A/N: Hallo, ihr Lieben! Ich möchte mich für die lange Wartezeit entschuldigen – und gestehe gleich ein, dass mir das Weiterschreiben so schwer fällt, weil ich die ganze Geschichte nur aus Catos verdammter Sicht sehe und fest entschlossen bin, sie nicht aus seiner Sicht zu schreiben. Von daher dauert es einfach eine Weile länger… ich hoffe, euch gefällt das neue Kapitel trotzdem. Viel Spaß beim Lesen und ein wunderschönes Wochenende!
VII
Die Hitze schlug ihr wie eine Welle entgegen.
Das ewiggleiche blasse Grün und Beige und Braun lag hinter ihnen, und in nur achthundert Fuß Entfernung ragten die grauen Wände des Felsmassives auf.
Der Flug in den Norden des Distrikts hatte kürzer gedauert, als sie erwartet hatte.
Sie trat von der Rampe des Hovercrafts auf den staubigen Boden; die feinen Sandkörner knirschten unter ihren Stiefeln. Die Luft war unendlich heiß und trocken und hatte die Kühle des Meeres verloren, die sie im Süden des Distrikts mit sich getragen hatte.
Der kurze Blick zu ihm war eigentlich überflüssig um zu erkennen, dass er hier wieder vollkommen in seinem Element war. Die Sonne, die nur beißend auf ihrer Haut brannte, ließ die seine golden strahlen und seine weißblonden Haare schienen durch das Licht zu leuchten.
Sie hörte im Hintergrund ihre Mentoren noch mit dem Piloten reden, doch ohne sich auch nur einmal umzudrehen, folgte sie ihm, als er sie wortlos mit einem Nicken dazu aufforderte und dann einfach losmarschierte.
Sie folgte ihm und fragte sich, ob sie damit nicht direkt auf den Abgrund zulief.
...
Der Eingang lag versteckt schräg hinter einem Felsvorsprung und Clove hatte das Gefühl, eine Festung zu betreten. Das grelle Licht der Wüstensonne verschwand hinter ihnen und wurde durch Leuchten ersetzt, die die langen Gänge erhellten. Und je länger sie sich im Gebäude bewegten, je tiefer sie in das Felsmassiv vordrangen, desto kühler wurde es. Was erklärte, warum man ein Trainingszentrum in einen Fels hineinbaute – in der Wüste ließ es sich selbst für die besten Tribute ansonsten nicht länger leben.
Doch war es nicht egal, was sie hier erwartete? Zwei Wochen noch, dann würde sie bereits auf dem Weg ins Kapitol sein. Auf dem Weg in die Spiele. Zwei Wochen noch.
Endlich.
Während sie ihm folgte, versuchte sie, möglichst viel von ihrer Umgebung aufzunehmen. Die Wände waren wohl einmal weiß gewesen, doch schon längst zu einem unsagbaren Gemisch aus bräunlichem Gelb erstarrt, hier und dort mit Schmierereien, Schriftzügen und nicht identifizierbaren Flecken versehen. Ein eigenartiges Gefühl beschlich sie, ein Gefühl, trotz all dieses Fremden wieder zu Hause zu sein und Clove schaute sich um, blickte zurück, wieder nach vorne, blieb für einen Moment zweifelnd vor der Tür neben ihr stehen, bis–
Bis ihr schlagartig klar wurde, dass die Trainingszentren vor Urzeiten einmal identisch gebaut worden waren.
Die Wände und Böden, Einrichtungen und Türen mochten anders aussehen, doch der Grundriss war derselbe aus nie enden wollenden Korridoren und verschachtelten Gängen.
Was erklärte, warum er sich in ihrem Zentrum so gut zu Recht gefunden hatte.
„Hier schlafen wir. Meistens zumindest."
Clove schaute auf und erkannte, dass sie vor einer Tür stehen geblieben waren, die in ihrem Zentrum zu einem der Zimmer für die Betreuer führte.
Sie folgte ihm in den Raum. Er war groß und weit und ihr wurde klar, dass mehrere Wände nachträglich herausgerissen worden waren. In den Ecken standen große Schränke von der Art, in denen in ihrem Zentrum die Waffen aufbewahrt wurden, und auf dem Boden waren graue Matten verteilt, um die Decken und Kleidungsstücke und andere Dinge verstreut lagen.
Von den Wänden funkelten Waffen.
An Haken und Ösen hingen alle erdenklichen Arten von Waffen über den Matten an den Wänden. Und als ihr Blick an dem Platz fast ganz an der Wand im hinteren Bereich hängenblieb, war ihr sofort klar, wem er gehörte – das Breitschwert mit spiegelglatte Klinge sprach seine ganz eigene Sprache.
Erst jetzt bemerkte sie ein Mädchen, dass zu ihrer linken Seite mit Kopfhörern auf dem Boden lag und ihre Nase in ein Buch vergraben hatte, den rechten Fuß über das linke Knie gelegt und den Takt mitwippend.
Am Ende des Raumes, noch hinter Catos Schwert an der Wand, stand eine weitere Gestalt, die sich gerade ein T-Shirt überstreifte. Er musste ungefähr in ihrem Alter sein und Clove nahm nur beiläufig wahr, wie seine schwarzen Haare ungebändigt vom Kopf abstanden und seine Augen ein so strahlendes Grün hatten, dass es fast unnatürlich erschien, denn ihr Aufmerksamkeit war von der mit Dornen besetzten Peitsche angezogen, die aufgerollt an seiner Hüfte hing.
Eine wunderschöne Waffe, die sie schmerzlich daran erinnerte, dass ihr Messer tief auf dem Boden ihrer Tasche lag.
„Na, wenn das mal keine Überraschung ist." Sie musste kein Genie sein, um aus seinem Ton schließen zu können, dass es für ihn wohl nicht unbedingt eine positive Überraschung war. „Wir hatten erst später mit dir gerechnet."
Cato ließ seine Tasche auf die Matte neben ihm fallen, ohne seinen Blick von dem anderen Jungen abzuwenden.
„Räum deinen Platz, Gaius."
Doch sein Gegenüber schien ihn gar nicht mehr wahrzunehmen, denn seine Augen hafteten an Clove. Ein spöttisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, doch sein Blick blieb starr und kalt.
„Sieh mal an… so klein und hübsch." Er hatte eine Hand gehoben, um ihre Wange zu berühren, doch mit einer entschlossenen Bewegung schlug Clove sie beiseite.
„Und auch noch temperamentvoll." Sein Blick fuhr erneuet über ihren Körper, suchend. „Und keine Waffen? Sag bloß, du kämpfst nur mit deinen zarten Händen?"
Oh, sie hätte ihm gerne eine passende Antwort gegeben, doch in genau diesem Moment legte Cato ihr eine Hand auf die Schulter und diese plötzliche Berührung ließ sie alle anderen Gedanken vergessen. Erst viel später wurde ihr klar, dass es diese kurze, diese so platonische Geste gewesen war, die den Lauf der Dinge so vollkommen geändert hatte.
Doch so blieb sie dem anderen Jungen eine Antwort schuldig und beschränkte sich auf eine möglichst arrogant und überlegen wirkende Miene, die Arme vor dem Körper verschränkt, während Cato einen Schritt vortrat.
„Nimm deine Sachen, Gaius, und such dir einen anderen Platz. Jetzt."
Ihr Gegenüber ließ seinen Blick wortlos von Cato zu Clove wandern und wieder zurück, und es schien, als habe er etwas erkannt, was ihn zugleich überraschte wie auch amüsierte. „Wie du wünschst." Mit einer angedeuteten Verbeugung drehte er sich um und begann damit, die dünne Wolldecke zu seinen Füßen aufzurollen. Unter dem dünnen Kissen kamen zwei Dolche zum Vorschein, und unter der Matte, die er anhob, lagen einige Wurfsterne, die aus so dünnem Material gefertigt waren, wie Clove es noch nie zuvor gesehen hatte. Dann griff er nach einigen Kleidungsstücken, die am Fußende der Matte verteilt waren und nahm zu guter Letzt eine Wurfaxt aus ihrer Halterung an der Wand.
Die Arme voll beladen mit all den Gegenständen blieb er jedoch kurz vor Clove stehen und beugte sich zu ihr herab, seine Stimme nicht mehr als ein Wispern.
„Pass gut auf dich auf, meine Kleine."
...
„Ich hätte auch irgendwo anders schlafen können." Sie hatte ein paar Dinge aus ihrer Tasche ausgepackt und endlich auch ihr Messer wieder in der Hand.
„Ja. Wenn du morgens mit einem Messer in der Kehle aufwachen möchtest."
Sie hielt in ihren Bemühungen inne, die Waffenscheide an ihren Gürtel anzubringen, und starrte ihn an. Erst Brutus, jetzt er. Sie war ein verdammtes Tribut, nicht wahr? Sie würde mit einem Haufen eifersüchtiger Kinder fertigwerden.
„Du unterschätzt meine Fähigkeiten."
Cato sah sie für einen Moment schweigend an. „Nein. Aber bisher hat nie jemand wirklich versucht, dich umzubringen, oder?" Sie antwortete nicht, doch er hatte es auch nicht erwartet und nahm ihr stattdessen das Messer aus der Hand, um es am Gürtel an ihrer Hüfte festzumachen.
„Gaius, Pulcher und ich waren ursprünglich zu dritt. Gaius ist clever und hinterlistig und verdammt gefährlich mit einer Menge Waffen, doch er war nie ganz in der Klasse von Pulcher und mir. Doch Pulch? Er hat uns im Training alle wie Anfänger aussehen lassen. Er hatte das richtige Alter und hätte heute hier an deiner Seite stehen können. Aber weißt du, was ihm gefehlt hat? Das gewisse Maß an Kaltblütigkeit. Deshalb stehe ich heute hier und er ist dank eines gebrochenen Genicks bei seinen Vorfahren."
Er musste nicht hinzufügen, wer für das gebrochene Genick verantwortlich gewesen war.
Nach allem überraschte es sie nicht so sehr, dass er nicht nur fähig, sondern auch dazu bereit war, bereits im Vorfeld einen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Er würde in den Spielen auch sie töten, sobald er dazu eine Chance bekam.
„So." Er deutete auf ihr Messer. „Ich würde es, solange du hier bist, nicht aus deiner Reichweite lassen." Und dann tat er etwas, dass sie vollkommen aus dem Konzept brachte – er fuhr ihr in einer besitzergreifenden, fast zärtlichen Geste mit den Händen über die Schultern und Arme, bevor er sich abwandte, um einen der Waffenschränke zu öffnen.
