Ginny war enttäuscht. Sie hatte sich erhofft, dass Hermine das Gespräch noch einmal auf den Zusammenstoss bringen würde. Doch zu ihrem Bedauern erwähnte ihre Freundin es überhaupt nicht mehr, bis auf eine kurze Bemerkung, dass sie es sehr ‚nett' fand von Snape, ihr keine Punkte abzuziehen oder dergleichen.

Ginny schnaubte leise. Pah! Nett! Ginny war schlicht und ergreifend hin und weg von der so untypischen snapeschen Reaktion. Sie sah darin eindeutig ein Zeichen, dass er Hermine mehr mochte als ihm lieb oder bewusst war und er sich immer den Anschein geben wollte. Vielleicht war er im Grunde seines Herzens ja gar nicht so ein Bastard, wie er allen glauben machen wollte…

Oder diese für ihn recht ungewohnte Situation hatte ihn masslos verwirrt.

Mit beiden Varianten konnte Ginny sehr gut leben.

Was sie allerdings nicht ahnte war, dass Hermine Snapes milde Reaktion keinesfalls nur nett fand, sondern das auch ihr diese einiges an Kopfzerbrechen bereitete. Vor allem aus der Angst heraus, dass dem noch etwas folgen würde. Dessen war sie sich fast sicher. Sie befürchtete das ein Snape durchaus noch einige Trümpfe im Ärmel hatte, die er bei passender Gelegenheit hervorzaubern würde.

Sie räumte einen grossen Stapel Bücher in ihre Tasche, hängte sich diese über die Schulter und lief mit weitausgreifenden Schritten Richtung Verwandlungskünste.

Sie war spät dran, denn sie hatte noch einen Aufsatz umgearbeitet, der ihr nicht mehr hundertprozentig gefallen hatte. Professor McGonnagall würde stolz auf sie sein. WENN sie nicht zu spät kam.

Obwohl sie schon ausser Atem war, beschleunigte sie ihre Schritte bei diesem Gedanken noch etwas.
Hermine hastete an zwei Ritterstatuen vorbei die sie freundlich grüssten und ihr ein"Nun aber schnell junge Dame!" hinterher riefen und ärgerte sich gerade darüber, dass dieses Schloss so verdammt riesig sein musste, als ihr die unverkennbare Gestalt von Snape entgegen geeilt kam.

Hermine spürte wie sie einen roten Kopf bekam, da ihr sofort der Zusammenstoss vom Vortag wieder deutlich vor den Augen stand. Sie senkte den Kopf und murmelte im vorbeihuschen ein hastiges „Guten Morgen Sir."

Eine Antwort bekam sie nicht. Hatte sie auch nicht erwartet und eigentlich war sie froh darüber. Denn was ihr jetzt noch fehlte war eine anzügliche Bemerkung von ihrem Professor.

Pünktlich zum Beginn der Stunde stolperte sie atemlos und mit erhitztem Gesicht in den Unterrichtsraum und hastete zu ihrem Platz.

Eilig kramte sie ihre Bücher aus der Tasche und versuchte dabei ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Als sie fertig war und ihren Blick hob begegnete sie der strengen Miene ihrer Hauslehrerin, die sie schweigend mit hochgezogenen Augenbrauen musterte.

Dann drehte sie sich zu einem grossen Stapel Pergamenten um, die auf dem Lehrertisch lagen.

Während sie diese geschickt, mit Hilfe einiger kleiner Schlenker des Zauberstabes, durch die Klasse und zu den einzelnen Plätze schweben lies, fing sie mit hoher Stimme an, Erläuterungen zur heutigen Stunde zu geben..

„Welches Material eignet sich am besten um lebende Dinge – zb. Tiere – aus ihnen zu erschaffen. Es gibt in der Zaubererwelt dazu unzählige Abhandlungen und wissenschaftliche Ausführungen. Ich möchte sie bezüglich dieses Thema nur mit EINER bekanntmachen – der – wie ich finde – bedeutendsten von allen."

Sie machte eine bedeutsame Pause und lies ihren Blick über die Köpfe ihrer Gryffindors gleiten.

„Morife Lencaster. Sie finden seine Ausführungen auf den Pergamenten die ich gerade verteilt habe. Morife hat die Verwandlungkünste beherrscht wie kein zweiter. Er hat es fertiggebracht aus einem winzigen Stück Holz ein ganzes Schiff zu erschaffen, und mit diesem dann den Ozean zu überqueren. Er hat aus Elfenbein und Mondstein ein Einhorn hervor gebracht, das selbst von seinen Artgenossen nicht als fremdartig erkannt wurde."

Ein Raunen ging durch die Reihe einiger Schüler.

„Bitte arbeiten Sie das Pergament durch und beantworten sie mir meine eingangs gestellte Frage." Sie hob ihren Zauberstab Richtung Tafel, auf welcher in geschwungener Schrift kurz darauf der Satz: Welches Material eignet sich am besten – und warum – um daraus etwas Lebendes zu erschaffen.

„Sie haben eine halbe Stunde zum erarbeiten ihrer Antwort. Danach werden wir gemeinsam über Ihre Ergebnisse diskutieren."

Sie ging gemessenen Schrittes zu ihrem Schreibpult, nahm dahinter Platz und zog einen Stapel Pergamente zu sich heran.

„Ach und Mister Thomas – DAS sind die falschen Papiere, die sie dort vor sich liegen haben, wenn ich mich nicht irre! Ich glaube kaum das Quidditch ihnen bei der Beantwortung meiner Frage behilflich sein kann."

Hermine warf kopfschüttelnd einen flüchtigen Blick auf den schräg hinter ihr sitzenden Dean Thomas, der mit hochrotem Gesicht hastig eine Zeitschrift in seiner Tasche verschwinden lies.

Dann vertiefte sie sich in das vor ihr liegende Pergament. Natürlich hatte sie schon von den Ausführungen von Morife Lencaster gehört. Aber sie hatte bisher noch nicht das Vergnügen seine Werke wirklich lesen zu können.

Das was hier vor ihr lag, war scheinbar eine grobe Zusammenfassung seiner Erkenntnisse. Es dauerte nicht lang und Hermine war vollkommen versunken in das Thema.

Morife schrieb das für die Erschaffung magischer Lebewesen auf jeden Fall immer Mondstein dabei sein musste. Und sehr wirksam um Leben zu kreiiren waren immer Dinge, die aus formals lebenden Wesen geschaffen wurden – Holz, Leder und Fell eigneten sich laut Lencatser am meisten.

Um Leben aus toten Gegenständen (Plastik, Metall…) zu bekommen, musste man schon ein sehr guter Verwandlungskünstler sein. Um so mehr ,umso länger dieses Leben dann andauern sollte.

Dann entdeckte Hermine eine Randbemerkung, die ihr einen leisen, spitzen Laut der Verwunderung entlockte: Steine waren nach Lencaster lebendig.

Hermine hob verzückt den Kopf, und starrte mit glänzenden Augen in die Luft, während ihre Gedanken sich wild überschlugen. Auf diese Idee war sie ja noch gar nicht gekommen! (Davon abgesehen – WER kam auch schon auf die Idee STEINE als lebendig zu bezeichnen?)

Aufgeregt an ihrer Unterlippe nagend, sann sie über die Möglichkeiten der Anwendung von diversen Steinen unter dem Aspekt der Lebendigkeit in anderen Bereichen der Zauberei nach.

Man nehme doch nur die Zaubertrankbrauerei! Unter dem Aspekt das Steine lebendig sind, ergaben sich ganz neue Möglichkeiten – und viele Sachen wurden verständlich. Bisher hatte sie sich oftmals die Frage gestellt, warum ein Splitter eines bestimmten Steines oder der Stein, fein zu Staub zermahlen, in bestimmten Gebräuen Anwendung fand. Dafür gab es nun eine ganz einfache Erklärung. Zusammen mit der speziellen Wirkung des Steines UND der Tatsache das er lebendig war… Hermine tauchte ihre Schreibfeder in die Tinte und fing an eifrig ihre Gedanken auf ihrem Pergament fest zu halten.

Sie merkte gar nicht wie die Zeit verflog, vergass ihren extra noch geänderten Aufsatz, der noch in ihrer Tasche schlummerte, und den sie eigentlich stolz hatte vortragen wollen.

Erst die Stimme ihrer Hauslehrerin riss sie unsanft aus ihrer Euphorie, und brachte sie in die Gegenwart des Unterrichtes zurück.

Sie lauschte der Diskussion ihrer Mitschüler, an der sie sich heute nicht beteiligte, nur mit halben Ohr.

Unruhig rutschte sie bis zum ersehnten Ende der Stunde auf ihrem Platz hin und her. Sie musste unbedingt in die Bibliothek, um dort Ausschau nach Büchern zu halten, die ihr ihre Theorien untermauerten oder bestätigten.

Kaum hatte ihre Hauslehrerin das Zeichen für das Ende der Stunde gegeben, schon stopfte sie hastig ihr Bücher in die Tasche und stürmte hinaus, die Gänge entlang und kam kurz darauf schwer atmend in der Bibliothek an.

Doch auch nach knapp zwei Stunden staubiger Sucharbeit fand sie nichts von Lencaster, ausser dem Buch aus dem scheinbar die Ausführungen aus der heutigen Stunde stammten.

In keinem verdammten anderen Buch konnte sie irgendetwas entdecken, was die Anwendung von Steinen in der Zaubertrankbrauerei betraf. Natürlich – sie wurden vielfach verwendet, aber nie unter der Idee sie als Lebendig anzusehen.

Frustriert stellte die junge Hexe das letzte Buch das ihr von dem riesigen Stapel, den sie sich herausgesucht hatte, verblieben war, wieder in das Regal. Sie klopfte sich die Staubflusen von ihrer Kleidung und schielte ärgerlich zur Verbotenen Abteilung hinüber. Sie war sich sicher, dass sie dort fündig werden würde.

Zeitgleich schoss ihr die Frage durch den Kopf warum man die Annahme, dass Steine lebendig sind, so sehr verschwieg und Bücher darüber wahrscheinlich nur in der Verbotenen Abteilung zu finden waren. Sie würde weiter recherchieren. Sie würde die Antwort finden. Und sie würde ihre Theorien irgendwann umsetzen.

Als sie durch die grosse Bibliothekstür wieder auf die Gänge von Hogwarts trat, empfing sie der übliche Lärm und die kühle Geschäftigkeit auf den Gängen des Schlosses.

In Gedanken versunken eilte sie zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Ein paar Schülern, denen sie unterwegs begegnete, konnte sie nur noch in letzter Sekunde ausweichen, so sehr war sie gefangen von ihren Gedanken.

Sie verbrachte den restlichen Abend vor den Flammen des Kamins, die sich genauso wild hin und her schlängelten, wie ihre Gedanken. Sie musste mehr zu diesem Thema herausfinden. Und sie wollte verschiedene Versuche machen. Und bei allem konnte ihr nur einer helfen: Snape.

Doch genau da war der Haken. Snape wäre der letzte den sie um Informationen bitten würde. Geschweige denn darum zu bitten sein Labor nutzen zu dürfen. Er würde sie wahrscheinlich mit seinem Spott töten. Und wenn es der nicht schaffen würden – seine Blicke würden den Rest geben.

Davon gar nicht zu reden das sie dann stundenlang unter seiner Nase herumtanzen würde. Bei dem Gedanken schüttelte sie sich leicht. Allein die Vorstellung war grauenvoll. Nein das musste irgendwie anders funktionieren. Wenn sie doch nur in die Verbotene Abteilung hinein dürfte… Unruhig ruschte sie auf dem alten, abgwetzten Sofa hin und her. Sie sollte mit Dumbledore reden. Er kannte sie und hatte bestimmt nichts dagegen wenn sie für eine Stunde… oder auch zwei… Sie seufzte leise und starrte angestrengt in die langsam kleiner werdenden Flammen.

Als Ginny sich einige Zeit später zu ihr gesellte sah sie ihrer Freundin aufmerksam ins Gesicht. „Was bedrückt dich Mine?" „Wie kommst du darauf das mich etwas bedrückt?" „Ich beobachte dich seit einer geschlagenen Stunde. Du sitzt hier, seufzt vor dich hin und stierst in den Kamin. Ohne Buch." Ginny zog ihre Augenbraue nach oben und der Gesichtsausdruck verriet Hermine, dass sie gar nicht erst versuchen brauchte zu leugnen.

„Ich denke nach." Sie mied den weiteren Blickkontakt und sah angestrengt geradeaus. „Darf man erfahren WORÜBER du nachdenkst?", schmunzelte Ginny, die ahnte das es ein heikles Thema war, wenn ihre Freundin so ein Geheimnis darum machte.

Hermine schloss kurz die Augen und seufzte vernehmlich. Dann hob sie ihren Blick. „Ginny ich habe etwas herausgefunden heute." Es dauerte knappe 10 Minuten bis Hermine ihrer Freundin von den Lebenden Steinen erzählt hatte. Und bis sie ihr verständlichen gemacht hatte worum es ging. Was ihre Idee dabei war und was sie so sehr aufwühlte. „Es könnte einige Dinge in der Zaubertrankforschung revolutionieren! Ginny – es könnte Menschen helfen, für die es bisher keine Hilfe gab! Ich würde gern meine Theorien überprüfen -nur.." Sie hielt inne und presste die Lippen zusammen, während ihre Augen wieder Richtung Kamin wanderten. „Nur- was?" hakte Ginny nach.

„Ich brächte noch mehr Infos und in der Bibliothek ist nichts zu finden." Wütend wedelte Hermine mit der Hand durch die Luft.

„Dann frag doch jemanden von den Professoren – jemanden der sich damit auskennt." „Ginny!" Entrüstet fuhr Hermine herum. „Dir sollte doch klar sein, dass da nur Professor Snape in Frage kommen würde!" „Und?" Die Rothaarige zuckte fragend die Schultern. „Wo ist das Problem?" „Das Problem?", zischte Hermine „Das Problem? Das Problem IST Snape! Du kennst ihn doch! Und du weißt sicher auch das ich nicht das beste Verhältnis zu ihm habe!" Sie lies ihre flache Hand schwungvoll auf das Sofa sausen ,dass der Staub aufwirbelte.

„Was soll er denn tun Hermine? Dir den Kopf abreissen?" Fragend versuchte die Rothaarige den Blick der Freundin wieder einzufangen. „Nein – aber seine Kommentare sind schlimmer als das. Und eine vernünftige Antwort würde ich auch nicht bekommen. Habe ich noch nie! Nur immer Spott und Hohn – nein danke das brauche ich nicht." Hermine verschränkte die Arme vor dem Bauch und liess sich mit finsterem Gesicht in die Polster zurück sinken.

Jetzt war es an Ginny zu seufzen. „Und was gedenkst DU zu tun?" Es dauerte ein paar Sekunden bevor sich die Brünette zu einer Antwort entschloss. „Ich werde zu Professor Dumbledore gehen und ihn um Erlaubnis für die verbotene Abteilung in der Bibliothek bitten. Dort finde ich mit Sicherheit die Informationen, die ich brauche!" Ginny sog hörbar die Luft ein. „Die verbotene Abteilung! Hast du vergessen wie viel Ärger dir das mal eingebracht hat?" „Ginny – damals hatte ich keine Erlaubnis. Deshalb will ich ja zu Dumbledore."

Ginny dachte kurz nach und nickte dann leicht. „Gut. Probier es."

Die restliche Zeit bis zum Abendessen redeten sie über Ron. Über Lavender und darüber was sie ihren Freunden zu Weihnachten schenken wollten.

Keine von beiden erwähnte mehr das eigentliche Thema, das Hermine aber doch noch den ganzen Abend unterschwellig beschäftigte.

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Hermine bekam natürlich die Erlaubnis von Dumbledore die verbotene Abteilung zu nutzen. Er hatte sie mahnend angeschaut und ihr eindringlich nahegelegt sich nicht mit allzu viel Wissen über die dunklen Seiten der Zauberei zu beschäftigen, aber am Ende vertraute er auf ihre Vernunft.

Hermine verschwand, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen strahlend, in die Bibliothek, nachdem sie ihre Freundin mit der Nachricht von ihrem Erfolg beim Schulleiter überfallen hatte.

Ginny sah ihr grübelnd hinterher und sank dann in die Polster des Sofas. Sie brauchte endlich einen Plan mit Hand und Fuss.