbossa gerichtet fortfuhr:
„ Schneide die Fesseln des Mädchens durch. Als Gentleman." Er sprach Gentleman mit besonderer Betonung aus, fast als halte er Barbossa tatsächlich für einen. Barbossa schien kurz zu überlegen.
„ Also gut." Er winkte jemanden heran und mir wurden die Fesseln durchtrennt. Ich atmete auf.
„ Und beim letzten Mal hatte ich eine Pistole", merkte Jack an. Barbossa seufzte und verlangte nach Jacks Pistole. Er schob sie ihm ins um die Hüften gebundene Tuch und hing ihm rasch den Gürtel mit dem Degen um.
„ Jetzt aber von der Planke!", brüllte Barbossa dann. Jack wollte vorgehen, doch zwei Piraten packten ihn und hielten ihn mit Gewalt zurück.
„ Ladys First", grinste Barbossa und machte eine leichte Verbeugung vor mir, wobei er in Richtung Planke deutete. Ich setzte mich langsam und zitternd in Bewegung. Ich betrat langsam das Brett und wandte mich noch einmal nach Jack um. Er warf mir einen beruhigenden Blick zu und ich ging langsam weiter. Ich spürte ein Kribbeln an den Füßen, da ich Höhenangst hatte. Am Ende der Planke blieb ich schließlich stehen. Ich traute mich nicht. Ich würde versinken wie ein Stein. Ich wandte mich noch einmal nach Jack um. Er formte ein Wort mit seinen Lippen. Ding? Sing? Ring? Schilling? Ach nein, Spring! Ich schüttelte den Kopf.
„ Was ist denn nun?!", knurrte Barbossa.
„ Ich springe nur mit... mit meinem Geliebten an meiner Seite", stieß ich hervor und Jack bekam kugelrunde Augen. Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Diese Situation verlangte nun mal gewisse Lügen...
„ Mein Gott! Nun geh schon!" Barbossa packte Jack und schleuderte ihn in Richtung Planke. Als Jack neben mir war, fühlte ich mich schon viel sicherer.
„ Geliebter?!", flüsterte er.
„ Sei still!", erwiderte ich verlegen.
„ Springt endlich!", brüllte Barbossa. Ich packte Jack am Arm, schloss die Augen und dann sprangen wir. Es schien ewig zu dauern, bis wir auf dem Wasser aufkamen. Wir versanken zuerst, doch dann schossen wir an die Oberfläche, dort drohte ich, erneut zu versinken.
„ Zieh das Kleid aus!", rief Jack, der versuchte, mich trotz gefesselter Hände über Wasser zu halten. „ Oder löse meine Fesseln!", brüllte er. Ich versuchte es, es klappte aber nicht. Ich riss mir die Fingernägel ein, spürte aber kaum den Schmerz. Dann versuchte ich, mich aus dem Kleid zu schälen, ging unter, schaffte es, sank aber unaufhörlich. Doch plötzlich wurde ich von einer ungeheuren Kraft zurück an die Oberfläche gezogen und fand mich in Jacks Armen wieder, der irgendwie seine Fesseln gelöst hatte. Ich klammerte mich an ihm fest, während ich Wasser spuckte und versuchte, zu Atem zu kommen.
„ Ganz ruhig, Missy. Du kannst mich nachher gerne weiter umarmen, aber jetzt sollten wir lieber an Land kommen. Komm, versuch ein wenig mit den Beinen zu rudern. Ich bin ja bei dir." Zögerlich löste ich mich von ihm und blickte in seine sanften, dunklen Augen. Ich nickte leicht und versuchte, mit den Beinen zu rudern.
„ Na also. Jetzt..." Weiter kam Jack nicht, denn da knallte Schüsse neben uns aufs Wasser.
„ Verdammt! Die schießen auf uns!", rief Jack, der Schnellmerker, packte mich und ehe ich mich's versah, hatten wir uns der Insel genähert. Als ich Boden unter meinen Füßen spürte, ließ ich endlich seinen Hemdsärmel los und watete an Land. Mein dünnes Leinenkleid klebte wie eine zweite Haut an mir und ich war auf einige anzügliche Bemerkungen Jacks gefasst, doch der blickte nur atemlos zurück zum Schiff.
„ Schon wieder lässt er mich hier zurück... Wenigstens hat er diesmal nicht meine Black Pearl bekommen..." Dann setzte er sich hin und begann seine Pistole zu kontrollieren, das Wasser rauszulassen und sie wieder instand zu setzen. Ich nahm neben ihm Platz und sah interessiert zu und die Sonne und der warme Wind ließen mein Kleid innerhalb einer Viertelstunde trocknen.
„ Und wie kommen wir jetzt hier weg?", fragte ich schließlich.
„ Also wir könnten darauf hoffen, dass ein Schiff hier vorbeikommt, was wohl eher unwahrscheinlich ist. Oder vielleicht sucht uns unsere Crew, was noch unwahrscheinlicher ist", erwiderte Jack und fummelte weiter an seiner Waffe herum. Ich starrte ihn an.
„ Du bist sehr negativ", merkte ich an.
„ Ach was. Sieh dich doch mal um! Das reinste Paradies. Irgendwo dahinten hab ich noch Rum gebunkert und wir sind ganz alleine. Das hast du dir doch schon seit dem Anfang der Reise gewünscht, oder?" Er grinste mich an und ich blitzte zurück.
„ Ich hab aber keine Lust ausgerechnet mit dir hier zu sterben!", erwiderte ich und verkniff mir, dass ich sowieso noch nicht vorhatte zu sterben, ob mit oder ohne ihn.
„ Uns bleibt vielleicht ein Monat. Wir haben zu trinken – Rum, aber keine Nahrung. Vielleicht schaffen wir es auch länger", überlegte er laut.
„ Du warst doch schon einmal auf dieser Insel! Wie bist du entkommen?! – Also binde mir jetzt nicht die Geschichte mit den beiden Meeresschildkröten auf und auch nicht die mit den Menschenfressern, die dich angeblich zu ihrem König gemacht haben!", warnte ich ihn.
„ Ich hatte Glück damals. Ein Schiff mit Rum-Schmugglern kam hierher, doch ich fürchte, dass sie nicht wiederkommen werden. Ich habe gehört, dass sie gefasst wurden." Ich seufzte. Na toll! Plötzlich legte Jack seine Waffe beiseite und packte meine Hände. Also bitte, wenn er mich jetzt wieder anmachen wollte, dann...
„ Deine Hände bluten!", stellte er fest. Tatsächlich waren meine Fingernägel abgebrochen und überall waren kleine Schnitte in meinen Händen an denen Blut klebte. Es brannte höllisch vom Salz der See, wie mir jetzt auffiel.
„ Das geht schon." Ich riss meine Hände los, doch er stand auf und verschwand kurz. Als er zurückkam, hatte er eine kleine bauchige Flasche bei sich und öffnete sie. Er goss ein wenig von ihrem Inhalt über meine Hände und es brannte wie die Hölle.
„ Was zum Teufel...?", fluchte ich vor Schmerz.
„ Rum. Das sollte deine Wunde fürs Erste desinfizieren", antwortete er und stellte die Flasche beiseite. Dann riss sich mit einem ratschenden Geräusch zwei Stücke Stoff aus seinen Hemdsärmel und verband damit meine Hände.
„ Ist es jetzt besser?", fragte er danach fürsorglich.
„ Äh... ja...", erwiderte ich verwirrt. Schon wieder hatte ich eine neue Facette Jacks gesehen. Er strich mir über die Wange und ehe ich mich's versah, hatte er mich darauf geküsst.
„ Jack, du Teufel!" Ich schubste ihn von mir und sprang auf. Er lachte nur und ich entschwand zitternd vor Wut. Ich stapfte am Meer entlang um die Insel und hoffte, mich dadurch abzureagieren. Allerdings war die Insel ziemlich klein und ich erreichte bald wieder Jack und meine Wut war noch nicht verraucht. Er grinste mich frech an und ich beschloss, noch weitere fünf Runden zu gehen, bevor hier ein Mord geschah...
„ Und? Siehst du etwas?!", rief Biney hinauf zu Keith, der mit seinem Keit-Drachen über dem Schiff schwebte, an einem Fuß jedoch ein Tau trug, das um den Mast gefesselt war, damit die stürmischen Winde ihn nicht mit sich nahmen. Keith hatte die eine Hand über die Augen gelegt, um besser sehen zu können, doch es war vergeblich. Nur blaue See wohin das Auge sah. Doch nach einer halben Ewigkeit zeichnete sich plötzlich die Silhouette einer Insel ab und Keith versuchte, Menschen auszumachen.
„ Da ist eine Insel!", brüllte er hinunter. „ Mehr nach Backbord!"
Annabelle und Elijah erwachten gegen Mittag. Sie waren eng umarmt eingeschlafen. Das Lagerfeuer war heruntergebrannt und bestand nur noch aus dunklen Aschehäufchen.
„ Guten Morgen", murmelte Elijah.
„ Guten Morgen." Die beiden lächelten einander an, bevor sie sich aufs Zärtlichste küssten. Irgendwann nach endlosen Küssen, standen sie auf, klopften sich den Sand von der Kleidung und streckten sich.
„ Was möchtest du zum Frühstück?", fragte Elijah und schickte sich an, das Feuer erneut zu entfachen.
„ Ich hab keinen Hunger", erwiderte Annabelle.
„ Oh. Sicher? Ich könnte diesmal kochen."
„ Hmpf!", war alles, was Annabelle von sich gab.
„ Entschuldige." Er nahm sie in den Arm und küsste ihre Wange, ihre Stirn, ihre Nasenspitze, ihre Lippen und einzelne Strähnen ihres Haars.
„ Schon gut", murmelte sie einigermaßen versöhnt und küsste ihn auf den Mund.
„ Wir könnten uns eine Kokosnuss knacken", schlug sie schließlich vor und blickte nachdenklich zu den Palmen auf.
„ Und wie?", fragte Elijah entgeistert.
„ Na ja, du bist doch ein starker Mann", kicherte Annabelle und Elijah seufzte.
„ Ich glaube trotzdem, dass du auf deine Kokosmilch verzichten musst", murmelte er und überlegte, wie er überhaupt so ein braunes, haariges Ding herunter bekommen sollte. Schließlich schnaufte er, spuckte sich männlich in die Hände (zumindest dachte er, dass ein echter Kerl so etwas tat) und stapfte breitbeinig auf eine Palme zu. Mit einem Tarzanschrei sprang er sie an und klammerte sich mit Beinen und Armen an ihr fest. Langsam und stetig zog er sich an ihr hoch. Er war schon fast oben und die Sonne brannte ihm auf den Schädel, als er (er hielt es für eine Traumfantasie, ausgelöst von der Hitze) am Horizont ein Schiff entdeckte.
„ Da ist ein Schiff!", rief er. „ Sieht fast aus wie die Black Pearl!"
„ Das ist die Black Pearl!", erwiderte Annabelle und sprang auf und ab. „ Super! Sie haben uns gefunden!"
Die Black Pearl erreichte innerhalb einer halben Stunde die Insel, auf der Elijah und Annabelle festsaßen und holten sie an Bord. Dort hatte Biney das Kommando übernommen und befahl, weiter nach dem Captain zu suchen. Elijah und Annabelle, die beide sehr müde und nun doch sehr hungrig waren, bekamen ein wahrlich festliches Essen von Mad Fop bereitet. Über das fielen sie regelrecht her, bevor sie müde und fertig in ihre Kabinen schlurften, wo sie sofort in einen tiefen Schlaf fielen.
„ Also, da du momentan ein Piratenschiff dein Zuhause nennst, ist es reinster Selbstmord, nicht schwimmen zu können", erklärte mir Jack und schleuderte sich die Stiefel von den Füßen.
„ Aha", erwiderte ich, nicht gerade intelligent. Jack watete ins klare Karibische Meer und wandte sich dann nach mir um.
„ Na komm schon!", rief er. Ich runzelte die Stirn.
„ Wie du vorhin schon richtig festgestellt hast, kann ich nicht schwimmen!", erwiderte ich. Er grinste beunruhigend.
„ Deswegen will ich es dir ja beibringen!", erwiderte er amüsiert. Ich starrte ihn an.
„ Nur über meine Leiche!", erwiderte ich.
„ Die du sicherlich bald sein wirst, wenn du auf Hoher See vom Schiff fällst."
„ Ich glaube, dass ich eher auf dieser Insel verhungere, als dass ich je wieder auf einem Schiff lande!", war meine Antwort. Ich setzte mich hin und verschränkte die Arme. Sollte er mich ruhig holen kommen! Das schien er auch vor zu haben, denn er watete zurück an Land und hob mich einfach hoch! Ich schrie auf, erstaunt über seine Kraft und schon flog ich durch die Luft ins warme Meer. Ich versank wie ein Stein... Dann strampelte ich mit den Armen und Beinen und kam irgendwie wieder zurück an die Oberfläche.
„ Ich ertrinke! Ich ertrinke!", rief ich und klammerte mich in Todesangst an Jack fest, der wie aus dem Boden... äh... Meer gestampft neben mir stand.
„ Hey, Missy... Ich finde es echt schön wie du mich so umarmst, können wir nachher gerne fortsetzen, aber du kannst hier stehen..." Er schob mich sanft von sich und ich wurde rot, als meine Füße den Grund berührten. Allerdings reichte mir das Wasser fast bis zum Kinn.
„ Ich bin doch viel kleiner als du, verdammt!", rief ich da und trommelte gegen seine Brust, dass das Wasser nur so spritzte. Plötzlich packte er meine Handgelenke und hielt mich daran fest.
„ Also du fluchst schon wie ein Pirat, aber du musst noch schwimmen lernen, um eine echte Piratenbraut zu werden." Er packte mich an der Hüfte und hob mich ein wenig aus dem Wasser.
„ Ich will aber gar keine Piratenbraut werden! Ich hasse Piraten!", erwiderte ich heftig. Jack runzelte leicht die Brauen und ließ mich so weit hinunter, so dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten und ich seinen Atem auf meinem Mund spürte.
„ Schade." Mit einem Ruck warf er mich ins Wasser – schien zur Gewohnheit zu werden. Ich wollte schreien, schluckte aber nur Wasser. Ich versuchte, an die Oberfläche zu kommen.
„ Jack! Bitte hilf mir!", rief ich und da wurde ich gepackt und von Jack über Wasser gehalten. Ich blitzte ihn an.
„ Manchmal könnte ich dich lynchen!", fauchte ich, doch er grinste nur schief.
„ Nur manchmal? Na dann habe ich ja vielleicht doch noch Chancen bei dir!", erwiderte er äußerst positiv. Ich starrte ihn an und musste dann unwillkürlich grinsen.
„ Du gibst wohl nie auf...", seufzte ich und stupste ihm mit dem Finger gegen die Nasenspitze.
„ Ganz recht, Love. Wir sind uns ähnlicher als du denkst. Pies in a pot." Er packte meine Hand.
„ Ach ja." Ich blinzelte.
„ Hmmmm..." Er strich mir übers Haar und versuchte mich zu küssen.
„ Jack! Lass das um Himmels Willen!" Ich riss mich von ihm los und wich mit den Beinen rudernd ein wenig vor ihm zurück. Das veränderte sich sein Gesichtsausdruck und er begann zu lächeln.
„ Na also! Du kannst ja doch schwimmen, Missy!", rief er und ich schwamm tatsächlich. – Zumindest hielt ich mich über Wasser!
„ Wow!", rief ich begeistert, bevor ich ihn prüfend anblickte. „ Hast du mich nur deswegen versucht zu küssen?"
„ Nein, keine Sorge." Da war es schon wieder, dieses verwegene Grinsen.
„ Ich sorge mich ganz und gar nicht!", erwiderte ich ein wenig zu heftig. Unter seinem intensiven Blick spürte ich, wie ich rot wurde.
„ Du weißt auch nicht, was du willst, Love." Er berührte mich zart an der Wange, wandte sich dann um und schwamm zurück an Land.
„ Nein... Wohl eher nicht...", murmelte ich leise. Dann erstarrte ich. „ Jack?!"
„ Aye?"
„ Verdammt, ich kann mich jetzt zwar über Wasser halten, aber ich komme noch lange nicht vorwärts!", brüllte ich ihm zu. Er lachte nur und setzte sich gemütlich an den Strand.
Idiot! Ich revidiere all meine positiven Überlegungen! Auf der Stelle! Ich weiß genau was ich will: keinen Piraten und auf keinen Fall DIESEN Piraten! Klar soweit?!
Plötzlich stand Jack auf und winkte. Schon sehr seltsam, da hörte ich hinter mir plötzlich ein dumpfes Knarren. Ich fuhr herum und schrie auf. Die Black Pearl schaukelte sanft im Wasser. (Wie hatte ich dieses riesige Ding nicht bemerken können?!) Sie ließen ein Beiboot hinab und ich zog mich hinein. Jack kam mit all seinen Sachen angeschwommen und stieg ebenfalls ein. Dann wurden wir hochgezogen. An Deck fiel ich als erstes Annabelle und Elijah um den Hals, die auch an Bord waren. Jack ging sofort wieder in seine Captain-Rolle über. Er erteilte Befehle und wandte sich schließlich an Biney.
„ Wir nehmen direkten Kurs auf die Isla de Muerta. Dort ist der Ring und wir werden ihn uns wiederholen!", knurrte er und Biney nickte mit grimmigen Gesicht.
Annabelle und Elijah hielten glücklich lächelnd Händchen und ich ahnte, dass die beiden endlich wirklich zueinander gefunden hatten.
--
(tbc)
