Chapter 7

Lilah verbrachte die nächsten zwei Tage mit Dauerarbeiten. Sie ging nur noch zum Schlafen nach Hause. Nahrung holte sie sich nach wie vor aus dem Vorrat von Wolfram & Hart. Langsam schob sie allerdings Panik, da die Vorräte langsam zur Neige gingen und sie keinen Verdacht erregen wollte, wenn sie dauernd Nachschub bestellte. Doch dank dieses Vorrates ist es ihr geglückt, noch keinen der Mitarbeiter des Hauses anzuknabbern.

Für Notfälle bewahrte sie neuerdings ein kleines Reservebeutelchen im doppelten Boden ihrer Schreibtischschublade auf. Sie erlangte ebenfalls Übung im Hinein- und Hinausschleichen in die Firma über das Kanalsystem. Sie verließ die Firma zwar immer spät nach Sonnenuntergang, aber ihr kam noch kein erleuchtender Einfall, wie sie die Wachen und Detektoren überlisten konnte, sodass sie den Hauptausgang benutzen konnte.

Holland war sichtlich begeistert von dem Engagement seiner ex-verschollenen Mitarbeiterin. Lilah war schon immer sehr ehrgeizig gewesen, sie selbst wusste, dass das auch nötig war, um sich gegen die Männerdominanz bei Wolfram & Hart durchzusetzen. Trotzdem hatte sie es geschafft, ihr Arbeits- und Leistungspensum selbst in den zwei Tagen noch erstaunlich zu steigern. Lindsey entging der plötzliche Enthusiasmus Holland's seiner Kollegin und Konkurrentin gegenüber ebenfalls nicht.

Lilah suchte gerade Akten zur nächsten Fallbearbeitung heraus, als Lindsey plötzlich in ihrer Tür stand. Er war nicht der Typ, der gegen einen Konkurrenten bzw. eine Konkurrentin in diesem Falle hetzte, nein, er versuchte sich ein letztes Stück Menschlichkeit in diesem Betrieb zu bewahren. Aber es schadete auch nicht, mal nach dem Rechten zu sehen. Das Erste, was ihn wunderte, waren die zugezogenen Jalousien. Im Raum war es, bis auf eine kleine Schreibtischlampe, total dunkel.

Lilah umgab sofort ein wohliger Geruch. Sie drehte sich um – und da stand Lindsey. Daher kam mir der Geruch so bekannt vor. Die Anwältin setzte sofort einen neutralen, leicht genervten Gesichtsausdruck auf, um Lindsey gleich zu zeigen, dass sie keine Zeit hatte für seine Spielchen. „Lilah, sind wir heute wieder sehr beschäftigt, was?" „Lindsey, wie kann ich Ihnen denn helfen?" Sie wendete sich ihm zu und schob gleichzeitig mit einem kleinen Schubs aus der Hüfte den Aktenschrank zu.

Lindsey ging einen Schritt auf sie zu und betrat damit ihr Büro. „Ich darf doch eintreten?" Er lachte kurz auf. „Ich bin ja schließlich kein Vampir." Lilah entgleisten für einen Moment die Gesichtszüge. Danach fing sie an, nervös in sich hinein zu kichern, versuchte dies aber noch rechtzeitig zu unterdrücken. Er konnte doch nicht etwa…? Nein, ich war immer vorsichtig, hab alle Spuren beseitigt. Oder habe ich doch was übersehen? Lindsey spürte sofort die Stimmungsveränderung seines Gegenübers.

„Hey Lilah! Ganz ruhig, das war nur ein Scherz! Der Job hier hat Sie wohl paranoid gemacht?" Er grinste sie breit an. Lilah entspannte sich augenblicklich und schmiss die Akten auf ihren Schreibtisch. „Sie brauchen sich keine Sorgen um meinen Gemütszustand zu machen, Lindsey. Mir ist nur…. gerade etwas Wichtiges eingefallen… Und ich habe viel zu tun." Lindsey trat noch ein Stückchen näher und linste auf ihren Schreibtisch. Oh mein Gott! Dieser Duft… Lilah hielt für einen Augenblick den Atem an, bis sie merkte, dass sie ja sowieso nicht atmen musste, was wohl aber ihrem Kollegen auffallen würde. Also atmete sie ab jetzt durch den Mund. Verdammt, warum muss der auch so gut riechen?

Ihre Augen wanderten zu dem Platz an dem ihre Schubladen waren – auch diese mit dem Notvorrat. Sie schluckte. Und bevor sie etwas Unüberlegtes tun konnte, verdarb ihr irgendein dämlicher, eher abstoßender Geruch den Appetit. Holland stand plötzlich ebenfalls in ihrer Bürotür. Lilah murmelte leise zu sich selbst: „Nächstes Mal schließ ich die Tür lieber, sonst versammelt sich noch die gesamte Belegschaft der Kanzlei in meinem Büro…" Lindsey warf ihr nur einen kurzen Blick zu, wandte sich dann aber Holland zu.

„Ah gut, Sie sind beide hier! Das trifft sich gut!" Holland trat ein und schloss die Tür hinter sich. Er wirkte ein wenig hektisch. Lilah spürte, dass jetzt nichts Gutes kommen würde. Er stellte sich genau vor seinen beiden Mitarbeitern auf und fing an: „In der Abteilung ‚Spezialprojekte' gibt es ein Problem…" Lilah machte große Augen. Was kommt denn jetzt? Aber auch Lindsey sah nicht sehr zuversichtlich aus. „Das Problem ist, dass es kein Spezialprojekt mehr gibt."

Er legte eine künstliche Pause ein und setzte einen besorgten Gesichtsausdruck auf, was bei den beiden Anwälten ein kurzes Aufflammen von Entsetzen erzeugte. Dann fuhr Holland fort: „Angel ist weg. Spurlos verschwunden. Ganz plötzlich. Es ist den Spionen selbst erst heute aufgefallen." Er blickte kurz an den beiden vorbei, die schweigend, aber nachdenklich dastanden. „Wir müssen ihn dringend finden! Unbedingt!" Er betonte jedes Wort, doch den darauffolgenden Satz umso mehr: „Wenn er verschwunden bleibt, wird das auch sehr bald den Senior Partnern auffallen. Und die werden die Schuld nicht bei Angel suchen..."

Holland sah seine beiden favorisierten Anwälte eindringlich an, um ihnen damit die Bedeutung des Satzes noch deutlicher zu machen. Lindsey schaltete sich nun ein. „Er grübelt bestimmt wieder in einer besonders dunklen Ecke, wie er uns die Nächste reinwürgen kann…" Auch Lilah löste sich aus ihrer Verkrampfung und mischte sich ein: „Vielleicht sollten wir da anfangen, wo er zuletzt gesehen wurde? Es kann doch nicht sein, dass jemand einfach so vom Erdboden verschwindet." Dabei ließ sie ihren abwertenden Blick über ihren Kollegen streifen.

Holland schaute die beiden nun erfreut an. „Nun, ich denke, Sie werden einen Weg finden ihn aufzuspüren und seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Mein Gefühl sagt mir, dass Sie das hinbekommen werden." Damit drehte er sich um und ging. Bevor er die Tür öffnete, wendete er seinen Kopf jedoch noch einmal seinen Mitarbeitern zu: „Oh und bevor ich's vergesse: Dieser Fall hat absolute Priorität!" Die beiden Anwälte nickten „Und Lilah…" diese blickte ihm nun genau in die Augen. „Ja?" „öffnen sie doch die Jalousien ein bisschen und lassen sie die Sonne herein! Diese Dunkelheit wirkt ja absolut deprimierend!", und so ging er endgültig.

Im Seitenwinkel bemerkte die Angesprochene Lindsey's schelmisches Grinsen. „Ich hatte mich ehrlich gesagt auch schon gewundert, aber ich dachte, dass es vielleicht eine neue Arbeitsmethode wäre…" Er grinste breit weiter. Lilah drehte sich nun ihm schwungvoll zu. Keine gute Idee, wie sie in diesem Moment bemerkte, da ihr eine volle Brise von Lindsey's Geruch entgegenschlug und ihren vorgetäuschten Atemrhythmus erneut unterbrach.

Innerlich verfluchte sie ihn erneut dafür, dass er so gut roch, aber noch mehr verfluchte sie sich selbst, da sie zuließ, dass dieser Duft ihr den Atem raubte – und ihr Hungergefühl steigerte. Sie stellte sich vor, wie sie in das zarte Fleisch seines Halses beißen würde… Nicht ohne vorher genüsslich daran geleckt zu haben, um den Puls unter seiner Haut schlagen zu fühlen, und wie sie anschließend seinen roten Lebenssaft schmecken und ihre Kehle hinunter rinnen fühlen würde. In diesem Moment gab ihr Magen ein lautes Knurren von sich.

Lindsey schaute sie ein wenig irritiert, ja sogar schockiert an. Ihr wurde in diesem Augenblick klar, dass es keinesfalls ihr Magen war, welcher geknurrt hatte, sondern sie selbst. Das Knurren kam aus ihrer Kehle! Sie hielt sich schnell zur Ablenkung ihren Bauch und meinte schließlich: „Vor Ihnen muss ich mich überhaupt nicht rechtfertigen. Aber da Sie sich ja vorhin schon um meinem Gemütszustand sorgten, würde ich Ihnen diese Besorgnis gerne nehmen: Die Jalousien sind unten, sodass mich nichts von meiner Arbeit ablenkt – und ich bin heute noch nicht zum Essen gekommen. Zufrieden?"

Der andere Anwalt nickte nur und begab sich ebenfalls schnellstens zur Tür. „Na dann können Sie sich ja umso besser um Angels Verschwinden kümmern. Ich jedenfalls werde das jetzt tun!" Damit verließ auch er Lilah's Büro und ließ sie alleine zurück. Lilah rannte förmlich zu den Fenstern, um frische Luft hinein zu lassen, damit sie Lindsey's Geruch nicht dauernd in der Nase hatte und dieser sie in ihrer Kehle kitzelte. Danach besorgte sie sich einige Unterlagen von Angel und ging diese durch, um eventuelle Verstecke herauszufiltern und sich von anderen Gedanken, betreffend das Aussaugen von Menschen, abzulenken.

.:TBC:.