Kapitel 3: Die Theorie – Teil II


Als Hermine aus dem Schlaf schreckte, war ihr Nacken steif und unbeweglich. Sie stöhnte leise und verzog das Gesicht, während sie versuchte, ihren Kopf wieder in eine gesunde Position zu drehen. Sie blinzelte mehrmals und kniff dann die Augen zu, bis der grässliche Schwindel sich gelegt hatte.

Langsam richtete sie sich auf und streckte den Rücken durch. Dann probierte sie es noch einmal mit dem Sehen – und erstarrte.

Ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, saß Lucius Malfoy und beobachtete jede einzelne Bewegung, die sie machte. Seine Augenbrauen zuckten nach oben, als er ihre Reaktion sah. „Haben Sie angenehm geschlafen?", fragte er.

„Ähm..." Hermine leckte sich über die trockenen Lippen, um sich etwas Zeit für die Antwort zu verschaffen. Sie kam sich vor, als würde sie ein Déjà vu erleben.

Ein paar Bilder aus ihrem Traum kehrten zurück und ihr Herz schlug mehrere Male heftig gegen ihre Rippen. Er hatte sie umgebracht! Wenigstens in ihrem Traum. Dafür aber ziemlich kaltherzig. Das war Grund genug, Angst zu haben. So unauffällig wie möglich zog sie ihre Hand unter den Tisch und tastete nach dem Griff ihres Zauberstabes.

„Wie auch immer", gab er es in diesem Moment auf, auf ihre Antwort zu warten. „Wir haben viel zu tun und da es bereits jetzt schon recht spät ist, sollten wir anfangen, bevor wir vom Abendessen unterbrochen werden." Er stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte auf, um sich weiter vorne auf den Stuhl zu setzen.

Wie lange hatte er sie schon beobachtet? Verspätet stieg Hermine die Röte in die Wangen.

„Das heißt", fuhr er mit seinem Monolog fort, „natürlich nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen, der Recherche beizuwohnen." Er sah sie scharf an und die Ironie tropfte so deutlich von seinen Worten, dass sie eine Lache auf der dunklen Tischplatte hätte bilden können.

„Es geht mir gut", murmelte Hermine schnell und drehte leicht den Kopf. Der Schmerz flammte erneut in ihrem Nacken auf, allerdings nicht mehr so schlimm wie vorher. Die Verspannungen lösten sich allmählich, ebenso wie ihr Griff um den Zauberstab. Es war nur ein Traum gewesen. Malfoy würde nie das Leben seiner Frau riskieren.

Andererseits hatte Narcissa eine Affäre. Wusste er davon? Oder anders gefragt: Konnte er es nicht wissen, wenn selbst sie es schon herausgefunden hatte? Ihr Kopf schwirrte von den Möglichkeiten, die sich vor ihr auftaten.

Davon abgesehen hatte sie noch immer Probleme, ein Gefühl für die Uhrzeit zu bekommen. Betreten sah sie auf das Buch hinunter, das ihr als Kopfkissen gedient hatte. Über die Seite zog sich ein großer Knick.

Reflexartig fuhr ihre Hand in ihr Gesicht und sie ertastete den Abdruck des Knicks mühelos auf ihrer Wange. Es wurde noch wärmer unter ihren Fingerspitzen und so unauffällig wie möglich blätterte sie zwei Seiten weiter – auch wenn Malfoy die Auswirkungen ihres Schläfchens zweifellos gesehen haben musste.

Doch mit jeder Minute, die sie in der Peinlichkeit des jetzigen Moments verbrachte, schwanden mehr Details aus dem Traum. Mühsam versuchte Hermine, wenigstens das eine oder andere festzuhalten. Der blonde Mann, welcher ihr überraschend friedlich Gesellschaft leistete, schien ihre Absichten nicht zu bemerken.

Erst verspätet bemerkte Hermine, woran das lag. Er hatte sich ihren Notizblock geschnappt und war mit gerunzelter Stirn in ihre Aufzeichnungen vertieft.

„Nehmen Sie sich immer fremdes Eigentum, ohne um Erlaubnis zu fragen?"

„Immer", erwiderte er gelangweilt, ohne von der Seite aufzusehen. „Normalerweise finde ich dabei allerdings weitaus interessantere Dinge heraus. Haben Sie eigentlich irgendetwas getan heute?"

„Was verstehen Sie denn unter irgendetwas?" Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Theorien, Denkansätze oder wenigstens vage Vermutungen. Um nur einiges zu nennen." Er warf den Block auf den Tisch zurück und schürzte die Lippen.

„Ich weiß ja nicht mal, wonach ich suchen soll. Ein Tag ist kaum genug, um all diese Bücher zu lesen und genauere Anhaltspunkte habe ich nicht bekommen."

Malfoy lächelte sardonisch. „Ich wusste immer, dass Ihre Intelligenz maßlos überbewertet wird."

„Hat dieses Gespräch irgendeinen Sinn, Mr Malfoy?"

„Ja. Ich verbitte es mir, dass Sie meine Bücher als Schlafunterlage benutzen!" Eine verärgerte Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen.

Da er mit dieser Verärgerung dummerweise im Recht war, blieb Hermine nichts anderes übrig, als sich ihm zu fügen: „Es wird nicht wieder vorkommen."

„Gut. Bevor Severus überstürzt mein Haus verließ, sagte er, dass nur etwas, das nicht aus unserer Welt stammt, die Magie im Anhänger endgültig vernichten könnte. Er hielt es nicht für nötig, mir genauere Informationen zu geben."

Hermine runzelte die Stirn. „Haben Sie eine Theorie?"

„Mehrere. Aber vorher würde es mich interessieren, was Sie davon halten."

„Sie meinen, was mir in den fünfzehn Sekunden, seitdem Sie mir diese Information haben zukommen lassen, eingefallen ist?"

„So in etwa. Falls Sie über entscheidendes Vorwissen verfügen, steht es Ihnen natürlich frei, dieses ebenfalls anzuwenden."

„Wie großzügig", antwortete Hermine langgezogen.

„Eine meiner guten Eigenschaften." Er lächelte nonchalent.

„Jaah, genauso wie Ihre Offenheit gegenüber den Bedürfnissen der magischen Geschöpfe."

„Touché. Könnten wir dann zum Thema zurückkehren? Mittlerweile sind aus den fünfzehn schon fünfunddreißig Sekunden geworden. Die Erwartungen steigen."

In Gedanken ging Hermine alles durch, das ihr zum Thema 'nicht aus dieser Welt' einfiel. Letztendlich stoppte sie bei dem einzigen Gedanken, der sinnvoll war – und ihr eine Gänsehaut bereitete: „Der Vorhang in der Halle des Todes."

Malfoy kniff die Augen zusammen. „Wie kommen Sie darauf?"

„Es gibt nicht vieles in dieser Welt, das nicht aus dieser Welt stammt, Mr Malfoy. Und alles davon befindet sich in der Mysteriumsabteilung. Ich bezweifle, dass die Gehirne im Raum des Denkens uns behilflich sein werden."

Er sah sie an und nickte dann, als hätte er ihren Gedanken als durchaus möglich akzeptiert.

„Wie sehen denn Ihre Theorien aus?", fragte Hermine. Ihre Stimme klang überaus zufrieden.

„Weniger leicht umzusetzen. Ich denke, wir sollten zuerst Ihre testen." Es war nicht zu erkennen, ob er sie gerade äußerst geschickt angelogen hatte, oder ob er wirklich Theorien gehabt hatte, die in den Bereich der unbequemen schwarzen Magie führten. Doch letztendlich war es Hermine egal. Sie hatte ihm bewiesen, dass man ihr nicht umsonst eine überdurchschnittliche Intelligenz nachsagte und das tat selbst acht Jahre nach Hogwarts noch immer gut.

„Soll mir recht sein", fügte sie sich deswegen. „Doch um den Vorhang nutzen zu können, müssen wir erstmal einen Weg finden, diesen Anhänger zu öffnen."

„Das wird das kleinere Problem sein", tat er ihren Einwand ab.

„Ach wirklich? Ich habe es nämlich lange Zeit sehr intensiv versucht und bin jedes Mal gescheitert."

„Das liegt daran, dass Sie es auf die falsche Art versucht haben. Wenn Sie ein Schloss mit schwarzer Magie verschließen, brauchen Sie auch schwarze Magie, um es wieder zu öffnen."

Zwar trieb sie Malfoys Tonfall fast in den Wahnsinn, doch das war in der Tat logisch – und das war ihr auch schon lange vorher bewusst geworden. Allerdings war sie vor diesem Schritt stets zurückgeschreckt. „Was schlagen Sie also vor?", fragte sie zähneknirschend.

„Horkruxe. Es würde mich brennend interessieren, wie Sie und Ihre Freunde es damals geschafft haben, die Dinger zu zerstören. Denn das ist auch der Schlüssel für dieses Schloss." Dabei deutete er wenig gentleman-like mit dem Zeigefinger auf Hermines Dekolletè.


„Wir haben also die Wahl zwischen dem Dämonsfeuer, dem Schwert Gryffindors und dem Zahn eines Basilisken", präzisierte Malfoy etwa eine halbe Stunde später.

„Ich denke, theoretisch würde es auch der Avada Kedavra tun. Ihrer Frau würde der allerdings nicht gut bekommen", fügte Hermine hinzu.

„Danke, das wäre mir doch glatt entfallen." Der blonde Mann lächelte geziert, eine Augenbraue in die Stirn gezogen. Dann setzte er sich anders hin und seufzte. „Ich bezweifle, dass ich an das Schwert von Gryffindor kommen kann, geschweige denn, dass es mir zu Diensten sein würde. Und einen Basilisken zu finden, der bereit ist, uns seinen Zahn zu leihen, dürfte sich ebenfalls als schwierig erweisen."

„Wie denn, Sie haben keinen im Keller versteckt?", murmelte Hermine leise und biss sich prompt auf die Lippe.

„Nein", erwiderte Malfoy, „die sind mir zu teuer im Unterhalt." Seine Blicke hätten sie töten können, doch sie war überzeugt, dass er ein Lächeln verbarg, indem er sich mit der Hand über den Mund fuhr. „Wie es aussieht, ist das Dämonsfeuer noch unsere beste Option."

„Die beste im Sinne von beschaffbar. Aber bestimmt nicht die beste im Sinne von beherrschbar."

„Wenn man es richtig anstellt, ist auch ein Dämonsfeuer gut unter Kontrolle zu halten", tat er ihren Einwand entschieden ab.

„Da bin ich aber gespannt. Vom Raum der Wünsche ist nicht mehr viel übrig geblieben, nachdem Crabbe dort so leichtsinnig herumgezündelt hat." Sie schluckte bei der Erinnerung an die Verwüstung, der Harry und Ron nur knapp entkommen waren.

„Haben Sie eine bessere Idee?"

Hermine holte tief Luft, während sie versuchte, eine Alternative aus dem Ärmel zu schütteln, die ihr Leben weniger aufs Spiel setzen würde. Glücklicherweise wurde sie von einer Antwort erlöst, als ein Hauself neben ihnen auftauchte und vor Malfoy auf ein Knie sank.

„Das Dinner ist angerichtet, Mr Malfoy, Sir." Die lange Nase des kleinen Wesens berührte fast den Boden und Hermine kräuselte die Lippen, als sie sah, wie ein leichtes Zittern durch den zierlichen Körper fuhr.

„Nicht jetzt!", polterte der Herr des Hauses.

„Natürlich jetzt!", fuhr Hermine panisch dazwischen. Malfoy sah sie konsterniert an, schwieg jedoch. „Ich habe Hunger. Und das Essen wird sonst kalt. Wir können später weiter über die beste Art, mich um die Ecke zu bringen, diskutieren."

Sie konnte sehen, wie die Kiefermuskeln Malfoys arbeiteten; vielleicht zählte er gerade bis zehn, um nicht vor ihren Augen die Fassung zu verlieren. Hermine mochte die Vorstellung und konnte sich ein Schmunzeln nur schwer verkneifen.

„Gut!", willigte er schließlich mit scharfer Stimme ein. „Gehen wir essen." Seine Mundwinkel zuckten, ob nun als Ausdruck der Wut oder in dem aussichtslosen Versuch, sie höflich anzulächeln, konnte Hermine nicht beurteilen.

Jedenfalls sorgte ihr kleiner Triumph dafür, dass sie aufrecht und stolz an ihm vorbeigehen konnte.


Was im Hause Malfoy lapidar als Dinner bezeichnet wurde, war ein Mahl, wie Hermine es seit der Hochzeit von Ginny und Harry nicht mehr gegessen hatte. Wobei... Nein, das stimmte nicht. Selbst das reichte nicht heran an das Menü, durch das sie sich an diesem Abend aß. Bei Weitem nicht.

Als Vorspeise fand sie auf ihrem Teller ein künstlerisch drapiertes Toast mit Morcheln. Während ihre Augen einige Nuancen größer wurden, nahm das Ehepaar Malfoy es einfach als gegeben hin und begann zu essen. Ein Hauself stand die ganze Zeit neben dem Tisch und überwachte das Geschehen aufmerksam, vermutlich immer darauf bedacht, die Bedürfnisse der anwesenden Gesellschaft zu sehen, noch bevor sie sich derer bewusst wurden.

Wessen Hermine sich allerdings überdeutlich bewusst war, waren die wachsamen Blicke, die sie von der gegenüberliegenden Seite des Tisches streiften. Narcissas blaue Augen lagen häufiger auf ihrer Person als auf dem Toast, was eine absolute Verschwendung war, wie Hermine fand. Es schmeckte wunderbar.

Doch wenn sie diejenige gewesen wäre, die am Vortag von einem Hausgast mit ihrer Affäre gesehen worden wäre, dann hätte sie vermutlich auch keine Augen für die Morcheln gehabt.

„Seid ihr mit den Nachforschungen weitergekommen?", fragte Narcissa schließlich, während die Teller verschwanden. Dabei flogen ihre Blicke zwischen Lucius und Hermine hin und her, so dass diese nicht wusste, ob sie nun antworten sollte oder nicht.

Dank des einnehmenden Wesens Lucius' hielt die unangenehme Stille allerdings nicht lange an: „Wir sind dabei, einen Plan aufzustellen." Er sah sie kurz an, die Augenbraue in die Stirn gezogen.

„Ja, wir kommen voran", stimmte Hermine zu und lächelte flüchtig.

Narcissa nickte kurz und das Gespräch verstummte mit der Ankunft des nächsten Ganges. Hermine roch den Salbei beinahe, bevor der Teller vor ihr abgestellt wurde. Ein Kalbsschnitzel mit spärlicher Beilage blickte sie von dem reinweißen Porzellan an. Aßen die Malfoys wirklich immer so, oder taten sie es nur, weil Hermine hier war? Kochten sie sich nie ein halbes Pfund Nudeln mit Tomatensoße, damit sie gleich für zwei Tage was zu essen hatten?

Die Stirn über diese elementaren Fragen tief gerunzelt, nahm Hermine das nächste Besteck auf und machte sich über das zarte Kalbsfleisch her.

„Wie war dein Tag?", war es wieder Narcissa, die zwischen zwei Bissen das leise Klappern zu durchbrechen versuchte.

Doch entweder war Lucius zu wütend, um es zu bemerken, oder er wollte nicht mal Smalltalk in Hermines Gegenwart betreiben. Denn alles, was er sagte, war: „Gut." Ohne von seinem Teller aufzusehen.

„Wir war Ihr Tag denn?", erhob schließlich Hermine die Stimme und lächelte Narcissa bemüht an.

Allerdings ohne die gewünschte Wirkung, denn die blonde Frau schien unter ihrem sorgfältigen Make-up eine Nuance blasser zu werden und griff geziert nach dem Wasserglas, um ihr erstes Entsetzen zu verbergen. „Danke, ebenfalls gut." Sie betupfte sich den Mund mit der Serviette und schielte flüchtig zu Lucius, der mit seinen Gedanken jedoch woanders war. Daraufhin entschied sie, dass – selbst wenn Hermine etwas über Horatio hätte sagen wollen – Lucius es ohnehin nicht mitbekommen hätte, und fuhr fort: „Ich habe mich mit einer Freundin zum Brunch getroffen. Im Quo Vadis, falls Ihnen das etwas sagt?"

„Ja, ich kenne es", erwiderte Hermine gleichmütig. Natürlich hatte sie das Restaurant in Soho niemals betreten; abgesehen von ihrer mangelnden Zeit lagen die Preise jenseits dessen, was sie sich leisten konnte. Doch sie hatte davon gehört.

Falls Narcissa über diesen Umstand überrascht war, so verbarg sie es gut. „Wir hatten einen netten Vormittag."

„Freut mich." Hermine legte ihr Besteck auf den Teller und trank einen Schluck von dem Rotwein, den die Elfen ihnen zum Kalb serviert hatten. Er schmeckte voll und süß, so wie sie ihn am liebsten mochte.

Pünktlich zum Dessert schrak dann auch Lucius wieder aus seinen Gedanken, in welche Richtung sie auch immer gegangen sein mochten. „Und, haben Sie schon eine Idee, wie wir um das Dämonsfeuer herumkommen?", fragte er mit einer guten Portion Ironie.

„Dämonsfeuer?" Narcissa klang etwas atemlos, als sie lediglich dieses Wort in den Raum warf.

„Die einzige praktikable Möglichkeit, den Anhänger zu öffnen", erklärte ihr Mann kurz.

„Zumindest behaupten Sie, es wäre die einzige", präzisierte Hermine. Die Aggressivität, die sie aus der Bibliothek mit an den Tisch gebracht hatten, brach sich nun Bahn.

„Es ist auch so!"

„Das ist Wahnsinn, Lucius!", fuhr Narcissa dazwischen. Über die Siruptorte hinweg legte sie sich eine Hand auf das Dekolleté und verriet dadurch mehr von ihrer Angst vor dem Tod, als ihr vermutlich lieb war.

„Man kann es beherrschen", beharrte der blonde Mann; es schien ihm nicht im Geringsten zu gefallen, dass seine Frau sich auf die Seite des Feindes geschlagen hatte.

Hermine ihrerseits wurde erneut von einem unbändigen Triumphgefühl durchflutet. „Den Tod auch", begann sie.

Wurde allerdings prompt unterbrochen, von Narcissa mit einem Keuchen, von Lucius mit einem Schnauben. „Und der ist ja so viel weniger tödlich als das Dämonsfeuer."

„Wenn man es richtig anstellt schon. Ein Trank, der einen Herzstillstand verursacht. Wirkt zuverlässig, aber langsam genug, damit Sie mir einen Gegentrank verabreichen können, sobald Voldemorts Macht den Anhänger verlassen hat. Das sollten wir ohnehin nicht hier tun, insofern können wir auch den Schwur übergehen. Der bezieht sich schließlich nur auf dieses Anwesen."

Sie war sich nicht ganz sicher, wann genau ihr diese Idee gekommen war. Vielleicht war sie immer in ihrem Kopf gewesen. Es konnte funktionieren. Nun, da sie genauer darüber nachdachte, kam ihr sogar schon ein Trank in den Sinn.

„Du besitzt also doch so etwas wie Weitsicht", lobte Lucius seine Ehefrau, die falsch lächelte. Dann wandte er sich wieder Hermine zu: „Glauben Sie wirklich, ich hätte die Zeit, Sie wiederzubeleben, während die Macht des Dunklen Lords durch den Raum des Todes schwirrt?"

„Ach! Aber Zeit, um ein Dämonsfeuer unter Kontrolle zu bringen, bleibt Ihnen, ja?" Hermine zog die Augenbrauen zusammen und steckte wütend ihren Löffel in die Siruptorte, um die Hände frei zu haben. Sie wusste zwar nicht exakt wofür, doch falls sie sich dazu entschließen sollte, dem aristokratischen Mistkerl den Hals umzudrehen, wollte sie auch sofort dazu in der Lage sein.

„Ein Dämonsfeuer hat man entweder von Anfang an unter Kontrolle, oder gar nicht, Miss Granger! Ich mache keine halben Sachen!"

„Und ich liefere mich keinem schwarzmagischen Feuer aus! Lieber falle ich einem Trank zum Opfer!"

Hermine glaubte zu hören, wie Narcissa sich leise räusperte, doch da Lucius bereits weiterredete und sie es nicht wagte, den Blick von seinem wutverzerrten Gesicht abzuwenden, war sie sich dessen nicht sicher.

„Dann sind Sie also nur zu feige! Ein erstklassiges Zeugnis für eine angeblich geborene Gryffindor!" Ein diabolisches Lächeln verzog seine Mundwinkel.

„Zeigen Sie mir nur eine Person, die freiwillig das Dämonsfeuer einem Trank vorziehen würde, Mr Malfoy, und ich werde es auch tun. Aber solange werde ich nach einem Trank suchen, der unseren Zwecken entspricht." Sie riss sich die Serviette vom Schoß und knüllte sie zusammen, ohne den Blick von Malfoys Gesicht zu nehmen. „Ich wünsch eine angenehme Nacht!", fügte sie hinzu und warf den weißen Stoff achtlos auf den Tisch. Es klirrte gedämpft.

Mit vor Wut rasendem Herzschlag verließ Hermine den Tisch, um in ihr Zimmer zu gehen. Ob sie es alleine fand, wusste sie nicht. Doch bevor sie um Hilfe bat, verbrachte sie die Nacht lieber auf dem Flur.

„Ihnen ist aber schon bewusst, dass ich nur warten muss, bis die Zeit mein Problem mit Ihnen löst, oder?", rief Malfoy ihr hinterher.

Hermine wandte sich nicht um, während sie antwortete: „Schön! Dann warten Sie! Ich werde mir für den entscheidenden Moment ein Plätzchen in einem dicht besiedelten Land suchen gehen. Frankreich vielleicht. Es ist nett dort. So gastfreundlich!"

Daraufhin blieb er still.


Als Malfoy am nächsten Abend die Bibliothek betrat, sah Hermine nicht von ihrer Lektüre auf. Sie wusste, dass sie sich stur und albern verhielt, aber momentan fühlte sich stur und albern genau richtig an.

Vorsorglich zog sie ihren Notizblock an sich und ließ ihn auffällig unauffällig auf den Stuhl neben sich gleiten. Sie hatte eine Reihe von Tränken recherchiert, die für ihr Vorhaben infrage kamen, musste aber noch abwägen, nach welchem sie am schnellsten wieder zurechnungsfähig war. Immerhin begann der wirkliche Kampf erst nach dem Öffnen des Anhängers.

Malfoy setzte sich an den Tisch und legte die Arme so vor sich ab, dass sie die halbe Tischplatte in Anspruch nahmen. Hermine blinzelte, zog die Augenbrauen etwas zusammen, arbeitete jedoch weiter. Sie hatte sich vorgenommen, sich heute nicht von ihm aus der Fassung bringen zu lassen. Nun, eigentlich wollte sie sich gar nicht mehr von ihm aus der Fassung bringen lassen, doch in den letzten Jahren hatte sie gelernt, sich kleine Ziele zu stecken. Und ein Abend war schon eine reife Leistung.

So saßen sie lange beieinander, stumm und unbeweglich. Zuerst knisterte die Luft regelrecht vor unterschwelliger Wut und Frustration. Später beruhigten sie sich beide und nach einer knappen Stunde beschlich Hermine der Verdacht, dass Malfoy sich tödlich langweilte.

Sie verbarg ihr Lächeln mühsam unter nachdenklichem Kauen auf ihrer Unterlippe und blätterte eine Seite nach der anderen um. Als sein Stuhl unter einer vorsichtigen Bewegung knackte, zuckte sie erschrocken zusammen.

Malfoy stieß zischend die Luft aus seinen Lungen, doch Hermine widerstand mühsam der Versuchung nachzusehen, ob er dabei schon Staub aufwirbelte. Sie hatte Zeit und sie hatte schon weitaus länger schweigend in einer Bibliothek gesessen. Sie war absolut überzeugt, den längeren Atem zu haben.

Letztendlich wurde der Wettkampf zwischen ihnen rüde unterbrochen, nämlich wie am Vorabend vom Auftauchen des Hauselfen. „Das Dinner...", begann der kleine Kerl nichtsahnend.

„Nicht jetzt!", fuhren Hermine und Malfoy unisono dazwischen – er wohl aus Gewohnheit, sie im Affekt.

Der Elf zuckte zusammen, machte einen Satz nach hinten und verschwand mit einem lauten Plopp. Sofort überkam Hermine das schlechte Gewissen und als sie den Blick zurück auf das Buch senkte, sahen die vor Angst weit aufgerissenen Augen des Elfen sie aus den Buchstaben heraus an.

Sie schloss die Augen, schüttelte den Kopf und versuchte es dann noch einmal. Aber die Augen blieben. Daraufhin schlug sie das Buch laut zu. „Wir werden einen Trank nehmen!"

„Gut", lenkte Malfoy prompt ein.

Und brachte Hermine damit komplett durcheinander. „Bitte?", fragte sie irritiert.

„Ich sagte gut! Es ist Ihre Wahl, wie Sie sterben. Hauptsache Sie tun es."

„Vielen Dank", erwiderte sie spitz.

„Keine Ursache. Können wir uns dann dem nächsten Teil des Plans widmen?" Er schien nicht sonderlich an ihrer Antwort interessiert, denn nebenbei klatschte er zweimal in die Hände und ein anderer Hauself tauchte neben seinem Stuhl auf. „Bring uns einen Krug..." Er stockte und sah Hermine fragend an.

„Ähm... Kürbissaft?" Das war das erste, was ihr angesichts seiner unerwarteten Höflichkeit einfiel.

„Kürbissaft", wiederholte Malfoy, „und einen Teller Häppchen."

„Sofort, Sir." Und der Elf verschwand wieder.

Hermine versuchte, sich ihre Missbilligung nicht anmerken zu lassen. „Und, was hatten Sie sich für den nächsten Teil vorgestellt?"

„Ein Versteckspiel." Er lächelte zufrieden, als er die offensichtliche Verwirrung auf ihrem Gesicht sah. „Die Magie des Dunklen Lords empfängt keine Sinneseindrücke wie wir. Doch sie kann auf eine gewisse Art potentielle Wirte erspüren. Sie richtet sich dabei nach der Aura eines Menschen. Ich werde Ihnen beibringen, wie Sie Ihre Aura verbergen können."

Hermines Augen wurden fast unmerklich größer. Sie hatte vom Erspüren und Beherrschen der Auren gehört, doch bisher hatte sie nie genug Interesse dafür aufgebracht, um sich näher damit zu beschäftigen. Dass ausgerechnet Lucius Malfoy diese Kunst beherrschte, überraschte sie zutiefst.

Nicht tief genug jedoch, als dass sie sich nicht vergleichsweise schnell wieder gefasst hätte. „Die Aura zu verbergen, ist kein kompletter Schutz gegen Voldemorts Macht. Er kann uns auch einfach durch Glück finden."

Er schnalzte mit der Zunge. „Ein Restrisiko, das wir nicht ausschalten können. Sie gehen ihm besser aus dem Weg."

„Wir können es ausschalten", wiedersprach Hermine und richtete sich etwas auf. „Auf dieselbe Weise, auf die ich mich schon seit einigen Jahren gegen die Magie schütze, die aus der Kette sickert – durch Okklumentik."

Sie konnte beobachten, wie sich Malfoys Gesicht verschloss. Der wackelige Waffenstillstand, auf den sie sich stumm geeinigt hatten, zerbrach wie fallen gelassenes Porzellan. „Das ist Zeitverschwendung", zischte er.

„Das hält mich seit Jahren am Leben!", hielt Hermine dagegen.

„Wunderbar! Dann betreiben Sie es weiter! Ich kann meine Zeit sinnvoller verbringen." Er reckte das Kinn vor, die Zähne fest aufeinander gebissen.

„Er könnte Sie umbringen, wenn Sie Ihren Verstand nicht verschließen!"

„Ich weiß, wie ich einer ziellosen Magie aus dem Weg zu gehen habe, Miss Granger! Man macht einfach einen Schritt zur Seite." Seine Blicke fixierten sie auf eine beunruhigende Art. Zusammenhanglose Bilder aus ihrem Traum vom Vortag flatterten durch Hermines Kopf und ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Das ist absolut leichtsinnig. Wenn Sie nur einen Fehler machen, hat Voldemort seinen neuen Wirt. Glauben Sie etwa, dass ich ihn alleine aufhalten kann? Kurz nachdem ich einen Abstecher ins Jenseits gemacht habe?"

„Ich mache keine Fehler", erwiderte er stur, anscheinend ohne an ihr Horrorszenario auch nur einen weiteren Gedanken zu verschwenden.

„Sie sind ein dummer Mann, Mr Malfoy."

„Das aus Ihrem Mund zu hören, trifft mich hart", säuselte er mit falscher Stimme. Dann wurde er wieder ernst. „Verschwinden Sie aus meinem Büro."

Hermine blinzelte mehrmals. Sein Rausschmiss traf sie auf eine unerwartete Art heftig, beinahe wie eine Ohrfeige. Sie brauchte einige Sekunden, ehe ihre Muskeln wieder zur Arbeit in der Lage waren. Sie überlegte kurz, sich ihm zu widersetzen, verwarf den Gedanken allerdings. Bei einem Lucius Malfoy wusste man besser, wann man den Rückzug antrat.

Also nahm sie ihren Notizblock und stand auf. Als sie die Tür ansteuerte, stolperte sie beinahe über den Elfen, der mit Kürbissaft und einem Tablett Häppchen zurückgekehrt war. „'Tschuldigung", murmelte sie, als das kleine Wesen zurückweichen und heftig mit seinem Ballast balancieren musste.

Sie sah nicht zu Malfoy zurück, bis sie bereits auf dem Flur stand. Erst als sie die Tür hinter sich ins Schloss ziehen wollte, wagte sie einen kurzen Blick. Er starrte ihr böse hinterher, mehr Todesser als sie es jemals bei ihm erlebt hatte.


Später am Abend saß Hermine mit gerunzelter Stirn und angezogenen Beinen in ihrem Zimmer vor dem Kamin. Sie hatte einen der Stühle in einen alten, aber durch und durch bequemen Ohrensessel verwandelt, inspiriert von denen, die in Hogwarts im Gryffindor-Gemeinschaftsraum gestanden hatten. Es gab kaum etwas Beschützenderes, als diese warme Umarmung.

Nichtsdestotrotz fühlte sie sich nicht wohl. Und das hatte nichts mit den allmählich abebbenden Nachwirkungen ihrer Erkrankung zu tun. Während der Diskussionen, die sie in den letzten beiden Tagen mit Malfoy geführt hatte, hatte sie zu vergessen gelernt, wer er war. Das Ende des heutigen Gespräches hatte sie abrupt wieder daran erinnert.

Eine Gänsehaut lief ihr den Rücken hinunter, gerade als es an der Tür klopfte. Hermine zuckte kurz zusammen, dann schielte sie an der Rückenlehne des Sessels vorbei und rief laut: „Herein!"

Die Tür öffnete sich und ein gelber Streifen flackernden Lichts fiel in ihr Zimmer. Dem folgte Narcissa Malfoy. „Guten Abend", sagte sie leise und sperrte das Licht mit einem Klicken wieder aus. „Darf ich?", fragte sie dann.

„Natürlich." Hermine wandte den Blick wieder in die Flammen. Sie bot Narcissa keinen Stuhl an; immerhin wohnte sie hier, wenn sie sich setzen wollte, sollte sie es tun.

Doch die blonde Frau blieb neben dem Sessel stehen und leistete Hermine einige Momente beim Starren Gesellschaft. Dann zog sie einen Brief aus dem weiten Ärmel ihres Umhanges und hielt ihn ihr vor die Nase. „Der kam vorhin mit einer äußerst verwirrten Eule."

Hermine erkannte die Handschrift von Ginny sofort und nahm den Brief entgegen. „Horace ist nicht verwirrt, sondern verrückt", murmelte die Jüngere, während sie die Nachricht zwischen ihr Bein und die Lehne des Sessels steckte. Sie würde ihn nicht lesen, wenn Narcissa neben ihr stand.

„Möglich", räumte Narcissa ein, „Hauselfen drücken sich nicht besonders differenziert aus."

„Weil es ihnen niemand begebracht hat."

Auf diese sture Antwort Hermines hin zog Narcissa die Luft mit einem scharfen Laut in ihre Lungen. Sie ging ein paar Schritte und lehnte sich neben dem Kamin an die Wand. Dabei verschmolz sie beinahe vollständig mit den Schatten, die dort über den Stein tanzten. „Wissen Sie, was das größte Problem zwischen Ihnen und meinem Mann ist, Hermine?"

Überrascht durch die Nennung ihres Vornamens sah Hermine auf und kniff die Augen zusammen. „Er hat sich der Magie Voldemorts freiwillig ausgesetzt, ich nicht."

„Davon abgesehen", fuhr Narcissa fort, als wäre es ihr Argument gewesen, „sind Sie genauso stur wie er. Er ist es nicht gewohnt, dass jemand in seiner Gegenwart nicht klein beigibt. Und er hasst es, dass Sie es nicht tun."

„Mein Beileid", warf Hermine bitter ein. Sie hatte nicht das geringste Mitgefühl für Malfoys verzogenen Charakter. Immerhin hatte sie ihre Abneigung gegen das Beschäftigen von Hauselfen unter unangemessenen Bedingungen, sowie ihre Angst vor den Anhängern des Dunklen Lords überwunden, um dem Spuk endlich ein Ende zu bereiten. Da sollten ihn ein paar verlorene Diskussionen nicht aufhalten.

Narcissa lächelte schief. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und schielte kurz zu ihren Füßen hinunter. Hermine konnte nicht erkennen, was sie dazu veranlasst hatte, doch es ließ ihr die langen blonden Haare ins Gesicht fallen. „Ich kann verstehen, warum Sie immer weiter gegen anreden. Aber wenn es um Okklumentik geht, möchte ich Ihnen raten, das Thema ruhen zu lassen."

„Es ist zu wichtig", beharrte Hermine.

„Ich weiß. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Lucius es nicht kann." Einen Moment schwieg sie, damit Hermine diese schlichte Information verarbeiten konnte. „Severus hat oft versucht, Lucius zumindest marginale Okklumentikkenntnisse beizubringen. Er ist immer gescheitert. Lucius hat es mehrmals versucht, weil er Severus vertraute. Dieses Vertrauen bringt er Ihnen nicht entgegen. Glauben Sie mir, es hat keinen Sinn."

Es dauerte einige Sekunden, ehe Hermine bemerkte, dass ihr Mund ein Stück offen stand. Sie klappte ihn zu und schluckte, dann hatte sie ihre Gedanken soweit geordnet, dass sie wieder an dem Gespräch teilnehmen konnte: „Weiß Ihr Mann, dass Sie hier sind?"

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Narcissas Gesicht. „Natürlich. Irgendjemand musste Ihnen doch den Brief bringen."

„Oh ja, in einem Haushalt mit geschätzten fünfzig Hauselfen gehört das natürlich zu den Aufgaben der Hausherrin."

„Sie sind eine intelligente Frau, Hermine. Und Lucius ist heute Abend glücklicherweise zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um diese Offensichtlichkeit zu bemerken." Sie löste sich von der Wand und kam zwei Schritte in den Raum. Das Licht des Feuers streifte ihre Silhouette und ließ ihre Haare wie Gold glänzen. „Ich weiß, dass Lucius Ihren Vorschlag harsch abgeschmettert hat. Aber ich weiß auch, dass er es wahrscheinlich nicht auf diese Weise getan hätte, wenn er nur die geringste Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Lenken Sie dieses eine Mal ein und die ganze Angelegenheit wird viel mehr in Ihrem Sinne verlaufen, als Sie es sich jetzt vorstellen können."

„Sie meinen, wenn ich jetzt klein beigebe, fühlt er sich genötigt, sich durch andere Kompromisse bei mir zu revanchieren?" Die Zweifel, die Hermine an dieser Theorie hatte, färbten ihre Stimme mit einer Spur Sarkasmus.

„Es mag ihm nicht bewusst sein, aber ja, so ist es. Ich lebe seit fünfundzwanzig Jahren mit ihm zusammen. Vertrauen Sie mir."

Hermine zog ihre Augenbrauen in die Stirn. „Fünfundzwanzig Jahre, hm? Und wie viele Jahre kennen Sie Horatio schon?"

Auf diese Frage hin verschwand die vertrauliche Note des Gesprächs sofort und Narcissas Gesichtsausdruck wurde wieder hart und abweisend. „Das geht Sie nicht das Geringste an."

„Und Sie geht es nichts an, wie ich mein Problem zu lösen gedenke. Ich wünsch Ihnen noch eine angenehme Nacht, Mrs Malfoy!" Mit diesen Worten wandte Hermine den Blick von dem blassen Gesicht der älteren Frau und starrte weiter in die Flammen.

Narcissa blieb noch einige Sekunden mitten im Raum stehen, dann durchquerte sie ihn mit steifen Bewegungen und ließ den Lichtstreifen einen weiteren kurzen Blick in das dunkle Zimmer werfen. Dieses Mal knallte sie die Tür beinahe, als sie sie hinter sich schloss.

Hermine seufzte schwer und sank ein Stück in sich zusammen. Die Stille war so angenehm wie ein Wattebausch auf einem entzündeten Ohr. Für mehrere Minuten ließ sie sich bereitwillig davon umschwärmen.

Dann erinnerte sie sich daran, dass Ginny ihr geschrieben hatte und ein scharfer Stich fuhr durch ihre Herzgegend. Es war lange her, dass sie irgendetwas außer ihrer Freiheit vermisst hatte. Aber gerade jetzt hätte sie einiges für die Gegenwart ihrer Freundin gegeben.

Mit einem Kloß im Hals zog sie den Brief hervor und öffnete ihn. Durch das Flackern der Flammen war die Schrift auf dem Pergament nur schwer zu lesen, doch Hermine genoss es, dass sie sich dadurch mehr Zeit lassen musste. Früh genug würde die Brutalität ihrer momentanen Lage sie wieder einholen.