Ich scheine wieder Cole gewesen zu sein.", murmelt Adam nachdem er wieder im Loading Screen gefangen ist, „Aber dafür hatten wir doch keine Zeit."

Er blickt nach oben. „Hey, Amelia, ich hoffe du holst mich jetzt hier raus. Ich werde nämlich langsam hungrig."

Es folgt keine Antwort. „Typisch Frau…", murmelt er, „Quält einen lieber mit Schweigen als ein paar Dinge zu erklären."

Ganz plötzlich erfasst Adam ein vertrautes Gefühl. „Es geht wieder los…", kann er noch sagen, als er bereits in die Simulation eintaucht.

Der Lotse

21. Vendémiarie VIII, Saint-Denis/Franciade (13. Oktober 1799)

Die letzte Nacht war grauenhaft. Die angeknackste Rippe hat sich als Prellung herausgestellt – bin ich wirklich schon über 40? – aber es tat trotzdem ziemlich weh. Und dann musste ich damit auch noch schlafen…L'horreur, wie die Franzosen sagen.

Nachdem ich aufgewacht bin, habe ich mich schnell angezogen und dieses muffige Zimmer des Gasthauses verlassen. Auch in dessen Essensbereich bin ich nicht lange geblieben, nicht dass ich hier wirklich was wohlschmeckendes finden würde.

Mein Ziel ist klar: der Bruder dem ich Garnier übergeben habe. Ich möchte Garnier nach den anderen Komturen befragen, genauso wie den Seneschall und Marschall.

Die Straßen von Saint-Denis sind mal wieder gefüllt, auch wenn sie niemals so voll sind wie in Paris…schreckliche Stadt. So dreckig wie London und trotzdem halten alle Pariser sie für die schönste und prachtvollste Stadt der Welt.

In den Zeiten des La Terreur haben wir ja alle gesehen wie schön und prachtvoll diese Stadt sich selbst zerfleischt hat.

Nicht das die jetzige Regierung besser wäre. Händler, Aristokraten und Kirchenleute allesamt. Leute, die sich lieber selbst bereichern als sich ums regieren zu kümmern. Wäre Frankreich nicht in den letzen Jahren von Feinden umzingelt gewesen, hätten die Leute auf der Straße von diesem „Direktorium" nur Steuererhöhungen gehört – genauso wie zu Zeiten des Königs, den die Pariser geköpft haben.

Kein Wunder, dass die Leute nach einem Regierungswechsel schreien…Ich frage mich, was für eine Rolle dieser Bonaparte noch spielen wird. Er ist bisher die interessanteste Figur im Spiel um die Macht.

Das Gebäude, was ein geheimes Versteck der Bruderschaft ist, sieht aus wie Kneipe. Es riecht wie seine Besucher, die allesamt nüchtern reinkommen und betrunken rauskommen. Es klingt wie eine Kneipe, denn selbst zu dieser Zeit kann man Freudenschreie von drinnen hören. Und es wird wie eine Kneipe geführt, denn mein Ordensbruder ist Francois Fontaine, der Wirt an der Bar.

Ich betrete das Etablissement und stelle fest, dass die hinteren Tische mal wieder mit Arbeitslosen gefüllt sind – Les Chômeurs, wie die Franzosen sie nennen.

„Die Gesichter kenne ich doch irgendwoher.", sage ich Francois mit abfälliger Stimme, während ich mich ihm nähere. Da er offenbar nichts zu tun hat, sind seine braunen Arme auf der Theke ausgestreckt und er stützt seinen massigen Körper auf sie. Ein vertrauter Anblick.

„Sie finden eben keine Arbeit…und wollen nicht von den Offizieren gefangen werden.", erklärt mir Francois zum wiederholten Male.

Ich lege meine Ellbogen auf die Theke. „Woher haben sie dann das Geld für diesen Ort?", erkläre ich zum wiederholten Male.

Francois schmunzelt wie immer unter seinem Schnurrbart. „Warum bist du hier, Cole?"

„Das sollte offensichtlich sein, oder?", entgegne ich und blicke ihm fest in die Augen.

Sein Blick wird nun ernst und…traurig? „Ich lasse dich nicht an Garnier heran."

„Keine Sorge.", erkläre ich seufzend, „Ich werde versuchen nachsichtig zu sein."

„So nachsichtig wie der letzte?", fragt Francois gereizt, „Verdammt Cole, er ist tot."

Ich zucke mit den Achseln. „Ein toter Templer mehr.", erwidere ich, „Nicht, dass er ein anderes Schicksal zu erwarten hätte. Immerhin hat er vor seinem Tod etwas Nützliches getan."

Francois schüttelt seinen Kopf. „Als Assassine solltest du…besser sein als sie und sich nicht auf ihr Niveau runterbegeben, Cole."

Langsam werde ich wütend. „Ich habe keine Gnade mit Leuten, die keine Gnade uns gegenüber zeigen.", erkläre ich kalt, „Aber warum diskutieren wir das schon wieder? Du weißt wie es ausgehen wird.", verweise ich auf unsere letzte Diskussion diesbezüglich, die mit einem lauten Streit einher ging.

Er senkt seinen Kopf. „Weil es diesmal nicht ich bin, dem du dich gegenüber verantworten musst, Cole.", erklärt er traurig.

Ich weite meine Augen.

„Der Rat hat befohlen, dass Lucas Garnier nach Paris verfrachtet werden soll, wo er befragt werden wird.", erklärt Francois weiter, „Ich habe bereits alles nötige veranlasst."

Ich bleibe still, warte auf die nächsten Worte. „Was dich anbetrifft, Cole, dir wird jeder Kontakt mit Garnier oder anderen Templergefangenen der Bruderschaft untersagt, bis auf weiteres."

„Das können sie nicht machen.", zische ich hervor.

„Ebenso wirst du vor den Rat zitiert – du sollst spätestens in 7 Tagen vor ihnen erscheinen.", ignoriert Francois meine Worte, „Wenn du das nicht getan hast, wird man dich holen kommen."

...nun bin ich wütend, aber ich versuche die Wut im Zaun zu halten.

„Soweit ist es also schon gekommen…", erkläre ich traurig, „Assassinen zerfleischen sich gegenseitig wegen Templern."

„Das hast du dir selbst zuzuschreiben, Cole.", erwidert Francois gereizt, „Die Zeiten des Terrors sind vorbei und unsere Regeln bedeuten wieder etwas."

Ich schnaube nur verächtlich.

Francois entspannt sich sichtlich. „Ebenso wirst du damit beauftragt den Mentor der Kolonialen Bruderschaft und…seinen Gast nach Paris zu bringen, damit er den Rat trifft."

Als würde er einen geschlagenen noch treten.

„Ich will so wenig Zeit wie möglich in der Nähe dieses…dieses Templerfreundes verbringen.", bringe ich hervor.

„Vielleicht kann dieser ‚Templerfreund' dir noch einiges beibringen.", erwidert Francois, „Er ist nicht ohne Grund der Mentor seiner Bruderschaft.", er macht eine kurze Pause, „Versuch auch herauszufinden, warum die anderen Templer diesen hier nach Frankreich geschleift haben.", er blickt runter zu einem Zettelchen, das er mir reicht, „Du findest die beiden im Café um die Ecke zu deinem letzen Schlafplatz."

Un peu plus tard…

Francois hatte natürlich recht. Die beiden sitzen direkt vor mir auf zweien der Cafèstühle, sich emsig unterhaltend. Connor, immer noch seine Assassinenkluft tragend nur mit heruntergezogener Kapuze, sitzt zur rechten. In seinem pechschwarzen Haar kann man bereits die ersten grauen Strähnchen sehen.

Der Templer hingegen sieht immer noch recht heruntergekommen aus, auch wenn seine schwarze Kleidung frisch und neu aussieht. Man sieht vor allem, dass er recht abgemagert wirkt und an der einen oder anderen Stelle verheilte Verletzungen aufweist, manche älter, manche jünger.

Seine Brüder haben ihn ziemlich schlecht behandelt. Was hat er wohl ausgefressen?

Ich begebe mich nun zu den beiden und natürlich ist es Connor, der mich zuerst bemerkt. Er lächelt dieses Mal, anders als beim letzen Mal, wo sein Gesicht mit einem Stein zu verwechseln gewesen wäre.

„Monsieur Bridges, es scheint ihnen wieder besser zu gehen.", erklärt er im gebrochenen Französisch.

„Sie können auch auf Englisch sprechen, Mentor.", erkläre ich ihm in eben dieser Sprache, „Sie sehen nämlich mehr als nur amerikanisch aus. Amerika ist immer noch ein Freund Frankreichs."

Er schmunzelt. „Sie haben aber nicht dieselben Vorteile.", erklärt er mir immer noch auf Französisch sprechend.

„Ich bin aber bereits seid fast 20 Jahren in Frankreich und weiß, wann ich sprechen kann und wann nicht.", erkläre ich wieder auf Englisch und schiebe den dritten Stuhl zurück. Ich setze mich, nicht ohne dem Templer einen abfälligen Blick hin zuwerfen.

Er hat den Blick eindeutig gesehen, aber statt auf ihn zu reagieren, spricht er zu Connor. „Es wäre besser, wenn du auf ihn hörst Connor – dein Französisch ist grauenhaft.", erklärt er auf Englisch.

Schleimer.

„Nun gut.", erklärt Connor nun doch auf Englisch und blickt mich dann neugierig an, „Konntet ihr mit der Bruderschaft sprechen?"

Ich blicke erst ihn an, dann den Templer. Will er allen Ernstes über Angelegenheiten der Bruderschaft vor einem Templer reden?!

Ich weiß nicht, ob Connor meine Blicke verstanden hat, der Templer hat sie jedenfalls. „Ich glaube ich sollte mich noch einmal hinlegen, Connor.", erklärt er aufstehend, „Du glaubst gar nicht wie sehr selbst das schlechteste Bett besser ist als ein bisschen Stroh in einer Holzkiste."

Connor nickt nur und der Templer verlässt uns beide. Ich entspanne mich merklich.

„Also?", fragt Connor nun wieder seinen stoischen Gesichtsausdruck zeigend.

„Der Rat möchte euch sehen, Mentor.", erkläre ich ihm, „Ich soll euch…und ihn zu ihnen bringen…selbst wenn nicht zur selben Zeit."

„Hier in Europa habt ihr wohl ein eher angespanntes Verhältnis mit Templern, was?", fragt er mit neugieriger Stimme.

Ich erinnere mich an die Worte von Francois und werde wieder wütend. „Ich weiß nicht, was für ein Verhältnis der Rat mit dem Orden pflegt, ich aber traue keinem Templer.", erkläre ich kalt und füge dann ebenso neugierig hinzu, „Ihr scheint euch aber in den Vereinigten Staaten mit ihnen recht gut zu verstehen."

„Mit einigen, ja.", erklärt Connor, „Zurzeit…verbinden uns ähnliche Ziele."

„Also ist es nur ein Waffenstillstand auf Zeit?", frage ich hoffnungsvoll.

„Ja, auch wenn ich hoffe, dass es mehr ist als das.", erwidert Connor und zerschlägt meine Hoffnungen, „Jake…er ist ein Mann, dem man trauen kann."

Das widert mich an, aber ich zeige meine Abscheu nicht.

„Jedem das seine…", erkläre ich nur und er blickt mich an.

Es entsteht ein betretendes Schweigen, weswegen ich es sofort zu beenden versuche: „Der Rat würde auch gerne wissen, warum…Jake von seinen Brüdern hierher geschleift worden ist."

Connor lehnt sich zurück. „In den Staaten haben wir die Präsenz von Templern entdeckt, die nicht von Jakes Leuten stammen.", erzählt er nüchtern, „Sie hatten Kontakte mit den Paybacks…eine andere Gruppierung von Templern, die wir mit der Hilfe von Jakes Leuten fast vollständig zerschlagen haben. Sie wimmeln aber immer noch als Gangs herum…und suchten scheinbar nach etwas. Jake hat das untersucht…und endete hier."

„Scheinbar hatte er die Nase dort, wo sie nicht hingehört.", erkläre ich kalt.

Nun beugt sich Connor wieder vor. „Jake vermutet, dass sie nach einem Tempel…oder nach Relikten der Ersten Zivilisation gesucht haben."

Er hat es so ausgesprochen als müsste man sich davor hüten. „Und was ist die erste Zivilisation?", hake ich daher nach.

Connor weitet seine Augen für einen Moment, senkt dann aber seinen Blick. „Scheinbar eine Sache, die eine längere Erklärung benötigt.", antwortet er leicht enttäuscht.

Ich lehne mich zurück. „Ich habe Zeit."

„Nein, das erläutere ich besser auf den Weg nach Paris.", widerspricht Connor und blickt mich wieder an, „Jetzt würde ich viel lieber von euch wissen, wer der Lotse ist."

Nun lehne ich mich wieder vor. „Der Lotse?", frage ich verwundert.

„Ja.", antwortet Connor, „Jake sagte, dass die Templer, die ihn gefangen hielten, immer wieder davon sprachen, dass der Lotse an seinen Erkenntnissen interessiert sei.", er reibt sich übers Kinn, „Ich habe mir gedacht, dass er möglicherweise der hiesige Großmeister wäre."

„Es gibt seit 5 Jahren keinen Templer-Großmeister in Frankreich mehr.", erkläre ich überzeugt, „Dafür haben wir gesorgt."

Er nickt langsam. „Und außerhalb Frankreichs?"

Ich strecke meine Arme aus. „Ich weiß nicht ob du es bemerkt hast, aber der Rest Europas ist im Krieg mit Frankreich.", ist meine Antwort, „Die Möglichkeiten Kontakt mit anderen Zweigen aufzunehmen, sind sogar für uns Assassinen recht schwer und wir sind in der eindeutig besseren Lage als die Templer."

„Vielleicht unterschätzt ihr sie.", erklärt er schlicht, „Sie kamen sogar bis in die Vereinigten Staaten."

Mein Blick wird hart. „Ich jage die Templer seit ich Frankreich in den 80ern erreicht habe, aber ich bin nur ein Mann.", antworte ich, „Wenn der Rat und der frühere Mentor nicht…einen so laschen Kurs im Umgang mit ihnen gefahren wären, wäre das sicher nicht passiert."

Er bemerkt nun meine Gereiztheit eindeutig.

„Ich verstehe…", erklärt er nur, „Vielleicht ist dann ein Treffen mit dem Rat tatsächlich das beste…"

Alles wird wieder weiß und Adam, in Form von Cole, erscheint wieder im weißen Raum.

Okay, das war interessant.", murmelt er sich über seinen Kinn reibend, „Was zum Teufel ist die erste Zivilisation?"

Die richtige Frage.", hört Adam plötzlich eine Stimme von oben, eine männliche und raue, „Eine Frage, die eine Antwort verlangt."

Was zum…?", murmelt er noch hervor, als sein Blick wieder verschwimmt und er aufwacht.


Übersetzungen:

L'horreur = Der Horror, natürlich ;-)

La Terreur = Wörtlich Der Terror, gemeint ist aber die Terrorherrschaft in Paris zwischen 1793 und 1794 :-)

So Ich hoffe ihr habt das Kapitel gemocht, wollt ein Review hinterlassen und freut euch schon aufs nächste Mal ^^