7. Knochen
Gegen zwölf Uhr am Mittag wollte Helena Smith ins Haus gehen und ein leichtes Mittagessen für ihren Mann kochen, dass sie am Nachmittag für ihre Söhne noch einmal aufwärmen konnte.
Doch bis in die Küche kam sie nicht mehr. Eine dunkel gewandete Gestalt schnitt ihr den Weg ab und ließ ihr nur einen Ausweg zurück in den Garten.
Helena wusste nicht wie ihr geschah, die glaubte an eine Halluzination, als einzige halbwegs plausible Erklärung für das Phantom, das sie da gesehen hatte. Sie wollte schon fast anfangen über ihre eigene Dummheit zu lachen, das drehte sie sich zu ihrem Mann um und erkannte eine zweite Gestalt in einem dunklen Umhang, die sein Gesicht unter einer Maske versteckte und bei der sommerlichen Hitze nur schwer darunter atmen konnte.
Robert, der zuvor noch auf dem Rasen gekniet hatte, um eine Distel fachmännisch zu entwurzeln, stand nun langsam auf und erkannte, dass er und seine Frau von zwei unkenntlichen Wesen eingekeilt waren.
Eine Stimme dröhnte vom inneren des Hauses heraus. Es waren ungehobelte Laute, ein schrecklicher Akzent und eine tiefe und rollende Lache schloss sich an.
Weder Helena noch Robert trauten sich auch nur einen Mucks von sich zu geben, als die dritte Figur, zu der die Stimme gehört hatte aus dem Hintereingang in den Garten hinaustrat. Auch er war maskiert und in einen weiten schwarzen Umhang gekleidet. Er stank bestialisch nach Blut, Urin und billigem Whiskey.
Er gesellte sich zu der Gestalt, die Helena zuvor aus dem Haus getrieben hatte und warf ihr drei blütenweiße Knochen vor die Füße.
Endlich fand Helena ihr Stimme wieder und fragte zittrig: „Wer...? Was wollt ihr? Wo...? Meine Kinder!".
„Gar nicht so schlecht, Missy!", sprach einer der Maskierten und gab ein widerliches Knurren von sich, „Keine Angst, deine Kinder haben das schlimmste schon hinter sich! Wenn du uns die Ehre erweisen würdest, Bella?".
Die dritte Gestalt, die Robert im Garten aufgelauert war, zog aus ihrem Gewand einen dürren Holzzweig und deutet auf die ältere Frau, der schlagartig klar wurde, was das hier zu bedeuten hatte, aber keine Zeit mehr hatte es auszusprechen, denn schon wurde sie von einem grünen Lichtblitz niedergestreckt.
Eine hysterische Lache drang unter der Marke von der, die sie „Bella" nannten und jagte Robert eine Gänsehaut über den gesamten Körper.
Der stinkende, große und stämmige Kerl zog nun ebenfalls einen Zweig aus seinem Umhang, richtete ihn auf den leblosen Körper von Roberts Frau, murmelte ein, zwei lateinische Formeln und der Leichnam formierte sich zu einem weißen Knochen.
„Was zum Teufel tut ihr hier?", rief Robert außer sich und in Panik, doch er hatte keine Chance. Er hatte nie eine gehabt.
Bella richtete ihren Stab auf den älteren Mann, sprach zwei Worte und brach sich daraufhin eine blutrote Blume aus dem parkähnlichen Garten, um sie, nachdem sie die stickige Maske abgenommen hatte, in ihr langes, volles, schwarzes Haar zu stecken.
„Na, wie steht mir das?", fragte sie beiläufig, als der grobschlächtige Mann, gerade dabei war auch Robert in einen Knochen zu transformieren.
Erst Tage später bemerkten die Nachbarn, dass im Haus der Smiths niemand mehr den Garten betrat und auch keiner der Jungen mehr Musik zu hören schien.
Eine Woche später stand in der Zeitung, dass Mrs. und Mr. Smith, sowie drei ihrer Pflegekinder auf unergründliche Weise verschwunden waren und die Polizei um Mithilfe bat. Es wurde angenommen, die Eltern, hätten ihre eigenen Pflegekinder entführt, weil sie fürchteten, das Jugendamt könne sie ihnen wegnehmen.
Der Tagesprophet hingegen wusste folgendes zu berichten:
„Todesser-Terror in Muggel-London!
Am Mittag des 23. Septembers wurden in einem Muggelvorort von London Spuren eines Todesserangriffes auf die Familie Smith sicher gestellt.
Helena Smith, ihr Mann Robert und drei Pflegekinder gelten als verschwunden. Das Zaubereiministerium geht von Mord aus.
Am Tatort gefunden wurde jedoch kein Anhaltspunkt auf Gewaltanwendung, weswegen die Muggelbehörden nicht von Einwirken einer Dritten Person ausgehen.
Fluchbrecher des Zaubereiministeriums sind sich hingegen sicher, dass im es im Garten der Familie zu einer schwarzmagischen Auseinandersetzung gekommen sein muss.
Keith Murdoch, Sprecher der Abteilung für schwarzmagische Muggelübergriffe, erklärte gestern Abend, dass an der Hauswand des Familienhausen Überreste verbotener, wenn nicht unverzeihlicher Flüche festgestellt wurden. Die Untersuchungen hierzu laufen.
Nachbarn der mutmaßlichen Opfer konnten keine Angaben zu eventuell auffälligen Vorgängen im Garten der Familie Smith machen. Seltsam fanden sie lediglich, dass der Rasen, den, so die Nachbarin Gertie Brown, Robert Smith immer peinlichst gepflegt hatte, mit einem Mal ein Meer aus roten Blümchen aufweise.
Das Ministerium tappt weiterhin im Dunkeln, was es mit den sich häufenden Fällen von verschwundenen Muggeln auf sich hat. Weiterhin ist völlig unklar, welchen Grund die Todesser gehabt haben, ausgerechnet diese unscheinbare Familien zu ermorden.
Für Hinweise wenden sie sich bitte direkt an das Ministerium."
Professor Slughorn war ein recht guter Lehrer wie bald alle Zaubertränkeschüler fanden, die zuvor ja nur die rigiden Methoden des Severus Snape gewohnt waren.
Er zeigte seinen Schülern in seiner ersten Stunde vier Zaubertränke, die er vorbereitet hatte und stellte Fragen zu ihnen um in etwa den Wissensstand seiner Schützlinge einschätzen zu können. Er war nicht überrascht, das sie nahezu alle Fragen perfekt beantworten konnten, wusste er doch, dass seine einstiger Musterschüler Severus Snape sie zuvor weniger unterrichtet als gedrillt hatte.
Einige der Schüler schienen im letzten Schuljahr nicht vorgehabt zu haben, sein Fach zu belegen, da sie offensichtlich keine Lehrbücher gekauft hatten und so musste er einige Exemplare aus dem Schulfundus verleihen, die immer dort vorrätig waren für Kinder, die entweder zu arm für neue Schulbücher waren oder deren Eltern als Muggel vielleicht kein Verständnis für die Zauberei aufbrachten.
Um das Eis zu brechen rief Professor Slughorn einen kleinen Wettbewerb um ein Fläschchen Felix Felicis aus, das derjenige bekommen sollte, der einen schwierigen Zaubertrank am besten hinbekam.
Er rechnete im Grunde nicht damit, dass nur einer der Schüler auch nur annähernd den Trank des leblosen Schlafes brauen konnte, ihm hätte schon eine ähnliche Farbe ausgereicht, um zufrieden zu sein.
Horace Slughorn war ein eher Mensch, der sich gerne den dionysischen Freuden des Lebens hingab. Er mochte gutes Essen und guten Wein. Er möchte fröhliche Feste und viele Leute um sich. Im Grunde war er ein recht gemütlicher, fast fauler Mann, der sich damals sehr auf seine Pension gefreut hatte. Er hatte endlich genug Zeit um auf Parties zu gehen, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen und viele, viele Ananas-Bonbons zu essen.
Doch als Voldemort zurückgekehrt war, witterte er berechtigte Gefahr. Er würde mit Sicherheit versuchen, ihn wiederzufinden, hatte er sich damals gedacht, seine Sachen zusammengepackt und sich davon gestohlen. Ein Jahr lebte er wie ein Nomade auf der Flucht, was ihn als Genießer und auch als alten Mann mit der Zeit immer schwerer belastete und so kam ihm Dumbledores Angebot zurück in die schützenden Wände von Hogwarts zu kommen recht gelegen.
Auch hier konnte er Kontakte knüpfen, pflegen und sie für sich arbeiten lassen. Er konnte seinen Slug-Club wieder auferstehen lassen und in Hogsmeade gab es ohnehin die besten Ananasbonbons im ganzen Land.
Es wunderte Horace Slughorn nicht, dass es ausgerechnet Harry Potter war, der einen perfekten Trank zu Stande brachte. Seine Mitschüler wunderte es dafür umso mehr. Harry war nie ein besonders guter Tränkebrauer gewesen und auch Hermine schien mehr als misstrauisch, fast schon eifersüchtig zu sein, als ihr Freund den Felix Felicis für sich gewann.
Für Slughorn war es allerdings nur allzu logisch, dass der Junge diese besondere Begabung für Zaubertränke besitzen musste, war doch seine liebste und beste Schülerin, Lily Evans, Harrys Mutter.
Von all diesen Ereignissen bekam Suzette in ihrem Zimmer in den Drei Besen nichts mit. Nicht einmal die Eule, die üblicherweise den Tagespropheten zu ihr brachte, kam sie hier besuchen. Niemand sollte auch nur den geringsten Verdacht schöpfen, dass sich in dieses Zimmer jemand eingemietet hatte.
Des Nachts ließ sich Pip es allerdings nicht nehmen ins Dorf zu fliegen und seiner Freundin einen Besuch abzustatten.
Hin und wieder hatte er eine kleine Nachricht von Snape bei sich, der ihr berichtete, was im Unterricht vor sich ging und auch einiger Klagen über Dumbledores Sturköpfigkeit. Doch genaue Erklärungen oder ausschweifende Berichte fanden den Weg nicht zu ihr und so langweilte sie sich tagaus tagein.
Sie wunderte sich darüber, dass Dumbledore sie nicht zu sich rief, um die andern Horkruxe zu suchen. Außerdem fragte sie sich, was mit dem Ring passiert war.
Sie machte sich Sorgen um Harry, der plötzlich Glanznoten in Zaubertränke vollbrachte. Suzette fragte sich, wie so etwas möglich war und kam zu dem Schluss, dass da etwas faul sein musste.
Aber sie konnte nichts tun. Sie konnte überhaupt nichts tun und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie mit Sirius Black, der im letzten Jahr ebenso dazu verdonnert war, teilnahmslos in seinem Haus zu versauern.
Damals hatte sie ihn für feige gehalten, doch nun musste sie diese Ansicht revidieren. Sirius musste das gesamte Jahr auf glühenden Kohlen gesessen haben und sein Übermut am Ende hatte ihm das Leben gekostet.
Suzette hätte jetzt viel Zeit gehabt, ihren Animaguszauber zu üben, doch sie ertappte sich dabei, wie sie zunehmend träger wurde. Sie hatte keine Lust zu zaubern, keine Lust zu warten, keine Lust zu essen oder zu schlafen. Sie wollte einfach mal wieder etwas anderes sehen als diese vier Wände.
Wenn doch Dumbledore nur endlich wieder eine Eule schicken würde!
Snape verbrachte seine Abende für gewöhnlich allein, wenn er nicht gerade einen Nachsitzer bei sich hatte. Er hasste es, Aufsicht beim Nachsitzen zu führen, aber die missratenen Jugendlichen der heutigen Zeit ließen ihm keine andere Möglichkeit, als fast täglich ihnen seine kostbare Freizeit zu opfern.
Er fühlte sich schon seit Beginn des Schuljahres nicht recht wohl. Zunächst glaubte er, es hätte etwas mit seiner neuen Lehraufgabe zu tun, dass er einfach noch nicht so eingefahren in diesem Fach war, wie er es in Zaubertränke war, wo er jedes Rezept im Schlaf aufsagen konnte. Verteidigung beanspruchte auch bei erfahrenen Zauberern und Lehrern ständige Konzentration. Doch das war es nicht allein. Snape hatte simpel und einfach Alpträume. Er! Ausgerechnet der Meister der Okklumentik hatte Albträume, die ihn über den Tag hinaus verfolgten und in der folgenden Nacht wieder so zur Realität wurden, dass er sich in einem ständigen Kreislauf zwischen Vergessen-Wollen und Wiederholung bewegte.
Es war jede Nacht das gleiche. Er ging für Gewöhnlich recht spät zu Bett, denn er hatte schon immer Schlafprobleme gehabt, sodass er sich Nachts gerne einmal in den Schulgängen die Füße vertrat, was ihm Schüler meist als Kontrollgang unterstellten.
In seinen Träumen sah er das Gesicht von Bellatrix Lestrange lachend, hysterisch, wie sie immer schon gewesen war. Snape war Realist genug um zu wissen, dass Bellatrix ihm nichts anhaben konnte, solange er ihr keinen Grund gab misstrauisch zu werden. Doch er wusste auch, dass sie gefährlich war, sollte sie bereits misstrauisch sein. Es gab kein Zurück mehr, er würde wieder töten müssen.
