Kapitel 06
Das Rad drehte sich in einem stetigen Rhythmus. Flinke Finger zupften am Stroh. Ein Fuß wippte am Pedal und ein träumerisch dreinblickendes paar Augen, schaute auf die glänzenden Fäden in der Hand. Unzählige Jahre waren durch das Land gezogen, seit diese Finger, das letzte Mal gesponnen hatten. Seit das letzte Mal, das feine Material zwischen den Kuppen gezwirbelt wurde und doch wurde die Kunst noch immer so fein beherrscht, als hätte es diese Pause nie gegeben. Die Augen ruhten auf dem Gold. Dünne Fäden, die im Sonnenlicht brachen. Würde die Sonne an diesem Ort noch scheinen. Die Wolkendecke über diese Region war zu einer trüben Brühe angewachsen. Die Sonne wurde ausgeschlossen, das Licht war unerwünscht. Manches vertrug die Helligkeit nicht. Manches musste in der Dunkelheit geboren werden.
Bald ist die Zeit reif, du bis auf dem Weg
Das Gold verschwamm vor den Augen. Die Tätigkeit wurde Routine. Die Finger spannen . Der Verstand spann. Die Gedanken drifteten ab, formten sich zu Worten, zeichneten Bilder und lockten in die Vergangenheit, in die Zukunft. Lockten weit weg aus dem Hier und Jetzt. Das Jetzt bedeutete warten. Und warten war etwas, dass man im Laufe eines Lebens lernen durfte. Die Vorfreude der kommenden Dinge, lehrte Geduld. Eine Eigenschaft, die man nicht nur zum Spinnen brauchte. Nein, das Vorhandensein von Geduld entschied über Sieg oder Niederlage.
Der Plan ging auf. Sie war auf dem Weg, würde zurückkommen, wo sie hingehörte. Die Fehler der Vergangenheit, sie würden nicht mehr geschehen. Sie brauchte nur eine neue Ausrichtung, eine Feinabstimmung, damit sie wieder richtig laufen würde.
Als Schülerin, war sie begierig, als Mädchen störrisch, aber das konnte man ändern. Mit Geduld, würde sie ihren Platz wieder einnehmen. Mit Geduld, wäre sie wieder Regentin.
Komm, mein Schätzchen, komme nur zu mir, Regina
Die Lippen verzogen sich zu einem hauchdünnen Lächeln. Grinsten Geister der Vergangenheit an. Fühlten sich siegessicher.
Snow White ritt mit einem kleinen Trupp, bestehend aus ihrem Gatten, Hook und Tinker Bell, die Straße gen Süden entlang. Sie hatten den Schauplatz der Verwüstung und des Todes bereits hinter sich gelassen.
„Wir gehen in den Wald. Vielleicht konnte sie fliehen und hat sich verlaufen".
Die Prinzessin zeigte Abseits des Weges. Die Bäume standen dicht einander. Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten, doch durch das Blätterdach drangen kaum die wärmenden Strahlen. Dämmerung lag über ihre Reise. Dunkelheit, die weiter um sich griff.
„Wir können nicht den ganze Wald durchkämmen. Er ist zu groß.", erhob der Prinz Einwand. Der Pirat schaute zu David und seufzte. Er gab es nicht gerne zu, doch er musste David zustimmen. Durch den Wald zu irren, käme der Suche nach der Nähnadel im Heuhaufen gleich. Die beiden Frauen murrten leise und mussten sich geschlagen geben. Es wäre eine Torheit ohne jeglichen Anhaltspunkt einfach loszupreschen, doch das bedeutete nicht, dass die Prinzessin sich geschlagen gab. Es musste doch eine Spur geben, irgendetwas dass ihnen verraten würde, was geschehen war oder wo sich die Königin befand. Snows Gedanken wanderten kurzzeitig zu einem anderen Szenario. Einen Ausgang, der Geschichte, welchen sie nicht mal denken wollte. Es war Hook, der ihre Gedanken erriet und aussprach.
„Vielleicht wurde sie auch verletzt, ist geflohen und ist ihren Wunden erlegen" Die Prinzessin atmete tief durch und blickte den Piraten unverfroren an.
„Dann hätte sie nicht weit von der Straße kommen können. Dann hätten wir ihren toten Körper längst gefunden", erklärte sie und wandte sich von der Gruppe ab. Ihre Finger zogen am Zügel ihres Pferdes und lenkten es an den Rand des Waldes. Dickicht wechselte sich mit hohen Bäumen ab. Die Sicht war begrenzt, doch das Grün der Bäume beruhigte ihre Gedanken. Sie brauchte einen Moment der Ruhe, brauchte einen Augenblick um sich zu sammeln. Nun war es Tinker, die das Wort ergriff. Die eine Richtung einschlug, welche selbst die Männer nachvollziehen konnten.
„Snow. Gibt es irgendetwas was sie noch hier mit dieser Welt verbindet? Alle sind tot, an denen sie sich wenden konnte."
Plötzlich durchfuhr es die Prinzessin. Über ihre Augen legte sich ein freudiger Glanz, als diese sich weiteten. Ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab und sie befahl ihrem Pferd zu wenden. Kaum hatte sie ihre Mitstreiter im Blick, setzte sie zu einer Erklärung an.
„Das ist es Tink", strahlte sie „Es gibt nur eins, was sie so sehr mit dieser Welt verbindet, dass sie es sogar nach Storybrook gebracht hat"
Hook und Tinker sahen die Prinzessin fragend an. Sie verstanden nicht. Wussten nicht, wovon Snow redete, doch noch ehe sie nachhaken konnte, erwiderte David Snows Strahlen und vollendete ihren Gedanken.
„Aber natürlich. Die Gruft. Ihr Vater."
Snow nickte zustimmend und zeigte in Richtung des Weges, den sie gekommen waren.
„Und ich weiß wo sie steht"
Die Prinzessin drängte die Erinnerung an den Ort beiseite. Es war Vergangenheit, auch wenn es der Ort der Anfang ihrer tragischen, gemeinsamen Geschichte war.
„Ihr Elternhaus"
Ohne weitere Antworten abzuwarten, gab die Schwarzhaarige ihrem Pferd die Sporen. Die anderen tauschten hastige Blicke aus, bis David sein Vertrauen in seine Gattin bestätigte und ihr hinterher setzte. Der Pirat zuckte mit den Schultern und folgte den beiden. Nur die einstige Fee hielt noch einen Moment inne. Ihr Blick schwand in den Wald.
Wo steckst du
Sekunden zerrannen, dehnten sich zu einer unendlichen Minute. Sie waren auf dem falschen Weg, doch sie konnte nicht sagen, welcher der Richtige war.
„TINK", hörte sie Hook schreien, wandte sich kopfschüttelnd von dem Anblick des Waldes ab und galoppierte den anderen hinterher.
Gold lag ihm zu Füßen, bedeckte den Boden und die Überreste seines Vaters. Der Gestank hatte eingesetzt, denn noch immer lag die Leiche dort. Das Mahnmal der väterlichen Unfähigkeit, als Zeichen seiner eigenen Unzulänglichkeit. Er hatte selbst versagt. Hatte den Jungen, den er liebte im Stich gelassen. Seine Macht war ihm wichtiger gewesen. Die Kontrolle haben zu können, war ein so viel größerer Anreiz gewesen, als ein Leben mit seinem Sohn zu führen. Ja er hatte bereut und versucht es wieder gut zu machen. Er hatte Jahre gebraucht, viele Jahre. Hatte die Figuren geschliffen und die Züge so lange manipuliert bis er sich am Ziel wähnte. Manches traf ihn unerwartet, aber er hatte gelernt damit zurecht zu kommen, hatte gelernt es für seinen eigenen Vorteil zu nutzen. Doch manche Entscheidungen hätte er gerne nicht getroffen. Hätte sie gerne revidiert, doch das ging nicht mehr.
Es war die Aussicht auf einen Deal, einen Gefallen, den man ihm schuldete, die ihn in Erscheinung treten ließ. Noch heute konnte er die Verachtung in ihren Augen lodern sehen, konnte das Feuer ihres Hasses spüren, mit dem sie sich weigerte, einfach nur den Wunsch erfüllt zu bekommen, sondern verlangte, dass er sie lehrte, sich ihre Wünsche selbst zu erfüllen. Rumpelstilzchen griff mit seiner Hand auf den Boden und zog etwas Gold hinauf. Sein Blick verlor sich in dem Metall. Damals hätte er sich nur abwenden müssen. Hätte sich nur auf die Suche nach seinem Sohn konzentrieren müssen, doch der Dunkle in ihm hatte wieder gewonnen. Mit ihrem Feuer, war die Dunkelheit für eine kleine Zeit, nicht mehr so finster.
Der Mann ließ das Gold zwischen seinen Fingern auf den Boden rieseln. Es war der Verrat, der wie ein Stachel in seiner Seele steckte und das Gold in seinen Händen, war nur der Wundbrand, der ihn daran erinnerte.
Schon von weitem konnte der Trupp um Snow White das Anwesen erkennen. Es war vom Fluch zerstört, doch erschien noch immer bewohnbar. Die Prinzessin ritt über das weite Feld, spürte den Wind in ihrem Gesicht und kam nicht drumherum, an den Sommer zu denken, der ihrer beide Wege vereinte. Viel zu lebendig erinnerte sie sich an den damaligen Ritt. Erinnerte sich an die Angst, aber auch an die Erleichterung, als man sie rettete. Heute wusste sie, dass es kein Unfall war. Heute wusste sie, dass jemand im Hintergrund die Strippen gezogen hatte und ohne es kontrollieren zu können, empfand sie Mitleid mit den beiden Mädchen von einst.
„Sieht unbewohnt aus", Hooks stimme erklang neben ihr.
„Ich weiß. Sie wird auch nicht, in dem Haus wohnen wollen. Die Gruft ist das Ziel unserer Reise" Erklärte sie und führte ihre Mitstreiter um das große Haus herum. Einige Fenster waren zerborsten und auch die Fassade hatte gelitten und doch sah Snow es vor sich, wie in Kindertagen.
So viele Jahre, so viel Unglück
Sie passierten die Reste des Stalles. Ein kalter Schauer kroch über ihre Wirbelsäule, während sie an das Verhängnis hinter diesen Wände dachte. Schnell ließ sie das kaputte Gebäude und die Erinnerungen zurück und ritt geradewegs auf das steinerne Mausoleum zu. Dort angekommen, stieg sie vom Pferd und betrat die Gruft ohne auf die anderen zu warten. Es war schon viel zu viel Zeit vergangen. Zu viele Momente, in denen sie nicht wusste, welche Gefahr auf sie und dem Rest dieser Welt zukam. David folgte ihr, während Hook und Tinker beschlossen, sich draußen umzusehen. Niemand konnte wissen, was für Überraschungen an diesem Ort warteten. Nach Minuten, die wie Stunden vergingen, kehrte das Prinzenpaar zurück zu den beiden anderen. Snows Schulter hingen in Frustration.
Als die einstige Fee zu einer Frage ansetzen wollte, bekam sie Antwort in Form eines Kopfschütteln.
„War sie vielleicht hier?", hakte die blonde Frau nach.
„Es sieht nicht so aus."
Enttäuscht über den Ausgang ihrer Suche, bewegte die Prinzessin sich zurück zu ihrem Pferd und saß auf. Das Innere der Gruft erschien, wie in ihrer Erinnerung. Selbst die Flaschen und Ampullen, standen dort noch herum. Nichts ließ darauf schließen, dass sich jemand dort drin aufhielt oder dort war.
„Wir sollten das Haus noch durchsuchen", schlug David vor, doch er bekam keine Antwort von seiner Frau. Ohne darauf einzugehen, gab er dem Piraten und der ehemaligen Fee zu verstehen, dass sie sich zu dritt auf den Weg durch das Haus machen sollten und gaben der Schwarzhaarigen die Zeit, welche sie augenscheinlich benötigte.
Das Lager erwachte und auch Regina kämpfte sich aus wirren Träumen. Ihr Nacken schmerzte und ihre Glieder fühlten sich an, als wären sie nicht die ihren. Sie streckte sich ausgiebig und gähnte herzhaft. Der Geruch von gebratenem Speck stieg in ihre Nase. Schon wieder dieses fettige Zeug, doch der Hunger verlangte seinen Tribut. Ihr Magen knurrte und als sie sich von ihrem Schlafplatz erhob, versagten ihr die Knie. Schwindel erfasste sie, welchen sie versuchte weg zublinzeln. Nach einem gescheiterten Versuch loszulaufen und einen weiteren Moment des Ausharrens, setzte sich sich in Bewegung. Ihr Weg führte sie zum großen Feuer, welches anscheinend nie erlosch. Die Männer bedachten sie mit ein paar argwöhnischen Blicken, hielten sich aber mit derlei Kommentaren zurück. Die Königin setzte sich auf einen Stein und streckte ihre Beine aus. Das Kleid, welches sie an ihrem Leib trug, wies mehr dreckige, als saubere Stellen auf. Mit hängenden Mundwinkeln schnupperte sie an sich herunter und ekelte sich, vor sich selbst
Immerhin falle ich hier nicht mehr so auf
Dachte sie bitter und suchte mit ihren Augen nach der Quelle des Speckgeruchs. Als sie diese ausmachen konnte, zu ihrer nicht vorhandenen Überraschung war es Stanley, der das Stück toten Tieres, verkohlte, winkte sie ihm zu bis der Mann auf sie aufmerksam wurde. Der stämmige, klein geratene Mann entblößte ein Lächeln voller Zahnlücken. Seine Zungenspitze lugte zwischen einer Zahnlücke, als er verstand. Er schnappte sich etwas vom Feuer, packte es in eine Schale und brachte der Königin ihr verkohltes Frühstück.
„My Lady", machte er höhnend und deutete eine spöttische Verbeugung an.
Unbeeindruckt schnappte Regina die Schale und würdigte diesem Mann nicht eines weiteren Blickes. Es war der Hunger, der das miserable Essen in ihren Mund trieb. Zwischen den Bissen kaute sie langwierig auf dem harten Stück Fleisch herum. Ihr Blick war auf den Flammen gerichtet. Zuckende Zungen, die durch die Luft leckten. Das Bild vor ihren Augen verschwamm und sie fand sich in ihren Erinnerungen wieder.
Als Mädchen war sie kurz davor gewesen, in den Wald zu flüchten. War sie kurz davor ihrer tyrannischen Mutter zu entfliehen und mit ihm glücklich zu werden. Kurz davor ihr Happy End zu bekommen, doch nun saß sie hier. Zwischen dem naiven Mädchen von damals und der Frau die sie heute war, lag ein langer Weg, gepflastert mit Leichen, kaputten Träumen und gebrochenen Herzen.
Storybrook sollte ihr Neuanfang sein, ihre Rache, doch alles was es ihr gebracht hatte, war ein noch größeres Loch in ihrem Innern.
Alles was ich je wollte war frei sein...ich selbst sein und alles was ich jetzt bin ist eine Gefangene mit falschem Namen
Regina war versucht über diesen Gedanken frustriert aufzulachen, doch der Geschmack von Kohle in ihrem Mund, hinderte sie daran. Die ehemalige böse Königin hing weiter ihren trüben Gedanken nach. Sie ließ sogar den Gedanken zu, dass es für sie nur noch eine Art des Glücks geben würde und zwar wenn man ihren toten Körper neben ihren Vater betten würde.
Der Gedanke an ihren Vater stach in ihrer Brust. Heute nach all den Jahren begriff sie, wie sinnlos dieses Opfer war. Ihr war, als würde sie den Schmerz in ihrem Innern aufs Neue erleben. Als würde sie sein schlagendes Herz noch immer in ihren Händen halten und zerdrücken. Mit seinem Tod, war der letzte Halt in ihrem Leben verschwunden. Mit seinem Tod, hatte der Fall in dem sie sich befand, rapide zugenommen. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis sie den erlösenden Aufprall erleben durfte.
Du wolltest mich als Königin, Mutter und was bin ich jetzt? Eine Mörderin, eine Gefangene, ein Nichts...das ist das, was du aus mir gemacht hast...
Die Schwarzhaarige vermied es, das Bild ihrer Mutter vor ihrem inneren Auge heraufzubeschwören. Das Kastanienfarbene Haar, die kalten Augen und der Ausdruck der Missbilligung war nichts, womit sie sich ihre ohnehin schlechte Laune, noch weiter ruinieren wollte. Unwillkürlich driftete sie zu ihrem Todestag. Regina hatte nicht geglaubt, dass sie den Tod ihrer Mutter beweinen würde, hatte nicht geglaubt, dass es ihr wehtun würde, doch sie war einsam. War es schon immer gewesen und in ihrer einsamen Welt, war es Cora, die zu ihr hielt.
Dabei wollte ich doch nur, dass du mich liebst. Mich und nicht das was du aus mir machen wolltest
Reginas Mund war leer, doch der Geschmack des Specks haftete auf ihrer Zunge. Wie in Trance griff sie in die Schale, packte ein paar Mal daneben und zog einen weiteren Streifen heraus. Vollkommen in ihrer eigenen Welt gefangen, hörte sie weder, noch sah sie was um sie herum geschah.
Robin schritt geradewegs auf sie zu. In seinen Händen hielt er einen kleinen Korb. Bevor er ihr nahe genug kommen konnte, hielt er einen Moment inne. Der Dieb verlor sich in ihrem Gesicht, das nicht mehr in der Gegenwart weilte. Einen Moment glaubte er Schmerz und Bitterkeit zu erkennen. Für einen Moment war es wieder Nacht und er hörte ihre Geschichte, sah die Tränen und die Niederlage, die sie sich und ihm mit nur einem Wort eingestand. Als er sie so da sitzen sah, fühlte er sich bekräftigt in seinem Entschluss.
Heute Morgen beim Aufwachen sollte es ein Akt der Dankbarkeit sein. Eine kleine Geste, um ihr für die Hilfe mit seinem Sohn zu danken, doch in dem Augenblick, als er sie dort verloren sitzen saß, wandelte sich seine Intention. Er wollte ihr eine Freude machen. Wollte sie aus der schwarzen Wolke holen, die sie umgab. Doch der Grund der ihn nun antrieb, war das Bedürfnis sie wieder Lächeln zu sehen. Nicht falsch oder kalt und voller Arroganz, sondern ehrlich und warm wie letzte Nacht. Langsam überbrückte er die Distanz und legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.
„Erschrick dich...", er hatte es noch nicht ausgesprochen, da zuckte es auch schon unter ihm. Mit einem Schlag, waren Reginas Gedanken wieder im Hier und Jetzt. Ihr Blick klärte sich, nur um dann eine fragenden Ausdruck anzunehmen, als sie Robin erkannte. Bevor sie etwas sagen konnte, schenkte er ihr ein Lächeln und hielt ihr den Korb hin.
„Ich glaub, dass hier entspricht mehr deinem Geschmack"
Regina schaute verwirrt in Robins Gesicht, dann in den Korb und wieder zurück zu Robin. Für den Bruchteil einer Sekunde war sie sprachlos. In Ihrem Kopf formten sich eine Millionen blöder Antworten, eine Legion blöder Sprüche und Provokationen, doch als sie wieder in den Korb blickte und die Äpfel und Trauben sah, blieb jede dumme Antwort im Halse stecken. Stattdessen lächelte sie ihn dankbar an.
„Da...danke", sie schloss ihre Augen in Scham für ihr Gestammel und rief sich innerlich zur Ordnung. Robin lachte heiser, doch ließ seinen Blick nicht von ihrem Gesicht. Da war es wieder. Ein Lächeln, welches er ihr bis letzte Nacht nicht zugetraut hatte.
Reginas Finger nahmen eine Traube aus dem Korb und führten sie in ihren Mund. Sie genoss den süß säuerlichen Geschmack und empfand ihn als Offenbarung nach dem verbrannten Speck.
„Danke, ich sterbe vor Hunger", gab sie ehrlich zu und schnappte sich einen Apfel. Der Anführer der Geächteten erfreute sich an dem Anblick ihres Entzückens, so dass er sich innerlich für seine Idee selbst beglückwünschte.
„Papa, Papa", die helle Stimme Rolands löste Robins Blick von Regina. Der Junge lief auf die beiden zu und strahlte.
„Ich hab Hunger" verkündete er mit leicht jammernden Unterton.
„Du sollst doch noch nicht", begann Robin seinen Sohn zu belehren „aus dem Bett heraus"
Der kleine Junge mit den dunklen Haaren schaute betreten zu Boden und nuschelte eine Entschuldigung.
„Lass ihn", Reginas Stimme erklang sanft, während sie dem jungen den Obstkorb hinhielt.
„Wenn er schon wieder Appetit hat, dann geht es ihm auch besser"
Roland nahm sich schnell einen Apfel aus dem Korb und nutze die Gunst der Stunde, dass jemand auf seiner Seite stand. Seine Vater frech angrinsend sagte er
„Gin hat recht, mir geht es viel besser"
Der Junge setzte sich neben die Königin, lehnte seinen Kopf gegen sie und biss herzhaft in den Apfel. Reginas Hand streichelte über sein Haar, befühlte seine Stirn und wanderte in seinen Nacken.
„Kein Fieber mehr. Und ein paar Vitamine werden ihm gut tun", erklärte sie dem Vater und blickte den Jungen an, der mit Begeisterung seinen Apfel verzehrte.
„Das schmeckt. Ich liebe Äpfel" erklärte er fröhlich, woraufhin Regina ein verschwörerisches Grinsen zur Schau stellte und ihm zuflüsterte „Ich auch"
Robin beobachtete das Treiben der beiden und schüttelte seinen Kopf. Eine leise Stimme im hintersten Winkel seines Verstandes, erinnerte ihn daran, dass er seinen Sohn vor der bösen Königin beschützen wollte, doch der Anblick der beiden brachte jede Stimme zum Schweigen.
Der Dieb ließ die beiden zurück und suchte little John auf, um sich mit ihm zu beraten. Nun wo es seinem Sohn besser ging, konnten sie ihren Weg fortsetzen. Sein Blick glitt immer wieder zu der Königin und seinem Sohn,während er sich mit John unterhielt.
„Wenn wir heute noch aufbrechen, dann dürfen wir bis zum Einbruch der Dunkelheit ein gutes Stück schaffen", erklärte er dem Hünen.
„Wir kommen nur langsam voran, deswegen bin ich dafür, dass wir bald aufbrechen. Auch wenn es mir nicht gefällt, dass wir den Weg nach Osten einschlagen. Das ist sein Gebiet und wir haben schon so viele Männer an ihn und seine Soldaten verloren. Er hat geschworen, wenn wir dieses Gebiet nochmal betreten, jagt er uns bis niemand mehr übrig ist"
Little John gab seine Bedenken preis, doch sein Gesprächspartner hörte nicht richtig zu. Immer wieder richtete er sein Augenmerk auf seinen Sohn. Als wolle er sicher gehen, dass Regina nicht doch noch die Krallen ausstreckte und ihm wehtat.
„Und dann wenn er uns jagt, kommen die fliegenden Einhörner und werden unsere Überreste über den Regenbögen verteilen", begann John zu spinnen, als ihm auffiel, dass man ihm nicht zuhörte. Robin nickte nur und lächelte seinen Kumpanen an.
„Genau so machen wir das"
Es war kaum zu übersehen, dass der Dieb nicht einen Moment zugehört hatte. Little John seufzte tief und geräuschvoll und packte nach seinem Boss, als dieser loslaufen wollte
„Du hörst mir gar nicht zu" er deutete mit seinem Kopf in Richtung der Königin und Roland.
„Ich traue ihr nicht und du solltest das auch nicht machen. Sie hatte Jeff und Eddy schon soweit, dass sie sie freilassen wollten. Sie ist nicht dumm und nutzt jede Schwäche aus, also reiß dich zusammen", mahnte er seinen Anführer, dessen Blick sich daraufhin verdunkelte. Die Worte trafen, weil sie der Wahrheit entsprachen. Letzte Nacht hatte er seinen Widerstand fallen lassen, hatte ihr sein Vertrauen geschenkt und auch jetzt nicht den Umgang mit Roland verwehrt.
„Ich mein ja nur Boss. Wir kommen bald in SEIN Gebiet. Das wird schwer genug"
Nun war Robins Aufmerksamkeit ganz auf John gerichtet. Seine Worte ergaben Sinn in seinem Verstand. Bald würden sie ein Teil des Waldes betreten, aus dem man sie immer wieder verjagt hatte, doch es war der kürzeste Weg. Er würde dieses Risiko eingehen müssen, damit er sie loswurde. Damit er sie los wurde, bevor Johns Worte zur Realität wurden. Er würde ihr nicht vertrauen, doch ganz so sicher war er sich nicht.
Ihre Suche blieb erfolglos. Das Haus war innen fast völlig zerstört. Sie hatten alles abgesucht, doch sie fanden keine Spur von der Königen.
Nun waren sie auf dem Ritt zurück. David und Hook überlegte, ob sie ihre Suche dorthin ausbreiten sollten, wo das letzte Unglück geschehen war. Der Prinz wusste nicht, wie seine Frau reagieren würde. Den Weg dorthin einzuschlagen, würde bedeuten, dass er sein Versprechen brach. Er würde Regina erneut beschuldigen, auch wenn er der Prinzessin keinen richtigen Beweis liefern konnte. Er diskutierte noch mit dem Piraten, als die Landschaft sich veränderte und der Weg, auf dem sie sich befanden, lebhafter wurde. Karren fuhren ihnen entgegen und auch einzelne Wanderer kreuzten ihren Weg. Nicht lange, und sie kamen zu einem Dorf. Die Häuser standen dicht beieinander und beherbergten neben Familien, auch Geschäfte und Wirtshäuser. Der Dorfplatz wurde von einem Turm gekrönt, auf dem eine Turmuhr thronte. Sie ritten gerade auf den Platz, als die Glocke schwer und dumpf ertönte. Sechs Schläge,kündigten den Abend an.
Snow, David, Hook und Tinker Bell, waren sichtlich erledigt von ihrer Reise. Sie hatten schon längst aufgehört die Stunden zu zählen, hatten aufgehört, den schwindenden Tagen Beachtung zu schenken.
Die vier spazierten über den Platz, um in eines der Wirtshäuser einkehren zu können, als Tinker innehielt. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit nach Osten und schnupperte. Etwas war anders, etwas knisterte in der Luft, doch sie konnte es nicht sofort benennen. Damals, als sie ihre Flügel noch besessen hatte und durch ihre Adern, die reine Magie geflossen war, wäre sie sofort in der Lage gewesen zu erkennen was sich am Himmel zusammenbraute. Die Restlichen waren weiter gelaufen und hielten ein, als Tinkers Abwesenheit auffiel.
„Komm, Liebes," rief der Pirat, doch die Blonde schüttelte nur ihren Kopf.
„Nein, wir müssen auf den Turm, kommt...", antwortete sie und setzte ihren Körper in Bewegung. Sie wusste nicht, was sie dort erwarten würde oder warum es sie nach diesem Ort verlangte, doch die Reste ihrer einstigen Identität, trieben sie an. Die anderen folgten ihr. Hastig erklommen sie die vielen Stufen. Liefen im Kreis um das dünne Geländer und erreichten ihr Ziel. Oben auf dem Turm gab es eine Plattform. Dort standen zwei Männer. Einer von ihnen trug feinste Gewänder und einen Hut. Sein Augenmerk war in den Osten gerichtet. Angst war in seinem Gesicht gemeißelt, und fraß tiefe Sorgenfalten. Der Trupp folgte seinen Blick und erschrak. Über sie breitete sich der tiefe, dunkle Wald aus. Mitten in dem grünen Blättermeer, ragte ein dunkler Turm hervor. Snow musste ihre Augen zusammenkneifen, um erkennen zu können, dass es nur der Bergfried war. Unter den Bäumen musste ein ganzer Palast stehen. Doch das war nicht, was ihren Körper erzittern ließ. Aus der Spitze des Turmes schoss lilafarbener Nebel empor und nährte die Wolkendecke. Schlagartig sank die Temperatur um einige Grad und es wurde dunkler.
Tinker wandte sich an den Mann in den edlen Kleidern.
„Wer zum...und was genau"
Erst jetzt bemerkte der Mann die Gäste und schaute sie verdattert an. Er kannte sie nicht, doch in diesem Moment war das nicht von belang. Mit zittriger Stimme antwortete er
„Wer das ist, kann ich nicht sagen, aber was das bedeutet. Es wird dunkler und heute Nacht werden ein paar Menschen erfrieren und " „...zu Stein werden", beendetet Tinker den Satz. In ihrem Kopf überschlug es sich. Das war Magie in einer kraftvollen Form. Sie kannte nicht viele, die so viel Macht besaßen. Der Gedanke, dass ein Großteil derer, die solche Macht aufwiesen bereits tot waren, behagte ihr nicht. Nichtsdestotrotz teilte sie ihre Befürchtungen mit.
„Es tut mir Leid Snow. Das kann nicht jeder und der es könnte ist tot"
Etwas im Gesicht der Prinzessin zerbrach. Enttäuschung bemächtigte sich ihrer und stieß sie in ein tiefes Loch. Sie hatte versagt. Wieder einmal hatte sie es nicht geschafft sie zu retten. Wieder einmal hatte die böse Königin sie und ihren Optimismus verhöhnt.
„Ich muss zu ihr. Egal wie", ihre Worte waren nur ein Flüstern. Ein leises Echo, eines erloschenen Feuers, welches so hell in ihr gebrannt hatte. David legte zum Trost einen Arm um ihre Schultern, doch die Prinzessin entwand sich aus seinem Griff.
„Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen los, bevor.."
„Da könnt ihr nicht hin", der fremde Mann deute mit seinem Kopf in Richtung des Turmes.
„Wieso?" hakte Hook sofort nach. Es würde beschwerlich werden, durch den Wald zu reiten, aber er würde dieses Unterfangen nicht als unmöglich bezeichnen.
„Der Wald um die Burg herum ist verflucht. Ohne Erlaubnis kommt niemand auch nur ansatzweise in die Nähe. Das Einzige, was einen da durchführt ist Magie"
Hook tauschte einen Blick mit Tinker aus, die daraufhin ihren Kopf schüttelte. David verstand nicht, wusste aber, dass wenigstens einer der beiden einen Plan verfolgte. Neugierig forderte er den Piraten auf, sich mitzuteilen. Tinker Bell erhob einen Einwand und schenkte ihrem Kumpanen einen bösen Blicke, welchen er geflissentlich ignorierte. Er wandte sich von der einstigen Fee ab und richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf den Prinzen.
„Du hast es gehört. Wir kommen da nicht hin. Wenn sie uns in ihrer Nähe haben wollte, wäre sie ja nicht weggelaufen und durchgedreht. Wir sollten uns eingestehen, dass wir mit unseren Schwertern hier nichts ausrichten können."
„Du willst also nach Hause reiten und sie einfach walten lassen. Interessiert es dich nicht, dass Menschen sterben und bereits gestorben sind?"
David lachte verbittert auf. Er hatte im Grunde nichts anderes von dem Piraten erwartet. Menschen wie er, bevorzugten es schon immer ihre Haut zu retten, anstatt derer der anderen.
„Das habe ich nicht gesagt"
„Und was willst du dann genau sagen?"
„Das wir uns eingestehen müssen, dass wir Hilfe brauchen."
Nun klinkte sich auch Snow White in dieses Gespräch ein. Es gefiel ihr nicht, dass man die Unfähigkeit, mit der sie sich herumschlagen mussten, aussprach.
„Und wer soll uns helfen. Vielleicht sollten wir zum Dunklen gehen, unser Zweitgeborenes versprechen und dann, ach halt. Rumpelstilzchen ist tot."
Die Prinzessin klang verbittert. Der Geschmack ihrer Niederlage fühlte sich scheußlich an.
„Rumpelstilzchen ist tot, aber er ist nicht der Einzige, der Magie in sich trug.", erinnerte er die anderen.
„Sollen wir durchs Land reiten und jemanden suchen, der nicht nur Magie besitzt, sondern den Mut aufbringt, sich damit gegen die Königin zu stellen. Wenn du diesen Jemand findest, dann..."
Tinker Bell verfolgte das Gespräch augenrollend. Hook tänzelte um den heißen Brei, anstatt endlich mit der Sprach herauszurücken. Zeit war etwas, das sie nicht besaßen und so sprach sie einfach dazwischen.
„Emma. Er meint Emma, um Himmelswillen."
Snow White verstummte. Ihre Blick verlor sich in die Unendlichkeit, während sich ein dünner Strang um ihr Herz legte und es eindrückte. Der Schmerz trieb Tränen in ihre Augen, doch sie gewährte ihnen nicht die Gnade zu fließen.
„Emma ist fort", kam es leise aus ihrem Mund. Im Nächsten Moment verhärtete sich ihr Gesichtsausdruck und ihre Stimme festigte sich
„Und sie kennt uns nicht..."
Nicht mehr...
Das Lager war überraschend schnell abgebaut. Regina erkannte die Erfahrung der Männer und wunderte sich, wie oft sie dieses Lager schon auf und abgeschlagen hatten. Auf einmal kam es in ihr Bewusstsein, dass sie eigentlich kaum etwas über diese Bande wusste. Als sie herrschte, drangen wohl ein paar Geschichten, über ein Haufen mittelloser, Geächteter bis an ihr Ohr, doch ihre Prioritäten lag woanders. Ihr Ziel war es Snow White zu vernichten und der Hass auf die Prinzessin, machte sie Blind für all die anderen Sachen, die in den Wäldern geschahen. Sie fragte sich, warum diese Männer dieses Leben vorzogen, anstatt in den Dörfern ihr Glück zu versuchen.
„Gin"
Robin trat an sie heran und reichte ihr den Umhang
„Den solltest du nicht vergessen"
Die Königin lächelte und zog ihn über. Im nächsten Moment schnappte er sich ihre Hände und hielt sie fest.
„Du musst verzeihen, aber ich kann mir keine Unterbrechungen mehr leisten", erklärte er und band ihre Gelenke mit einem Seil fest.
„Hey, das tut weh", protestierte sie und entriss ihm ihre Hände, doch der Geächtete schnappte erneut nach ihnen und vollendete sein Werk
„Ich hab gesehen wie du reitest und ich werde nicht zulassen, dass du fliehst"
Stolz begann sich in ihrem Innern zu regen, denn sie spürte die Anerkennung, die sie aus seinem Tonfall heraushören konnte. Robin konnte streng sein und hatte sie mehr als einmal gedemütigt, doch er traute ihr noch immer zu, abzuhauen und somit seine Pläne zu ruinieren. Diese Erkenntnis trieb ein selbstzufriedenes Lächeln auf ihr Gesicht, während sie ihm antwortete
„Dann solltest du mir lieber die Schenkel zuschnüren"
Robins Augenbraue hob sich in ungeahnte Höhen, während er ein Grinsen unterdrückte. Seine Hand gab ihr einen Klaps auf den Rücken
„Nein, die brauchst du noch, oder wie willst du laufen"
Das Unterdrückte Grinsen wuchs zu einem breiten an. Reginas Finger begannen zu zittern und am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen, für den Ausdruck mit dem er sie nun ansah. Erst jetzt bemerkte sie das Seil, welches er an ihren provisorischen Handschellen gelegt hatte. Wie einen Hund führte er sie nun mit sich und bestieg sein Pferd, während er Zügel und Leine fest in seinen Händen behielt. Die Gruppe der Männer setzte sich in Bewegung. Einige waren zu Pferd, einige liefen, wie Regina. Sie kamen nur langsam voran und doch schmerzten ihr schon nach kurzer Zeit die Füße. Die hohen Schuhe, welche sie trug, brachten sie auf dem unebenen Boden beinahe um. Ihr langes Kleid verfing sich immer wieder an Sträuchern und Ästen, so dass sie zurückfiel und die Leine an ihr zu zerren begann. Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit so vor sich her humpelte und mehr schlecht als recht ging, begann sie zu jammern.
„Nicht so schnell, du Schwachkopf."
Doch Robin reagierte nicht darauf. Der Anführer ritt neben little John und ließ seinen Blick durch das Dickicht streifen. Seine Sinne waren gespannt, während er versuchte auf alles vorbereitet zu sein.
Regina hinkte hinter dem Pferd her. Ihre Laune war auf einem neuen Tiefpunkt. Am Morgen hatte sie noch naiver Weise geglaubt, dass sich etwas geändert hätte, dass sich etwas gebessert hätte, doch Robin schien nur seinen sadistischen Spaß mit seiner Gefangen haben zu wollen. Innerlich verfluchte sie ihn, während sie mit hassgetränkten Augen auf seinen Rücken starrte. Wäre sie noch die böse Königin und somit die Manschette los, so würde sie ihn auf dem Pferd rösten. Doch sie war keine böse Königin mehr, sie war, wenn sie ehrlich zu sich war, nicht einmal eine Königin mehr. Alles was sie war, war eine Gefangenen. Wuttränchen über diese Erkenntnis schossen in ihre dunklen Augen, welche sie wegblinzelte. Keine von diesem Haufen von Idioten brauchte ihre Schwäche sehen.
„Zerr noch einmal an meiner Fessel und ich reiß dir den Hintern auf, du dämlicher Sausack", beschimpfte sie ihn. Robin wandte seinen Kopf um und blickte auf die Frau, die offensichtlich nicht mehr konnte. Ein Teil in ihm wollte über ihre Worte loslachen, doch ein andere riet ihm dies zu lassen.
„Ein paar Tage mit uns Wilden und du siehst nicht nur so aus, sondern klingst wie wir", neckte er sie und bekam einen schiefen Blick von John, der mahnend seinen Kopf schüttelte. Sofort schaute er von Regina weg und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg. Der Königin entging das Mienenspiel des Hünen nicht. Für einen kurzen Moment trat sie von sich selbst zurück und schaute zu einigen der anderen Männer. Alle waren voller Anspannung. Roland hatte sogar einen Trupp von fünf Leibwächtern um sein Pony. Als sie in die Gesichter der Männer blickte, konnte sie sogar vereinzelt Furcht erkenne. Es war offensichtlich. Ein Großteil von Robins Männer wollten nicht hier sein.
Wovor fürchtet ihr euch? Oder soll ich besser fragen vor wem?
Die Schwarzhaarige zerbrach sich den Kopf, doch sie kannte die Gegend nicht und wusste zu wenig über die Männer, die sie gefangen nahmen. In ihren Gedanken vertieft, sah sie die Wurzel nicht und fiel der Länge nach hin.
„Ouuch", erklang es laut aus ihrem Mund. Die Tränen, die in ihre Augen auf Grund des Schmerzes schossen, erfüllten sie mit Wut.
„Jetzt reicht es, verdammt noch mal. Ich mach keinen Schritt mehr. Und wenn du mich KO schlagen musst, dann mach das. Ich bin kein Hund, den du hinter die herschleifen kannst, du irrsinniger Idiot",zeterte sie. Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Der Ton wurde mit jedem Wort lauter und Höher. Der Dieb hielt sein Pferd an, wendete es und ritt zu ihr.
„Schrei hier nicht so rum", ermahnte er sie streng, doch Regina lag gedemütigt im Dreck und ließ ihren Emotionen einfach freien Lauf
„Ich schrei so viel ich will. Und wenn ich den ganzen Tag herumschreien will, dann tue ich das. Und wenn es dir nicht passt, dann bind mich los und lass mich zurück."
„Gin! Ruhig!", machte er erneut und sprang von seinem Pferd ab. Mit einem gekonnten Griff packte er sie und zog sie auf die Beinen.
„Schrei weiter und ich kann nicht garantieren, dass du den Weg überlebst"
„Dann bring mich endlich um", ihre Stimme hatte etwas flehentliches, doch ihre Augen waren wie gestoßenes Eis. Sie fürchtete den Tod nicht. Ohne darauf zu antworten machte er einen Schritt auf sie zu, packte sie an den Hüften und hievte sie wie einen nassen Sack über seine Schultern.
„Boss bring sie zum schweigen, sonst mach ich es", Johns Worte hingen wie ein dunkles Versprechen in der Luft.
Regina brauchte einen Moment bis sie realisierte was mit ihr geschah. Ein Blick auf die Männer und die Furcht, welche sie zuvor sehen konnte, war noch stärker in ihre Gesichter eingezeichnet. Robin stapfte durch den Wald und ließ seine Männer zurück. An einer schräg gewachsenen Eiche bog er Rechts ab, legte noch ein paar Schritte zurück und ließ sie dann von sich hinunter gleiten.
„Und jetzt beruhige dich oder ich muss dich wieder knebeln. Willst du das? Gefällt dir das?", der Dieb versuchte ruhig zu bleiben, doch es missglückte. Vor Wut zitterte seine Stimme und wurde lauter.
„Nein, das gefällt mir nicht oder sehe ich etwa so aus?" provozierte sie ihn mit Funkeln in den dunklen Augen.
„Das tut weh" sie hielt ihm die gefesselten Handgelenke hin, die rote Striemen aufwiesen.
„Meine Füße tun weh. Meine Beine tun weh. Mein Rücken tut weh."
Alles tut weh...einfach alles und ich bin so wütend und ich bin so machtlos und das tut am meisten weh
Regina gab ihm keine Chance etwas zu sagen, denn sie feuerte ihre Worte weiter wie ein Maschinengewehr ab.
„Und am meisten tut es weh, mit ansehen zu müssen, was für ein miserabler Anführer du bist. Deine Männer fürchten sich und du tust nichts um sie zu beruhigen. Nein, du zerrst mich durch den Wald, obwohl du mich mittlerweile kennst."
„Als wenn deine Wachen sich nie gefürchtet hätten", gab er kalt zurück. Nun entfleuchte Regina ein arrogantes Auflachen.
„Oh ja, aber sie haben MICH gefürchtet und das gab mir Sicherheit. Deine Männer fürchten sich vor einem Schatten und ihr lausiger Anführer schafft es nicht, diese Schatten zu vertreiben."
Robin starrte sie an. Das Bedürfnis ihr ins Gesicht zu schlagen, stieg ins unermessliche. Er hasste sich für dieses Gefühl, denn er hatte noch nie die Hand gegen eine Frau erhoben.
Du hast nur vergessen wer sie ist, du Idiot. Lässt dich von ihr vorführen. Was für ein Anführer bist du...
Die Stimme in seinem Kopf verhöhnte ihn mehr, als die Königin es je vermochte. Regina bemerkte, dass ihre Worte getroffen hatten. Der Ausdruck seiner Augen, erinnerte sie an ein Kind, dessen ganzen Charakter man runter geputzt hatte, anstatt bloß das Handeln zu kritisieren. Es erinnerte sie, an sich selbst. Erinnerte sie an die Demütigungen ihrer Mutter und ganz plötzlich wollte sie es wieder gut machen. Wollte alles ungesagt machen, doch das ging nicht. Es war ihr fremd, sich zu entschuldigen, es war ihr fremd, wie man etwas wieder gut machte und so schaute sie ihn einen Moment nur schweigend an.
Sag doch was
Regina wandte den Blick ab von Robin und starrte auf die Fesseln. Das Schweigen dehnte sich zwischen ihnen aus. Eine felsige Kluft, die man nicht überwinden konnte. Er würde sie KO schlagen oder anders wehtun, damit sie ihren Weg fortführen konnten, davon war Regina überzeugt.
„Du hast keine Ahnung", es war der Mann, der dem Schweigen ein Ende bereitete. Die Königin hob ihren Blick und schaute ihm ins Gesicht. Sie erkannte den Kampf in seinem Innern. Wusste um die Dämonen, die in seinem Kopf stritten.
„So viele Männer haben schon in diesem Gebiet ihr Leben gelassen, weil so Hochgeborene wie du, glauben sie ständen über allem. Wenn er mit seinen Männern kommt, dann kannst du nur beten, dass dir jemand Kehle aufschlitzt, bevor sie dich in die Finger bekommen."
„Wer ist er?"
„Der Sheriff", bei dem Wort drängte sich ein Bild in ihr auf. Sie sah Emma, sah das blonde, lange Haar und den immerwährenden melancholischen Blick. Sie sah den Unglauben, als sie ihre Hand ergriff und ihr ein schönes Leben schenkte. Sah die Dankbarkeit und ihr Lächeln. Regina wollte nicht darüber nachdenken. Darüber nachdenken bedeutete nur noch ein weiterer Schmerz. Sie konnte nicht verhindern, dass der Ausdruck auf ihrem Gesicht sich gewandelt hatte. Resigniert und geschlagen schluckte sie. Danach hob sie in einer schnellen Bewegung ihre Arme hoch und ließ sie wieder sinken. Das Seil machte eine peitschende Bewegung und traf Robins Hand.
„Dann sollten wir weiter, bevor es soweit kommt"
Der Mann lächelte sie knapp an und ergriff die Leine. Mit hängenden Schultern und Mundwinkeln schloss sie zu ihm auf und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg. Sein Blick huschte immer wieder auf ihre Gestalt, die mit jedem Schritt mehr ausdrückte, wie geschlagen sie sich fühlte. Sie kamen zu der Eiche und bevor sie abbogen, hielt die Königin noch mal inne. Der Geächtete sah, wie sehr sie mit ihrem Stolz rang und versuchte diesen hinunter zu schlucken.
„Weißt du, ich dachte ich hätte eine bessere Behandlung verdient, nachdem ich deinen Sohn geheilt habe", in ihrer Stimme schwang Enttäuschung mir, welcher er sich nicht entziehen konnte.
„Aber wenn deine Dankbarkeit über einen Obstkorb hinausgehen könnte, dann zerr mich nicht mehr hinter dich her..." Robin starrte sie an und erkannte auf Grund ihrer Mimik, wie schwer es ihr fiel, das nächste Wort zu formen. „B...b...bit...muss ich das jetzt echt aussprechen?" fragte sie entgeistert und lachte über sich selbst verhöhnend auf.
„Oh ja, das musst du", grinste er breit und stellte seine Zähne zur Schau.
„Du genießt das richtig", stellte sie knapp fest, legte ihren Kopf leicht schief und flehte.
„Bitte"
Er nickte ihr zu und legte eine Hand in ihren Rücken, um sie den Rest des Weges zu führen. Nach einer Weile kehrten sie zu den anderen zurück. John erwartete sie mit missmutigen Gesicht, doch als er sah, dass die Königin sich gefangen hatte und nicht mehr herumbrüllte, atmete er erleichtert aus.
„Soll ich sie jetzt knebeln?" fragte er und konnte nicht verhindern, dass sich Vorfreude in seinen Blick mischte. Robin schüttelte seinen Kopf und führte Regina zu seinem Pferd.
„Ein Versuch mich abzuwerfen und..."
„Ja, ja, ich kenne deine Drohungen zur Genüge", winkte sie ab und ließ sich auf das Tier helfen. Robin stieg hinter ihr auf und packte nach ihrem rechten Bein.
„Nimm den Damensitz, dann fühle ich mich sicherer, dass du mich nicht abwirfst und durchbrennst"
Die Schwarzhaarige schmunzelte über die Worte und tat wie ihr geheißen. Little John schenkte seinem Boss einen Blick, der ihm sein Missfallen verriet, doch Robin ging nicht weiter darauf ein. Er nahm die Zügel in die Hand. Seine Arme legten sich um den Körper vor sich und gab seinen Männern Befehl den Marsch fortzusetzen.
Regina bemerkte jetzt erst wie müde sie war. Immer wieder fielen ihre Augen zu. Unfähig sich viel länger wach zu halten, sackte ihr Oberkörper gegen Robins Brust. Der Mann blickte auf sie hinunter und ein warmes Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
„Du bist wirklich der lausigste Anführer", hörte er sie schlaftrunken Nuscheln. Ein weiterer Blick auf seine Gefangene, bestätigten ihre Worte.
Oh ja, das bin ich
