Chapter Six: Hot 'N Cold

Er stand an seinem Arbeitstisch in seinem Büro, als es an der Tür klopfte. Mit einem genervten Seufzen ließ er das Reagenzglas in seiner rechten Hand sinken und stellte es in die Halterung vor ihm zurück.
Wenn das wieder McGonagall war, die ihn zu Dumbledore schickte, dann würde er dem Schulleiter dieses Mal gehörig die Meinung sagen! In den letzten Tagen war er von weiteren Botengängen zu den Potters verschont geblieben, hatte aber schon geahnt, dass diese Ruhepause nicht lange andauern würde.
„Herein!", forderte er seinen ungebetenen Gast barsch dazu auf, einzutreten.
Augenblicklich öffnete sich die Tür und schloss sich wenige Sekunden später. Nur dass niemand hereinkam.
Severus verdrehte genervt die Augen. Besuchte James ihn etwa versteckt unter seinem Tarnumhang, um ihm zu befehlen, sich von seiner Frau fernzuhalten?
Er wollte Potter gerade befehlen, sofort zu verschwinden, als plötzlich Lilys Kopf zum Vorschein kam. Überrascht sah sie sich um und betrachtete staunend die vielen Fläschchen, die überall herumstanden, während sie den Umhang ablegte. „Wow, hast du beschlossen, still und heimlich einen Laden für Zaubertränke aufzumachen?"

Obwohl er eigentlich beschlossen hatte, sie möglichst abweisend zu behandeln, schafften es ihre leicht spöttischen Worte, ihn aus der Reserve zu locken. Am liebsten hätte er ihr in diesem Moment erzählt, dass er in letzter Zeit immer wieder mit den verschiedensten Zutaten herumexperimentierte. Aber dies hätte wahrscheinlich zu einem angeregten Gespräch über alle Arten von Zaubertränken geführt. Einem viel zu vertraulichen Gespräch auf der Basis der Unterhaltungen, die sie geführt hatten, als sie noch Freunde gewesen waren. Und er durfte sie nicht so nahe an sich heranlassen. Das konnte nur schmerzhaft enden.
Daher bemühte er sich um einen besonders abfälligen Tonfall. „Ich bereite nur das Anschauungsmaterial für meine zukünftigen Schüler vor."
Sie runzelte irritiert die Stirn. „Und für wie viele Semester im Voraus?"
Er seufzte frustriert auf. War sie etwa gekommen, um ihn zu ärgern? Doch das Schlimmste war, dass ein nicht unerheblicher Teil von ihm diese Art der Konversation genoss. „Du weißt doch sicher, dass ich mehrere Klassen unterrichten werde."
Sie nickte. „Deswegen frage ich ja. Oder willst du etwa an jeden Schüler zum Einstieg Gratisproben verteilen?"
Er warf ihr einen eisigen Blick zu und hoffte, sie auf diese Weise zum Schweigen zu bringen.
Doch leider bewies sie ihm stattdessen erneut ihre Hellsichtigkeit. „Warum sagst du nicht einfach, dass du diese ganzen Tränke braust, um dich zu beschäftigen und abzulenken?"

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Das würde er garantiert nicht! Weil er dann wahrscheinlich dann erklären müsste, von was er sich denn bitte ablenken wollte.
„Ich lenke mich nicht ab. Das hier ist immerhin jetzt mein Beruf.", konterte er und drehte ihr den Rücken zu, während er vorgab, die Flaschen auf dem Regal vor ihm zu sortieren.
Verflucht, er hatte viel zu schnippisch geklungen, um überzeugend sein zu können. Nun wirkte er vermutlich so, als wäre er viel zu verzweifelt darum bemüht, sie loszuwerden. Was sehr häufig ein Anzeichen dafür war, dass man den Gegenüber doch nicht so verabscheute, wie man ihm Glauben machen wollte.
Doch auch wenn sie diese Tatsache bemerkt haben musste, zeigte sie es nicht. „Ich dachte nur, dass du nervös bist, weil du bald hormongesteuerte Jugendliche unterrichten musst."
Es würde sie wahrscheinlich überraschen zu erfahren, wie wenig ihm seine bevorstehende Arbeit etwas ausmachen würde. Gut, Teenager konnten mehr als lästig sein, besonders wenn sie Harry Potter oder Hermine Granger hießen. Aber er hatte in den vergangenen Jahren schon so viele Erfahrungen gesammelt, dass er sich wahrscheinlich zurückhalten musste, um nicht zu erfahren zu erscheinen.
Ihre Anwesenheit war im Vergleich dazu erheblich nervenaufreibender für ihn, da er sich immer unter Kontrolle haben musste, obwohl es ihm schwer fiel.
„Es hält sich in Grenzen.", antwortete er ihr wahrheitsgemäß und so gelassen wie möglich.

Auf seine Worte hin trat eine unangenehme Stille ein. Nach einigen Minuten befürchtete er schon, dass sie bereits gegangen war. Doch dann räusperte sie sich verlegen. „Eigentlich bin ich hierher gekommen, um mich für James' Verhalten dir gegenüber zu entschuldigen."
In seinem Kopf schrillten plötzlich alle Alarmglocken. Wieso tat sie das? Wie sollte er sie von sich stoßen und ihr suggerieren, dass sie ihm inzwischen egal war, wenn sie sich entschuldigte? Wollte sie es ihm etwa extra schwer machen?
Inzwischen verschlimmerte sie die Lage noch mehr. „Er vertraut dir immer noch nicht. Ich hoffe, dass er eines Tages seine Meinung ändert. Wenigstens ein bisschen. Er hat mir zumindest versprochen, dass er sich in Zukunft dir gegenüber zurückhalten wird." Er hörte, wie sie näher trat. „Ich weiß es jedenfalls zu schätzen, was du getan hast und was du bereit bist, auf dich zu nehmen. Das wollte ich dir nur sagen."
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, das Ganze zu beenden, bevor sie noch zu vertraulich wurde und er nicht mehr imstande war, sie abzuweisen. Um möglichst kalt zu klingen, versteifte er sich auf seine Wut darüber, dass sie anscheinend nicht aufhören konnte, ihn zu verteidigen „Und was ist, wenn ich dir sage, dass ich das alles nicht für dich tue?"
Sie zögerte mit ihrer Antwort keine Sekunde. „Das spielt keine Rolle."
Verflucht! Warum konnte sie nicht einfach wütend werden, sich umdrehen und gehen? Ihren Mann und ihren Sohn hatte er doch immer so leicht verärgern können!

Bevor er etwas Bissiges erwidern konnte, seufzte sie leise. „Ich kann mir denken, dass es nicht gerade angenehm für dich ist, mit James unter einem Dach zu leben -"
„Ich hatte keine Wahl.", unterbrach er sie unwirsch, um sie davon abzuhalten, sich noch ein weiteres Mal zu entschuldigen.
Verdammt, er hatte sie verletzt! Und das zwischen Potter und ihm konnte er auch allein regeln. Was brachte es ihm, wenn ihr das Verhalten ihres Mannes Leid tat, dieser jedoch keinerlei Rücksicht darauf nahm?
„Ich wäre in diesem Moment lieber auch ganz woanders.", fügte er kalt hinzu und hoffte, sie würde nun endlich mit diesem Unsinn aufhören.
Als sie antwortete, klang ihre Stimme emotionslos und beherrscht. Völlig anders als zuvor und er erkannte, dass er sie tief verletzt haben musste. „Dann hat Dumbledore uns mit seiner Idee, uns hier unterzubringen, wohl beide mehr als genug gestraft." Wenige Sekunden später hörte er, wie die Tür zu seinem Büro zuschlug.
Frustriert seufzte er auf. Er war so ein Vollidiot! Weshalb musste sie es ihm auch so schwer machen? Es wäre so leicht gewesen, wenn sie ihn immer noch gehasst hätte. Aber nein, sie musste plötzlich ihre Meinung ändern und ihm verzeihen. Gerade als er sich endlich damit abgefunden hatte, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Dennoch hatte er wegen seiner Reaktion ein schlechtes Gewissen.

In diesem Moment klopfte es ein weiteres Mal. Im Stillen hoffte er schon, Lily wäre zurückgekommen, um ihm die Meinung zu sagen und sich dann mit ihm auszusprechen.
Doch als er sich umdrehte, erkannte er zu seiner Enttäuschung, dass es Professor McGonagall war, welche die Tür öffnete. „Dumbledore möchte Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Schon wieder." Die Art, wie sie die letzten beiden Worte aussprach, erinnerte ihn an ihren Unmut darüber, dass Albus und er Zeit seines Lebens Geheimnisse vor ihr gehabt hatten. Es überraschte ihn, dass sie scheinbar bereits damals so empfunden hatte.
Anstatt ihn allein zu lassen, hatte sie scheinbar entschieden, ihn zu begleiten. Aus welchem Grund auch immer. Schweigend schritten sie nebeneinander durch die Gänge und er fragte sich im Stillen, was sie sich wohl davon erhoffte. Glaubte sie etwa, er würde ihr irgendetwas über seine Gespräche mit Dumbledore verraten?
Erst als sie das Schulleiterbüro betraten, wurde ihm klar, weshalb sie mit ihm gekommen war: Neben Dumbledore befanden sich noch die Professoren Sprout und Flitwick im Raum. Schlagartig hatte er den Tag vor Augen, als Albus ihn offiziell zum Hauslehrer von Slytherin erklärt hatte. Zu jenem Zeitpunkt hatte er noch keine einzige Unterrichtsstunde gehalten.

Daher war er auch nicht überrascht über das, was der Schulleiter ihnen mitzuteilen hatte. „Wie Sie sicherlich schon alle wissen, hat Severus Snape Professor Slughorns Nachfolge als Lehrer für Zaubertränke übernommen. Zudem wird er im neuen Schuljahr auch Horace' Nachfolge als Hauslehrer von Slytherin antreten."
Die Reaktion seiner Kollegen war dieselbe wie früher: Flitwick und Sprout waren lediglich überrascht, doch Minerva McGonagall warf Dumbledore einen geschockten Blick zu. „Er hat bisher noch nicht einmal unterrichtet und Sie wollen ihm schon die Schüler eines ganzen Hauses anvertrauen?"
Genau wie in seiner Vergangenheit fragte er sich auch jetzt, weshalb sie eigentlich so heftig reagierte. Hatte sie ihn damals so verabscheut?
Er bemerkte, dass Albus ihn nachdenklich ansah, und reagierte. „Kennen Sie etwa jemanden aus dem Lehrerkollegium, der diesen Posten freiwillig übernehmen würde?"
Sie musterte ihn daraufhin stirnrunzelnd und setzte zu einer Antwort an, als Flitwick ihm überraschenderweise beisprang. „Da hat er Recht. Außerdem sollte es doch jemand sein, der früher selbst in Slytherin gewesen ist."
Ihre Miene wurde ausdruckslos, doch für einen Moment glaubte er, eine Spur von Verzweiflung in ihren Augen aufblitzen zu sehen.

„Da stimme ich Filius zu, Minerva. Ich bin sicher, Severus wird dieser Aufgabe gewachsen sein.", erklärte Dumbledore ihr ruhig, aber bestimmt.
Sie unternahm noch einen letzten Versuch, ihn nieder zu starren, bevor sie sich zu dem Schulleiter umwandte und widerwillig nickte.
Dieser lächelte zufrieden. „Also, falls Sie ab jetzt Probleme mit Ihren Schülern aus Slytherin haben, scheuen Sie sich nicht, Professor Snape aufzusuchen." Er betonte Severus' Titel mit Nachdruck, während er zu McGonagall hinüberschielte.
Sie nickte erneut, diesmal deutlicher, und Albus entließ daraufhin seine Kollegen ohne große Worte aus seinem Büro.
Snape ließ die anderen vorgehen und wollte gerade ebenfalls den Raum verlassen, als Dumbledore ihn zurückrief. „Severus, ich muss dir noch etwas mitteilen."
Mit ungutem Gefühl im Magen drehte der Schwarzhaarige um und blieb abwartend stehen.
Der alte Mann warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Ich wollte dich vorwarnen. Moody hält es für riskant, die Potters ohne weiteren Schutz in Hogwarts unterzubringen. Er ist der Meinung, dass ein zusätzliches Ordensmitglied herkommen sollte, um ein Auge auf Harry zu haben. Im Gegensatz zu mir vertraut er dir nicht vollkommen und will auf Nummer Sicher gehen. Er hat mir die Wahl überlassen, wen ich hierher an die Schule hole. Und ich habe mich für Sirius Black entschieden."

Na wundervoll! Diese Nachricht war eindeutig der Höhepunkt seines Tages! Nicht dass er wütend darüber gewesen wäre, dass Moody ihm nicht vertraute. Das wunderte ihn keine Sekunde. Alastor vertraute niemandem außer sich selbst. Schon gar keinem ehemaligen Todesser, den er bisher noch nicht einmal selbst verhört hatte.
Aber musste es ausgerechnet Black sein? Neben Potter war Sirius der Schlimmste der Gruppe. Genauso arrogant und überheblich wie James und zudem noch vorlaut und gehässig. Dessen abfälligen Sprüche hatte er sicher nicht vermisst.
„Lupin wäre mir lieber gewesen.", murmelte er leise, doch nicht leise genug.
Dumbledore runzelte zweifelnd die Stirn. „Remus Lupin? Bist du sicher?"
Er war selbst überrascht, dass er gerade im Begriff war, einen seiner erklärten Erzfeinde zu verteidigen. Doch der Werwolf war nun mal nicht der Verräter und konnte ihnen wahrscheinlich bei der Beschaffung der Horkruxe behilflich sein.
„Weshalb nicht? Denken Sie, er wäre Sein Spion? Nur weil er ein Werwolf ist? Ist das nicht etwas zu offensichtlich?"
Die Miene des Schulleiters wurde ausdruckslos. In seinen Augen war jedoch keine Spur von Wut oder Misstrauen zu erkennen. „Findest du?"
Snape ermahnte sich, vorsichtig zu sein. Seine Erwiderung durfte nicht den Schluss zulassen, dass er wusste, wer der Verräter war. „Meiner Meinung nach wäre es zu offensichtlich. Der Dunkle Lord würde kein solches Geheimnis um ihn machen, weil man es erwarten würde."

Der alte Mann musterte ihn eingehend, als wolle er ihn durchleuchten. Vorsorglich verschloss er alle Gedanken tief in seinem Inneren, die ihn verraten könnten.
„Du überrascht mich immer wieder, seit du hierher gekommen bist, Severus." Albus musste ihm wohl das Unbehagen angesehen haben, das diese Aussage bei ihm ausgelöst hatte, denn er hob beschwichtigend die Hand. „Positiv, meine ich. Du handelst wesentlich überlegter und beherrschter als in deiner Schulzeit."
Verdammt, sein Gegenüber hatte Recht. Wenn er so weitermachte, erweckte er noch den Eindruck, sich innerhalb weniger Monate komplett verändert zu haben. Bisher hielt man seine „neuen Facetten" auf beiden Seiten noch für positiv. Doch wie lange würde das anhalten? Er musste das Risiko gering halten, dass diese Einstellung ihm gegenüber irgendwann umschwang und sich ins Gegenteil verkehrte. Das würde sowohl bei Voldemort als auch bei Dumbledore fatale Konsequenzen nach sich ziehen.
„Nur weil ich glaube, dass Lupin kein Verräter ist, bedeutet das nicht, dass sich meine Meinung über ihn geändert hätte. Aber wenn Sie den Falschen verdächtigen, könnte ihr dies das Leben kosten.", erklärte er mit der richtigen Mischung aus Entschlossenheit und unterdrückter Empörung und schritt ohne ein weiteres Wort aus dem Raum.

Draußen auf dem Gang hatte er plötzlich Lilys Gesicht vor Augen und beruhigte sich allmählich. Es war, als dämpfte ihr Anblick seine Wut darüber, dass er sich bald mit Potter und Black herumschlagen musste. Ihm kam in den Sinn, wie ungerecht er sich ihr gegenüber verhalten hatte. Er konnte schließlich nicht erwarten, dass sie ihm um den Hals fiel und ihre Familie verließ, nur weil er die Seiten gewechselt hatte. Sie hatte sich vorsichtig an ihn herantasten wollen und er hatte sie vor den Kopf gestoßen. Er sollte sich bei ihr entschuldigen. Vielleicht hatte er Glück und ihr Mann war gerade irgendwo auf dem Schulgelände unterwegs.
Bevor er sich es anders überlegen konnte, eilte er die Gänge entlang und hoch in das Stockwerk, in dem die Potters einquartiert waren. Als er ihr Zimmer erreicht hatte, musste er jedoch zu seinem Bedauern feststellen, dass James anwesend war. Dessen drängende Stimme war deutlich bis auf den Gang zu hören. „Schatz, ich weiß, dass du dich langweilst, aber -"
„Es geht nicht um mich. Harry ist den ganzen Tag über unruhig. Er muss mal raus. Ein paar Stunden an die frische Luft.", unterbrach ihn seine Frau flehend.
Potter seufzte. „Ja, ich weiß. Aber du hast Dumbledore gehört. Filch ist misstrauisch geworden und wir müssen vorsichtiger sein. Wenn uns jemand entdeckt, der nicht eingeweiht worden ist, könnte das eine Gefahr für unseren Sohn bedeuten. Und für dich."
Lily ließ ein genervtes Stöhnen hören. „Wir haben doch den Tarnumhang. Und ich werde vorsichtig sein. Uns wird niemand entdecken! Ich kann schon auf mich und meinen Sohn aufpassen."

Ihr Mann seufzte erneut. Es klang resignierend, als würde er sich allmählich erweichen lassen. „Und wenn Harry aus irgendeinem Grund zu weinen anfängt? Was dann? Ich sage ja nicht, dass es gut für ihn ist, die ganze Zeit über in diesem Raum zu verbringen. Aber es ist zu riskant. Wenn wir vielleicht unsere verzauberte Karte von Hogwarts hätten, wäre es leichter. Sie zeigt an, welche Person sich wo aufhält und damit würden wir rechtzeitig gewarnt werden. Doch Filch hat sie vor Jahren konfisziert. Und sie ihm zu stehlen, wäre zu riskant. Jetzt nachdem er sein Büro bewacht wie ein Schießhund, weil er glaubt, ein Unsichtbarer wolle ihm seine ach so wertvollen Schätze stehlen."
Lilys Einwand verstand Snape schon nicht mehr, da er sich bereits unbewusst in Bewegung gesetzt hatte. Bevor es ihm klar wurde, hatte er schon den Beschluss gefasst, sein Verhalten ihr gegenüber wieder gutzumachen. Und er wusste auch schon, wie.
Auf dem Weg zu Filchs Büro erinnerte er sich wieder an das Pergament, das früher Potter und später sein Sohn immer wieder bei sich getragen hatten. Er hatte doch gewusst, dass es sich um eine Karte von Hogwarts gehandelt hatte. James und seine Freund wären wirklich dumm gewesen, hätten sie ihr Wissen über alle Geheimgänge der Schule nicht irgendwo verzeichnet, um sie jederzeit abrufen zu können. Und die von seinem Erzfeind eben erwähnte Zusatzfunktion der Karte erklärte auch, warum die Vier niemals erwischt worden waren.

Filch von seinem Anliegen zu überzeugen, würde nicht wirklich schwer sein. Seit er auf dessen Beschwerden hin erwähnt hatte, dass es bestimmt erstrebenswert wäre, die Strafen für ungezogene Schüler zu verschärfen, fraß ihm der Ältere praktisch aus der Hand. Zudem hatte Argus ihn von Vornherein schon für sympathisch gehalten, weil er Potter genauso hasste wie der Hausmeister selbst.
Und jetzt konnte er auch auf das Angebot zurückgreifen, sich das kleine Büro näher anzusehen und die „ungehörigen Dinge" zu bestaunen, die Filch unartigen Kindern bisher abgenommen hatte.
Argus wirkte angespannt und nervös, als der Schwarzhaarige bei ihm eintraf. „Ah, Sie sind es, Professor. Kommen Sie nur herein. Aber passen Sie auf, dass Sie nichts anderes mit hereinlassen. Seit kurzem schleicht hier irgendetwas Unsichtbares herum, das schon zweimal versucht hat, in mein Büro einzubrechen."
Oh, Potter versuchte also, seine Karte wiederzubekommen, ging es Snape durch den Kopf, als er den kleinen Raum betrat. Voller Schadenfreude darüber, dass er bald das Pergament stehlen würde, konnte er sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
Er ließ seinen Blick kurz über die vielen Aktenschränke schweifen, bevor er sich zu dem Hausmeister umwandte. „Sie wollten mir doch zeigen, mit welch fiesen Tricks die Schüler von Hogwarts versuchen, die Schulregeln zu verletzen."

Filchs Augen bekamen einen fiebrigen Glanz, während er nickte. Er wirkte einerseits stolz auf sich, da er schon so vielen Regelbrechern das Handwerk gelegt hatte. Andererseits loderte in seinem Gesichtsausdruck auch die Wut auf all die Kinder auf, die ihn noch an der Nase herumführten. „Eine gute Entscheidung. Sie sollten wissen, auf was Sie sich einlassen. Es ist immer gut, seine Feinde zu kennen."
Hach ja, der gute alte Argus. Severus war selbst überhaupt kein Freund hormongesteuerter Teenager, aber der Hausmeister verhielt sich stets so, als wäre er ein einsamer General, der gegen einen unbesiegbaren Feind in die Schlacht zog. Voller Elan stürzte er sich darauf, seinen Gast durch sein Büro zu führen und ihm alles zu zeigen, was böse, magisch begabte Schüler ausgeheckt hatten.
Der Schwarzhaarige glaubte schon, den ganzen Nachmittag in diesem Raum verbringen zu müssen, als Filch plötzlich eine Schublade seines Schreibtisches aufzog und darin das so vertraut wirkende Pergament zum Vorschein kam.
„Was ist das?", erkundigte er sich interessiert.
Argus schnaubte abfällig. „Nur ein verzaubertes Dokument, das niemand lesen kann. Ich habe es Ihrem Freund Potter abgenommen, konnte aber bisher noch nicht herausbekommen, zu was es dient. Aber bei diesen Rumtreiber können Sie sich sicher sein, dass es nichts Gutes ist." Dann schloss er das Schubfach wieder, um ein anderes zu öffnen. „Aber hier ist etwas Besseres."

Snape wartete ab, bis der Hausmeister seine Ausführungen über eine verhexte Schreibfeder beendet hatte und auf einen der Aktenschränke zuging, um die dazugehörigen Unterlagen herauszusuchen. Unbemerkt zückte er seinen Zauberstab und ließ die Schublade mit Hilfe eines stummen Zauberspruches aufgleiten. Bevor Filch sich ihm wieder zuwandte, hatte er die Karte bereits unter seinem Umhang verborgen und das Schubfach zugeschoben.
Er unterhielt sich noch einige Minuten mit Argus und verabschiedete sich dann von diesem. Dann marschierte er davon, den Weg zurück, den er hergekommen war, um die Karte unter der Zimmertür der Potters hindurchzuschieben.
Eigentlich sollte er dies nicht tun. Immerhin gab er Lily dadurch die Möglichkeit, ihn öfter zu besuchen. Falls sie das nach seiner abweisenden Reaktion immer noch wollte.
Aber genau darauf hoffte er im Stillen, obgleich er wusste, dass es purer Masochismus war.
Ihre Worte an diesem Mittag hatten ihm bewiesen, dass sie bereit war, seine Nähe zu suchen und ihm zu verzeihen. Sein Verstand riet ihm zwar, sich ihr gegenüber so kalt wie möglich zu verhalten, um sich zu schützen. Doch in seinem Inneren brannte er regelrecht darauf, wieder mit ihr zusammenzusein.
Egal auf welche Art und Weise.