Thor´s POV:
Die Jahre gingen auf und ab. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen im Palast und mit der Zeit bemerkte ich die Veränderungen, die mein Körper durchlief.
Mädchen fand ich plötzlich gar nicht mehr so blöd und auch sie schienen nichts gegen mich zu haben und trotzdem war ich die meiste Zeit bei Loki.
Denn ich war sehr unsicher, ob diese Mädchen wirklich mich wollten oder nur darauf aus waren mit dem Kronprinzen Asgards anzubändeln. Loki jedenfalls hatte mich ein gesundes Misstrauen gelehrt und irgendwie war es für mich gar nicht so schlimm, noch keine Freundin gehabt zu haben, auch wenn meine Freunde mich deswegen aufzogen.
Ich war achtzehn, als ich das erste Mal mit Loki stritt. Und dieser Streit wurde in Asgard berühmt, denn zum ersten Mal zeigte sich ganz deutlich, wie abhängig wir voneinander waren.
Es hatte alles ganz harmlos angefangen. Meine Geburtstagsfeier war mit großer Pracht begangen worden, denn Vater hatte sich in den Kopf gesetzt die Menschen zu imitieren und die Volljährigkeit ein wenig vorzuverlegen. Anstatt mit dreißig, wurde man jetzt schon mit achtzehn erwachsen und musste dann eine Prüfung ablegen, die den weiteren Lebensweg bestimmte.
Wochenlang war ich auf diese Prüfung vorbereitet worden und als ich am Morgen meines großen Tages in der Ahnenkammer des Tempels kniete und auf eine Eingebung wartete, fühlte ich mich so bereit wie noch nie in meinem Leben.
Die Ahnenkammer, war im Grunde keine Kammer, sondern eine große Halle, deren Decke von Kriegs- und Enstehungsszenen Asgards geschmückt war und deren Kristallwände die Namen gefallener Krieger zierte. Der Boden war mit einem Mosaik geschmückt, wobei man immer das Gefühl hatte, dass das Muster lebendig war.
Ich kniete seit mehreren Minuten auf dem Boden, als mich plötzlich eine Kälte erfüllte und ich das Gefühl hatte, dass sich Nadeln in meinen Kopf bohrten, bis sich aus den Schmerzen langsam Bilder kristallisierten. Ich sah die Berge von Hel, dem Totenreich, schwarz und gewaltig und zwischen ihnen eine riesige Schlange.
Jörmungandaal! Die Midgardschlange!
Sie war der größte Feind der Asen und Wächter über das Reich Hel, welches die Menschen als die Hölle bezeichneten.
Die Vision endete und gerade, als ich, verzweifelt über diese unmöglich scheinende Aufgabe, die Ahnenkammer verlassen wollte, erschien noch ein Bild in meinem Kopf. Das Bild eines silbernen Hammers.
Die Aufgabe zehrte an meinen Kräften und als ich spät in der Nacht nach Asgard zurückkehrte und als Beweis meines Sieges einen riesigen Giftzahn heimbrachte, wurde ich mit allen Ehren eines Kriegshelden empfangen.
Es gab eine große Feier mit einem riesigen Bankett und als der Alkohol in Strömen floss, warf auch ich meine Manieren über Bord und tat mich am Schnaps gütlich. Die Stimmung wurde ausgelassener, die Witze schlechter und als die Nacht ihre dunkelste Stunde erreichte, stand mir plötzlich der Sinn nach anderer Gesellschaft, als meinen Freunden.
Loki hatte sich schon lange verabschiedet und plötzlich kamen mir seine Ermahnungen, was die Frauen betraf, gar nicht mehr so wichtig vor, weshalb ich das nächste hübsche Mädchen, welches an mir vorbeilief auf meinen Schoß zog und küsste. Ich hörte noch meine Freunde pfeifen, doch ich schenkte dem keine Beachtung. Der Kuss wurde immer heißer und mittlerweile hatte auch meine Hand den Weg unter das Kleid der namenlosen Schönheit gefunden, weshalb ich enttäuscht knurrte, als sie sich mir entzog.
„Wir sollten in deine Gemächer gehen.", sagte sie und ich folgte ihr willig, als sie mich auf die Beine zog. Den ganzen Weg zu meinem Zimmer verbrachten wir mit Necken und Küssen und als wir meine Gemächer erreichten, war ich angeheizt und wollte wilden, hemmungslosen Sex.
Ich stieß die Tür auf und einen Moment war ich geblendet, denn jemand hatte das Licht in meinem Zimmer angestellt. Ich hörte ein erschrockenes Einatmen und als ich die Augen öffnete sah ich Loki auf meinem Bett sitzen, ein Buch in der Hand.
Ich wusste nicht was in mich fuhr, doch plötzlich war ich stinksauer. Ich hörte das Mädchen neben mir lachen und irgendwas von: „Das gibt Ärger!", faseln und der Alkohol tat sein übriges.
Mit einem Satz stand ich neben meinem Bett und zog Loki grob am Kragen aus den Kissen. Er versuchte sich zu wehren, doch der Vierzehnjährige hatte nicht den Hauch einer Chance.
Mit einem Ruck riss ich die Zimmertür wieder auf und warf Loki so heftig aus dem Zimmer, dass er an die gegenüberliegenden Wand knallte.
„Verschwinde, und komm nie wieder!", brüllte ich und als ich die Tür zudonnerte, ignorierte ich die Tränen, die in seinen schmerzverzerrten Augen glitzerten.
Am nächsten Morgen brummte mein Kopf und ich hatte einen widerlichen Geschmack auf der Zunge. Das Mädchen war verschwunden und langsam kehrten die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück.
Mein Grinsen angesichts meiner Eroberung verblasste als ich mich plötzlich wieder an Loki erinnerte. Ich sprang blitzschnell aus dem Bett, zog eine Hose über und stürmte in Loki´s Zimmer. Sein Bett war gemacht und sah unberührt aus und besorgt lief ich wieder in den Flur.
Den ganzen Morgen rannte ich durch den Palast, doch niemand wollte meinen kleinen Bruder gesehen haben und als ich ihn im Garten, unter unserem Lieblingsbaum fand, war er blass und hatte tiefe Ringe unter den Augen.
„Oh, Loki.", sagte ich und musste mit ansehen, wie er erschrocken zusammenzuckte:
„Es tut mir so Leid! Alles was ich gestern Abend gesagt und getan habe. Ich war betrunken."
Wütende, smaragdgrüne Augen sahen mich an und ich spürte Loki´s Enttäuschung fast körperlich.
„Das soll also deine Entschuldigung sein?", fragte er und seine Stimme war getränkt mit Zorn und Kummer: „Du hast mich an eine Wand geworfen und mir gesagt ich solle mich nie wieder blicken lassen und das alles wegen einer namenlosen Hure!"
Er war aufgesprungen und seine Augen schienen Funken zu sprühen, doch seine Worte machten auch mich wütend.
„Verdammt Loki, ich habe mich Entschuldigt für das was ich tat, doch meine Bettgeschichten gehen dich nichts an. Ich bin achtzehn Jahre alt. Es wird erwartet!"
„Erwartet?", rief er und ich zuckte unter dem scharfen Klang seiner Stimme zusammen: „Es wird also erwartet, dass du irgendein Weib von deiner Feier entführst, damit die anderen Krieger erkennen, dass du ein Mann bist? Das sind doch die Worte deiner nichtsnutzigen Freunde und-"
„Beleidige meine Freunde nicht! Sie haben nichts damit zutun!"
Ich war unglaublich sauer. Wie konnte Loki es wagen so mit mir zu sprechen. Ich war der Kronprinz von Asgard.
Loki´s Augen wurden schmal, als ich ihm meine Gedanken an den Kopf schleuderte und plötzlich straffte er die Schultern und sein Blick glich grünem Eis.
„Dann, Bruder, werde ich dir nicht länger im Wege stehen. Ich hoffe Ihr werdet glücklich, Euer Hoheit!"
Und mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand.
