Kapitel VI
Während sie zur Executor zurückflogen, hielt Bria den Kopf gesenkt und ließ sich das rotblonde Haar ins Gesicht fallen, um sich vor Han und der Welt zu verstecken. Han selber war ungewöhnlich still und sagte nur dann etwas, wenn Vader ihn ansprach.
Als sie den Sternzerstörer erreichten, stürmte Han sofort los und verschwand in dem gigantischen Schiff. Er wollte weder hören noch sehen, was mit Bria und ihren Kameraden geschah.
Doch egal, wie hart es für ihn war, an das Leid zu denken, das höchstwahrscheinlich auf sie zukam, es war noch viel härter für ihn, sich damit abzufinden, dass sie ihn betrogen hatte.
Er schüttelte den Gedanken ab und machte sich auf die Suche nach ein paar anderen Piloten, um sich mit einem Sabacc-Spiel abzulenken.
Vader dachte über Solos Reaktion auf Tharen nach, während er die Befehle gab, sie und ihre Leute für die Nacht in Zellen einzusperren, und die Jagd auf die Tantive IV zu eröffnen. Offenbar hatte Solo einmal viel für sie empfunden – und tat das vielleicht immer noch. Es würde ihm nicht leicht fallen, zu akzeptieren, dass sie eine Verräterin war. Vader wusste das aus persönlicher Erfahrung.
Er beschloss, dass er mit Solo reden würde. Er würde Tharen befragen müssen, daran bestand kein Zweifel und es gab auch keine Alternative dazu. Aber wenn es irgendetwas gab, was er tun konnte, um die Sache für Solo leichter zu machen, dann würde er es tun.
Verdammt! Er wurde schon wieder sentimental! Das letzte Mal, als ihm das passiert war, hatte er Solo ein Schiff geschenkt. Er stöhnte innerlich. Es war Pech für Solo, und sogar noch schlimmeres Pech für Tharen, dass er ihm diesmal nichts schenken konnte. Zumindest war er im Moment nicht dazu bereit.
Vielleicht würde er doch nicht mit Solo reden, dachte er. Aber als er sich auf den Weg zu seinem Quartier machte, nahm er sich schon wieder fest vor, den Piloten zu sich zu rufen, ehe er in den Gefängnisblock ging.
Han schleppte sich am nächsten Morgen zu Vaders Quartier. Er wusste, dass Vader mit ihm über die Sache mit ihm und Bria reden wollte, und das war etwas, was er eigentlich unter keinen Umständen besprechen wollte.
Er klopfte an der großen Tür, die zum inneren Teil von Vaders Räumen führte, wo die hyperbarische Kammer stand. Die Tür schwang auf, und Han stand plötzlich einem unmaskierten Vader gegenüber. Er sah zu Boden.
„Solo."
„Mylord."
Vader betrachtete ihn mit diesen wahnsinnig blauen Augen.
Schließlich sagte er: „Tharen bedeutet Ihnen etwas, nicht wahr?"
Han stierte den Boden unentwegt böse an.
„Sie hat mich betrogen. Sie sagte, ich sollte der Flotte beitreten, und dann ist sie abgehauen und hat sich der Rebellion angeschlossen!"
„Es ist trotzdem schwer, sie loszulassen, nicht wahr?" Vaders Stimme war – unbeeinträchtigt vom Stimmverstärker –, um ein Vielfaches verständnisvoller, als Han es sich jemals hätte träumen lassen.
„Ich will sie loslassen", beharrte Han.
„Das stand auch nicht zur Frage."
Han hob unvermittelt den Kopf und begegnete Vaders Blick.
„Warum wollen Sie das eigentlich wissen?"
Vader hielt seine vernarbten Gesichtszüge sorgfältig regungslos, aber ein Muskel in seiner Wange zuckte.
„Ich muss sie heute Morgen befragen, Han", sagte er und benutzte damit Hans Vornamen zum allerersten Mal. Han hatte nicht einmal sicher gewusst, ob der Dunkle Lord seinen Vornamen überhaupt kannte. „Daran führt kein Weg vorbei. Aber wenn es irgendetwas gibt, womit ich es für Sie weniger schmerzhaft machen kann..."
„Nein", warf Han ein. „Da gibt es nichts."
Vader sah ihn schief an. „Wenn Sie das sagen."
„Tue ich." Han drehte sich um, um den Raum zu verlassen, dann wandte er sich wieder an seinen Chef, als ihn ein Verdacht befiel. „Sie sind auch einmal betrogen worden, nicht wahr?", sagte er. „Jemand, den Sie geliebt haben, hat Sie verletzt."
„Mehr als ein Jemand", erwiderte Vader und betätigte einen Schalter.
Die Maske senkte sich auf sein Gesicht herab und wurde befestigt, gefolgt vom Helm. Der Sith erhob sich in seiner ganzen Pracht. Trotzdem fühlte Han zum ersten Mal eine wahre Seelenverwandtschaft mit seinem Vorgesetzten, und er wusste, dass Vader dasselbe fühlte, als er seine Schritte an Hans anpasste, sodass er und Han bequem Seite an Seite aus der Suite gingen.
Vader starrte Tharen an und versuchte, herauszufinden, was sein Pilot an ihr fand. Obwohl er zugeben musste, dass sie ein hübsche Frau war, konnte er schlicht nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass sie eine Rebellin war. Obwohl das vielleicht auch daran liegen mochte, dass sie ihn mit jedem Atemzug an den Arsch der Galaxis verfluchte.
Als einer der Offiziere, der Angst vor Vaders Zorn hatte, dazu ansetzte, sie zu ohrfeigen, packte Vader ihn am Handgelenk. Es kümmerte ihn nicht direkt, ob Tharen verletzt wurde oder nicht, aber er konnte Solos Anwesenheit im Beobachtungsraum spüren, auf der anderen Seite des Einwegspiegels, und er versuchte um seinetwillen, Tharens Schmerz auf ein Minimum zu reduzieren.
Verdammter Pilot, warum musste er auch zum Zusehen kommen?
Du wärst auch nicht in der Lage gewesen, wegzubleiben, informierte ihn eine leise Stimme im Hinterkopf. In Gedanken schlug er dieser Stimme einen Knüppel um die Ohren.
„Bindet sie fest", befahl er und ließ den Offizier los, ohne ein Wort über den Zwischenfall zu verlieren.
Sie verstummte, während Angst in ihre Augen schlich, eine Angst, die Vader kannte. Ah, also hat sie Angst davor, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren, sinnierte Vader. Sie kann es nicht haben, bewegungsunfähig zu sein, besonders dann nicht, wenn sie gerade Bewegungsfreiheit haben will.
Als sie festgebunden war, nahm Vader eine Spritze in die Hand und hielt sie hoch, aber er drehte seinen Körper so, dass man die Nadel vom Beobachtungsraum aus nicht sehen konnte. Er sorgte aber dafür, dass Tharen sie genau sehen konnte, und drückte vorsichtig auf den Kolben, bis die Flüssigkeit an der Nadelspitze hervorquoll, dann tippte er die Spritze an, um Luftblasen zu beseitigen. Er sah mit geradezu klinischer Distanziertheit zu, wie Tharen anfing, zu zittern.
Normalerweise würde er die Nadel in ihren Bauch oder ihren Hals stechen, als psychologische Waffe. Er wusste, dass Frauen wie Tharen es nicht ausstehen konnten, wenn ein fremder Mann die zarte Haut an diesen Stellen berührte. Wenn es dann auch noch jemand wie er war, jemand, den sie hassten und der ihnen wehtun würde, dann war das fast so schlimm wie ein sexueller Missbrauch. Besonders wirksam war es, wenn er freundlich zu ihnen war, beinahe schon beruhigend, wenn er sie streichelte. Das versetzte sie in Horror. Eine der anderen Rebellinnen war eine solche Frau gewesen – sie war innerhalb von fünfundvierzig Minuten zusammengebrochen, nur um Vaders Hände von ihrem nackten Bauch wegzubekommen.
Es war ebenfalls eine gute Sache, wenn ihre Ehemänner oder Freunde zusahen. Solo jedoch war jemand, den Vader als Verbündeten haben wollte, nicht als Feind. Er stach mit der Nadel in Tharens Oberarm und drückte den Kolben herunter.
Sie schrie auf, als die ätzende Flüssigkeit in ihren Venen brannte und sich in ihrem Herzen ansammelte. Sie sträubte sich gegen ihre Fesseln, aber die Bewegung sorgte nur dafür, dass die Droge sich schneller in ihrem Körper verteilte, weil ihr Puls raste. Sie sank regungslos und wimmernd zurück.
Vader hielt eine weitere Spritze hoch.
„Das ist das Gegenmittel", informierte er Tharen. „Sagen Sie mir, was ich wissen will, und ich werde es Ihnen geben."
Han fragte sich, was ihn geritten hatte, herzukommen und zuzusehen, wie Vader Bria befragte. Er war jetzt schon kurz davor, sich zu übergeben, und dabei waren sie erst bei der ersten Befragungstechnik, bei der schwächsten, am wenigsten schmerzhaften.
Sag ihm einfach die Wahrheit, flehte er Bria im Stillen an. Dann wird er dich töten und alles ist vorbei.
Bria öffnete den Mund.
„Fahr zur Hölle", spie sie Vader entgegen.
„Da sind wir schon", sagte er leichthin und gab einem Assistenten ein Zeichen, die nächste Droge herzurichten.
Sie blieben stundenlang dabei. Vader war gegen seinen Willen beeindruckt. Sie hielt länger durch als jeder andere, den er selbst befragt hatte. Schließlich kamen sie zur letzten Droge, die sie zur Verfügung hatten, aber Vader war immer noch nicht bereit, aufzugeben.
Die letzte Droge machte sie für Suggestion empfänglich. Vader hatte die Macht benutzt, um sie dazu zu bringen, zu reden, aber sie hatte immer noch standgehalten. Jetzt konnte er nur noch eine Sache ausprobieren, etwas, was er niemals zuvor hatte tun müssen.
Er dachte darüber nach, denn eigentlich wollte er seinen Geist nicht so weit öffnen, wie er es tun musste, um seinen Plan durchführen zu können, aber Tharen würde sowieso bald tot sein... Er legte eine Hand auf ihre verschwitzte Stirn und schickte seine eigenen Erinnerungen in das Schmerzzentrum ihres Gehirns.
Sie schrie, als Mustafars Feuer sie lebendig verbrannten, aber sie redete immer noch nicht.
Tharen war in Ohnmacht gefallen. Vader hoffte wirklich, dass ihre Kameraden kooperativer sein würden. Er strich mit der Hand über ihre Schläfe, dann sah er geradewegs in den Einwegspiegel, denn er wusste, dass Solo immer noch zusah.
Er klopfte mit einem Finger gegen ihr dichtes, rotblondes Haar und durchtrennte eine Nervenbahn. Ihr Herzschlag stoppte und Bria Tharen starb.
Han machte sich zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Weg zu Vaders Quartier und diesmal ließ er sich selber rein, ohne auch nur zu klopfen. Vader hatte den Anzug abgelegt, offenbar befand er sich in tiefer Meditation.
Han setzte sich hin, um zu warten.
Schließlich öffneten sich Vaders Augen. Er schien nicht überrascht, Han an die Wand gelehnt dasitzen zu sehen.
„Sie hätten nicht zusehen müssen", sagte er.
Han erschrak; er war überrascht, dass Vader davon gewusst hatte, aber dann gab er sich in Gedanken selbst einen Tritt. Wen wollte er hier eigentlich verarschen? Vader wusste alles.
„Ich weiß", antwortete Han. Er atmete tief durch. „Ich wollte nur danke sagen."
Han hatte nicht gedacht, dass es möglich war, Vader zu schockieren, aber er hatte genau das geschafft.
„Wofür?", fragte der Sith-Lord, und der Blick aus seinen blauen Augen wirkte verwirrt.
„Dass Sie ihr einen leichten Tod gegeben haben", erwiderte Han. „Dass Sie sie nicht mehr haben leiden lassen, als es unbedingt sein musste."
Verständnis dämmerte in Vaders Blick, und der Sith nickte einmal ernst.
„Gern geschehen", antwortete er, und die Worte klangen seltsam aus seinem Mund.
Han nickte zurück und ließ den Dunklen Lord mit seinen Gedanken alleine.
