VII

Glenn stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch, der, genau wie die Stühle, im Boden festgeschraubt war. Maggie saß dicht neben ihm. Ihre Wärme hatte etwas Tröstliches.

„Er hat also die Augen aufgemacht?", fragte er erleichtert.

T-Dog hatte längst aufgehört, den Haferbrei in sich hineinzuschaufeln. Er blickte Carol an, die Hand mit dem Löffel auf halbem Weg zum Mund erstarrt.

Die Gruppe saß zusammen inmitten der anderen lärmenden Menschen in dem Speisesaal, sie hatten sich kaum daran gewöhnt, von so vielen neuen Gesichtern umgeben zu sein, doch nun steckten sie die Köpfe zusammen und hörten allesamt Carol zu. Von außen wirkten sie wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Keiner der Bewohner – so nannten sie sich, Bewohner – wagte es, die Neuankömmlinge jetzt anzusprechen.

„Hat er was gesagt?"

Carol blickte in die Runde. Sie nahm sich Zeit, jedem einzelnen ins Gesicht zu sehen. Die Spannung war fast greifbar.

„Er hat gesagt …"

Sie lächelte und es mutete beinah verschmitzt an. Als sie fortfuhr, verstellte sie ihre Stimme in dem Versuch, Daryl zu imitieren:
Wenn das ´n Kater is´, drink ich nie mehr was."

Glenn und T-Dog brachen in Gelächter aus. Rick schüttelte mit einem erleichterten Schmunzeln den Kopf.

Carol lehnte sich lächelnd zurück. Sie fühlte sich leicht, als hätte man ein Gewicht von ihr genommen, das sie beinah zu Boden gezogen hätte.

Lori ließ den Kopf sinken und zog Carl an sich.

„Oh Gott", murmelte sie, „ein Glück."

„Dr. Saunders sagt, er wird bald wieder auf den Beinen sein. Was auch immer es war, er scheint sich vollständig davon zu erholen."

Rick warf Lori einen Blick zu. Er wollte ihre Erleichterung sehen, und ein kleiner, gekränkter Teil von ihm wünschte sich auch, dass sie sich dafür schämte, ihn so unter Druck gesetzt zu haben.

Doch sie vermied es, ihn direkt anzusehen.

„Da bin ich ja richtig froh", sagte Glenn. „Ohne Daryl wäre es einfach nicht das Selbe."

T-Dog ließ seinen Löffel nun endgültig in die Schale zurücksinken.

„Ich frage mich, ob er bereits weiß, dass Merle hier ist." Seine dunklen Augen blickten ernst und nachdenklich drein. Der Anflug des Lachens war so schnell verschwunden, wie es das heutzutage meistens tat.

„Ich schlage vor, wir halten uns von Merle fern", sagte Rick. Es klang nicht wirklich wie ein Vorschlag. „Besonders du, T-Dog."

T-Dog ruckte das Kinn vor.

„Früher oder später wird er mich finden", sagte er. „Dann ist es mir lieber, ich gehe direkt zu ihm und trete ihm gegenüber wie ein Mann."

Er bemerkte Maggies und Beth´ ratlose Blicke.

„Ich habe diesen Mann im Stich gelassen. Ihn dem Tod überlassen. Was auch immer er mir zu sagen hat, ich werde es mir anhören."

„Nur, dass er nicht besonders viel sagen wird", meinte Glenn.

„Du hast getan, was du konntest", erwiderte Rick. Er sah T-Dog in die Augen. „Du bist zurückgegangen. Wir waren zu spät, aber du bist zurückgegangen. Das ist es, was zählt."

T-Dog nickte, doch Rick konnte sehen, dass seine Worte ihn nicht erreicht hatten.


Er schob sich langsam aus dem Bett, ein Bein nach dem anderen. Er bewegte sich vorsichtig, er fühlte sich wie betrunken und ihm war speiübel, aber er wollte, konnte nicht mehr liegen bleiben. Sein Blick fiel auf seinen rechten Fuß, gerade in dem Moment, als er mit der Sohle das kalte, graue Linoleum berührte. Es fühlte sich kalt an. Seine Zehen waren lang und schmal und die Haut seines Fußes weiß. Er betrachtete fasziniert die Rundung des Nagels an seinem großen Zeh und fragte sich, ob er wirklich getrunken hatte, doch wenn, konnte er sich nicht mehr daran erinnern.

Er hob den Kopf, als der hochgewachsene Mann auf ihn zukam, und erst dachte er, es wäre Rick, dann T-Dog, weil T-Dog stämmiger war, doch was wollte T-Dog jetzt von ihm, wo ihm so scheiß übel war?

„Du siehst scheiße aus."

Danke, dachte er, so fühl´ ich mich auch.

Dann schafften seine Augen es endlich, sich auf das Gesicht zu konzentrieren, das jetzt nahe war.

„Merle", sagte er und klang dabei wie eine Krähe. Eine Krähe mit Halluzinationen.

Sein Bruder zog ihn kurz an sich, Daryl legte den Arm um ihn, die Begrüßung war kurz, aber innig.

„Solltest vielleicht nicht aufstehen", sagte Merle. Daryl dachte dumpf, dass sein Bruder älter aussah. Die Falten in seinem Gesicht erschienen ihm ausgesprägter, besonders jetzt, da er sein Haifischgrinsen zeigte und seine Augen sich verengten sah er, wie tief die zahlreichen kleinen Fältchen in seinen Augenwinkeln sich in die Haut gruben. Er sah rauer aus, doch sein Blick war nicht abweisend, nicht so, wie Daryl es sich immer ausgemalt hatte.

„Kann nicht mehr liegen", sagte Daryl, der seine eigene Stimme immernoch nicht erkannte. Merle packte seinen Arm und legte ihn sich um die breiten Schultern, dann half er ihm beim Aufstehen.

Daryl murmelte ein Danke, er dachte, wahrscheinlich kipp´ ich gleich wieder um, aber sein Bruder ließ ihn nicht los.

„´n paar Schritte gehen?", schlug Daryl vor.

„Ich seh´, so´n Prinzessinnen-Schönheitsschlaf hat auch nicht viel genützt. Siehst immernoch genauso beschissen aus wie vorher."

Sie gingen langsam durch den Raum, eine Krankenstation, wie Daryl an der Einrichtung erkannte.

„Wo zum Teufel sind wir hier?", wollte er wissen. Es war nur eine von tausenden Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, die in Bruchstücke zerfielen und in dem Dämmer untergingen, der ihn so durcheinander machte.

Er zitterte am ganzen Körper, doch er konnte sich nicht helfen. Er fühlte sich unfassbar schwach auf den Beinen und er wusste, wäre da nicht Merle gewesen, der ihn festhielt, wäre er in Ohnmacht gefallen wie ein beschissenes Mädchen.

„Hoag", erwiderte Merle, dann grinste er wieder. „Gibt hier ´ne Kolonie. Also keine Sorge, wir sind nicht verhaftet worden."
„Ich dachte, wenn einer von uns im Hoag landet, dann wärst du´s."

Sie erreichten die Mitte des Raumes, und Daryl kam es so vor, als wäre die Tür noch endlos weit weg. Er hatte nicht vor, irgendwo hin zu gehen. Er wollte zurück ins Bett und gleichzeitig nicht. Wenn er sich wieder hinlegte, würden neue Wellen der Übelkeit über ihn hinwegschwappen. Er hatte keine Lust, sich vor seinem Bruder zu übergeben.

„Deine Ärztin hat gesagt, so´n schwacher Kreislauf ist ganz normal am Anfang", sagte Merle. Daryl blickte aus vergitterten Fenstern. Er wusste, alles würde einen Sinn ergeben, wenn er nicht mehr so schwach und zittrig und dumm wäre, aber wenn er ehrlich war, ging ihm gerade auch alles am Arsch vorbei. Sein Bruder war hier, vermutlich war er also tot. In der Hölle.

Nein, halt.

Im Hoag.

Er stieß ein raues Lachen aus.

„Was ist so witzig, Dornröschen?", fragte Merle.

„Scheiße", murmelte Daryl. „Mir ist so verflucht schlecht."

„Reier´ mir bloß nicht auf die Schuhe."

Das hatte Daryl nicht vor. Hinter seiner Stirn pochte es, der alte Presslufthammer, mit dem er inzwischen Bekanntschaft gemacht hatte. Es fühlte sich an wie Migräne.

Das würde er Merle ganz sicher nicht auf die Nase binden.

„Setzen?" Noch während er es fragte, führte er Daryl bereits hinüber zu seinem Stuhl und half ihm, sich darauf niederzulassen.

Daryl fühlte sich zu elend, um sich zu schämen. Er wollte sich mit dem Handrücken über die Stirn streichen, vielleicht um den Schmerz und die Übelkeit zu vertreiben, da zog Merle seinen rechten Arm zurück und sein Blick fiel auf den blass rosa Stumpf.

Plötzlich glaubte Daryl, seinen Mageninhalt nicht mehr unter Kontrolle zu haben und schlug sich mit der geballten Faust auf den Mund.

„Sieht verwegen aus, hn?", sagte Merle, doch es klang nicht wirklich so, als ob er bereit wäre, darüber Witze zu machen. Vielleicht sagte er es nur, weil er sah, dass Daryl kurz davor war, sich zu übergeben.

Wir waren da, wollte Daryl sagen, doch er wagte es nicht, den Mund zu öffnen.

„Mach dir darum keinen Kopf, Sissy", sagte Merle und drehte ihm den Rücken zu, als er hinüber zum Fenster ging. Daryl war froh, dass der Stumpf außer Sicht geriet, als er die Arme vor der Brust verschränkte.

„So wie du aussiehst, kotzt du denen sonst noch die ganze Bude voll."

Daryl ließ den Kopf zwischen die Beine sinken, was keine gute Idee war, denn jetzt wurde ihm auch noch schwindlig, doch er ertrug es nicht, seinen Bruder auch nur eine Sekunde länger anzusehen. Er hatte das Gefühl, vor Schuld und Scham im Boden zu versinken.

Sie schwiegen.

Daryl hätte nichts zu sagen gewusst, selbst wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Als die Tür aufging und eine ältere Frau herein kam, die dem Kittel nach zu Urteilen die Ärztin war, von der Merle vorhin gesprochen hatte, war er erleichtert.

„Wie ich sehe, sind Sie auf den Beinen", sagte sie und klang wie eine strenge Highschool-Lehrerin. Oder die Aufsicht in der Bibliothek.

„Er sieht doch schon wieder ganz fit aus, nich´?", meinte Merle. Daryl wusste nicht, ob er es ironisch gemeint hatte oder nicht.

„Ich würde Sie bitten, jetzt zu gehen, Dixon", sagte die Ärztin. Sie war höflich, aber in ihrer Stimme klang eine kühle Reserviertheit mit, die Daryl schon kannte.

Rednecks, sagte dieser Ton. Elendes Pack.

Aber vielleicht redete er sich das auch nur ein.

„Also dann."

Merles Hand – die Linke, die Hand, die noch da war, die Hand, die Daryl nicht in T-Dogs Tuch gewickelt hatte, die so grau und leblos gewesen war und doch einmal zu seinem Bruder gehört hatte – sauste auf Daryls Schulter herab. Pranke, dachte Daryl.

„Wir sehen uns später, Brüderchen."

Merle ließ sie alleine.

„Können Sie aufstehen?", fragte die Ärztin, nachdem sich die Tür geschlossen hatte.

Daryl schüttelte den Kopf.

„Sie hätten das Bett nicht verlassen sollen", sagte sie. Sie kniete sich vor ihn und suchte an seinem Handgelenk nach seinem Pulsschlag.

„Ihr Kreislauf ist …"

„Im Eimer", murmelte Daryl. „Hab ich gemerkt."

Er spürte ihren prüfenden Blick auf sich und wünschte sich, dass sie ihn einfach so lange in Ruhe ließ, bis es ihm wieder besser ging.

„Keine Sorge. In ein paar Stunden werden Sie sich besser fühlen. Daryl, nicht wahr?"

Daryl nickte matt.

„Und in ein paar Tagen wird es so sein, als wäre nie etwas gewesen. Ich muss Ihnen sagen …"
Sie erhob sich und ging zum anderen Ende des Raumes.

„ … ich bin mir ziemlich sicher, dass die Behandlung ohne die nötigen Informationen nicht so schnell und erfolgreich angeschlagen hätte, auch wenn ich ihrer Freundin das nicht gesagt habe."

Er konnte Gläser klirren hören. Als sie zurückkehrte, hatte sie ein Glas Wasser in der Hand.

„Hier, trinken Sie."

Sie wollte ihm das Glas in die Hand drücken, doch seine Finger waren so zittrig, dass es ihm fast aus der Hand rutschte. Er kam sich unwahrscheinlich lächerlich vor.

„Das macht nichts", sagte sie mit ruhiger Stimme, ihrer Ärztinnen-Stimme, die dazu da war Patienten zu beruhigen. Sie hielt ihm das Glas an die Lippen. Erst kostete er vorsichtig, doch als das kühle Wasser erst einmal seine Kehle hinabfloss, spürte er plötzlich, wie durstig er war, und begann, in tiefen Zügen das Glas zu leeren.

Dann dachte er: Welche Freundin?

„Ich will nur sagen … Nun ja. Seien Sie dem Mädchen dankbar. Ohne Avery wären Sie vermutlich jetzt nicht in der Lage, auf diesem Stuhl zu sitzen."

Ganz toll, sagte eine Stimme in seinem Kopf, die sich nicht mehr anhörte wie Merle, sondern wie seine eigene, auf ´nem scheiß Stuhl kann ich sitzen, aber das war´s dann auch. Danke, Avery.

Und dann:

Moment mal. Avery?


Avery schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und presste die Rundung der Flasche fest an ihre Lippen. Der Wodka rann beißend ihre Kehle hinab und sie musste sich zwingen, weiterzutrinken, bevor sie absetzte und sich vor Ekel fast übergeben hätte.

„Haha!", rief David, der Typ mit dem Kopftuch und der Lederjacke, und klatschte in die Hände.

„Das war alles?", fragte einer der anderen. Sie hatte seinen Namen bereits wieder vergessen.

„Scheiße", stieß sie aus. Ihr Schienbein tat plötzlich gar nicht mehr weh, doch das geprellte Steißbein schmerzte nach wie vor höllisch.

Sie setzte die Flasche nochmal an.

„Trink! Trink! Trink! Trink!"

Unter den Anfreuerungen und Jubelrufen der andere nahm sie noch einen tiefen Zug, doch sie wusste, sie hatte die Schmerzgrenze erreicht und drückte den Wodka David in die Hand, dessen gezwirbelter Bart graue Stellen aufwies und der sie anstarrte wie der beste Happen am Buffet.

Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen, der Wodka brannte ihr jetzt im Bauch und sie fühlte sich bereits betrunken.

„Danke", sagte sie und wollte sich abwenden, doch David griff nach ihrem Handgelenk.

„Hey, Momentchen mal. Du hast gesagt, du hängst mit uns rum, wenn wir dir ´n Schluck abgeben. Zeit, deinen Part zu erfüllen."

„Ja", sagte der Typ, dessen Namen sie vergessen hatte. Er trug das blonde Haar zurückgegelt und konnte nicht älter sein als fünfundzwanzig. Auf seiner Wange spross ein großer, roter Pickel.

„Wir sind auch ganz lieb, versprochen."

„Das glaub ich euch aufs Wort", sagte sie, doch ihr Bedürfnis zu gehen war ohnehin nicht groß gewesen. Sie saßen in einer überdachten Ecke des Hofes im Osttrakt, es nieselte nur noch, statt zu schütten, und sie spürte die Kälte nicht wirklich, auch wenn sich Gänsehaut auf ihren Armen gebildet hatte.

David saß auf einem Klappstuhl, die anderen lümmelten auf dem Boden oder an der Wand gelehnt. Sie waren zu siebt und sie wusste, Merle war der Anführer dieser lächerlichen kleinen Gang.

„Also bleibst du?", fragte Pickel. Sie warf ihm einen betrunkenen Blick zu und dachte, Mist, jetzt denkt er, ich will was von ihm.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Wenn ihr mir auch ´ne Zigarette dreht?"

Dabei blickte sie hinüber zu dem Typen, der auf dem Boden saß, er trug Jeans und Jeansjacke und eine Sonnenbrille. Er war etwa in Davids Alter und hatte sich als Pete vorgestellt.

„Klar doch", sagte David.

„Oho", machte Pickel. „Eine Frau die säuft, raucht und … was hast du vorhin gesagt? Karten spielt?"

„Nur Poker", sagte Avery.

Pickel stieß einen leisen Pfiff aus.

„Eine Frau ganz nach meinem Geschmack."

Glaub ich dir aufs Wort.

David ließ einen Arm um ihre Taille gleiten und zog sie an sich. Pete streckte den Arm aus und reichte ihr eine Zigarette.

„Danke", sagte sie, als David ihr Feuer anbot.

Sie schloss die Augen und inhalierte den Rauch. Wie lange hatte sie nun schon keine Zigarette mehr gehabt? Das Nikotin stieg ihr sofort zu Kopf und machte sie angenehm schwindlig.

Davids Finger tasteten sich tiefer.

Sie würde ihren zweiten Abend im Gefängnis so verbringen, als ob es ihr letzter wäre.


„Du hast uns so einen Schrecken eingejagt."

Carol saß bei ihm am Bett. Ihr Lächeln war sanft und tat ihm gut, auch wenn er es nicht zugeben mochte.

Er zuckte ein wenig mit den Schultern.

„Und du sagst, das Motorrad ist noch ganz?", fragte er, weil er nichts anderes zu erwidern wusste.

Sie nickte.

„T-Dog hat es hergefahren. Er wusste, es ist dir wichtig."

Wieder machte sie ihn verlegen, also wandte er sich an T-Dog.

„Und du kannst ´ne Maschine wie die meines Bruders fahren, ja?"

„Offensichtlich", sagte T-Dog und versuchte, kühl zu klingen. Dann grinste er.

„War´n echt gutes Gefühl. Ich sollte mir auch so´n Teil zulegen."

Sie standen um sein Bett herum. Nicht alle, nur Carol, T-Dog und Glenn, doch das reichte aus, damit er sich in seiner Haut verdammt unwohl fühlte.

„Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun?", fragte er schließlich.

„Doch, klar", sagte Glenn prompt. „Aber weil´s hier keine Möglichkeit gibt, dir Gute-Besserungs-Karten zu schicken und du uns mit Blumen wahrscheinlich den Mund stopfen würdest …"
„Den Mund? Eher was ganz anderes", murmelte Daryl.

Glenn grinste.
„Da dachten wir eben, wir kommen so vorbei."

„Um dich zu ärgern", ergänzte T-Dog.

„Nur deswegen", sagte Glenn und nickte.

Carol winkte mit gespielter Ungeduld ab. Sie wirkte gelöster als vor ein paar Tagen und Daryl fand, dass ihr das gut stand. Er wünschte sich, sie hätte öfter Grund, so ausgelassen zu sein.

„Ach, ihr", sagte sie und die Art, wie sie es sagte, brachte selbst Daryl zum Schmunzeln. „Veralbert ihn doch nicht. Wir waren alle wirklich besorgt um dich."
Sie sah ihn an.

„Wir … ich bin Avery so dankbar, dass sie …"

Sie schüttelte den Kopf, als ob sie nicht wüsste, wie sie weitersprechen sollte.

„Ja", sagte Glenn. „Ich meine, alleine die Geistesgegenwart zu besitzen, die Unterlagen des verrückten Professsors mitzunehmen …"

„Und wir können froh sein, dass Rick und Merle sie aufgegabelt haben", sagte T-Dog.

Daryl kannte die Geschichte inzwischen, sowohl Carol als auch Rick hatten ihm die Ereignisse der vergangenen Tage geschildert.

„Du solltest dich bei ihr bedanken, Alter", sagte Glenn. „Echt."

Daryl dachte, dass er wohl allen Grund hatte, ihnen zu sagen, dass es mitunter auch Averys Schuld war, dass er überhaupt in diese Lage geraten war. Doch er war müde und ihre Stimmung war zu ausgelassen, er wollte sie mit seiner Wut nicht zerstören.

Bist du denn wütend?, fragte die kleine Stimme in seinem Kopf.

„Komisch eigentlich. Ich weiß gar nicht, wo Avery ist. Seit sie mit Rick hier reingeschneit ist, hab ich sie nicht mehr gesehen", sagte Glenn.

T-Dog zuckte mit den Schultern.

„Das Hoag ist groß."
„War sie nicht auch hier auf der Krankenstation?"

„Vielleicht ist sie mittlerweile entlassen. Spricht mit dem Governor oder sowas."

Glenn wandte sich an Daryl.

„Kennst du den Governor eigentlich schon?"

Daryl hatte von dem Kerl gehört, der sich der Governor nennen ließ, doch er war ihm nicht selbst begegnet.

„Nein", sagte er schlicht. Er dachte an den Professor und fragte sich, ob sie hier den gleichen Fehler begingen wie vor wenigen Tagen erst. Immerhin hatte das Brennen in seinem Bein aufgehört und er fühlte sich mittlerweile auch mehr Herr seiner Sinne.

„Wird noch", versicherte T-Dog. „Er stellt sich jedem Neuankömmling persönlich vor. Ist ´n guter Kerl, schätze ich. Rick mag ihn."

Rick würde jeden mögen, der seiner schwangeren Frau und seinem Sohn ein Dach über dem Kopf bietet.

Doch das würde Daryl ihnen nicht sagen, denn er kannte Carols Vorbehalte und wollte sie nicht noch schüren. Nach wie vor hielt er Rick für einen guten Anführer, er konnte nicht umhin, seine Durchsetzungskraft zu bewundern, und jetzt stand er mehr denn je in seiner Schuld, nach dem, was er bereit gewesen wäre auf sich zu nehmen, um ein Gegenmittel für Daryl zu besorgen.

„Weißt du schon, wann du entlassen wirst?", wollte Glenn wissen.

Daryl zuckte erneut mit den Schultern. Er wollte lieber nicht darüber nachdenken. Jetzt, wo er hier lag und nichts dagegen tun konnte, dass sie ihm Besuche abstatteten und mit ihm redeten fast wie mit einem Freund, erschien alles noch selbstverständlich … und einfach.

Doch wenn Saunders ihm erlaubte zu gehen …

Da gibt´s ´ne Wahl, die du noch zu treffen hast, Alter.

Sippe oder Gruppe.

Hehe. Das ist hier die Frage, oder?