Chapter 7:

„Was ist los? Worüber denkst du die ganze Zeit nach?" Ryou hob den Kopf und sah sein Ebenbild verwirrt an.

Es war der vierte Tag seines Krankenhausaufenthalts. Bakura hatte ihm wie jeden Tag die Schulsachen vorbeigebracht und arbeitete gerade mit ihm den Stoff nach, den Ryou verpasst hatte.

„Wie bitte?"

„Worüber denkst du die ganze Zeit nach?", wiederholte Bakura. „Wie kommst du darauf, dass irgendwas ist?"

„Du starrst schon seit genau 7 Minuten und 34 Sekunden auf dein Heft und hast nicht einen Muskel gerührt, geschweige denn ein Wort geschrieben."

„Hast du etwa die Zeit gestoppt?" „Hatte nichts Besseres zu tun gehabt.", meinte Bakura und grinste schulterzuckend. Dann wurde er ernst.

„Sag an. Was beschäftigst dich?" Ryou kaute auf seinem Stift herum und starrte auf seine Schulbücher.

„Hmm… Ich hab mich nur gefragt… Als Hirutani und sein Gefolge mich nach der Schule abgefangen hatten, meinte er, dass mein Wachhund wohl heute nicht da wäre, um auf mich aufzupassen oder so was.

Dann meinte er, dass mir die ganze Zeit über eine Person mit weißen Haaren von der Schule bis nach Hause gefolgt wäre und aufgepasst hätte, dass mir nichts passiert. Und das jeden Tag."

Er sah Bakura an.

„Warst du das?"

„Hm ja, war ich.", meinte Bakura, ohne von seinem Buch aufzusehen, in einem beiläufigen Plauderton, als hätte Ryou ihn lediglich nach dem Wetter gefragt.

Ryou starrte ihn fassungslos an. „Nicht wirklich oder…?", meinte er langsam.

„Du bist mir echt jeden Tag nach der Schule bis nach Hause gefolgt? Ohne, dass ich was bemerkt habe?"

„Was denn? Jetzt beschwer dich doch nicht. Was glaubst du, warum dich in den letzten paar Wochen so gut wie keine Bullys mehr abgefangen haben? Urlaub werden sie wohl kaum gemacht haben."

„Was hast du mit ihnen gemacht…?", fragte Ryou entsetzt.

Bakura grinste.

„Das…", sagte er „…überlasse ich deiner Fantasie."

Ryou wurde noch eine Spur blasser.

Besonders als er an Hirutani und seine Schergen dachte. Deshalb also waren sie so ungewöhnlich brutal gewesen.

Okay, brutal waren sie immer (sonst wären's ja keine Bullys), aber dieses Mal waren sie schlimmer als sonst gewesen.

„Ich glaub, ab sofort lassen sie dich in Ruhe.", meinte Bakura heiter. „Wollen wir dann jetzt mit dem Unterrichtsstoff weitermachen? Du hast einiges aufzuholen."

Und damit war das Thema für ihn gegessen.

Ryou musste noch ca. 1,5 Wochen im Krankenhaus bleiben, bis die Ärzte endlich ihr ok gaben, dass Ryou nach Hause durfte, unter der strengen Anordnung, dass er sich seinen Rippen zuliebe nicht überanstrengte.

Bis zu seiner Entlassung war Bakura Ryou jeden Tag besuchen gekommen.

Vermutlich war die ständige Anwesenheit Bakuras einer der Gründe, wieso sie ihn früher, als es normalerweise üblich war, aus dem Krankenhaus entließen. Bakura hatte es sich einfach nicht verkneifen können bei jedem Besuch und jeder Untersuchung der Ärzte, die sich um Ryou kümmerten, dabei zu sein und mit breitem Grinsen alles zu kommentieren, was sie sagten und taten.

Besonders den Chefarzt Hagane, mit dem er es sich bereits von Anfang an verscherzt hatte, hatte er auf dem Kieker und verfolgte ihn öfters durch das gesamte Krankenhaus, mal heimlich, mal wieder nicht und ließ sich durch nichts davon abbringen, ihm auf die Nerven zu gehen und sich am dem Anblick des vor Wut schäumenden Hagane zu erfreuen.

Der einzige Grund, warum sie ihm kein Krankenhausverbot erteilt hatten, war Ryous inständiges Bitten und Betteln, das Jammern außer seinem ‚Bruder' doch niemanden mehr zu haben und dass er jemanden bräuchte, der ihn, was den Unterrichtsstoff anging, auf dem Laufenden hielt und dass er sich ohne seine Gesellschaft zu Tode langweilen würde.

Und so kam Bakura irgendwann morgens, bevor die Schule anfing ins Krankenhaus und leistete Ryou Gesellschaft, bis der Unterricht anfing, kam nach dem Unterricht wieder und blieb dann so lange, bis die Krankenschwestern ihn abends rausschmissen.

Manchmal schlich er sich trotzdem nachts wieder in Ryous Krankenzimmer und amüsierte Ryou mit einem fast unerschöpflichen Arsenal an Nachäffungen des Chefarztes, seiner Kollegen und der Krankenschwestern.

Nachdem Ryou endlich wieder in sein Apartment zurückkonnte, kündigte Bakura seine alte Wohnung, die ihm das Gericht besorgt hatte, packte seine Siebensachen und quartierte sich kurzerhand bei Ryou ein.

Auf Dauer war es ihm zu umständlich, ständig durch die halbe Stadt laufen zu müssen, wenn er zu Ryou wollte, war eine seiner Begründungen gewesen.

Außerdem wäre es so billiger und gemütlicher.

Er wollte aufpassen, was Ryous körperlichen Zustand anging, sichergehen, dass nicht doch wieder einer der Bullys Ryou bedrängte, und so weiter und so fort.

Die Liste seiner Argumente war scheinbar endlos.

Nicht, dass Ryou sich beschweren wollte. Es gefiel ihm besser, nicht mehr allein leben zu müssen.

Auf dem Schulweg fiel Ryou auf, dass an allen möglichen Ecken und Enden Hirutani und seine Schergen zu sehen waren, die nur auf eine Gelegenheit warteten, sich bei ihm rächen zu können.

Doch da Ryou mittlerweile nur noch in der Gesellschaft Bakuras anzutreffen war, mussten die Bullys notgedrungen auf ihre Rache verzichten und sich mit der Tatsache abfinden, dass ihr liebstes Spielzeug nicht mehr zu ihrer Verfügung stand.

Bakuras bloße Anwesenheit ängstigte mittlerweile alle Bullys so sehr, dass sie den beiden aus dem Weg gingen und einen großen Bogen um sie machten, wenn sie Ryou und Bakura nur vom weitem sahen.

------+++++------