7. Durch die Dunkelheit

Stumm saß er an dem großen Schreibtisch in seinem Büro, umgeben von den vielen Gläsern mit den eingelegten Ingredienzien für die Zaubertränke. Hier und da standen auch ein paar fertige Gebräue zwischen Zutaten wie Aschwinderin-Eiern, Raupen, Löwenfischgräten und Wellhornschnecken. Die noch nicht korrigierten Aufsätze vor ihm auf der Tischplatte beachtete er gar nicht weiter.

In den letzten Wochen hatte er nach und nach schon die wichtigsten privaten Sachen in sein Haus verfrachtet. Er wusste, es war heute soweit. Dieser alte Narr war mit Potter wieder unterwegs gewesen. Er hoffte nur, dass sie diesmal den ersten Horcrux ergattern konnten. Ja, er wusste auch seit einiger Zeit von ihnen. Jedoch fand er es nicht angemessen Potter loszuschicken, um sie zu suchen und zu zerstören.

Aber sie hatten alle ihre Rolle einzunehmen um dem hohen Ziel, den Dunklen Lord endgültig zu besiegen, zu dienen. Nur war er nicht besonders froh über den Part, den er dabei spielen sollte. Doch er wusste genau, dass kein anderer das tun konnte, wozu er im Stande war. Zumindest hofft er das er Draco richtig einschätzte. Nie würde der Junge es wagen den finalen Todesfluch auf Dumbledore abzuschießen, da war er sich eigentlich sicher.

Unruhig rollte er seinen Zauberstab in der Hand hin und her, was sonst überhaupt gar nicht seine Art war und versuchte sich auf das vorzubereiten, worauf man sich eigentlich nicht vorbereiten konnte. Er würde es tun müssen, da gab es keinen Weg dran vorbei. Nur konnte er nicht einfach losgehen und es hinter sich bringen, das wäre viel zu auffällig. Außerdem würden die beiden Wachen Lovegood und Granger, welche er dank seiner Sicherheitszauber längst vor der Bürotür registriert hatte, Verdacht schöpfen wenn er jetzt schnurstracks hier raus marschieren würde.
Also wartete er ab.

Und tatsächlich wurde wenig später die Tür aufgerissen und sein aufgebrachter Kollege Filius Flitwick stand im Raum.
"Severus! Severus ... Todesser ... in der Schule ... Astronomieturm!", sagte der kleine Professor atemlos.
Mit einem unbemerkten Schlenker seines Zauberstabes schickte er einen ungesagten Schockzauber auf seinen Lehrerkollegen, worauf dieser bewusstlos zusammensackte.

Von dem Geräusch aufgeschreckt kamen nun auch Hermione und Luna ins Büro gestürmt.
Severus sprang von seinem Stuhl auf und sprach die beiden Schülerinnen direkt an: "Er hatte einen Zusammenbruch. Es sind Todesser in der Schule. Ich werde raufgehen und helfen sie zu bekämpfen. Sie beide bleiben hier und kümmern sich um Professor Flitwick. Verstanden?!"
Die Mädchen nickten und eilten zu ihrem immer noch am Boden liegenden Lehrer. Indes rauschte Severus an ihnen vorbei, verließ das Büro und ging schnellen Schrittes Richtung Astronomieturm.

Es war soweit. Er setzte ein emotionsloses Gesicht auf, versuchte sich auf dem Weg gefühlsmäßig von dem abzugrenzen, was ihm gleich bevorstand. Jedoch gelang ihm das nur bedingt.

Kurz vor dem Aufgang zum Turm standen mehrere Mitglieder des Phönix-Ordens. Irgendeiner von ihnen, er meinte es war Lupin, berichtete, dass am Himmel das Dunkle Mal zu sehen war und keiner von ihnen im Stande war die magische Absperrung vor der Treppe zum Astronomieturm zu durchbrechen. Severus' Herz setzte einen Schlag aus. Hatte dieser Bengel es etwa tatsächlich doch gewagt den Todesfluch auf den Direktor anzuwenden?

Durch das Dunkles Mal an seinem linken Unterarm war es für ihn kein Problem die Stufen zu erklimmen. Beinahe rennend stieg er zu der Plattform hoch oben im Turm hinauf. Stimmen kamen immer näher. Severus erkannte die von Bellatrix Lestrange, welche Draco dazu animierte es endlich zu tun. Als er die Treppen empor gelaufen war, schaute er sich kurz um und verschaffte sich so einen Überblick. Er sah Greyback, die Carrow-Geschwister, natürlich Lestrange, einen an der Balustrade kauernden, aber dennoch lebendigen Dumbledore und Draco, welcher Merlin sei Dank, just in diesem Augenblick seinen Zauberstab sinken ließ.

Der Moment war gekommen.
Er sollte den Schulleiter töten, damit dieser zum Einen einer langen Folter durch die Todesser und dem langsamen Tod durch den Fluch, welcher in seiner Hand eingeschlossen war, entgehen konnte. Zum Anderen würde der Dunkle Lord Severus nach dieser Tat voll und ganz sein Vertrauen entgegenbringen.

Dumbledores Flehen drang an sein Ohr. Und obwohl er wusste, dass es keinen anderen Weg gab, sträubte sich alles in ihm dagegen. Seinen Gesichtsausdruck, der in diesem Moment voller Abscheu war, konnte er in dem alles entscheidenden Augenblick nicht unter Kontrolle bringen. Für einige Sekunden fühlte es sich so an, als würde er sich dabei beobachten, wie er die Worte des unverzeihlichen Fluches aussprach.

"Avada Kedavra!", hallte es durch die Dunkelheit der Nacht. Ein grüner Lichtblitz leuchtete auf und in der nächsten Sekunde flog der leblose Albus Dumbledore über die Brüstung des Astronomieturms.
Das Geräusch, welches sein toter Körper beim Aufklatschen auf dem Boden verursachte, bescherte Severus eine Gänsehaut per excellence. Er hatte es getan - einer der schlimmsten Dinge in seinem Leben.

"Weg hier!", rief er in die Runde und schnappte sich einen am ganzen Körper zitternden Draco. Am Oberarm zog er ihn nach unten zum Ausgang während die Todesser kämpften, damit sie freie Bahn hatten.

Schnell ging er hinaus, noch immer einen bebenden Draco mit sich zerrend. Er blickte kurz zu dem Jungen, nur um zu sehen wie aufgelöst dieser war. Er bemerkte aufkommende Tränen in den starr dreinblickenden, grauen Augen. Severus musste ihn so schnell wie möglich hier wegbringen. Sie alle sollten dringend das Weite suchen, saß ihnen doch gut der halbe Orden des Phönix im Nacken.

Entsetzt schaute Draco zu Hagrids Hütte, da diese gerade von seiner Tante unter lautem Gejohle in Brand gesetzt wurde. "Was hab ich getan", wisperte er aufgewühlt.
"Beherrsch dich, Draco!", tadelte Severus ihn. Das fehlte noch. Sie mussten gleich beim Dunklen Lord erscheinen und da wäre es verheerend, wenn der Malfoy-Erbe zusammenbrechen würde.

Sie rannten weiter, hatten den Zaun mit dem riesigen Tor, welcher die Ländereien von Hogwarts abgrenzte, fast erreicht. Dahinter endete der Apparierschutz.

"Stupor!", brüllte eine Stimme hinter ihnen voller Wut. Der Fluch verfehlte sie nur um Haaresbreite. Dracos Augen weiteten sich. Vereinzelt liefen nun doch Tränen über seine Wangen, die er sich aber schnell wieder wegwischte. "Harry, bitte nicht", flüsterte er mit erstickter Stimme.
Severus fragte sich kurz, seit wann er seinen Erzfeind beim Vornamen nannte, als er auch schon den nächsten Fluch des Gryffindors abwehren musste.
"Verschwindet endlich!", herrschte er seinen Schüler an und stieß ihn zu seiner Tante.

Bellatrix schnappte sich die Hand ihres Neffen und lief mit ihm völlig irre lachend weiter zum Tor. Draco warf einen letzten Blick zurück und sah, wenn Severus es nicht besser wüsste, beinah entschuldigend zu Potter.
Als sie endlich verschwunden waren wandte er sich wieder seinem Verfolger zu.

Dieser warf dem gerade mit Bellatrix disapparierten Draco einen verzweifelten Blick hinterher. Severus kam das alles sehr verdächtig vor. Doch so ganz konnte er sich noch keinen Reim darauf machen.

Als die Aufmerksamkeit von Harry wieder ihm galt, verzog sich dessen Gesicht zu einer geschockten und grimmigen Fratze. Sie hoben beide ihre Zauberstäbe. Severus musste das hier schnell beenden, denn er sollte und musste den beiden sofort folgen, damit er mit Draco gemeinsam vor den Dunklen Lord treten konnte.