Russland eilte durch die langen Korridore des Krankenhauses, auf der Suche nach Englands Tee. Nicht dass er es besonders eilig gehabt hätte; nein, er war einfach nur neugierig, was der Brite in seinem Land zu suchen hatte. Er nahm sich vor, die andere Nation danach zu fragen. Mit Sicherheit würde auch er ein paar Fragen beantworten müssen.
Währenddessen dachte Arthur darüber nach, wie er dem Russen die ganze Situation erklären konnte. Er wusste nicht genau, wie der größere Mann auf seine Bitte, den anderen nichts davon zu erzählen, reagieren würde. Würde er darüber lachen, wie Amerika es tun würde? Würde er die Situation ausnutzen wie Frankreich? Oder würde es ihn überhaupt nicht interessieren?
Nervös lehnte er sich in sein Kissen zurück und inspizierte sein Handgelenk. Wie erwartet, war es fast vollständig geheilt; eine Fähigkeit, die sehr nützlich für die personifizierten Nationen war, war ebendiese Robustheit. Es kam selten vor, dass sie ernsthaft verletzt wurden, und das geschah auch nur, wenn ihr Land in Gefahr war. Nur wenige waren vollständig verschwunden, wie zum Beispiel das Heilige Römische Reich. Andere, wie Preußen, existierten noch in ihrer menschlichen Form, obwohl ihr Reich selbst theoretisch nicht mehr existierte.
Er selbst wäre durch diese Verletzungen eigentlich kaum beeinträchtigt worden, doch er hatte so unter Druck gestanden, dass der Schock des Flugzeugabsturzes für den Moment zu viel gewesen war und er kollabiert war. Weiß der Himmel, was danach geschehen war… Das war eine der Fragen, die ihn beschäftigten, und er hatte vor, Russland zu fragen, sofern er eine positive Reaktion auf seine Erklärung bekommen würde.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Alarmiert drehte Arthur den Kopf in die Richtung, aus der das laute Geräusch gekommen war; sein Herz raste, und Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum wie ein Bienenschwarm. W-wer war das?
Doch dann beruhigte er sich sofort wieder. Sicherlich war es nur Russland; es war dumm, anzunehmen, jemand hätte ihn hier schon aufgespürt. Er sollte wirklich trainieren, seine Paranoia unter Kontrolle zu halten.
Er hatte Recht, es war Russland, der einen dampfenden Plastikbecher vor sich hertrug. Sorgfältig drückte die große Nation England besagten Gegenstand in die Hand und trat einen Schritt zurück, während er den Briten unauffällig betrachtete. England sah nicht gut aus; er hatte schwarze Ringe unter den grünen Augen, er machte einen müden, gestressten und irgendwie… depressiven Eindruck. Seine schmalen Hände zitterten leicht, während er den heißen Becher umklammerte, und er saß nicht aufrecht und stolz, wie es sonst immer der Fall war, sondern war leicht in sich zusammengesackt.
Der ehemaligen Sowjetunion war klar, dass all diese Merkmale nicht allein vom Flugzeugunfall herrühren konnten. Es mussten tieferliegende Gründe vorhanden sein, Gründe, die Russland herausfinden wollte.
Er entschied sich, England einer ausgiebigen Befragung zu unterziehen, sobald der seinen Tee genossen hatte.
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Derweil waren Amerika und Kanada an ihrem Ziel angelangt, zu Matthews großer Erleichterung. Während der Kanadier den Taxifahrer bezahlte und sich wiederholt für das Benehmen seines Bruders entschuldigte, war letzterer schon längst aus dem Fahrzeug gesprungen und auf das Haus zugerannt.
Alles war stockfinster. Eigenartig; es war schon ziemlich dunkel, aber die Uhrzeit war noch längst nicht so weit fortgeschritten, dass England sich ins Bett begeben hätte. Auch die Fensterläden waren zugezogen und die Pflanzen sahen aus, als könnten sie ein wenig Wasser vertragen, was merkwürdig war, denn der Brite liebte seine Blumen und pflegte sie regelmäßig. Sollte er doch ernster krank sein, als sie bisher angenommen hatten? Oder gab es einen anderen Grund für solch eine Vernachlässigung?
Im Gegensatz zu Kanada verschwendete Alfred keine Zeit mit Vermutungen, sondern klopfte lauthals gegen die große Tür. „Iggy!", rief er. „Mach die Tür auf, wir wissen, dass du da bist!" Für zehn Sekunden herrschte absolute, atemlose, umwerfende, gesegnete Stille, eine Ruhe, wie Kanada sie seit Stunden nicht mehr erlebt hatte. Doch dann hämmerte sein Bruder erneut mit größerer Intensität gegen das Holz. „IIIIIggyyyyy!" Immer noch keine Reaktion von innen.
„Igirisu. Arthur. England! Wie soll ich dich noch nennen?" Er hielt einen Moment inne. Dann fiel ihm etwas ein. Es war Juli. Der Jahrestag seiner Unabhängigkeitserklärung lag nicht allzu lange zurück; dieses Thema war immer noch ein ausgesprochen heikles für die britische Nation. „Bist du etwa immer noch sauer wegen meiner Revolution? Komm schon, alter Mann! Du solltest endlich darüber hinwegkommen."
„Alfred!", zischte Matthew aufgebracht. Fassungslos schüttelte er den Kopf. Wie konnte sein Bruder nur so taktlos sein? Ängstlich wartete er auf das Unvermeidliche. Er erwartete, dass ein wütendes England aus der Tür hinausgeschossen kam, sie beide mit Faustschlägen bombardierte und Beleidigungen von sich gab, die selbst Süditalien erröten lassen würden vor Neid. Unbewusst rückte er näher an den Amerikaner heran, obwohl es wahrscheinlich nicht nötig gewesen wäre; schließlich vergaß sogar England ihn meistens.
Doch wider alle Erwartungen rührte sich nichts.
Nun war Alfred ernsthaft neugierig. Mit einem kräftigen Fußtritt hob er die Tür aus ihren Angeln, stieg über die zahlreichen Holzsplitter hinweg (oje, das würde Ärger geben; England hatte seine Eingangstür stets gemocht) und begab sich ins Innere des Hauses. „Hallo! Hey! Ist jemand zuhause?" Als immer noch niemand antwortete, rannte er auf die große Treppe am Ende des Eingangsbereiches zu, die ihn in den ersten Stock führte. Matthew war ihm dicht auf den Fersen; Keinem von beiden war die Sache geheuer.
Amerika stieß die Tür, die zu Englands Schlafzimmer führte, weit auf. Halb erwartete er, ein krankes England im Bett liegen zu sehen. Doch das Bett war leer. Alles war sehr ordentlich (das wiederum verwunderte keinen der beiden Nordamerikaner, schließlich war der Engländer für seine Pingeligkeit bekannt); es schien aber, als ob ein paar Sachen fehlen würden, wie zum Beispiel Kleidungsstücke und Papierdokumente, denn sowohl Schrank als auch Schreibtisch waren leer.
Alfred rannte aus dem Zimmer, um in den anderen Räumen nach seinem ehemaligen großen Bruder zu suchen, doch Kanada blieb im Raum, den sie als erstes betreten hatten. Er ging zum Schreibtisch und zog die Schubladen einzeln auf. Sie waren leer; bis auf die unterste. Darin lagen ein paar lose Zettel, offensichtlich flüchtige Notizen Englands. Matthew blickte auf den ersten.
Meeting mit Premierminister 15.00 Uhr = nicht vergessen!
Amerika wegen nächster Weltkonferenz anrufen, Deutschland kontaktieren…
Marmelade, Butter, Brot, Tee besorgen…
Kanada brach das Lesen etwas enttäuscht ab. Das waren offensichtlich ganz normale Merkzettel, nichts, was er Beachtung schenken müsste. Er ging sie einzeln durch; der letzte Papierfetzen erregte seine Aufmerksamkeit.
Flugtickets besorgen, Urlaub bei Regierung beantragen.
Huh? Es war nichts Neues, dass der Brite wegflog, aber er benutzte das Flugzeug nur, wenn es Weltkonferenzen gab, und das geschah immer im Auftrag seines Parlaments beziehungsweise der Queen! Wieso musste er extra Urlaub beantragen? Und wann hatte er überhaupt das letzte Mal Urlaub gemacht? Die Sache wurde immer rätselhafter. Und die wichtigste Frage: Wohin war er geflogen?
„Mattie!", ertönte es dicht an seinem Ohr. Erschreckt drehte sich Kanada um; sein Bruder stand mit gerunzelter Stirn hinter ihm. „Arthur ist nirgendwo zu finden. Ich habe dir gesagt, er wurde von Russland entführt! Das ist der Beweis!"
„Langsam, langsam. Alfred, kann es nicht sein, dass er einfach nur verreist ist? Sieh mal." Er zeigte Amerika die Zettel, die er im Schreibtisch gefunden hatte. Doch der andere Mann zeigte sich davon wenig beeindruckt.
„Unsinn. Damit ist bestimmt ein anderer Flug gemeint. Wie ich bereits sagte, wir fliegen nach Russland!"
„Und warum hätte Russland Arthur entführen sollen?"
„Äh… Egal! Was zählt, ist, dass ich ihn retten werde! Der Held scheut keinerlei Gefahren, um seine Auserwählte zu retten! Oder seinen Auserwählten!", fügte er noch hinzu, offenbar war ihm nicht ganz bewusst, was er gerade von sich gegeben hatte. Damit drehte er sich um und rannte bereits enthusiastisch die Treppe hinunter, wobei er immer drei Stufen auf einmal nahm.
Kanada konnte angesichts dieser Spontanität nur wieder einmal den Kopf schütteln und seinem Bruder folgen. Insgeheim jedoch war er besorgt. Ihm war ein Grund eingefallen, warum Russland England gekidnappt haben könnte: England stand Amerika relativ nah. Viele Leute wussten von Amerikas Gefühlen für die britische Nation, dank Francis.
Und Russland hasste Amerika.
Wenn er sich an der Weltmacht Nummer Eins rächen wollte für was auch immer, dann brauchte er nur England etwas anzutun. Matthew betete, dass England nichts geschehen war.
Anmerkungen des Autors: Jetzt sind endlich Herbstferien, also komme ich auch zum Schreiben… Im nächsten Kapitel werden vielleicht auch noch andere Nationen mit einbezogen, aber ich verspreche nichts XD Außerdem kommen Arthur und Ivan endlich zum Reden~ Bleibt dran!
