Ich war sehr froh, daß wir uns kurze Zeit später verabschiedeten und nach Hause zurückfuhren. Schade, daß Jane nicht bei den Gardiners wohnte, ich hätte jemanden gebraucht, mit dem ich reden konnte. Meine Tante war zwar sehr verständnisvoll und ich hätte mich ihr anvertrauen können, aber irgendetwas hielt mich zurück. Also gab ich mich ganz alleine meinen aufgerührten Gedanken hin.
Trotz aller Aufruhr in meinem Kopf schlief ich fast sofort ein. Aber als ich am nächsten Morgen noch vor dem Morgengrauen aufwachte, kam mir alles gleich wieder in den Sinn.
Fakt war, daß Richard Fitzwilliam mich nicht heiraten würde. Soviel stand fest. Ich war unter seinem Stand! Nun ja, das stimmte schon. Meine Familie war nicht gerade wohlhabend zu nennen und der Mann, der mich tatsächlich einmal heiraten würde, täte das nicht wegen meines enormen Erbes.
Aber schlimmer noch als diese Tatsache fand ich die Bemerkung Darcys über die „willigen Damen", die Richard in der Stadt finden würde. Auch wenn ich unerfahren war, so wußte ich doch, oder vielmehr ahnte ich, daß Männer gewisse Bedürfnisse hatten, die sie nicht immer nur ausschließlich bei ihren Ehefrauen auslebten. Aber ich war zutiefst geschockt bei der Vorstellung, daß Richard solche Damen aufsuchte. Seine Bemerkung über mich, das mit der ‚Wildkatze' war respektlos gewesen und hatte mich tief gekränkt. Nein, ich wollte Richard Fitzwilliam so schnell nicht wiedersehen.
Und was hatte es mit Darcy auf sich? Er hatte mich verteidigt, ja fast beschützt! Richard gewarnt, er solle mich in Ruhe lassen. Daß er mich auf einmal mochte, konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Warum würde er mich sonst immer so finster anschauen? Und dennoch...
Wegen Richard war ich ziemlich traurig. Ich hatte gegen mein besseres Wissen gehofft, es würde vielleicht etwas mit uns werden. Aber er hatte nur mit mir gespielt, mich sogar fast verführt. Ob er mich tatsächlich in sein Bett hatte locken wollen? Bei dem Gedanken wurde mir unangenehm warm. Was wäre geschehen, wenn ich das Gespräch nicht mitgehört hätte? Was wäre geschehen, wenn Darcy sich nicht eingemischt hätte? Und die Frage blieb immer noch, warum Darcy sich eingemischt hatte!
Draußen ging gerade die Sonne auf und ich fand keinen Schlaf mehr. Unruhig wälzte ich mich im Bett hin und her, bis ich schließlich seufzend die Decken zurückschlug und aufstand. Es half nichts, ich mußte raus hier.
Ich zog meine Reithosen an und schlich mich leise nach draußen zum Stall. Um diese Zeit war da noch niemand und so sattelte ich mir schnell eines der Pferde und machte mich auf den Weg zum gegenüberliegenden Park, um meinen Kopf ordentlich durchpusten zu lassen. Ja, ich weiß, es war alles andere als schicklich. Aber wer sollte sich um diese Zeit schon im Park herumtreiben außer mir?
Eine ganze zeitlang galoppierte ich durch das kleine Wäldchen, daß den Park umsäumte. Die Bewegung und die frische Luft taten mir gut und schon bald ging es mir besser. Verdammter Richard Fitzwilliam – ich würde ihm ganz bestimmt nicht hinterhertrauern! Ausgelassen machte ich mich auf den Weg zurück zu den gekiesten Pfaden, als plötzlich ein anderer Reiter hinter einer hohen Hecke zum Vorschein kam und mein Pferd scheute. Der Reiter brachte sein Pferd sofort zum Stehen, aber ich war nicht so glücklich. Das Tier hatte sich so erschreckt, daß es sich aufbäumte, mich in hohem Bogen abwarf und umgehend die Flucht ergriff.
Ich fiel schmerzhaft (sehr schmerzhaft, um genau zu sein) auf mein Hinterteil, blieb aber ansonsten wie durch ein Wunder unverletzt. Dachte ich jedenfalls. Der Reiter sprang sofort ab und als ich wieder aufschaute, blickte ich in die besorgten, dunklen, warmen Augen von Fitzwilliam Darcy. Natürlich. Wieviele Einwohner hatte London? Und ausgerechnet ihn mußte ich hier antreffen.
„Elizabeth, haben sie sich verletzt?" fragte er und half mir behutsam, mich aufzusetzen.
„Nein, nein...nur meinen Stolz," murmelte ich benommen.
Darcy sah mich skeptisch an. „Bewegen sie einmal die Beine," befahl er und ich hob beide nacheinander hoch. Der rechte Knöchel schmerzte höllisch.
Als ich mit seiner Hilfe aufstand, verzog ich das Gesicht. Ich konnte auf dem rechten Bein nicht stehen, geschweige denn laufen. Aber ich sagte nichts. Als er mich fragte, ob ich mich kurz auf die Bank setzen wollte, schüttelte ich den Kopf. Er musterte mich schweigend und da war er wieder, der mißbilligende Blick, als er meine unschicklichen Hosen bemerkte.
„In diesem Aufzug sollten sie nicht durch einen öffentlichen Park reiten, Madam," sagte er steif.
„Es ist aber so praktisch," wandte ich ein.
„Aber überaus unschicklich."
Wir starrten uns an, sein Blick wurde etwas weicher.
„Mein Pferd ist verschwunden," stellte ich schließlich fest.
Darcy sah sich um. „Wenn wir Glück haben, ist er alleine nachhause zurückgelaufen," meinte er. „Können sie laufen, Miss Elizabeth?"
Mutig wollte ich losgehen, aber es ging nicht. Sobald ich den rechten Fuß belastete, fuhr ein heißer Schmerz durch mein Bein und Tränen schossen mir in die Augen. Darcy schüttelte seufzend den Kopf.
„Warum haben sie nicht gesagt, daß sie auch ihren Knöchel verletzt haben? Setzen sie sich hier auf die Bank, wir ziehen den Schuh aus, ihr Knöchel scheint geschwollen zu sein."
Ich schüttelte entschlossen den Kopf. „Kann nicht sitzen."
„Sie können nicht sitzen und nicht laufen?"
Ich nickte. Und wurde mal wieder rot.
„Wie soll ich sie zurück zu den Gardiners bringen?"
Liebe Güte, war mir das peinlich. Ich zuckte mit den Schultern und war mehr als verblüfft, als sich plötzlich ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht stahl. Sofort wurde er wieder ernst.
„Nun, dann fürchte ich, bleiben uns nur zwei Alternativen. Entweder, sie legen sich mit dem Bauch quer über den Sattel meines Pferdes, oder ich trage sie zurück."
Entgeistert starrte ich ihn an. Was war die dritte Alternative?
„Es ist nicht mehr weit, glücklicherweise. Ich denke, wir versuchen es erst einmal mit Tragen, einverstanden?"
Ich nickte schwach. Was blieb mir auch übrig? Lieber wie ein kleines Kind getragen werden als wie ein Sack Getreide über einem Pferd zu hängen!
Vorsichtig nahm Darcy mich auf seine Arme und marschierte los. Sein Pferd folgte ihm brav. Zunächst war mir alles sehr unangenehm. Ich versuchte, seine Nähe soweit es ging zu vermeiden, aber das war natürlich Unsinn. Kurze Zeit später hatte ich Krämpfe, es tat mir alles weh und ich wehrte mich nicht mehr gegen den Körperkontakt. Mein Kopf sank sogar an seine Schulter und ich nahm unbeabsichtigt seinen Duft wahr, eine Mischung aus Pferd, Leder, Seife und Sandelholz. Ein sehr angenehmer Duft, wie ich zugeben mußte.
Darcy sprach kein Wort auf dem Weg zum Haus meiner Verwandten. Er war offenbar sehr stark, denn er geriet nicht ein einziges mal außer Atem und seine Schritte wurden auch nicht langsamer. Als wir endlich bei den Gardiners ankamen, bedauerte ich es fast, daß wir schon da waren.
Behutsam setzte er mich ab und stützte mich, damit ich mein Bein nicht so belasten mußte. Sein Blick war ernst, aber seine Stimme sanft. „Miss Elizabeth, bitte versprechen sie mir, auf solche wilden Ausflüge in Zukunft zu verzichten. Zumindest sollten sie nicht alleine um diese Zeit in dieser Gegend unterwegs sein."
Die Tür ging auf, bevor ich antworten konnte. Darcy sah mich eindringlich an, dann hob er mich noch einmal hoch und trug mich an dem verblüfften Diener vorbei ins Haus. Er trug ihm beim Vorbeigehen noch auf, nachzusehen, ob das herrenlose Pferd in der Zwischenzeit eingetroffen war.
Meine Tante war überaus besorgt, aber auch erleichtert, mich zu sehen. Sie wies Darcy den Weg zum Salon, wo er mich vorsichtig auf einem Sofa absetzte. Ich legte mich gleich auf die Seite, um meine schmerzende Rückseite zu entlasten.
Eine Erfrischung lehnte er höflich ab. „Vielen Dank, doch ich muß zurück. Aber wenn sie nichts dagegen haben, Miss Elizabeth, komme ich morgen mit meiner Schwester vorbei, um nach ihnen zu sehen."
Und wieder wurde ich rot. Liebe Güte, er war doch nur höflich!
„Ich würde mich sehr freuen," sagte ich leise.
Darcy verbeugte sich und ging.
Ich verbrachte den Rest des Tages auf dem Bauch liegend in meinem Bett und grübelte nach. Colonel Fitzwilliam (ich nannte ihn nun nicht mehr zärtlich Richard, diesen Schurken), hatte ich nun endgültig aus meinem Herzen verwiesen. Er war es nicht wert, daß man ihm nachtrauerte, wie ich fand. Sollte er doch seine willigen Damen aufsuchen! Aber die Bemerkung mit der Wildkatze ließ mir keine Ruhe und immer, wenn ich daran dachte, wurde mir richtig heiß. Ich war zunächst sehr gekränkt gewesen, aber irgendwie fühlte ich mich auf einmal so anders, von einem Mann auf unschickliche Art und Weise begehrt, so erwachsen. „Ich wette, sie ist im Bett eine kleine Wildkatze," hatte er zu Darcy gesagt. Wie war denn eine Wildkatze im Bett? Und hatte er tatsächlich geplant, mich in sein Bett zu locken? Schamlos! Schockierende Vorstellung!
Es klopfte an die Tür und zu meiner großen Freude betrat Jane mein Zimmer. Ich mußte einfach mit ihr über diese Dinge sprechen!
Nachdem ich ihr alles vom heutigen Morgen berichtet hatte, inklusive meiner Heimkehr auf Mr. Darcys starken Armen und Jane mich ausgiebig bedauert und gleichzeitig Mr. Darcys Hilfsbereitschaft gepriesen hatte, erzählte ich ihr von dem Gespräch, das ich gestern nacht unfreiwillig mitgehört hatte. Sie war selbstverständlich gehörig schockiert.
„Lizzy! Das ist ja nicht zu fassen! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Colonel Fitzwilliam zu dieser Sorte Männer gehört! Wie abscheulich! Und stell dir bloß vor, Mr. Darcy hätte ihn nicht gewarnt..."
„Aber Jane, warum hat er ihn gewarnt? Hat der Colonel vielleicht recht und Darcy will mich für sich selbst? Er wäre ja damit keinen Deut besser als er."
„Das kann ich mir nicht vorstellen, Lizzy. Mr. Darcy ist ein Gentleman, er hat keinerlei hinterhältige Absichten. Er wollte dich sicherlich nur beschützen."
„Jane, was hat der Colonel damit gemeint, als er mich mit einer Wildkatze verglichen hat?"
Janes Gesicht wurde flammend rot – ein Trost, daß es anderen auch so ging!
„Äh...hm...nun ja...ich denke...ach Lizzy, das ist ein zu unschickliches Thema."
„Wieso? Was weißt du darüber?" Meine Neugier war natürlich geweckt.
„Nicht viel, fürchte ich. Wahrscheinlich denkt er bloß, solch eine Frau ist besonders leidenschaftlich. Es war sehr unanständig vom Colonel, so eine Bemerkung zu machen."
Ich dachte darüber nach.
„Ich wüßte gar nicht, wie man im Bett leidenschaftlich sein soll," sagte ich schließlich. „Fanny hat gesagt, von der Frau wird nichts weiter verlangt, als daß sie ruhig daliegt und den Mann gewähren läßt. Wenn er fertig ist, hat man im besten Fall ein Kind empfangen und dann die nächsten Monate Ruhe vor seinen nächtlichen Besuchen. Wo soll da die Leidenschaft sein?" Ich war ernsthaft überfordert mit dieser Frage.
„Wahrscheinlich sind nur unanständige Frauen so," meinte Jane. „Die müssen ja keine Kinder und Erben bekommen."
„Ach Jane, du wirst es bald erleben, was so alles im Ehebett passiert!" seufzte ich. „Bist du schon sehr gespannt?"
Jane war das Thema sichtlich unangenehm, aber sie blieb tapfer.
„Ich bin sicher, Charles wird mir sagen, was ich zu tun habe," sagte sie fest.
„Glaubst du, er hat schon anderweitig Erfahrungen gemacht?" Das war ja schließlich durchaus nicht ungewöhnlich, wie uns Colonel Fitzwilliam bewiesen hatte. Jane sah mich empört an.
„Natürlich nicht!" rief sie entsetzt aus.
Irgendwie hatte ich Zweifel an dieser Aussage.
„Was macht dich da so sicher?"
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Charles mit anderen Frauen einläßt, nur so aus Spaß. Er ist schließlich ein Gentleman." Jane war ehrlich aufgebracht.
„Hat er dich schon mal geküßt?"
Über Janes Gesicht breitete sich ein verträumtes Lächeln aus, was mir Antwort genug war. Ich grinste.
„So richtig geküßt? Auf den Mund?"
Jane nickte verlegen. Ich seufzte theatralisch.
„Oh Jane, ich beneide dich. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals einen Mann zu finden, den ich lieben könnte, nachdem mich der Colonel so bitter enttäuscht hat..."
„Lizzy! Hast du denn wirklich das Gefühl gehabt, er könnte um deine Hand anhalten?"
„Ich weiß nicht. Jetzt glaube ich das nicht mehr, er hat ja deutlich genug gesagt, daß ich keine gute Partie bin. Außerdem bin ich ja unter seinem Stand..."
„Wer konnte auch ahnen, daß sich hinter dem Colonel so ein schlimmer Mensch verbirgt! Ich hatte gestern abend den Eindruck, daß Mr. Darcy dich ziemlich oft angeschaut hat. Und heute hat er dich den ganzen Weg aus dem Park nach Hause getragen...ein echter Gentleman."
Ich schnaubte. „Er war ja auch daran schuld, daß mein Pferd durchgegangen ist!"
„Was hältst du von ihm?" wollte Jane wissen.
Das war eine gute Frage. Ich wußte es nicht. Einmal starrte er mich finster an – dann wieder verteidigte er mich bei seinem Cousin oder trug mich auf seinen Armen nach Hause. Der Mann war mir ein Rätsel. Ein sehr gutriechendes Rätsel allerdings!
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von ihm halten soll. Ich habe immer den Eindruck, er mißbilligt alles, was ich tue."
„Ich finde ihn sehr nett," sagte Jane. Aber Jane fand fast jeden sehr nett.
„Glaubst du, daß Darcy Miss Everton heiraten wird?" wechselte ich das Thema.
„Alle scheinen es zu erwarten. Und sie ist ja auch sehr oft bei den Darcys eingeladen."
Ich nickte. „Colonel Fitzwilliam ist anderer Meinung. Und ich habe auch nicht den Eindruck, als wäre er besonders gerne mit ihr zusammen."
Jane sah mich fragend an.
„Der Colonel hat angedeutet, daß Darcy ein Problem hat, die richtige Frau zu finden," sagte ich.
„Charles hat auch mal so etwas gesagt. Es scheint kaum eine junge Frau beziehungsweise deren Mutter zu geben, die nicht ihre Krallen nach Darcy ausstreckt. Er ist eine überaus gute Partie. Ich glaube, er ist einfach vorsichtig."
„Mir wäre es ganz egal, wieviel Geld er hat. Aber mit einem so ernsten und langweiligen Mann könnte ich nichts anfangen."
Jane schüttelte den Kopf. Bevor sie etwas sagen konnte, hörten wir den Gong, der uns zum Dinner rief.
