"Rose, bitte!" Johnny sprang auf, kramte schnell ein paar Geldscheine aus der Tasche, die er auf den Tisch legte, und rannte hinter ihr her nach draußen. Nach ein paar Metern hatte er sie auf dem Gehweg eingeholt und stellte sich ihr in den Weg.

"...Rose, es tut mir Leid! Ich... ich hätte nicht gleich so reagieren sollen. Wir kennen uns ja noch gar nicht richtig und ich weiß so wenig von dir!" Er hielt sie an den Schultern und versuchte sie am Weitergehen zu hindern. Rose schaute auf den Boden, mochte ihm nicht in die Augen sehen. Da nahm er seine Hand an ihr Kinn, schob es hoch und zwang sie ihn anzusehen.

"Du hast mir erst heute morgen gesagt, dass du mich liebst. Das hatte ich nicht erwartet, selbst nach jener Nacht..." Seine Stimme klang heiser und er schluckte vernehmlich. "Ich möchte, dass du weißt, auch wenn wir uns nur wenige Tage kennen, dass ich genauso fühle. Ich liebe dich! Es ist, als ob ich auf dich gewartet habe, mein ganzes Leben lang!"

"Aber das ist verrückt!"

Heiteres Gelächter entfuhr ihm. "Ich weiß!"

Für ein paar Sekunden stimmte sie in sein Lachen ein, dann wurde sie wieder von ihrem Kummer überwältigt. Auf keinen Fall konnte sie einfach so tun, als ob nichts wäre. Eigentlich wollte sie einfach nur weg. Sie riss sich aus seiner Umklammerung und ging weiter, ließ ihn stehen.

"Bedeutet es dir denn gar nichts? Bedeute ich dir nichts?" rief er ihr verloren hinterher. Aber er bekam keine Antwort.


Der Doktor marschierte noch einmal in den Laborraum im Keller, denn er brauchte unbedingt die im Gerät gespeicherten Messdaten. Die konnten ihm am besten darüber Auskunft geben, welche Art von Filtermaterial dieser Johnny versuchte herzustellen. Zum Glück waren die Studenten mittlerweile nicht mehr dort, nur der eine Kollege von vorhin saß noch im hinteren Bereich und mikroskopierte seine Proben.

Unauffällig setzte er sich an das große Gerät und zückte seinen Schallschrauber, um diverse Passwörter zu umgehen. Nach fünf Minuten Suche in den Dateien hatte er, was er brauchte. Gerade wollte sich der Timelord vom Stuhl erheben, als er angesprochen wurde.

"Meinst du, diesmal geht alles gut? In einem Monat ist der Kongress, bis dahin solltest du sichere Ergebnisse haben..." Jener Kollege war unbemerkt dicht hinter ihn getreten und blickte ihn berechnend an.

"Ach sicher doch, du kennst mich doch!" mit einem entwaffnenden Lächeln versuchte er sich dieser Person zu entledigen, doch in diesem Moment kam die andere Kollegin herein, diesmal allein, ohne ihre Studenten.

Der andere drehte sich zu ihr. "He, Eileen, kannst du uns nicht das nächste Mal vorwarnen, bevor du ne Horde Esel durchs Labor jagst?!" Sie streckte ihm kindisch die Zunge heraus und kam zu den beiden hin. Neugierig lugte sie dem Doktor über die Schulter, um zu sehen was er da trieb und streifte ihn dabei mit ihrem Busen. Der andere Kollege sah das und schnaubte los. Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu, bevor sie dem Doktor ins Ohr säuselte.

"Zeig mir doch mal deine neueste Messung, ich bin ganz gespannt!" Das Schnauben hinter ihnen wurde lauter und Eileen richtete sich verärgert wieder etwas auf. "Steve, hör auf damit! Mich interessiert eben ungemein, was Johnny da herstellt!"

"Ah so, also rein an der Sache interessiert, stimmts?" die beißende Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören und der Timelord warf ihm einen dankbaren Blick zu. So ermuntert ging Steve noch weiter; er wusste genau, wie man Eileen auf die Palme bringen konnte und blinzelte dem Doktor verschwörerisch zu. Dann seufzte er laut auf.

"Ach Smutty, Rose und du, ihr seid so ein reizendes Paar! Hattet ihr bereits einen Termin gemacht für die gemeinsame Wohnungsbesichtigung?"

Wie angestochen kam Eileen komplett wieder in die Senkrechte und nestelte ungehalten mit einem Stift und ihrem allzeit paraten Klemmbrett. Gespannt lauerte sie dabei auf seine Antwort.

"In der Tat wollen wir nachher etwas anschauen gehen", spielte der Doktor das Spielchen mit und beobachtete genüsslich die bestürzte Reaktion der aufdringlichen Kollegin und das Feixen seines Komplizen. Nach einem Augenblick räusperte er sich. "Aber mal was anderes: Wo sind eigentlich meine Proben der letzten Monate hingekommen? Irgendwie scheine ich vergesslich geworden zu sein."

Eileen schien die Frage überhört zu haben, vielleicht war sie auch nur immer noch abgelenkt. Der andere Kollege jedoch hielt den Atem an und blickte nervös zu Eileen herüber. Dann meinte er leise: "Welche der Proben meinst du denn? Die wenigen Überreste sind doch geklaut worden..."

Ein neuerlicher Blick auf die Kollegin und er wechselte rasch das Thema. Lauthals gröhlte er los und schlug dem Doktor dabei auf die Schulter: "Und, Smutty, was meinste, sind wir am Wochenende fit? Was wettest du, gewinnen wir auswärts?"

"Oh nöö, Fußball! Ich werd mal gehen, ist eh schon Mittagspause durch. Bis später dann!" Aus den Augenwinkeln schaute sie den Doktor noch einmal enttäuscht an und verschwand dann.

Kaum hatte sich die Tür hinter Eileen geschlossen, sagte Steve: "Okay, und wer sind Sie wirklich?" Ihre Blicke bohrten sich ineinander.

"Für wen halten Sie mich denn?" Der Doktor wusste, wann er jemandem etwas vorspielen konnte und wann nicht. Der andere brütete einen Moment vor sich hin, dann meinte er ernst:

"Ich würde Sie für einen Zwillingsbruder von Johnny halten, nur das trifft es nicht ganz", er winkte lässig ab, "aber lassen wir das beiseite. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass Sie sich brennend für Johnnys Arbeit interessieren, ohne sie stumpf vernichten zu wollen." Er wartete gelassen ab, was sein Gegenüber dazu zu sagen hatte.

Der Timelord zog überrascht eine Augenbraue hoch. "Das hört sich danach an, dass es bereits jemand versucht hat. Mehrfach?" Steve nickte frustriert, dann fing er an aufzuzählen.

"Verbrannt, gestohlen, verunreinigt bis zur Unkenntnis, Geräte zerstört, Dateien zerschossen... wollen Sie noch mehr hören?"

"Wir sprechen also von Sabotage, und zwar von allerhöchster Ebene... Doch warum und wer profitiert davon?" Der Doktor fuhr sich durch seine Haare. "Wer möchte verhindern, dass Frequenzfilter für elektromagnetische Wellen entwickelt werden? Vor allem, weil sie tatsächlich erst in ein paar Jahren wirklich marktfähig werden... was rede ich: Jahrzehnten!"

Der andere starrte ihn bei diesen Worten an - er hatte den scharfen Verstand eines Wissenschaftlers und es ging um sein eigenes Fachgebiet, von daher wusste er genau einzuschätzen, wie sein Gegenüber das gemeint hatte. Ungläubig schüttelte er den Kopf.

"Wie um alles in der Welt sollten Sie wissen, in welche Richtung sich die Keramikforschung entwickelt!"

Der Doktor ignorierte seine Frage. "Ha! Ich hab mir die ganze Zeit die falsche Frage gestellt! Die richtige Frage lautet eher: Welche Frequenzen genau wollte Johnny mit seinem neuen Material herausgefiltert bekommen? Und warum?"

"Ich glaube, das weiß nur er selbst, das sollten wir ihn mal beizeiten fragen. Das hat er nämlich niemandem bislang verraten." Steve sah scharf zum Doktor herüber. "Eins ist mir ja noch ein echtes Rätsel: Was hat Rose mit der ganzen Sache zu tun? Ich kann es beim besten Willen nicht erraten."

Bei der Nennung ihres Namens versteifte sich der Timelord leicht, bevor er betont lässig antwortete: "Rose hat mit der Sache rein gar nichts zu tun. Wir waren nur auf der Durchreise, als sie Johnny begegnete."

Steve nahm die Information zur Kenntnis, fügte nur noch hinzu: "Und wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?"

"Ich bin der Doktor. Einfach nur der Doktor." Er nahm sich ein kleines Probenfläschchen von der aktuellen Charge, steckte es sich in die Tasche und wandte sich zum Ausgang.

"Armer Smutty", murmelte Steve, als der fremde Besucher gegangen war. Es war nur allzu eindeutig, zu wem von beiden die schöne Blondine wahrhaft gehörte - und wer den kürzeren ziehen würde.


Während der Doktor zum Powell Estate zurückkehrte, war er sehr nachdenklich. Er war wirklich neugierig, was die Tardis zu der Probe sagte, die er in der Tasche hatte, sofort würde er eine genaue Analyse machen. Noch immer zermarterte er sich den Kopf, was es mit dem Material auf sich hatte - und warum solche Anstrengungen unternommen wurden, es gar nicht erst entwickelt zu sehen. Was sollte verhindert werden?

Und was er außerdem noch unbedingt durch die Verstärkungsschaltkreise der Tardis untersucht haben musste: die Gegenwart eines weiteren Timelords. Und zwar eines bestimmten... es konnte zwar nicht sein, denn er wusste mit Sicherheit, dass keiner übrig war - er war der letzte der Timelords! Doch es gab einen Namen, der in Johnnys Unterlagen aufgetaucht war: der Name seines größten Widersachers. Der Master.

Unwillkürlich blieb er stehen, schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Ein unterschwelliges Gefühl kam in ihm auf, als würde ihm etwas entgehen, wie ein Flügelschlag aus dem Augenwinkel heraus... und dann war es wieder verschwunden. Das einzige Geräusch in ihm drin war der Viertakt-Schlag seiner Herzen.

Als er bei den Powell Estate-Häusern ankam, war er kurz am überlegen, ob er zuvor Rose einen Besuch abstattete, doch die Analyse genoss Vorrang, entschied er dann. Zügig bog er um die Ecke des letzten Wohnblocks, nur um auf die leere Stelle zu starren, an der sonst seine Tardis parkte.


Und er hatte gedacht, sie sei nicht wie die anderen. Sie sei anders, erhaben, sei es wert, dass man für sie ins kalte Wasser springt. Was hatte ihr Liebesgeständnis schon an Wert - so einfach dahin gesagt nach einer wilden Nacht? Er fühlte sich verraten, bloßgestellt, dass er sich dazu hatte hinreißen lassen, ihr diese Worte zu erwidern. Dabei bedeuteten sie ihm alles, und ihr scheinbar nichts.

Ihm wurde heiß und es trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht - bei dem Gedanken, dass sie jetzt über ihn lachte, ihn wegen seiner Aufrichtigkeit verhöhnen würde, irgendwo zusammen mit ihrem Typen, mit dem sie reiste. Sollte sie bloß schnell aus seinem Leben verschwinden! Am besten vergrub er sich in seine Arbeit - er hatte sich eh schon viel zu stark von seinem Projekt ablenken lassen.

Er fühlte sich matt, ein Stündchen Mittagsschlaf konnte ihm nur gut tun, dann würde er bis in die Puppen am Schreibtisch hängen. Automatisch steuerte er auf seine Wohnung zu, und innen angekommen, schmiss er seinen Pulli auf den Sessel und warf sich bäuchlings aufs Bett. Nach drei tiefen Atemzügen ins Kissen hinein fing er an zu stöhnen: Alles an dieser Bettwäsche roch nach ihr, nach ihren Haaren, ihrem Parfum, selbst das rosa Haarband lag noch auf seinem Nachttisch.

Er stutzte und kam hoch. Etwas anderes lag nicht mehr dort, wo es liegen sollte. Seine Uhr war verschwunden! Das Erbstück seines Vaters, weg. Nein, das konnte nicht sein - er suchte alles ab, fand aber nichts. Er schaute nach, ob bei ihm eingebrochen wurde - auch nicht. Alle weiteren Gegenstände von einigem Wert waren auch noch in der Wohnung.

Sein Groll war geweckt. Der Dieb konnte nur eine Person sein! Sie hatte sie vorhin sogar noch in der Hand gehabt und ihn danach ausgefragt. Wie konnte er nur so dumm sein und auf sie hereinfallen! Bislang war er schwach vor Liebeskummer gewesen, doch jetzt fühlte er einen ungezügelten Zorn in sich hochsteigen, der seinesgleichen suchte. Er stürzte gleich einem rachsüchtigen Gott aus der Tür und auf ihren Häuserblock zu, bis zu ihrer Wohnungstür hatte er nicht ein Mal angehalten.

Es war erneut Jackie, die ihm öffnete, perplex schauten sie sich an. "Ist Rose hier?" Roses Mutter nickte nur stumm und mit halb geöffnetem Mund, als er auch schon an ihr vorbei durch den Flur und ins Wohnzimmer stürmte. Sein Alptraum wurde Wirklichkeit, er sah Rose in den Armen eines anderen Mannes, der sich nun zu ihm umdrehte. Auf den Anblick seines Spiegelbildes war er nicht gefasst.