Aurelian hatte nicht viel Zeit, der kleine Potter war bestimmt schon auf dem Weg hierher. Potter würde ganz sicher kommen. Er war der Gute, der Held. Er würde seine kleine Freundin nicht im Stich lassen, die gerade ihr Leben riskiert hatte, um seines zu retten.

Dafür war er zu anständig.

Deshalb musste Aurelian sich jetzt beeilen.

Sie lag immer noch auf dem Boden. Er war nur kurz mit seinem Vater, seinem Bruder und Flint appariert und als die drei sicher waren, war er zurückgekommen. Das Ganze hatte nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch genommen, aber trotzdem sah Max schon sehr schlecht aus.

Ihre Augen waren geschlossen und das Atmen fiel ihr schwer, das konnte er sehen. Ihre Haut war fast so grau wie Asche und im ersten Moment widerte es ihn sogar regelrecht an.

Hey! Hey, schau mich an! Du musst noch einen Moment wach bleiben, hörst du?" Er kniete sich neben ihren vollkommen erschöpften Körper und schüttelte sie an der Schulter, bis sie tatsächlich die Augen öffnete.

Sie sah ihn einen Moment lang ausdruckslos an und drehte den Kopf dann weg. Ich bin schon am Ende, ich kann nicht mehr. Ich bin schon so gut wie tot, siehst du das nicht? Also lass mich in Ruhe!

Er wusste, dass sie das dache. Er wusste, dass es stimmte.

Max?" Es fühlte sich komisch an, sie beim Namen zu nennen. Ihr einen Namen zuzugestehen und ihr damit eine Art Identität zu geben. „Was du da gerade getan hast... Das war zu viel, du wirst sterben."

Ich weiß", erwiderte sie trotzig. „Ich hab doch gesagt, dass ich keine Angst habe. Auch nicht vor dem Tod."

Dummes Kind!", fuhr er sie an. „Weißt du, was du da gerade getan hast? Er... Unser Vater, der hätte dich umbringen können und hat es nicht getan."

Ich sterbe hier gerade. Ich würde mal sagen, um so viel hab ich mein Leben auch nicht verlängert."

Dann tu ich das jetzt für dich." Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände.

Warum?"

Weiß ich nicht. Du wirst jetzt gleich sehr müde und sehr lange schlafen. Aber das muss sein. Also hab keine Angst. Cantate virtus." Er hauchte den Zauber in ihr Ohr und hoffte, dass er sie wirklich retten würde. Er wollte kein Mörder sein.


„Aurelian! Aurelian, wach auf!"

Er fuhr unwillkürlich auf und stieß einen Schrei aus, für den er sich im nächsten Moment schämte. Hastig drehte er den Kopf nach links und rechts und erblickte Laetitia, die neben ihm auf der Bettkante saß und ihn mit einem besorgten Blick bedachte.

„Alles in Ordnung?" Um ihn zu wecken, hatte sie ihre Hand auf seine Schulter gelegt, aber er nahm die sanfte Berührung erst jetzt wahr. Mit zittrigen Fingern griff er nach ihrem Arm und umklammerte ihn vorsichtig, als hätte er Angst davor, sie zu zerbrechen.

„Alles in Ordnung", erwiderte er – einen Moment zu spät jedoch, so dass sie merkte, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist passiert?" Sie fuhr ihm mit der anderen Hand über die Wage und die Stirn und ähnelte mit dieser Geste einer besorgten Mutter, die ihr Kind beruhigen wollte. Zumindest hatte er sich so immer eine liebevolle Mutter vorgestellt – selbst erleben konnte er es ja nie.

In diesem Moment sah er keinen Grund mehr, es ihr zu verschweigen. Im Gegenteil, er wollte es ihr auf einmal so dringend sagen, dass er gar nicht verstehen konnte, wie er es ihr je hatte verschweigen können. „Cantate virtus."

„Wie?" Sie sah ihn verblüfft an. Anscheinend hatte sie keine Ahnung, was der Spruch bedeutete – wie so viele.

Aber er war anders, er war immer anders gewesen. Mächtige Zaubersprüche beschwor er mühelos herauf – Macht, für die andere ein halbes Leben lang üben mussten. Natürlich hatte die Gabe aber auch seinen Preis.

„Was ist cantate virtus?", fragte sie vorsichtig.

Er atmete noch einmal tief ein und aus, bevor er zu einer Erklärung ansetzte. „Du hast doch bestimmt schon einmal vom Kuss des Dementoren gehört. Man sagt, dass dieser Kuss einem Menschen die Seele aussaugen kann, aber so ganz stimmt diese Vorstellung nicht. Wenn ein Dementor einen Menschen küsst, dann raubt er ihm nicht direkt die Seele, sondern sie löst sie lediglich aus dem Körper. Man könnte sogar sagen, er setzt sie frei. So angenehm sieht es für uns nur nicht aus, weil der Körper dann natürlich anfängt, nutzlos vor sich hin zu vegetieren."

„Und was passiert mit so einer frei gesetzten Seele?"

„Das weiß niemand genau. Es ist auch alles eher eine Theorie. Ein paar große Zauberer haben sich lange damit beschäftigt – über Jahrhunderte hinweg. Und sie sind zu verschiedenen Ansichten gekommen. Niemand konnte etwas beweisen, aber ein paar waren sich darin einig, dass die Seele in eine Art Zwischenwelt gerät. Eine Welt, die auch manche Tote nach Belieben betreten können. Es ist sehr verwirrend und natürlich alles eher erdichtet als wirklich fundiert. Aber..."

„Aber..."

„Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte es durch meine Okklumentik schaffen, meine Seele ebenfalls an diesen Ort zu bringen. Als Kind hatte ich Träume – die waren anders als normale Träume. Es fühlte sich zu real an, zu wirklich. Zu bewusst, verstehst du? In Träumen hat man kein richtiges Bewusstsein, kann seine Handlungen nicht so klar überdenken wie in einem wachen Zustand. Aber in diesen angeblichen Träumen konnte ich das."

„Ich verstehe, was du meinst. Und was hat es mit diesem Zauber auf sich?"

Cantate virtus, davon hat mir ein Professor in Drumstrang mal erzählt. Er hat eine ähnliche Wirkung wie der Kuss des Dementoren: Er löst angeblich die Seele aus dem Körper, woraufhin der Körper in einer Art Erholungszustand versetzt wird. Ein Zauberer hat vor zweihundert Jahren versucht, auf diese Weise schwierige Erkrankungen zu heilen: Die Seele wird praktisch konserviert, so dass sie keinen Schaden nimmt und nicht stirbt, während der Körper sich unter Qualen erholen muss."

„Funktioniert das wirklich?"

„Es wurde nie von einem Fall berichtet, in dem er wirklich etwas genützt hat. Ich habe nur zwei Aufzeichnungen gefunden und beide Male ist der Mensch, gegen den der Zauber gesprochen wurde, in einen tiefen Schlaf gefallen und kurze Zeit später hat sein Herz einfach aufgehört zu schlagen."

Sie drehte ihren Kopf weg und sah zum Fenster. Die Vorhänge waren zugezogen, also wusste er nicht, ob es schon Morgen war. Langsam zog sie ihre Hände zurück, so dass sie sich nicht mehr berührten und fragte, immer noch mit abgewandtem Gesicht: „Du hast es selbst ausprobiert, oder? Nein, warte: Du hast deinen Bruder gebeten, es an dir auszuprobieren oder umgekehrt, weil euch solche Dinge neugierig machen. Es fasziniert euch so, dass euch euer Leben daneben bedeutungslos vorkommt und..."

Bevor sie zu Ende sprechen konnte, entfuhr ihm ein herzhaftes Lachen. Dafür erntete er einen missbilligenden Blick, aber zumindest sah sie ihn wieder an.

„Denkst du wirklich so schlecht von uns? Ich gebe ja zu, dass Oktavian und ich manchmal ein bisschen zu weit gehen, aber so etwas würde keiner von uns je wagen! Nein, wir haben diesen Spruch nie aneinander ausprobiert. Hältst du mich wirklich für so verrückt, mein Liebling?" Er fuhr ihr durch die langen, seidigen Haare, die er so gerne zwischen seinen Fingern hielt und lächelte sie spitzbübisch an.

„Na schön, ihr habt in eurem Größenwahn also nicht versucht, in irgendeine kuriose Zwischenwelt zu gelangen. Aber irgendetwas war da, sonst würde er dich nicht bis in deine Träume verfolgen. Und nun versucht nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen, Aurelian Snape! Ich habe mich vielleicht mit meiner ersten Vermutung geirrt, aber ich kenne dich doch besser, als du glaubst!" Sie zog ihre Stirn in Falten und ihre Augen verrieten ihm, dass sie keine Ausflüchte akzeptieren würde.

Das hatte er auch nicht vor. Er wollte es ihr sagen, jetzt noch mehr als zuvor. „Ich habe ihn einmal benutzt."

„Und? An wem? Ist diese Person... Ist sie...?"

„Nein, sie ist nicht tot. Es war... Es war meine... Ich wollte Max damit helfen. Ich hab dir doch erzählt, wie mein Vater sie nicht töten konnte und sie dann den Patronus heraufbeschworen hat, der den Horcrux zerstörte. Danach sind wir disappariert – mein Vater, Oktavian, Flint und ich. Oktavian und ich fanden es besser, uns vorerst zu trennen, um so schneller herausfinden zu können, wie die Lage sich entwickeln würde. Als mein Bruder weg war, bin ich zurück zum Riddle-Anwesen.

Ich war keine zehn Minuten weg, aber sie sah schon sehr schlecht aus. Sie hat... Diese geballte Energie! Sie hat nicht nur meinen Vater davon abgehalten, sie zu töten, sie hat die Macht des Lords gebrochen! Einfach so, ohne alles, ohne Zauberstab, alleine durch ihren Willen.

Aber das hatte auch seinen Preis. Sie sah, wie gesagt, schon sehr schlecht aus. Es hatte sie zuviel Kraft gekostet und ich musste sie nur kurz ansehen, um zu erkennen, dass sie sterben würde."

„Und du dachtest, du könntest sie retten, indem du ihre Seele so lange von ihrem Körper löst, bis er sich wieder erholt hat."

„Genau. Die Menschen, von denen ich gelesen habe, starben wenige Tage nach Anwendung des Zaubers. Aber Max befindet sich schon sehr lange in diesem Zustand... Wie in einem Schlaf. Allerdings wird sie immer schwächer. Es scheint so, als hätte ich den Tod damit nur hinausgezögert."

„Weiß Oktavian, dass du das getan hast?"

„Nein. Er würde es nicht verstehen."

„Was verstehen?"

„Er will es nicht verstehen. Das, was meinen Vater davon abgehalten hat, Max zu töten.. Ich hab es gespürt. Das war etwas... Ich kann es nicht beschreiben. Aber ich wollte nicht, dass sie stirbt, weil ich dachte... Weil ich denke, dass ich es sonst nie verstehen werde. Dass nur sie es mir erklären kann."

„Es hat etwas mit Okklumentik zu tun."

„Natürlich. Es hat alles damit zu tun. Das ist die eine Sache, die Menschen wie mich und meine Familie unterscheidet: Okklumentik verleiht uns Macht. Wir können damit Magie beherrschen – und zwar ganz einfach. Magie, für die andere Menschen sehr viel Zeit und Geduld brauchen, um sie zu benutzen. Was anderen schwer fällt, ist für uns natürlich.

Aber auf der anderen Seite ist es schwer für uns zu fühlen. Wir können in das Bewusstsein anderer eindringen – ihre Ängste und Erinnerungen einsehen, als wäre es ein Buch. Aber selbst Gefühle zu haben ist für uns schwer. Was für andere so selbstverständlich ist, ist gegen unsere Natur."

„Glaubst du das wirklich? Glaubst du wirklich, dass es so widernatürlich ist, wenn du fühlst?" Sie schüttelte den Kopf. „Wenn du mich fragst, dann bist du sogar sehr sensibel und anhänglich. Sehr gefühlvoll. So kommst du mir zumindest vor. Und dafür liebe ich dich auch." Auf diese Liebeserklärung folgte kein Kuss – wie sonst immer. Damit schienen die Worte noch viel mehr Bedeutung zu bekommen.

Er schüttelte den Kopf. „Wir sind von Natur aus Einzelgänger. Meine Geschwister und ich haben das ebenso erfahren wie mein Vater früher."

„Das denke ich nicht. Du und dein Bruder, ihr haltet zusammen wie niemand sonst, den ich kenne.

Versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber vielleicht... Vielleicht glaubst du das nur, weil dein Vater es dir so eingeredet hat. Er war einsam, aber nicht, weil er diese... diese Begabung hat. Aber weil es eben das war, was ihn am meisten von anderen unterschied, hat er es darauf zurückgeführt und euch so erzählt und ihr habt daran geglaubt und euch ebenso zu Eigen gemacht. Wie Kinder das mit dem tun, was ihre Eltern ihnen vermitteln." Sie stand auf, ging zum Fenster und öffnete die Vorhänge. Sonnenstrahlen schossen geradezu in den abgedunkelten Raum und tauchten Laetitia in ein gleißendes Licht.

„Ich liebe dich. Ob es nun so ungewöhnlich ist oder nicht, aber das tue ich. Ich liebe dich und zwar mehr als mein eigenes Leben", flüsterte er.

„Ich gehe heute meinen Großvater besuchen. Ich möchte mit ihm reden und dann... Dann würde ich dich ihm gerne vorstellen. Bist du einverstanden?"

„Natürlich."

„Gut. Er... Er ist ein sehr weiser Mann. Er weiß eine Menge."


Es reicht weiterzumachen, Harry.

„Wie meinst du das, Max?"

Es ist genug, wenn du einfach weitermachst. Der Rest kommt ganz von selbst, du wirst sehen.

„Max? Warum sagst du mir das?"

Weil...

„Harry! Harry, wach auf!"

„Was?" Er fühlte sich, als wäre er gegen eine Wand gelaufen – aber es war nur Hermine, die ihn an der Schulter geschüttelt hatte.

Sie hatte sich über ihn gebeugt und beäugte ihn nun besorgt, sagte aber nichts, wofür Harry ihr sehr dankbar war

Er war an Max' Bett eingeschlafen und hatte im Schlaf nach ihrer Hand gegriffen. Etwas befremdlich sah er nun, wie er sie immer noch umklammert hielt. Diese schmale, bleiche Hand... Wider alle Hoffnungen drückte er sich kurz, aber natürlich reagierte sie nicht.

„Ihr werdet mich bald einweisen lassen, oder?", fragte er trocken, ohne Hermine anzusehen.

Anstatt zu antworten, seufzte sie zuerst nur. „Nein, Harry. Aber... Wir machen uns nur alle Sorgen um dich. Das ist ja nicht das erste Mal, dass ich dich hier so finde."

„Ich weiß. Aber... Es ist seltsam. Wenn ich hier bin, dann fühle ich mich ihr manchmal ganz nah. Dann werden Erinnerungen in mir wach. Es ist so, als würde ich es noch einmal erleben, sie wieder sehen und hören und..."

„Harry, du hast gerade im Schlaf mit ihr gesprochen!" Hermines Stimme zitterte.

„Und sie hat geantwortet. Ich... Es war so, als sei sie hier und hätte sich mit mir unterhalten."

„Harry, das ist unmöglich. Du bildest dir das nur ein und das macht doch alles nur viel schlimmer!"

„Woher willst du das wissen? Nein, du kannst das gar nicht mit Sicherheit sagen. Niemand von uns weiß, was mit Max ist... oder wo sie ist. Vielleicht..."

„Harry, wir wissen wo Max ist: Sie liegt da, direkt vor uns. Das tut sie schon seit Jahren und es hat sich nichts verändert. Sie wird nur immer schwächer! Ich kenne Max, sie war meine beste Freundin. Und weißt du, was ich denke? Max war eine Kämpferin und was auch immer da mit ihr passiert ist, sie hätte sie mit aller Macht gewehrt und wäre wieder aufgewacht, wenn es möglich gewesen wäre. Wenn es auch nur irgendeine Chance gegeben hätte, hätte sie die genutzt und es auch geschafft! Wenn..."

„Nein", meinte er leise, aber mir entschiedener Stimme, „es ist noch nicht vorbei, Hermine. Nicht solange sie noch atmet."


„Na, raus mit der Sprache! Sag schon, was du wissen willst!", meinte Potter recht ungeduldig ohne Alecto anzusehen.

„Wer sagt, dass ich überhaupt was wissen will?", murmelte der Teenager gleichgültig. „Ich bin nur hier, weil mir langweilig war." Sie zuckte mit den Schultern und blätterte weiter in ihrer Zeitschrift. Dass die im Krankenhaus auch nie die neusten Ausgaben der Magazine hatten... Das war grausam! Sie wollte hier nie Patient sein!

Tatsächlich war sie nur hier, weil ihre Tante Narzissa sie sonst irgendwie in die Hochzeitsvorbereitungen dieses Schlammbluts mit einbezogen hätte. Als würde sie, ein Spross der ältesten Reinblüterfamilie Englands, bei dieser Blutverunreinigung helfen!

Aber außer dem Malfoy-Anwesen war Max' Krankenzimmer unpassender Weise der einzige Aufenthaltsort, den ihre Tante ihr gestattete, so hatte sie in den sauren Apfel gebissen, wie man das eben tut, um dem größeren von zwei Übeln zu entkommen und war hier. Auch wenn sie sich langsam wieder überlegte, nach Hause zu gehen, denn dieser leblose Körper, diese wächserne, halbtote Gesicht... Irgendetwas daran bereitete ihr Unbehagen.

„Wenn du dir hier nur die Zeit vertreiben willst, dann verschwinde!", raunte Potter sie an.

Alecto zuckte unwillkürlich zusammen. So hatte sie ihn noch nie sprechen gehört – so übellaunig, so kaltschnäuzig. Irgendeine Laus ist ihm über die Leber gelaufen, dachte sie und sie wusste auch, worum es sich handelte: Er verlor die Hoffnung.

„Eine Frage hätte ich da", begann sie schließlich vorsichtig.

„Und die wäre?", hakte er nach, auch wenn er nicht danach klang, als hätte er große Lust, ihr diese Frage auch wirklich zu beantworten.

„Warum liebst du sie?"

Das geht dich nichts an, wollte er eigentlich sagen, sie sah es ihm an, dass ihm diese Worte auf der Zunge lagen. Aber dann änderte er seine Meinung. Warum liebte er sie? Warum? Warum sie?

Plötzlich lachte er auf und schüttelte den Kopf, so als könne er nicht glauben, dass sie ihn das wirklich gefragt hatte. „Du bist eben wirklich noch ein Kind!"

„Das bin ich nicht. Und Liebe hat logische Gründe. Hat sie mal irgendwas Tolles getan oder schuldet sie dir was oder so?" Natürlich hat sie was Tolles getan, dachte sie dann bei sich, sie hat den Horcrux zerstört.

„Sie ist einfach Max", antwortete Harry und zuckte mit den Schultern. „Sie hat mir zugehört, wenn ich mich einsam gefühlt hab, sie hat den Mund gehalten, wenn mir die Worte aller anderen zu viel waren. Und lange Zeit hab ich nicht mal gemerkt, dass ich sie liebe. Ehrlich, aber ich schwöre, sie wusste es auch nicht! Irgendwie haben wir uns verstanden. Sie ist der einzige Mensch von dem ich weiß – von dem mir mein Herz sagt -, dass ich mir ihr niemals einsam sein werde. Das kann man anders nicht erklären."

„Wie schnulzig!" Alecto verdrehte die Augen und wandte sich wieder ihrer Lektüre zu.

„Ich wünsch mir für dich, dass du das irgendwann mal nicht nur schnulzig finden wirst – und vor allem, dass du selbst erlebst, was ich meine. Ganz ehrlich, das hoffe ich für dich von ganzem Herzen, Alecto."

„Du kannst aufhören, dich bei mir einschmeicheln zu wollen – das haben schon ganz andere probiert. Außerdem bringt das nichts, selbst wenn ich darauf reinfallen würde. Ich kann dir bei deinem Problem auch nicht weiterhelfen."

„Wenn du das so siehst, dann wünsch ich dir erstmal, dass du lernst, den Menschen zu vertrauen." Er seufzte hörbar.

„Ja, ich bin furchtbar misstrauisch. Ein garstiger Mensch. Alles schon mal gehört."

Bei diesem letzten Satz brach er in schallendes Gelächter aus.

„Was denn?" Sie verdrehte noch einmal die Augen und warf die Zeitschrift nach ihm – ein Akt der Verzweiflung.

„Du klingst sogar fast wie Max!"

„Idiot!" Damit stand sie auf und war endgültig entschlossen, sich einen anderen Zeitvertreib zu suchen. Das war ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit! Sie mit diesem Mischblut zu vergleichen. Mad-Eye Moody war bekanntermaßen ein Schlammblüter, der eine Muggelfrau geheiratet hatte! Und mit der Enkelin von so etwas verglichen zu werden, war „vollkommen inakzeptabel", wie Alectos Mutter es wohl ausgedrückt hätte.

Gerade wollte sie draußen im Flur via Flohpulver nach Hause, da hatte Potter sie eingeholt und hielt sie am Arm zurück. Er sah ihr ernst in die Augen – wie man einem Erwachsenen in die Augen sieht, mit dem man wichtige Angelegenheiten besprechen muss und dessen Rat man braucht und schätzt.

„Was ist denn noch?", fragte Alecto zuckersüß, da sie bereits ahnte, dass sie ihn gleich in der Hand haben würde.

„Manchmal, da schlafe ich neben ihr ein. Dann höre ich sie – ich höre ihre Stimme, sie spricht zu mir und hört, wenn ich antworte. Dann spüre ich, dass sie da ist. Ich bin mir sicher, dass das nicht nur ein Traum ist, dass ich mir das nicht nur einbilde.

Das ist vielleicht der Schlüssel. Die einzige Möglichkeit, die ich habe. Aber dazu brauche ich jemanden, der mir hilft. Jemand mit deinen Fähigkeiten, Alecto."

Sie riss sich ruckartig los und beäugte ihn mit zu Schlitzen verengten Augen. „Frag doch meinen Vater, den Überläufer! Warum sollte ich dir helfen?"

„Sie ist deine Schwester!"

„Ist sie nicht!"

„Wenn es umgekehrt wäre und sie dir helfen müsste, obwohl sie dich nicht kennt, dann würde sie's tun."

„Na und? Das ist ihr Problem!

Du hast vorhin gelogen! Du liebst sie, weil sie als erste gesehen hat, was du bist, Potter: Ein kleiner, verwaister Junge ohne Eltern, der einfach nur bedingungslos geliebt werden will. Ein kleines, verängstigtes Kind, das innerlich geradezu erbärmlich nach Zuwendung schreit, aber das nach außen hin nicht zu zeigen wagt.

Das ist es! Du liebst sie nicht, weil sie Max ist! Du liebst sie, weil sie dich liebt und als einzige sehen konnte, wer du bist! Wenn du einen anderen Menschen finden könntest, der das auch erkennt und dich deswegen nicht verachtet, wie ich es tue, dann würdest du sie in Sekundenschnelle vergessen, darauf wette ich!"

„Das stimmt nicht! Das willst du vielleicht glauben, weil es in dein Weltbild passt, weil es traurigerweise das einzige ist, was du je kennen gelernt hast. Und wenn du jetzt einsehen würdest, weshalb ich sie wirklich liebe, dann würde deine ganze Welt zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Aber genau das sollte passieren! Damit du endlich anfangen kannst, alles wieder aufzubauen ohne Hass und Verachtung für andere."

„Du bist ja wirklich so naiv!", rief sie verwundert, aber ohne Zorn aus.