Kapitel 7 - Neugierde

Ich befand mich in dem Einrichtungshaus, indem ich zuvor mit Alice war. Das Licht war nur ganz schwach und ich hörte nichts, außer dem aufgeregten Schlagen meines eigenen Herzens. Ich lief zwischen Sofas und Stühlen umher und war auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste was es war. Das ohnehin schon spärliche Licht im Einrichtungshaus wurde immer weniger und ich spürte, wie die Angst in mein Herz kroch. Immer panischer lief ich von der einen Ecke des hallenartigen Raumes in die nächste. Ich hatte mich verlaufen. Als fast kein Licht mehr übrig war, blieb ich an irgendetwas hängen und stolperte. Mein Knöchel schmerzte und ich war nicht mehr in der Lage weiterzulaufen. Ich kniete mich auf den Boden und hielt meinen pochenden Knöchel mit meinen Händen umschlungen. Ein Knarren, das nur wenige Meter von mir entfernt entstanden sein konnte, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. In der schwarzen Wand öffnete sich langsam eine Türe, aus der gleißendes Licht schien, das mich blendete. In dem Licht konnte ich die Silhouette einer Person ausmachen, eines Mannes. ER hatte die Türe knarrend geöffnet.

Ich erschrak mich beinahe zu Tode, als ein lautes und regelmäßiges Piepen den Raum erfüllte und von dessen Wänden widerhall. Das Piepen wurde immer lauter und bedrohlicher.

Ich öffnete meine Augen, als ich das Piepen des Weckers, das immer lauter und hektischer wurde, nicht länger ignorieren konnte. Meine Augen waren etwas geschwollen und noch schwer vom Schlaf. In meinem Wohnzimmer war es schon hell, wenn auch die am Himmel hängenden Wolken das Sonnenlicht dämpften. Ich suchte mit Augen und Ohren nach der Quelle des nervigen Alarms und ergriff zunächst mein Handy, dessen Wecker ich am Vorabend gestellt hatte. Ich beschuldigte jedoch den Falschen, denn mein Handy schlummerte noch friedlich und war nicht Verursacher des nervtötenden Geräusches.

Ich schlug mir die Wolldecke von den Beinen und stand wackelig in meinem Wohnzimmer. Meine nun erhöhte Position erlaubte, dass mein Blick auf mein Bücherregal, das neben dem Fernseher stand, fiel. Schnell machte ich den Verursacher meiner schon drohenden Kopfschmerzen aus: Im obersten Fach des Regales stand ein silbrig glänzender Wecker, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. „Alice!", war alles was ich sagen konnte und wollte. Ich ergriff das grauenvolle Ding und untersuchte es auf mögliche Aus-Knöpfe. Auf seiner Rückseite wurde ich fündig. Die plötzliche Stille, die nach dem Drücken des Knopfes unverzüglich eintrat, war wie der Himmel auf Erden, war wie Frieden in Dosen, war wie ein Glas Wasser und zwei Advil. Ich drehte den Wecker um, sodass ich auf der Vorderseite die Uhrzeit lesen konnte. Sechs Uhr dreißig? Sechs Uhr dreißig! „Alice!", hörte ich mich wieder selbst sagen. Ich stöhnte bei dem Gedanken daran, an einem freien Tag, schon so früh auf den Beinen zu sein. Ich überlegte kurz ob es Sinn machte, sich noch für ein halbes Stündchen zurück auf die Couch zu legen. Mein verstohlener Blick in Richtung des Objektes meiner Begierde wurde jedoch von einem anderen Objekt abgelenkt. Mein Handy, das immer noch auf dem Wohnzimmertisch lag, erinnerte mich daran, dass der nächste nervige Alarm in einer knappen halben Stunde losgehen würde und so entschied ich mich gegen ein Verlängerungsschläfchen.

Gähnend trottete ich in Richtung Bad und nahm auf dem Weg dorthin aus dem Umzugskarton, auf dem mit schwarzem Edding „Kleidung" geschrieben stand, einen Satz frischer Klamotten heraus.

Im Bad zog ich mich aus, stieg unter die Dusche und ließ mich von dem heißen Wasser rein waschen. Ich stand wohl eine ganze Zeit lang unter dem fließenden Wasser, denn ich merkte, wie es immer kälter und kälter wurde. Ich stellte das inzwischen nur noch lauwarme Wasser aus, trocknete mich ab und zog mich an. Meine schmutzige Kleidung steckte ich in den alten grünen Wäschekorb aus geflochtenem Plastik, den ich aus Coral Springs mitgebracht hatte und der mich auch schon während meines Studiums in LA begleitete.

In dem großen Spiegel, der über dem Waschbecken hing, sah ich mein vom heißen Wasser der Dusche gerötetes Gesicht, das von meinen braunen Locken, die im nassen Zustand fast schwarz aussahen, umrahmt wurde. Nun, da die Dusche abgestellt war, hörte ich wieder das nervige Piepsen von Alices Wecker aus meinem Wohnzimmer dringen. Schnell lief ich, noch ohne Socken, hinüber in das andere Zimmer, dem Dröhnen des Weckers entgegen. Das immer lauter werdende Geräusch erinnerte mich an den Traum, den ich kurz vor dem Aufwachen hatte und mir wurde unbehaglich. „Was für ein seltsamer Traum", sagte ich gedankenverloren, als ich den richtigen Knopf zum Ausschalten des Weckers fand. Zuvor hatte ich wohl nur die Schlummerfunktion gedrückt.

Pünktlich auf die Minute klingelte es um acht Uhr an meiner Haustüre. Ich saß gerade mit einer Tasse Kaffee an meinem neuen Esszimmertisch und blätterte in einem Werbeblättchen, das ich schon am Vortag aus dem Briefkasten genommen hatte.

Nur eine Stunde später war alles erledigt. Mein neuer weißer Schreibtisch stand, genau wie mein neuer Kleiderschrank, in meinem Schlafzimmer. Insbesondere der Kleiderschrank schien jedoch ohne Inhalt seelenlos zu sein und so räumte ich die Utensilien aus dem braunen Umzugskarton mit der Aufschrift „Kleidung" in den Schrank hinein. Es dauerte keine zehn Minuten, bis alles an seinem Platz lag und es dauerte dann keine zehn Sekunden bis ich bemerkte, dass der geräumige Schrank zu drei Vierteln leer war. „Das muss ich Alice verschweigen, sonst schleppt sie mich zum Einkaufen", sagte ich leise zu mir selbst. „Einkaufen…", wiederholte ich das letzte Wort. Ich hatte nichts zu essen und nichts zu trinken im Haus, wenn man von dem frisch aufgebrühten Kaffee einmal absah.

Der nächste Supermarkt befand sich zwar nur einen guten Kilometer entfernt, wo ich auch ohne Probleme hätte hinlaufen können, jedoch würde sich der Rückweg etwas schwieriger gestalten. Ich dachte kurz nach, während ich meine zweite Tasse Kaffee trank. Ich entschied mich dazu, etwas später nur das Notwendigste zu besorgen und dann die schweren Sachen morgen zu kaufen, wenn ich endlich wieder mein Auto haben würde. Ich blätterte noch eine Weile gedankenverloren im Werbeblättchen und als mein Handy klingelte, war Rosalie am anderen Ende der Leitung.

„Hey Bella!", rief sie mit überschäumendem Frohmut in das Telefon, sodass ich mein Handy instinktiv ein Stück von meinem Ohr weghielt.

„Hey Rose! Alles klar? Du klingst so aufgedreht!"

„Ja, sicher. Bei mir ist alles klar. Alles ist wunderbar. Ich hab gerade mit Alice gesprochen. Sie meinte, du wolltest heute Abend für die Clique kochen?", fragte Rosalie, mit unsicher werdender Stimme.

„Ähm, …ja. Richtig. Ich hätte dich auch später noch angerufen. Du kannst doch, oder?", fragte ich.

„Ja. Ich habe heute Abend Zeit. Es ist nur…" Rose hatte, was ganz untypisch für sie war, Probleme zu sprechen. „Wäre es dir denn Recht, wenn ich Emmett mitbringen würde?"

Ich musste schmunzeln, als ich merkte, warum Rose aufgeregt war. Ich überlegte einen kurzen Moment lang, sie aufzuziehen, wollte ihr den Schock dann aber doch ersparen.

„Na sicher bringst du Emmett mit! Ich will ihn doch auch ein bisschen besser kennenlernen. Vorgestern hab ich ja schon fast mit dem Kopf in der Lasagne gehangen, als wir uns unterhalten haben."

Rosalie lachte erleichtert. „Gut. Dann ist es abgemacht. Soll ich dir für heute Abend noch irgendetwas mitbringen? Brauchst du noch was?"

Das war mein Stichwort. Brauchte ich etwas? Eigentlich hatte ich noch gar nichts. „Da triffst du den richtigen Nerv. Rose?", fragte ich zögernd. „Was machst du denn gerade?"

„Im Moment bin ich noch zu Hause. Aber ich wollte gleich einkaufen gehen. Wieso?"

Ich war gerettet. „Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mich mitnehmen? Ich hab nämlich noch gar nichts."

Kurz nach unserem Telefonat holte Rosalie mich zu Hause ab. Sie hatte wie jeden Dienstag frei, da sie immer sonntags arbeitete. Rose war die Top-Verkäuferin des BMW Autohauses an der Route 101, das vor drei Jahren eröffnet hatte. Sie liebte ihr ganzes Leben schon Autos und hohe Geschwindigkeit. Und am meisten liebte sie Autos mit hoher Geschwindigkeit. Auch wenn man die gut aussehende Rose im ersten Moment nicht für eine Frau hält, die sich unter der Motorhaube auskennt, so ist sie doch vom Fach. Vor ihrer Karriere als Verkäuferin machte sie eine Lehre zur KFZ-Mechanikerin. Eine Mechaniker-Freundin zu haben war doch sehr praktisch. Als sie mich einmal in LA besuchte und mein alter Truck just zu diesem Zeitpunkt beschlossen hatte, sich eine Auszeit zu nehmen, da machte sie ihn wieder flott – ohne lästigen Werkstatttermin und ohne Geld dafür zu wollen.

Rose und ich waren über zwei Stunden gemeinsam im Supermarkt. Mir kam es fast so vor, als hätten wir den ganzen Laden leer gekauft. Die zahlreichen großen braunen Papiertüten voll mit Lebensmittel in Roses BMW Cabrio stopfend, weinte ich meinem alten Chevy eine leise Träne nach. Auf dessen Ladefläche hätte wohl der halbe Supermarkt gepasst.

Während Rose wieder auf dem Weg nach Hause war, räumte ich die vielen Päckchen, Tüten und Dosen, die ich im Laden gekauft hatte, in meine neuen und geräumigen Küchenschränke ein. Den Kühlschrank stopfte ich mit den Sachen voll, die ich in einer Kühltasche nach Hause transportiert hatte.

Geschafft von den ersten Anstrengungen des Tages, beschloss ich eine kleine Pause zu machen, bevor ich mit dem Ausräumen der Kisten weitermachen würde. Im Fernsehen liefen am frühen Nachmittag nur stumpfsinnige Talkshows, in denen sich Familien, Freunde und Paare – oder auch die „Ex-Versionen" der beiden letztgenannten- gegenseitig diverser Dinge beschuldigten. Nein, das konnte ich mir nicht antun. Durch die Fernsehkanäle zappend, blieb ich bei einer Kochsendung hängen. Im Fernsehen wurde gerade Forelle gezaubert, ich würde am Abend meinen Gästen selbst gemachte Pizza servieren. Die Zutaten hatte ich alle beisammen, den Hefeteig hatte ich vorbereitet, aber noch in den Kühlschrank gestellt, damit er nicht zu schnell hochging.

Ich sah dem Fernsehküchenchef mehr gleichgültig als gespannt bei der Zubereitung der Forelle zu, als es an der Tür klingelte. Inzwischen bekannt mit dem Geräusch, ging ich in den Flur, um die Tür zu öffnen. Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters stand mit einem gut gelaunten Lachen vor mir, während er meinen Volvo-Schlüssel hoch hielt. Als ich den Schlüssel sah, glich mein Lächeln wohl sehr bald dem meines Gegenübers.

Ein lockeres Gespräch über den Verkehr zwischen Coral Springs und Forks später, hatte ich die Papiere unterschrieben und den Schlüssel meines Volvos in der Hand. Ich parkte ihn in der Einfahrt zur Garage, die bei meiner Wohnung mit dabei war, bevor ich wieder ins Haus ging, um meine Pause fortzusetzen.

Die Kochsendung kam gerade aus der Werbepause zurück und machte mit einem Beitrag zur Dekoration des Tisches weiter. Die Designerin zeigte dem interessierten Publikum den Tischschmuck, der aus einem kleinen Fischernetz, Muscheln und einem Flaschenboot bestand. Sie erklärte, dass sie sich dazu entschlossen habe, die Dekoration als Motto, passend zum Essen aufzulegen.

Mir kam ein Gedanke. Die Knoblauchknollen und die Tomaten, die ich gekauft hatte, und mein Basilikum als Tischschmuck würden dem Abend einen italienischen Hauch verleihen. Doch war das genug, um ein Motto zu erkennen? Mir kam der Gedanke, dass ich Charlie vor ein paar Jahren zum Geburtstag einen Satz großer Pizzateller geschenkt hatte. Jeder Teller war mit der Zeichnung einer italienischen Sehenswürdigkeit versehen. Ich konnte mich nicht mehr genau erinnern, aber den schiefen Turm von Pisa und das Kolosseum hatte ich noch vor Augen. Die Teller würden helfen, dem Abend etwas mehr „Motto" zu verleihen.

Ich beschloss Charlie zu bitten, mir die Teller für den Abend auszuleihen. Wohnungs- und Autoschlüssel greifend zog ich mir eine dünne Jeansjacke über, denn der heutige Tag war etwas kühl.

Endlich wiedervereint fuhren mein Volvo und ich zu Charlie auf die Polizeistation, um mir die Teller von ihm auszuleihen. Unterwegs machte ich an einer Bäckerei halt. Dort besorgte ich für ihn ein paar Bestehungs-Donuts.

„Hey Bells! Was machst du denn hier? Willst du mir beim Berichte-Tippen zusehen?", fragte mein Dad scherzhaft, als er mich im Türrahmen zu seinem Büro stehen sah.

„Igitt! Nein, lass mal. Danke!", sagte ich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck, der bald einem verschmitzten Lächeln wich. „Ich bringe dir ein paar Donuts vorbei."

„Oh! Yumm! Aber, wie komm ich zu der Ehre?", fragte Charlie nach. Er ahnte, dass ich nicht ganz selbstlos war.

„Könnte ich mir vielleicht die großen Pizzateller ausleihen, die ich dir mal geschenkt habe? Meine Freunde kommen heute Abend zum Pizzaessen."

Charlie starrte mir einen Moment länger ins Gesicht als nötig. Seine Augen wurden etwas schmaler, als müsse er angestrengt nachdenken.

„Ach! Die mit den Bildern drauf!", rief Charlie viel zu laut für das kleine Bürozimmer. „Klar, du kannst sie zu Hause abholen. Sie stehen in einer Kiste auf dem Speicher", sagte Charlie mit einem zunächst offenen Gesichtsausdruck. Als ich ihn fragend ansah, bemerkte er, dass das nicht der ideale Standort für ein Geschenk seiner liebenden Tochter war. Erklärend fügte er hinzu „Die Teller sind zu groß für meinen Küchenschrank!"

„Ach so. Stimmt, das hast du damals schon gesagt. Prima, dann gehe ich sie gleich holen."

Ich fuhr die wenigen Kilometer bis zu meinem Elternhaus in Gedanken. Ich hatte das Haus schon länger nicht mehr betreten, - dass ich darin wohnte war noch viel länger her. Und obwohl ich einen Haustürschlüssel hatte, kam ich mir wie jemand vor, der irgendwo unerlaubt eindrang.

Im Haus war alles noch wie eh und je. Lediglich an der Wand mit den Familienfotos war noch ein weiteres dazugekommen. Alice und ich lachten von dem Foto, das auf ihrer und Jaspers Hochzeit geschossen wurde. Ansonsten war alles wie immer. Es roch sogar wie immer.

Ich stieg die Treppen zum Obergeschoss hinauf. Die Lucke zum Dachboden befand sich in Charlies Schlafzimmer. Ich zog an dem Kordel, das von der Decke hing, die Lucke öffnete sich und eine Leiter senkte sich langsam nach unten ab. Eine Staubwolke, die vom Dachboden her wehte, brachte mich kurz zum Husten.

Charlie hatte immer geplant, den Dachboden auszubauen. So hätte ich, wenn ich in der High School wäre, dort oben eine eigene kleine Wohnung und würde trotzdem mit meinen Eltern zusammen im Haus leben, sagte er früher immer. Ich ging nie in Forks zur High School, ich hatte nie eine eigene kleine Wohnung im Haus meiner Eltern.

Der Dachboden war sehr staubig.

„Ohje!", rutschte es mir heraus, als ich die vielen unbeschrifteten Kisten sah, die dort herumstanden. Ich müsste wohl eine nach der anderen durchsuchen. Wie lange das wohl dauert?

Ich begann mit den vorderen Kisten, da hier die Wahrscheinlichkeit größer war, die Teller zu finden.

In der ersten Kiste waren nur alte Klamotten von Charlie drin, bei denen er es nicht über das Herz brachte, sie einfach wegzuschmeißen. Die beiden nächsten Kartons beherbergten alte Lampen, die früher in Wohnzimmer und Küche hingen. „Der alte Messi!", murmelte ich vor mich hin.

Obwohl die nächste Kiste nicht danach aussah, als ob sie in den letzten zehn Jahren geöffnet worden wäre, zog mich trotzdem etwas zu ihr hin. Die Neugierde hatte mich gepackt…