Ich weiß ich bin spät dran, aber jetzt soll es endlich weitergehen. Ein besonderer Dank geht natürlich an meine Review-Writer Aicanaro, midnightcoffee und kateyo. Ihr zeigt mir, dass es sich lohnt am Ball zu bleiben. Aber ich freu mich natürlich auch über all die heimlichen Leser, die ich hinter den 90 Besuchern vermute ;). Hoffe ihr habt weiterhin Spaß mit meiner Geschichte. LG


07. Digits of Fire

Nachdem Kimball erfahren hatte, dass er nicht länger das Telefon überwachen brauchte, da sich seine vermissten Kollegen von allein nicht melden würden, hatte er sich ebenfalls auf den Weg zu Jane´s Haus gemacht. Er wollte anfangen die Nachbarn zu befragen und war froh darüber endlich mehr tun zu können, als verzweifelt auf das graue Telefondisplay zu starren in der unermüdlichen Hoffnung, dass es ein ankommender Anruf erleuchten würde. Er machte sich große Sorgen um die beiden, aber besonders um Wayne. Von allen im Team war er derjenige, den er als seinen direkten Partner ansah. Die Art Partner, den man in seiner Laufbahn als Polizist nur einmal hatte und dessen Verlust man nur schwer überwand. Falls überhaupt. Gott bewahre, dass es soweit kam. Sie arbeiteten jetzt schon so lange zusammen und vor allem in den letzten Jahren war er immer mehr von einem Kollegen zu einem engen Freund geworden. Einem Kumpel. Mit dem man Samstagabend einen trinken gehen und über Frauen sprechen konnte. Wobei Letzteres in Rigsbys Fall früher oder später bei Grace endete. Zugegebenermaßen nervte es ihn an manchen Tagen, aber er konnte es ihm auch nicht verübeln. Es war nun mal nicht so einfach seine Gefühle abzuschalten nur weil es die Vorschriften verlangten. Selbst wenn Grace es irgendwie hinbekommen hatte. Doch sie redeten nicht nur über Angehörige des weiblichen Geschlechts sondern verbrachten oft auch viele Stunden damit an die Substanz gehende Erlebnisse und Eindrücke, die ihr Job mit sich brachte, aufzuarbeiten. Deshalb hatte es ihn schon sehr getroffen, dass Rigsby nun selbst Teil eines solchen Ereignisses geworden war. Cho hoffte inständig, dass ihm die Möglichkeit nicht verwehrt blieb auch dies alsbald mit ihm bei einem kühlen Bier zu besprechen. Natürlich galt das auch für ihre junge Kollegin.

Er fuhr langsam die Straße in der sich Jane´s Haus befand entlang, ließ die flatternden gelben Absperrbänder und blinkenden Einsatzwagen rechts liegen und sah sich stattdessen die umliegenden Häuser genauer an. Knapp hundert Meter weiter auf der gegenüberliegenden Seite bemerkte er ein reiferes Ehepaar auf der Veranda eines ansehnlichen kleinen Vorstadthäuschens. Dort würde er anfangen. Er parkte seinen Dienstwagen vor der Garagenauffahrt, um eventuellen Fluchtversuchen vorzubeugen, und stieg aus. Auf dem Rumpf eines weißen mit goldenen Schnörkeln verzierten Briefkastens konnte er sehen, dass er es mit der Familie Rogers zu tun hatte.

„Sie können da nicht stehen bleiben, ich muss gleich zu meinem Yogakurs", schallte es ihm sogleich von der Dame des Hauses entgegen. Ihre zierliche Figur steckte bereits in einem bequemen türkisfarbenen Trainingsanzug. Ihr Mann, ein stämmiger Kerl mit Dreitagebart, saloppen Jeans und rotem Poloshirt, schaute grimmig auf ihn herab. Cho ignorierte den ihm entgegengebrachten Groll und nahm seine Marke vom Gürtel, um sie den beiden Herrschaften zu zeigen ehe er ihr Grundstück betrat.

„Mein Name ist Kimball Cho. Ich komme vom CBI. Ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen", stellte er sich ordnungsgemäß vor.

„Oh, gut, dass Sie da sind, Officer. Roy und Cheyenne Rogers. Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen.", wandelte sich der Unmut der Ehefrau schlagartig.

„Dann haben sie etwas Ungewöhnliches beobachtet?", war Cho froh den richtigen Riecher gehabt zu haben und schnell an ein paar wichtige Informationen zu kommen. Eilig stieg er die Verandatreppe herauf und reichte den beiden die Hand.

„Wo soll ich da nur anfangen?, äußerte sie theatralisch.

„Erzählen Sie mir einfach was Sie gesehen haben", bat Cho die Frau leicht ungeduldig.

„Gesehen hab ich ihn nicht, aber gehört", erwiderte sie vage.

„Sie haben ihn gehört? Was war das für ein Geräusch?" Chos Spezialgebiet lag im Verhören von Zeugen und Verdächtigen. Menschen mit geschickten Fragen dazu zu bringen ihm die Dinge zu verraten oder zu erzählen, die er hören wollte, machte ihm Spaß. Es lag ihm und er wusste, dass er gut darin war. Aber an Tagen wie diesem nervte es ihn auch, dass die Leute mit denen er sprach sich stets alles aus der Nase ziehen ließen.

„Eine Art Motor", erklärte Mrs. Rogers unschuldig.

„Von einem Auto?"

„Eher von einer Säge."

„Einer Säge?" Cho zog etwas verwirrt die Augenbrauen hoch. Irgendetwas sagte ihm, dass die Frau von etwas völlig anderem sprach, als er angenommen hatte. „Wir reden aber von dem Vorfall in Mr. Jane´s Haus?", vergewisserte er sich deshalb.

„Jane? Nein, ich rede von Stevens. Weswegen sind Sie sonst gekommen?" Ungläubig starrte ihn die Frau mit ihren trüben grünen Katzenaugen an.

„Da vorne steht ein Polizeiaufgebot, was glauben Sie warum ich hier bin?" Kimball deutete auf die handvoll Einsatzwagen hinter ihm, die durch ihre auffälligen Rundumleuchten kaum zu übersehen waren. Er fand es einfach unfassbar, dass sie annahm, er könnte wegen ihnen und ihres offensichtlich unwichtigen Streits mit einem anderen Anwohner hier sein. Und das obwohl keiner die Polizei gerufen hatte.

„Achten Sie nicht auf meine Frau, sie hat nur ihre dämliche Hecke im Kopf. Aber mir ist vor ein paar Stunden ein Mann aufgefallen, den ich hier in der Gegend noch nie gesehen hab. Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen, weil er seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Worüber ich mich noch wunderte, weil es gar nicht mehr regnete, stimmt´s Chey?", mischte sich nun auch Roy Rogers ein.

„Tut mir leid, ich hab niemanden gesehen.", ließ sich seine Frau dazu herab ihr Problem hintenan zu stellen und sich ebenfalls um die dringlicheren Vorkommnisse zu kümmern.

„Weil du mir nie zuhörst. Ständig bist du hinter dem Haus mit Stevens beschäftigt", beschwerte sich Mr. Rogers verärgert

„Stevens." Sie machte ein verächtliches Geräusch. „Mit dem gebe ich mich doch gar nicht ab."

„Könnten wir zurück zu dem Mann kommen? Gab es noch etwas Auffälliges an ihm? Welche Farbe hatte die Jacke?", ging Cho dazwischen. Er hatte keine Zeit für diesen häuslichen Kleinkrieg. Jeder Satz, der sich nicht um Rigsby und Van Pelt drehte, war verlorenen Zeit, die ihm bei der Suche nach den beiden am Ende fehlte.

„Sie war dunkelrot. Und er trug schwere schwarze Schuhe und eine dunkle Jeans", beschrieb Roy Rogers die gesamte Kleidung überraschend detailliert.

„Wo ist er hingegangen?", hakte Kimball weiter nach, er spürte, dass er ganz nah an einer entscheidenden Entdeckung dran war.

„Er lief die Straße hinunter und dann war er plötzlich weg", gab der Mann seine Beobachtungen wieder.

Cho ging davon aus, dass er damit sagen wollte, dass er abrupt hinter einer Hecke oder dergleichen abgebogen war. Vermutlich auf Jane´s Grundstück. „Haben Sie ihn dann noch mal gesehen? Oder ein unbekanntes Fahrzeug?", ermittelte er unbeirrt die Fakten, die ihm dabei helfen könnten seine Kollegen zu finden.

„Den Mann hab ich nicht noch mal gesehen, aber als ich kurz darauf die Veranda fegte, kam ein dunkler Suburban die Straße hinauf, genauso einer wie Sie fahren, und bog zu Jane aufs Grundstück ab."

„Das waren Mitarbeiter des CBI. Haben Sie sie auch wieder wegfahren sehen?" Kimball ließ den Mann nicht aus den Augen, wenn er spürte, dass er auf etwas gestoßen war, war es wichtig das Gespräch am Laufen zu halten und den Befragten förmlich an sich zu binden, damit kein Hinweis verloren ging, und sei er noch so klein. Frage. Antwort. Frage. Antwort. Im ständigen Wechsel. Wenn er sie erstmal soweit hatte, ging alles wie von allein.

„Ja, das war vielleicht eine Stunde später."

„Wann genau?"

„Gegen 19 Uhr würde ich sagen."

„Wo sind sie lang gefahren? Zurück in die Stadt?"

„Nein. Sie fuhren weiter die Straße hinauf und bogen an der Kreuzung nach links."

„Wo führt die hin?", blieb Cho am Ball.

„Nirgends, das ist ne Sackgasse." Roy Rogers schien allerdings die Fragerei nun satt zu haben, er klang fast gelangweilt. Das wurde noch verstärkt durch die versucht unauffällige Bewegung seiner Frau um auf ihre teuer aussehende kleine silberne Armbanduhr zu spähen. Cho merkte wie die Verbindung allmählich abbrach. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er das Ende des Informationsflusses erreicht hatte.

„Sind sie von dort wieder zurückgekommen oder ein anderes Auto?", versuchte er noch einmal den Faden wieder aufzunehmen.

„Das weiß ich nicht." Der Mann seufzte genervt.

„Denken Sie noch mal drüber nach. Das ist wirklich wichtig", drängte ihn Cho jedoch unnachgiebig.

„Tut mir leid, das kann ich wirklich nicht sagen. Wir stehen ja nun nicht den ganzen Tag hinter der Gardine."

Cho bezweifelte dies jedoch fast, die beiden sahen eher so aus als täten sie den ganzen Tag nichts anderes als ihre Nachbarn zu beobachten, um ihnen dann eins auszuwischen. Freilich sagte er dazu nichts, beließ es bei einem: „Ok, danke" und klappte sein Notizbuch zu, worin er sich die Namen und die spärlichen Informationen, die sie ihm geben konnten, aufgeschrieben hatte. Als er sich abwandte und die Verandastufen hinunter stieg, hielt ihn Mrs. Rogers zurück.

„Und was ist nun mit unserer Anzeige?"

Cho stockte. Zum einen, weil die Fragende eine Antwort erwartete und er nicht unhöflich sein wollte, und zum anderen, weil es ihn erschütterte wie wenig Interesse dem Verschwinden zweier Agents beigemessen wurde.

„Chey, kannst du nicht mal für einen Moment diese blöde Hecke vergessen!", wies ihr Mann sie ruppig zurecht und richtete dann sein Wort an Cho. „Finden Sie ihre Kollegen, bevor es zu spät ist."

Kimball nickte und ließ die beiden zurück. Er stieg wieder in seinen Dienstwagen und fuhr die Straße weiter entlang bis zur besagten Kreuzung. Dann bog er nach links ab, wie man es ihm beschrieben hatte. Genau wie in der Aussage des Mannes endete sie nach einigen hundert Metern. Und dort stand der schwarze Suburban seiner Kollegen. Er hielt an, griff nach seinem Handy und betätigte die Kurzwahltaste mit Lisbons Nummer. Es klingelte gerade zum zweiten Mal, als sie das Gespräch schon entgegennahm.

„Boss, ich hab ihren Wagen gefunden", kam er ohne Umschweife zum Punkt.

„Wo?", war ihre ebenso knappe Antwort.

„Weiter die Straße hinunter, links in einer Sackgasse", gab er seinen und damit auch den Standpunkt des vermissten Fahrzeugs durch.

„Okay, warten Sie, wie sind gleich da", wies sie ihn an und legte auf.

Cho klappte sein Handy zu und rollte näher an den anderen Wagen heran. Er würde nicht warten. Er konnte nicht warten. Er brauchte Gewissheit. Was, wenn sie verletzt waren? Dann zählte jede Sekunde. Er sah sich kurz um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Die Straße wirkte verlassen, was daran lag, dass es hier keine angrenzenden Häuser gab, nur leere Grundstücke, die noch auf einen Käufer warteten. Dann stieg er langsam aus und zog vorsorglich seine Waffe aus dem Halfter. Mit dieser im Anschlag schlich er wachsam auf das Heck des Geländewagens zu. Die hinteren Scheiben waren getönt, so dass er nicht ausmachen konnte ob sich Personen im Inneren befanden oder ob das Auto verlassen war. Was er jedoch trotz des dunklen Glases deutlich erkennen konnte waren die leuchtend roten Ziffern, die soeben von verbleibenden fünf auf vier Sekunden sprangen. Cho wusste, dass ihm keine Zeit mehr blieb sich zu vergewissern, ob sich noch jemand im Wagen befand und sah zu, dass er so viel Abstand wie irgend möglich zwischen sich und die unvermeidliche Explosion brachte. Diese kam früher als erwartet. Mit einem ohrenbetäubenden Knall zerfetzte die Bombe das Metall des Suburban und katapultierte die Karosserie einen Meter in die Luft. Kimball rannte weiter, aber die Wucht der Detonation erfasste ihn und warf ihn zu Boden. Im selben Moment kam Lisbon mit ihrem Wagen um die Ecke geschossen. Schützend rollte er sich zusammen, während die quietschenden Reifen seiner Vorgesetzten auf ihn zu rutschten.


Als Rigsby wieder zu sich kam empfing ihn erdrückende Dunkelheit. Lediglich ein schwacher Lichtschein, der offenbar durch die Ritzen einer Deckenluke herab schimmerte, ließ ihn erkennen, dass er nicht erblindet war, sondern sich in einem abgedunkelten Raum befand. Dem muffigen Geruch und dem staubigen Boden unter ihm nach zu urteilen handelte es sich um einen Kellerraum. Er war gefesselt. Er konnte die dünnen Plastikbänder fühlen, die ihm schmerzhaft in die Haut seiner Handgelenke schnitten. Und den massiven kalten Eisenpfosten hinter seinem Rücken, an dem er lehnte und festgebunden war. In seinem Kopf hämmerte ein dumpfer Schmerz, als er sich zu erinnern versuchte wie er hierher gelangt war. Siedend heiß fiel es ihm wieder ein. Grace´Aufschrei. Die Suche nach ihr. Die Angst um sie. Der brutale Hieb gegen seine Schläfe.

Oh mein Gott, Grace.

Was war mit ihr? Hatte man sie auch verschleppt oder möglicherweise gleich vor Ort erledigt? Nein, das durfte nicht sein. Mühsam schob er diesen Gedanken beiseite. Angestrengt lauschte er in die Finsternis hinein. Versuchte verzweifelt etwas in der undurchdringlichen Schwärze zu erkennen. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er konnte die Konturen der Einrichtung erkennen. Etwas, das aussah wie ein altes Metallbett, stand ihm gegenüber in der Ecke. Eine Werkbank grenzte daran an. Zu seiner Rechten befanden sich ein paar Schränke, die alle mit einem Vorhängeschloss gesichert waren. Grace konnte er nirgends entdecken.

Erst da nahm er die Finger wahr, die seine leicht berührten.

Flüsternd rief er nach ihr.

Keine Reaktion.

„Grace? Wach auf, Grace", versuchte er es noch einmal. Ungeschickt tastete er soweit es seine Fesseln zuließen nach ihrem Arm. Er wusste nicht wie lange er bewusstlos gewesen war, aber ihre Haut fühlte sich warm an. Sie schien zwar nicht mit ihm an den Pfosten gekettet zu sein, war aber dennoch gefesselt. Was dafür sprach, dass sie noch lebte. Wenn er seinen Arm doch nur noch etwas mehr drehen könnte um ihren Puls zu fühlen. Er musste die Zähne aufeinander beißen damit er nicht laut aufstöhnte als ihm das Plastik dadurch tiefer ins Fleisch schnitt. Das schwache Pulsieren unter ihrer Haut war Lohn genug.

„Grace." Er kniff sie in den Unterarm in der Hoffnung, ein Schmerzreiz würde sie aufwecken. Er musste hören ob sie verletzt war. Es dauerte einige quälend lange Sekunden, dann endlich antwortete sie ihm.

„Wayne? Bist du das?" Ihre Stimme klang dünn und heiser. Dennoch war es schön sie zu hören. Es gab ihm Kraft.

„Ja, ich bin hier. Bist du verletzt?", stellte er die Frage, die ihm auf den Lippen brannte.

„Das kann ich nicht sagen", kam es unsicher zurück.

„Was meinst du damit?" Waynes Herzfrequenz erhöhte sich deutlich. Dass er sie nicht sehen konnte brachte ihn fast um den Verstand.

„Ich bin zu mir gekommen als er dich in den Keller schleifte. Ich wollte weglaufen und Hilfe holen. Doch ein heftiger Ruck riss mich zurück und dann bin ich gefallen. Mir tut irgendwie alles weh", jammerte sie und Wayne versetzte es Stiche als er sie sich vorstellte, übersät mit Schürfwunden und Prellungen.

„Konntest du irgendwas erkennen, wo wir sind?", versuchte er diese unerträglichen Bilder auszublenden.

„Ich bin mir nicht sicher, aber es kam mir vage bekannt vor."

„Hast du sein Gesicht gesehen?"

„Nein, es war verdeckt."

„Das ist ein gutes Zeichen, wenn ein Entführer..." Er wollte sie optimistisch stimmen, aber Grace hatte die Realität längst erkannt.

„Nur ist das hier kein gewöhnlicher Entführer", ließ sie ihn nicht ausreden und machte ihm damit klar, dass sie mit Sicherheit nicht entführt worden waren, um wieder frei gelassen zu werden.

„Da hast du wohl leider Recht", stimmte er ihr niedergeschlagen zu.

„Kannst du aufstehen?", fragte er deshalb, einer anderen winzigen Hoffnung folgend.

„Schwierig. Meine Beine sind gefesselt", verneinte sie.

„Kannst du erkennen ob irgendwo was herumliegt um uns loszuschneiden?"

„Nein, ich sehe nichts. Ich denk auch nicht, dass wir hier was finden werden, sonst wäre ich auch an den Pfosten gekettet."

„Das ist ein Argument", gab er niedergeschlagen zu. Dann schwiegen sie und hingen beide ihren Gedanken nach, was sie sonst noch tun konnten, um einen Ausweg zu finden. Wayne versuchte erneut nach ihrer Hand zu tasten, doch er konnte sie nicht mehr erreichen, weil sie sich bewegt hatte. Das Gefühl eines schmerzlichen Verlusts überkam ihn unerwartet. Er fragte sich, ob es unangebracht wäre sie danach zu fragen, ob er ihre Hand halten durfte, damit er spürte, dass sie tatsächlich da war.

„Wayne?", wisperte Grace seinen Namen und riss ihn aus seinen Überlegungen. Sie klang so ängstlich und verletzlich, dass es ihm beinah die Kehle zuschnürte.

„Was ist?"

„Mir ist kalt", verkündete sie mit deutlich bebenden Lippen.

„Komm her", forderte er sie auf, inständig hoffend, dass sie das Angebot annahm und es zumindest versuchen würde irgendwie zu ihm zu gelangen. Damit wäre dann nicht nur ihr geholfen.

Mühevoll rutschte Grace zu ihm herum. Immerhin konnte er so wenigstens ihre Silhouette erkennen. Irgendwie schaffte sie es sich auf seinen Schoß zu hieven und schmiegte sich mit ihrem zitternden Körper an seine Brust. Dass sie so vertraut mit ihm umging machte ihre Verzweiflung deutlich. Wie gern hätte er sie jetzt in den Arm genommen und fest an sich gedrückt.

„Ich bin mir sicher Jane und die anderen suchen bereits nach uns. Ihnen wird etwas einfallen. Sie haben bestimmt schon eine heiße Spur", versuchte er ihr Mut zu machen, obwohl er selbst nicht so recht daran glaubte. Nicht, weil er an ihren Fähigkeiten zweifelte, sondern vielmehr weil sie es mit jemandem zu tun hatten, der ganz genau wusste wie man unentdeckt blieb.

„Und Craig...", erinnerte er sie schweren Herzens an die Person, von der er wusste, dass die Gedanken an ihn ihr helfen würden mit dieser Situation fertig zu werden.

„Craig ist an der Ostküste", kommentierte sie jedoch sichtlich betrübt seinen Ablenkungsversuch.

„Er ist sicher verrückt vor Sorge", versicherte er ihr, auch wenn es ihm nach wie vor schwer fiel jemand anderem solche Gefühle für sie zuzugestehen.

„Das glaube ich nicht. Wir haben uns gestritten", gab sie tonlos zurück.

„Das renkt sich sicherlich wieder ein." Sich darüber zu freuen wäre unangebracht gewesen, da er trotz alledem natürlich wollte, dass sie glücklich war.

„Wayne?... Glaubst du wir kommen hier lebend wieder raus?", überging sie seine aufmunternden Worte einfach. Offenbar wollte sie jetzt nicht darüber reden. Vielleicht wollte sie auch mit ihm nicht darüber reden. Vielleicht gab es aber auch nichts mehr zu reden.

„Ich weiß es nicht." Gerne hätte er mehr Zuversicht gezeigt. Gerne hätte er ihr gesagt, dass alles wieder gut wird. Aber das konnte er nicht. Wie sie schon sagte, das hier war keine gewöhnliche Entführung. Sie befanden sich in der Gewalt eines Americas Most Wanted. Einer der gefährlichsten Verbrecher, den das Land je gesehen hatte. Da kam man normalerweise nicht lebend raus. Was würde es also nützen wenn er ihr da Hoffnung machte? Und versprechen wollte er ihr das schon gar nicht. Er würde es nicht halten können.

„Ich hab solche Angst." Grace begann leise zu schluchzen und sich enger an ihn zu schmiegen. Er konnte ihre Tränen an seinem Hals spüren. Salzig feuchte Berührungen, die seiner Seele tiefe Wunden zufügten, weil er nichts weiter für sie tun konnte als hier zu sein.

Wayne beugte sich zu ihr herab und drückte ihr sanft einen Kuss auf die Stirn. „Egal was passiert, ich bin bei dir."