Wasserbäche rannen über Luanas Gesicht, als sie im strömenden Regen regungslos dastand und auf das kleine Fenster im Erdgeschoss starrte. Ein warmes, gedämpftes Licht und tanzende Schatten an den Wänden verrieten, dass jemand Feuer im Kamin gemacht haben musste. Bedacht und leise bewegte sie sich auf das Haus zu, in der Hoffnung durch das Fenster einen Blick auf den Eindringling werfen zu können. Doch die eine Scheibe konnte sie niemanden sehen und alle anderen Fenster waren durch Vorhänge verdeckt.
Im Schutz des laut grollenden Donners schaffte Luana es, unauffällig ins Innere des Gebäudes zu gelangen. Mit angehaltenem Atem und erhobenem Zauberstab schlich sie den dunklen Flur entlang. Durch die halb geöffnete Tür zum Wohnzimmer fiel ein matter, flackernder Lichtstrahl auf den Fußboden.
Am Türrahmen blieb sie stehen, sammelte sich kurz und trat dann krachend laut gegen die hölzerne Tür. Jede Faser ihres Körpers angespannt, bereit zum nächsten Kampf in dieser Nacht, stürmte sie ins Zimmer.
„Expelliar –"
Der Rest blieb ihr im Halse stecken.
Der Eindringling war kein Unbekannter.
Vor Schreck und Erstaunen hätte sie fast ihren Zauberstab fallen gelassen.
Im gedämpften rotgoldenen Licht sah sie die Antwort auf ihren Brief am Kaminfeuer stehen. Er hatte nicht einmal gezuckt, als sie hereingestürzt war – nur gelassen und freundlich vom Feuer aufgeblickt.
Albus Dumbledore war kein Mann, der sich Respekt verdienen musste. Wenn er einen Raum betrat, dann tat er es mit einer solchen Würde, dass jeder Zauberer – egal, wie wichtig und bedeutend er selbst sein mochte – tiefe Achtung empfand.
Auch an diesem Abend, in diesem halb verfallenen Haus füllte seine bloße Anwesenheit den Raum mit einer ganz besonderen, majestätischen Atmosphäre. Luanas Panik verschwand augenblicklich. Ihre Hand, die den Zauberstab noch immer fest umklammert hielt, sank untätig herab.
Wie eine alte, stabile Eiche stand der Professor da – ruhig und unbeeindruckt. Neugierig blitzten seine Augen durch seine halbmondförmige Brille, die junge Frau ausgiebig musternd. Noch immer hatte keiner von beiden auch nur ein Wort gesprochen.
„Guten Abend, Miss McCartwright!", durchbrach Dumbledore die Stille. Seien Stimme war weich und doch voller natürlicher Autorität. „Ich habe Ihren Brief erhalten."
Luana besann sich.
„Ähm – guten Abend. Professor Dumbledore, richtig?", sagte sie vorsichtig. Der Mann in ihrem Wohnzimmer sah exakt so aus, wie auf den Bildern ihrer Mutter – nur um einige Jahre gealtert.
„Richtig. Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Bitte verzeihen Sie mir mein überraschendes Auftreten, aber – nun ja, ich bin spontan hergekommen."
„Das ist kein Problem, aber … wie… woher wussten Sie, dass ich heute Abend hier sein würde?" Ehe sie sich zügeln konnte, was die überraschte Frage aus Luana herausgeplatzt.
Albus Dumbledores Blick wurde ernst. „Nach dem Angriff auf die Winkelgasse schien es mir logisch."
Er weiß es schon? Aber es ist doch gerade erst…
Luana zog die Luft scharf in die Lungen. Vor lauter Überraschung hatte sie einen Moment lang die Ereignisse der vergangenen Stunden ausgeblendet. Erst jetzt wurde ihr klar, welch ein jämmerliches Bild sie abgeben musste. Die Kleider triefend nass und voller Schlamm und Dreck, das Blut, die Wunden. Unwillkürlich strich sie sich durch das tropfende Haar.
„Dann muss ich Ihnen wohl auch nicht erklären, warum ich hier so hereingestürmt bin?!"
„Nein! Das war eine sehr kluge und gesunde Reaktion. Geht es Ihnen gut? Sind Sie verletzt?"
„Nichts Ernstes." Luana ignorierte den dumpfen Schmerz in allen Teilen ihres Körpers. Viel schwerer war es allerdings, den brennenden Schmerz in ihrer Seele auszublenden.
Der ältere Mann lächelte wissend. „Ganz die Mutter, Miss Cartwright! Genau wie Lucia. Sie hätte selbst halb tot noch nicht zugegeben, dass ihr etwas fehlt."
Luana schossen tausend Fragen durch den Kopf – und gleichzeitig war ihr Kopf unheimlich leer. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch mit einer Handbewegung brachte Professor Dumbledore sie zum Schweigen. Er griff behäbig unter seinen langen Umhang und zog einen edlen Zauberstab darunter hervor.
„Wenn du erlaubst?" – ohne eine Antwort abzuwarten, richtete er ihn auf Luana. Ein warmes Gefühl durchflutete ihren Körper. Einen Moment lang brannte es unangenehm. Dann verschwand das Gefühl und mit ihm aller Schmerz. Verblüfft betrachtete Luana ihre Arme und Hände. Die Schnittwunden waren verschwunden und von den Prellungen spürte sie nichts mehr.
„Ich kenne den Zauber…", sagte sie schnell, als Dumbledore ihren Blick auffing, „… aber ich habe ihn noch nie anwenden müssen. Danke!"
„So ist es besser. Sie werden ihre Kräfte heute Nacht noch brauchen, Miss Cartwright. Was ist heute Nacht in der Winkelgasse passiert?"
„Oh – sagen Sie doch bitte ‚Luana'", bat diese schnell. Von diesem ehrenwerten und respekteinflößenden Zauberer, dem man nachsagte, der beste seiner Zeit zu sein, beim Nachnamen genannt zu werden, machte sie irgendwie verlegen. Eine kurze Pause entstand und dann begann Luana zu berichten, was sich in der Winkelgasse zugetragen hatte. Es war unglaublich befreiend, darüber zu sprechen.
„… und dann bin ich über das Schwert als Portschlüssel hierhergekommen. Sie haben schon Recht – wo sonst hätte ich hingehen können? Und dann habe ich das Licht im Fenster gesehen… den Rest der Geschichte kennen Sie ja."
Dumbledore hatte aufmerksam zugehört und sie kein einziges Mal unterbrochen. Er schien eine Weile über das Gesagte nachzudenken.
„Es tut mir sehr leid wegen deiner Ziehmutter", sagte er schließlich.
Luana betrachtete schweigend die züngelnden Flammen im Kamin und musste bei dem Anblick an das schreckliche Feuer im Hexenkrug denken.
Für eine Weile war es still im Raum, dann ergriff der Professor wieder das Wort. Seine Stimme war sanft und freundlich.
„Du hast sicher viele Fragen. Warum ich heute Abend hier bin, zum Beispiel. Nun, ich war sehr überrascht von deinem Brief und habe einige Tage lang darüber nachgedacht."
Ob er mit Severus Snape darüber gesprochen hat? Luana wusste nicht, ob sie den Gedanken aufregend und beängstigend finden sollte. Plötzlich wurde das alles so real. Erwartungsvoll sah sie ihn an.
„Deine Mutter war mehr, als nur eine gute Schülerin. Sie gehörte zu den Besten in ihrem Jahrgang. Eine brillante Hexe - und eine kluge Frau. Ich hatte immer gehofft, dass sie nach ihrem Abschluss das Lehrerkollegium von Hogwarts bereichern würde. Doch eines Tages teilte sie mir mit, dass sie fortgehen müsse. Ich habe danach nie wieder von ihr gehört, was ich sehr bedauert habe. Nach deinem Brief wurde mir klar, zu welchem Zeitpunkt sie verschwand. Es war, als sie mit dir schwanger war."
„Warum…" – der Rest der Frage kam Luana nicht über die Lippen.
„Ich weiß, diese Frage brennt dir auf der Seele, Luana, aber ich kann dir auch keine Antwort darauf geben. Irgendetwas muss in Hogwarts passiert sein zu dieser Zeit. Etwas, das sie veranlasste, fortzugehen, bevor du geboren wurdest und nie mehr zurückzukehren."
Luana konnte sich einen Teil der Antwort denken. Es musste irgendetwas mit Severus Snape zu tun gehabt haben. Aber dies wollte sie Professor Dumbledore, trotz ihrer spontanen Sympathie für ihn, nach wie vor nicht verraten.
Dieser musterte sie nun mit durchdringendem Blick, als wolle er ergründen, woran sie dachte. Einen Moment lang hatte Luana Angst, er würde direkt danach fragen. Doch der Professor setzte seine Erklärung fort.
„Nun, wie auch immer. Es hat mich sehr getroffen, als ich durch deinen Brief erfahren habe, dass sie so früh von uns gegangen ist." Ehrliches Bedauern stand in seinen Augen. „Doch wie es scheint, hat sie der Welt etwas Wertvolles hinterlassen. Dich, Luana. Du hast dich heute Nacht in der Winkelgasse erstaunlich gut geschlagen! Dort lebend herauszukommen und dann auch noch von London bis Denham mit einem Portschlüssel zu fliegen…", ein anerkennendes Lächeln umspielte seine Lippen, „… deine Mutter war dir eine gute Lehrerin."
So viel ungewohnte Anerkennung – Luana sah etwas betreten zu Boden. Doch je länger der Professor erzählte, desto mehr brannte sie auf die alles entscheidende Frage. Doch sie konnte sich beherrschen, ihn nicht zu unterbrechen.
Dumbledores Gesicht war wieder ernst geworden. „Wie du richtig geschrieben hast, wir leben in gefährlichen Zeiten. Bitte empfinde das nicht als Misstrauen gegen deine Person, aber wir alle müssen momentan sehr vorsichtig sein. Deshalb habe ich auch lange über deine Bitte nachgedacht. Rein theoretisch könnte Voldemort ja auch versuchen, uns einen Spion nach Hogwarts zu schicken."
Luana wollte entrüstet protestieren, doch Dumbledore brachte sie mit einem strengen Blick zum Schweigen.
„Ich hatte eigentlich schon entschieden, dein Gesuch aus Sicherheitsgründen abzulehnen, doch dann wurde mir von dem Angriff auf die Winkelgasse berichtet. Mir wurde klar, dass Lucias Tochter heute Nacht alles verlieren würde.
Und das hat dazu geführt, dass ich meine Entscheidung noch einmal geprüft habe. Am Ende, Luana, vertraue ich auf meinen persönlichen Eindruck. Deshalb bin ich heute Nacht hier. Ich wollte dich kennenlernen. Wenn wir anfangen, allen zu misstrauen, die sich uns anschließen wollen, hat Voldemort ein leichtes Spiel!"
Luana sah zu Boden. Dass der Kampf gegen Lord Voldemort nur ihre zweitrangige Motivation gewesen war, beschämte sie plötzlich. Da draußen starben Menschen. Menschen, die geliebt und vermisst wurden. Bis zu diesem Moment war ihr gar nicht richtig bewusst gewesen, welch ein Krieg dort draußen tobte. Sie dachte an das panisch schreiende Kind in der verwüsteten Winkelgasse. An die vielen Verletzten und Toten. An Victoria, diese herzensgute Frau, die völlig sinnlos starb. Plötzlich waren die in ihrem Brief formulierten Worte mehr als nur Buchstaben auf Pergament.
Sie sah wieder auf, die Augen voll von Tränen und loderndem Zorn.
„Nach dem Tod meiner Mutter hat ihre beste Freundin, Victoria, mich bei sich aufgenommen. Sie hat sich voller Liebe um mich gekümmert – und ich habe es ihr selten genug gedankt. Vor wenigen Stunden musste ich dabei zusehen, wie ein Dementor ihr die Seele aus dem Leib saugen wollte. Sie ist in meinen Armen gestorben.", sagte sie mit erstickter Stimme. „Niemals war mir das Ausmaß dieses grauenhaften Krieges so bewusst, wie heute Nacht!"
Jedes Wort war bitter ernst gemeint.
Auch Albus Dumbledore schien das wahrzunehmen, denn er bedachte sie mit einem ganz besonderen Blick. Schließlich nickte er.
„Luana, ich bin von deinen ehrlichen Motiven überzeugt. Hogwarts würde sich glücklich schätzen, eine solch begabte Schülerin zu begrüßen, wenn –"
Luana Herz klopfte plötzlich vor Aufregung. Wenn…?
Dumbledore räusperte sich. „Wir nehmen dich gerne direkt in die sechste Klasse auf, doch hab Verständnis, dass ich zuvor überprüfen muss, ob du in allen Bereichen mit deinen Mitschülern auf dem gleichen Stand bist. Na gut, ich denke, die Verteidigung der dunkeln Künste können wir überspringen…"
Die junge Frau schluckte. „Wie? Heute? Jetzt?"
Ein herausforderndes Lächeln umspielte die Lippen des weisen Zauberers. „Das ist der zweite Grund, warum ich heute hier bin!"
Eine lange Nacht der Prüfungen begann. Sie begaben sich in den Keller von Luanas Elternhaus. Dumbledore war ein wenig beeindruckt von dem großen Übungsraum, der sich tief unter der Erde auftat. Lucia hatte ihn extra für den Unterricht ihrer Tochter eingerichtet. Hier hatte sie Luana unter Ausschluss der Öffentlichkeit alles gelehrt, was diese nun unter Beweis stellen musste. Luanas anfängliche Befürchtung, der Schulleiter von Hogwarts würde sie in einem Duell gnadenlos in die Mangel nehmen, stellte sich aber als unbegründet heraus.
Zwar führten sie einige Schaukämpfe durch, doch Dumbledore ging recht sanft mit ihr um. Es lag ihm tatsächlich nur daran, herauszufinden, wie viele Zauber Luana tatsächlich konnte. Zwischen den praktischen Übungen fragte er sie eine Menge theoretisches Wissen ab.
Als der Morgen dämmerte hatte die junge Hexe das Gefühl, dass die längste und anstrengendste Nacht ihres Lebens hinter ihr lag.
Professor Dumbledore hatte sich diesen Zeitpunkt natürlich keineswegs zufällig ausgesucht, so schlussfolgerte Luana. Er wollte wissen, ob sie nach großer Anstrengung und unter hohem Druck immer noch leistungsfähig war. Mit großer Mühe beantwortete sie seine letzten Fragen. Schließlich nickte der Professor und seine Augen blitzten ein wenig beeindruckt.
„Eine sehr gute Leistung, Luana. Die sechse Klasse der Hogwarts-Schule kann sich glücklich schätzen, eine so begabte neue Schülerin zu begrüßen!"
Erleichtert atmete Luana auf. Sie hatte es geschafft. Ihr Herz begann zu rasen, bei dem Gedanken, dass sie nun bald schon in der Nähe ihres Vaters sein würde.
Der Schulleiter von Hogwarts griff in seinen Umhang und reichte ihr ein Bündel Pergament.
„Hier findest du alle nötigen Informationen. Ich freue mich darauf, dich bald wiederzusehen!"
Luana betrachtete die Seiten in ihren Händen. Einkaufsliste, wichtige Hinweise, Schulordnung…
„Danke!", sagte sie, blickte auf und – stutzte.
„Professor Dumbledore?" - irritiert sah sie sich um.
So geheimnisvoll, wie er in Denham aufgetaucht war, war der Hogwarts-Professor auch wieder verschwunden.
