Kapitel 6

Draco hatte sich den Abend über wider Erwarten amüsiert; Kyle hatte auf wirklich unterhaltsame Weise kleine Anekdoten aus seinem Leben und der Arbeit erzählt. Da Draco dabei immer versuchte, sein Lachen zu unterdrücken, fühlte sich sein Gesicht nun ganz komisch an. Spätestens jetzt war ihm aber bewusst, dass der erste Eindruck, den er von Kyle hatte, diesem nicht gerecht wurde und er ihn revidieren musste. Er war ein offener, sympathischer Mensch, dieser Freund von Potter und obwohl er genau das war – also, Potters Freund – konnte er Kyle eigentlich gut leiden. Das hieß natürlich nicht, dass er bei dieser trauten, geselligen Runde mitmischen würde. Merlin bewahre. Aber wenigstens war dieser Kyle nicht mehr eine unbekannte, bedrohliche Größe, sondern trotz seines Unterhaltungswertes nur noch ein Störfaktor. Wie ein nervtötendes Summen, dass die ganze Zeit da war und das sich nicht abstellen ließ und mit dem er sich abfinden musste. Das fand er schade, denn unter anderen Umständen hätten sie sich wirklich anfreunden können, aber so wäre es einfach stressfreier, wenn er sich nur mit Potter rumschlagen müsste.

„Auf jeden Fall war es so dämlich, dass ich mich wie vor den Kopf gestoßen fühlte", endete Kyle.

„Ich wüsste gar nicht, was ich an deiner Stelle getan hätte. Wahrscheinlich hätte ich nur dumm geguckt", lachte Harry und hielt sich den Bauch.

Kyle griff zu seinem Glas, um einen Schluck daraus zu nehmen und sein Blick fiel dabei auf Draco. „Ist etwas? Du guckst so komisch. Oder hab ich es schlecht erzählt?"

„Nein, nein", antwortete Harry für ihn, immer noch halb lachend. „Wahrscheinlich findet Malfoy einfach nur, dass es nicht sein Niveau ist." Er seufzte tief, um sich zu beruhigen. „Ah, da fällt mir ein, Kyle, du wolltest mir doch etwas in der Winkelgasse zeigen. Hast du was dagegen, wenn Malfoy mitkommt? Dann könnten wir auch gleich dort zu Mittag essen", schlug Potter vor.

Argh, Potter wollte mit Kyle und ihm in der Öffentlichkeit Essen gehen? Wieso luden sie nicht gleich den Tagespropheten zum Interview ein? 'Ganz ruhig, Draco', beruhigte er sich selbst. Der kleine Ausflug zum St. Mungos war schließlich auch nicht rießengroß aufgeblasen worden. Ein paar merkwürdige Blicke, aber kein Spießrutenlauf. Vielleicht würde es in der Winkelgasse auch besser ablaufen als er sich jetzt schon schwarzmalte.

„Kein Problem, aber", erneut schielte Kyle zu Draco, „findest du es nicht unhöflich, ihn die ganze Zeit mit seinem Nachnamen anzureden? Er macht auf mich den Eindruck, als würde er Wert auf Etikette legen."

„Auf was? Preisschilder?", fragte Harry verwirrt.

Draco unterdrückte den Drang, mit den Augen zu rollen. „Gewohnheit", antwortete er, „ich nenne ihn auch Potter." 'Und Brillenschlange, Rattennest, Narbengesicht... Die Liste ist endlos', fügte er in Gedanken hinzu. Aber er würde sich hüten, das Kyle ins Gesicht zu sagen. Er hatte keine Lust, dass dieser Partei für Potter ergriff, nichts anderes erwartete er, und ihn so gegen sich aufhetzte.

„Ach, unser lieber, treudoofer Harry", lachte nun Kyle.

„Hey!", warf Harry ein, blickte aber immer noch verwirrt zwischen Kyle und Draco hin und her. Dann verzog er das Gesicht. „Ihr seid euch ganz schön ähnlich. Das gefällt mir nicht."

Draco schnaubte. Bis auf die blonden Haare und dass sie beide Zauberer waren, sah Draco keine weiteren Ähnlichkeiten. Und daran konnte man das nun wirklich nicht festmachen. Kyle war ganz anders als er, überhaupt nicht wie er. Potter hatte nur dringend eine Auffrischung in Allgemeinkunde nötig.

Als ob der ehemalige Gryffindor gleich nochmal beweisen wollte, dass es nicht sehr weit her war mit seinen Manieren, gähnte er laut und ohne vorgehaltene Hand.
„Ich glaube, ich mach' mich mal. Hab' dem Nachbarskind versprochen, morgen früh einen Schneemann mit ihm zu bauen und wenn ich nicht bald ins Bett komme, wach' ich morgen nicht rechtzeitig auf oder schlafe einfach im Schnee wieder ein. Lasst euch von mir aber nicht stören, ihr könnt ja noch wach bleiben."

Mit einem Blick aus dem Fenster konnte Draco den Schnee unter einer Straßenlaterne entdecken. Es hatte den ganzen Tag geschneit und es war kühler als am Watt, sodass es liegen blieb. Vermutlich befand sich Potters Haus etwas weiter im Norden.

~D~H~

Als Draco am nächsten Morgen ausgeschlafen in der Küche stand und frühstückte, sah er durch das Fenster Potter draußen in einem benachbarten verschneiten Vorgarten mit einem Jungen im Grundschulalter. Der vermeintlich erwachsene von beiden trug wieder die Jacke und Mütze vom Vortag und der Junge war ähnlich gekleidet. Da das Kind mit dem Gesicht zu Draco stand, konnte er sehen, dass es lachte und offensichtlich viel Spaß hatte. Die zwei kleinen Schneemänner neben ihm ließen darauf schließen, dass sie schon seit einiger Zeit draußen sein mussten. Draco nahm einen weiteren Schluck Kaffee, während er Potter und den Jungen weiter beobachtete, als Potter sich auf einmal umdrehte und zum Haus blickte. Dann entdeckte er Malfoy und winkte ihn zu sich. Anscheinend hatte der kleine Junge ihn gesehen und Potter darauf aufmerksam gemacht. Draco seufzte. Jetzt würde er wohl auch raus in den kalten und nassen Schnee gehen müssen. Aber wieso sollte er das eigentlich? Leider warf Potter mittlerweile mahnende Blicke zum Haus und auch das Kind schien gar nicht den Kopf abwenden zu können, weshalb er noch einmal seufzte. Merlin, er würde bei diesem Aufenthalt hier noch vollkommen verweichlichen. Mit einem großen Schluck trank er aus und zog sich an.

„Hallo", sagte der Junge, als Draco bei ihnen ankam.

„Hallo", sagte Draco.

„Das ist Rick. Und das ist Ma-Draco", stellte Potter die beiden einander vor.

„'Madraco'? Wieso hat dein Freund so einen komischen Namen?", fragte Rick.

„Nein, ich heiße Draco. Potter hatte sich versprochen", stellte Draco klar. Er hatte keinen komischen Namen und schon gar nicht war er Potters Freund.

„Potter?"

„Ich heiße mit Nachnamen 'Potter'", erklärte Harry.

Rick schien kurz zu überlegen. „Muss ich dich jetzt auch 'Potter' nennen?"

„Nein, du kannst weiter 'Harry' zu mir sagen."

„Und warum muss der dich 'Potter' nennen?" Rick zeigte mit dem Finger auf Draco. Hoffentlich würde ihm seine Mutter das noch mal austreiben, dachte Draco. Und hoffentlich war das nicht Potters Einfluss, sonst wäre Hopfen und Malz verloren.

„Das, äh, muss er nicht."

Rick starrte ihn weiter mit großen blauen Augen an. „Warum tut er es dann?"

„Sieh mal, Rick, wollen wir nicht den Schneemann zu Ende bauen? Deine Mutter holt dich bestimmt bald zum Mittagessen", meinte Harry mit einem Blick auf die Uhr.

'Elegant, Potter, wirklich elegant. Aber wenigstens fällt einem Kind dieser plumpe Themenwechsel nicht auf.'

„Okay", sagte Rick und fing an, mit seinen kleinen Händen eine Kugel aus dem Schnee zu formen.

Während Potter nach geeigneten Steinen für den Schneemann suchte, schaute Draco lieber nur zu.

„Fertig!", rief Rick nach kurzer Zeit und hielt Draco die unförmige Kugel hin. Es dauerte einen Moment bis er verstand, dass er ihn auf den Rumpf setzen sollte, den er erst jetzt auf der niedrigen Mauer entdeckte. Widerwillig nahm er die Kugel und setzte sie ab. Potter legte die gesammelten Steine Rick in die Hand.

„Hier. Dann kannst du ihm die Knöpfe und das Gesicht machen."

Draco bemerkte, wie jemand aus dem Haus trat und stehen blieb. Beim näheren Hinsehen erkannte er eine junge Frau, die sich die Kapuze der Jacke über den Kopf gezogen hatte. Sie lächelte Draco an und er quittierte dies mit einem leichten Nicken.

Potter, der Rick hochgehoben hatte, damit er die Steine in das Gesicht des Schneemanns drücken konnte, setzte den kleinen Jungen wieder ab. Die Frau kam näher und begrüßte sie.

„Mama!", rief Rick aufgeregt, „Sieh mal, wir haben drei Schneemänner gebaut!"

„Ja, die sind sehr schön", sagte sie lächelnd und strich ihm über die Mütze. „Wir essen jetzt zu Mittag, Rick. Sag auf Wiedersehen zu Harry und seinem Freund."

Und schon wieder. Wieso dachte die ganze Welt, er wäre mit Potter befreundet? Spätestens jetzt war klar, dass sie eine Muggel war.

„Tschüss, Harry, tschüss, Draco", verabschiedete sich Rick und winkte ihnen, während er an der Hand seiner Mutter zurück in das Haus ging. Potter winkte zurück.

„Komm, lass uns auch gehen. Mir ist kalt und ich hab Hunger", sagte der Dunkelhaarige dann zu Draco und ging zurück zu seinem eigenen Haus.

Da Draco für dieses kalte Wetter selbst etwas zu kalt gekleidet war, folgte er ihm. Als er sich im Haus aus seinem Mantel schälte, hörte er plötzlich unbekannte Stimmen aus dem Wohnzimmer.

„Hast du noch mehr Besuch, Potter?", fragte er.

„Nein, das ist nur der Fernseher", sagte Potter.

„Der was?" Schon im nächsten Moment biss er sich auf die Zunge. Potters Verhalten schien wohl auf ihn abzufärben.

„Erkläre ich dir gleich", sagte Potter und öffnete die Tür zum Wohnzimmer.

„Hey", sagte er.

„Hey", hörte Draco Kyles Stimme.

„Hast du was dagegen, wenn wir doch schon hier essen? Ich komme gleich um vor Hunger und es ist ja auch schon Mittag. Willst du auch was essen?"

„Nein, kein Problem. Ich bin gerade erst aufgestandenen und hab' schon was gegessen."

„Okay", gab Harry zurück und schloss wieder die Tür. Er ging an Draco vorbei in die Küche. „Ich schätze mal, dir wird es ohnehin recht sein, nicht in der Öffentlichkeit mit uns oder vielmehr mit mir zu essen."

Draco war überrascht über so viel Feingefühl, auch wenn Potter sie durch seine ungalante Art wieder zunichtemachte. Als er nicht darauf reagierte, fuhr Potter fort.

„Ein Fernseher ist eine Art magisches Foto. Nur zeigt es nicht nur eine Szene, sondern so viele man will. Man kann verschiedene Kanäle wählen, auf denen verschiedene Sachen gezeigt werden. Nachrichten, Filme, Serien, Dokumentationen und viel mehr."

„Aha", sagte Draco und sah zu, wie Harry den Herd anmachte und den Topf mit Wasser füllte. „Ist dafür auch diese Zeitschrift, die auf dem Tisch liegt?"

„Genau", lächelte Harry. „Am besten, du siehst es dir mal an."

Schweigend standen sie in der Küche und sahen dem Wasser beim Kochen zu.

„Okay", sagte Potter entschlossen und legte den Kochlöffel beiseite.

Draco hob eine Augenbraue und schon begann Potters Entschlossenheit zu bröckeln.

„Ähm, also... Was... Was hältst du davon, wenn wir uns wirklich mit den Vornamen anreden würden?", sagte er dann doch noch und fügte schnell hinzu: „Ich finde es wirklich lästig, jedem erklären zu müssen, warum wir das nicht tun. Und außerdem sind wir aus dem Alter raus, in dem der Nachname noch die höflichste Form der Anrede war. Zumindest die meiste Zeit über", nuschelte er den letzten Satz vor sich hin.

Draco überlegte kurz und dachte an all seine Spitznamen für ihn. Aber selbst wenn er das außer Acht ließ, war 'Potter' einfach der Name, den er mit diesem Menschen in Verbindung brachte.

In diesem Moment kam Kyle rein und schritt auf den Kühlschrank zu. „Na, begraben die Kinder endlich ihr Kriegsbeil? Wird auch Zeit." Er holte sich eine Flasche heraus und trat den Rückweg an. „Lasst euch von mir nicht weiter stören."

Verärgert blickte Draco Kyle hinterher. Er hatte es ihm nahezu unmöglich gemacht, auf die Nachnamen zu bestehen. Ein Blick zu Potter zeigte ihm, dass der sich durch Kyles Worte noch weiter hat verunsichern lassen. Was musste Potter aus einer Fliege auch einen Elefanten machen.

„In Ordnung", stimmte Draco schließlich zu.

Das lenkte Harrys Aufmerksamkeit zurück zu ihm. Er lächelte, um zu zeigen, dass er es mitbekommen hatte und wandte sich wieder dem Kochen zu.