Narzissa war den Tränen nahe, als sie die Zimmertüre ihres Schlafsaals hinter sich schloss. Mit pochendem Herzen sank sie hinter der Tür zu Boden und begann hemmungslos zu Schluchzen. Warum tat er ihr das an? Konnte er sie nicht einfach in Frieden lassen? Sie wollte ihn nie wieder sehen und hoffte nur, dass sie ihm nie wieder alleine begegnen musste. Nicht auszudenken, was er sich dieses Mal für eine Strafe einfallen ließ. Narzissa wollte nicht bestraft werden, sie wollte, dass er freundlich zu ihr war. Aber warum wollte sie nur, dass er überhaupt bei ihr war? Er gab ihr eine eigentümliche Sicherheit und gleichzeitig brachte er diese immer wieder ins Wanken. Sie hasste sich dafür.
Wütend schleuderte sie ihre Tasche von sich und vergrub den blonden Schopf auf ihren Knien. Am liebsten hätte sie alles in diesem Zimmer kurz und klein geschlagen.
„Scheiß Lucius." fluchte sie und trat nach ihrem Mäppchen, dass aus der Tasche gefallen war.
Klappernd rollte das kleine Etui unter Celestes Bett. Wenn die Prüfungen vorbei sind, sagte sie sich, musst du ihn erst einmal lange Zeit nicht sehen. Das brachte ihr zwar ein wenig Trost aber schürte auch ihre Unruhe.
Sie hätte gerne ihre kleine Topfpflanze zurück geholt, sie musste immer noch auf dem Boden der Bibliothek liegen, doch sie traute sich nicht mehr runter. Wie grausam konnte ein Mensch nur sein? Er musste gesehen haben, dass ihr der kleine Zaubertrick gefallen hatte und nur aus Bosheit hatte er ihr das dumme Ding abgenommen. Vermutlich weil er ihr selbst noch nie eine solche Freude gemacht hatte. Was für ein Stümper in Sachen Mädchen, dachte sie verächtlich.
Sie stemmte sich hoch und öffnete die Türe, sie war fest entschlossen, sich das kleine Stück Zauberkunst zurück zu holen, egal wie viel Angst sie vor Lucius hatte.
Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter zum Gemeinschaftsraum und atmete erleichtert auf, als sie sah, dass niemand sich dort drinnen befand. Sie seufzte vor Erleichterung und rannte die letzten Stufen hinab und wollte gerade zur Türe hasten, als ihr Blick auf den runden Tisch an der Eingangspforte fiel.
Da stand ihre kleine Pflanze, unversehrt mit einer kleinen Karte und bewegte sich zu ihrem Erstaunen, wie Frank es ihr beschrieben hatte. Verwundert trat Narzissa an den Tisch heran und berührte die grünen Blätter, die unter ihren Fingern erschauderten.
„Meine Güte." flüsterte sie und musste Lächeln, obwohl sie sich wahrhaft elend fühlte. Die Karte war nur ein kleiner Streifen Pappe, doch für sie war es in dem Moment das wertvollste Stück Papier auf der Welt.
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„Ich weiß nicht, ob mir der Zauber geglückt ist,
aber er hat dann funktioniert, wenn du jetzt lächelst."
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Erstaunt drehte Narzissa die Pappe erwartungsvoll um, doch kein Hinweis befand sich unter diesen netten Zeilen. Das konnte gar nicht von Lucius sein, überlegte sie. Viel wahrscheinlicher war es, dass Frank ihren Streit gehört hatte und die Scherben gesehen hatte, nachdem er die Bibliothek verlassen hatte.
Ängstlich sah Narzissa sich um, als ob Lucius gleich wieder auftauchen und ihr das kleine Ding erneut wegnehmen würde und nahm es vorsichtig von dem Tisch hinunter.
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„Sie haben noch drei Minuten."
Hecktisch kritzelte Narzissa die letzte Antwort auf ihr Pergament. Ihre furchtbar kleine Minischrift zierte nun bereits das dritte Pergament und sie hoffte, alle Antworten korrekt wiedergegeben zu haben. Zaubertränke war einfach ein verflucht schweres Fach und immer wieder vielen ihr ein paar Dinge ein, die sie noch ergänzen konnte.
Zwei Tische links von ihr mühte sich Celeste an ihrem letzten Absatz und rieb sich sorgenvoll das Gesicht. Celeste war schon immer schlechter als sie in Zaubertränke gewesen.
Die letzten Sandkörner rieselten durch das große Stundenglas, man munkelte ein Erbstück von Salazar Slytherin selbst, denn seine Schlangen zierten das staubige Glas.
Direkt vor ihr saß Lucius Malfoy und schien mit seinem Aufsatz bereits fertig zu sein, er hatte seine Feder zur Seite gelegt und streckte sich.
Der kleine, untersetzte Prüfer sah den letzten Sandkörnern beim fallen zu, dann rief er: „Federn weg, die Zeit ist um." Er schwenkte seinen Zauberstab und raschelnd flogen die Pergamente auf sein Pult. „Ich hoffe es ist ihnen allen wohl ergangen. Sie können nun ihre Freizeit genießen."
Scharrend wurden die Stühle zurück geschoben und die Schüler strömten hinaus ins Sonnenlicht.
Narzissa sah einige bedrückte Mienen; Unter ihnen auch Celeste, sodass sie hinüber eilte und sich am Arm ihrer Freundin einhakte. „Wie ist es dir ergangen?"
„Ganz furchtbar. Ich habe den Sud der lebenden Toten mit dem Animationstrank vertauscht und die Zutaten für Interruptia falsch aufgeschrieben."
„Das ist bestimmt nicht schlimm." versuchte Narzissa ihre Freundin zu trösten und wollte gerade den Weg zum Gemeinschaftsraum einschlagen, als jemand sie am Arm festhielt.
Als sie sich umdrehte, blickte sie in Lucius Malfoys kaltes Gesicht. „Komm mit." sagte er schlicht.
Narzissa ließ geradewegs den Arm von Celeste los und folgte Lucius, obwohl sie sich geschworen hatte es nie wieder zu tun.
Lucius stieß wahllos eine der Türen zu den Klassenzimmern auf, einer der Verwandlungsräume der nun leer stand, und zog sie hinein.
„So. Ich denke hier sind wir ungestört." Er zog ein Päckchen aus seiner Tasche und warf es ihr vor die Füße.
Fragend hob Narzissa es auf. „Was ist das?"
„Ich habe mir sagen lassen, dass du solchen Schnickschnack magst. Ich hätte wohl nicht so grob zu dir sein sollen."
Auf eine Entschuldigung wartete Narzissa vergebens, doch sie wickelte das bräunliche Papier vorsichtig auseinander.
Eine kleine Schneekugel kam zum Vorschein, worin eine einzelne Blume auf und ab schwebte. Immer wieder blühte die kleine Pflanze auf und verwelkte augenblicklich wieder. Feiner Schnee wirbelte in der Kugel umher, obwohl Narzissa sie nicht geschüttelt hatte.
„Woher..." Doch Narzissa hatte es die Sprache verschlagen. Das war so ziemlich das Letzte, womit sie gerechnet hatte und sie starrte immer noch die Blume an, die vor ihren Augen starb und wieder auflebte.
Lucius sah an ihr vorbei. Das schien wohl seine reichlich seltsame Art zu sein, um sich zu entschuldigen und das brachte Narzissa zum Schmunzeln.
„Das ist sehr nett von dir, Lucius." lachte sie leise. „Aber reichlich spät, findest du nicht?" Sie konnte es einfach nicht lassen, ihn noch ein wenig zu reizen. Zu selten ging sie aus ihren Streitereien als Siegerin hervor. Diesen Moment musste sie auskosten.
„Übertreib es nicht." grollte er. „Es muss genügen. Was machst du in den Ferien?"
„Ich werde zu meiner Mutter nach Bedford Hall gehen." antwortete sie wahrheitsgemäß und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen, als sie das ausgesprochen hatte. Das Letzte, was sie wollte, war, dass er sie in den Ferien auch noch heimsuchte.
„Vielleicht treffen wir uns dort." sagte er unbeteiligt.
„Meine Mutter ist ziemlich streng." versuchte sie es, doch die Wahrheit war, dass Astraea Black vermutlich den roten Teppich ausrollen würde, um den edlen Spross von Abraxas Malfoy zu empfangen. Denn reinblütiger ging es kaum noch.
„Und wenn schon." wischte er ihren letzten Satz achtlos beiseite.
Erstaunlich sanft griff er nach ihrer Hand und küsste sie. „Bis bald, Narzissa."
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Es regnete seit drei Tagen in Strömen. Missmutig betrachtete Narzissa den riesigen Park von Bedford Hall und ihr Fensterbrett, worauf die kleine Schneekugel und die sich immer noch regende Pflanze standen. Unglaublich, dass Frank diesen schwierigen Zauber gemeistert hatte. Und das nur, um ihr eine Freude zu machen.
In Bellatrix Zimmer nebenan ertönte furchtbare Musik und nur zu gerne hätte Narzissa ihr den Strom abgestellt. Bella hatte einen eigenartigen Geschmack und nahm keine Rücksicht auf sie und Andromeda. So mussten sie beide diese unsagbar nervige Musik hören, auch wenn Narzissa sich deswegen nie mit Andromeda verbündet hätte. Denn Andromeda verstand sie noch viel weniger als Bella.
