Auf der Suche
Eine wahre Freundschaft„Psst, Silivren, hierher!"
Silivren war gerade dabei einem Kunden Wein einzugießen, als sie Jacites Stimme hörte.
Aus Neugier drehte sie ihr Kopf auf der Suche nach Jacite und schüttelte aus Versehen Wein über das Hemd des Herren.
„Es tut mir so schrecklich leid", rief sie aus und versuchte verzweifelt den Fleck wegzuwischen.
Der Herr lachte nur schallend auf und beruhigte sie. „Macht doch nichts."
Silivren wollte schon mitlachen, doch dann ließ eine barsche Stimme sie zusammenzucken.
„Silivren! Was tust du da! Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst vorsichtig mit dem Wein umgehen!" Der Besitzer war überaus ungehalten. Das Wort, fand Silivren, war noch höchst untertrieben um seine derzeitige Laune zu beschreiben.
Der Kunde hielt ihn zurück. „Ich habe der Dame schon gesagt, dass es mir nichts ausmacht. Ich habe genug andere Hemden." Der Besitzer reagierte nicht auf seine Worte, sondern warf Silivren einen Blick zu, das heißen soll: Diesmal kommst du mir nicht davon! Silivren erblasste. Sie entschuldigte sich bei dem Kunden und flüchtete auf ihr Zimmer. Der Herr sah ihr nur perplex hinterher.
Sie atmete tief ein und aus um sich zu beruhigen.
Plötzlich hörte sie ein Klopfen an ihrer Zimmertür. Sie erschrak. Konnte es der Besitzer sein?„Silivren, ich bin es. Bitte öffne doch die Tür", erklang Jacites Stimme. Silivren atmete erleichtert aus und ließ Jacite rein. Jacite sah sie entschuldigend an. „Es tut mir leid. Es ist alles meine Schuld gewesen. Ich habe dich abgelenkt."
„Nein", widersprach Silivren ihr, „er hat sowieso nur einen Grund gesucht, um sich für vorhin zu revanchieren."
Tatsächlich hatte der Besitzer Silivren auf dem Gang bedrängt. Sie war, während er kurz abgelenkt war, in dem Vorraum geflüchtet, wo sich zurzeit halbwegs kultivierte Menschen befanden.
Da sie keine andere Erklärung für die Kunden fand, warum sie im Vorraum war, als dass man sie gebeten hatte, die Besucher zu bedienen, hatte sie angefangen den Gästen Wein einzugießen.
Jacites Gesicht verdunkelte sich voll schlechter Vorahnung. „Vorhin? Was ist passiert?" Sie setzten sich auf Silivrens Bett und Silivren erzählte ihr die ganze Geschichte. Jacite war entsetzt. „Er hat es auf dich abgesehen. Jetzt wird er dich solange mit Knochenarbeit quälen, bis du nachgibst. Dasselbe hat er auch bei anderen Mädchen gemacht."
„Was soll ich dann tun?" Silivren blickte sie Hilfe suchend an. Jacite schien für einen Moment nachzudenken.
„Du musst dich bei den Kunden beliebt machen. So wird ihm nichts Anderes übrig bleiben, als dich normal arbeiten zu lassen", schlug sie vor.
„Aber", fing Silivren an, „ich müsste dann..." Ihr behagte der Gedanke nicht, Freudenmädchen zu sein.
„Das musst du so oder so", stellte Jacite als Fakt dar. „Ich habe zwar eine Idee, wie du es verhindern kannst, aber glaub mir, es funktioniert nicht immer."
Silivren nickte. Sie wusste, irgendwann musste sie diesen Fakt akzeptieren. Sie war Freudenmädchen. Außerdem hatte Jacite es recht gut überstanden, warum dann nicht sie?
Flüsternd erklärte ihr Jacite, wie sie ihr die Arbeit erleichtern kann.
„Viele Männer trinken gerne. Jedes Mal während du dir einen Kunden angelst, stelle ich dir eine Flasche Wein und zwei Gläser auf dem Tisch und viele Flaschen Wein unter dem Tisch in deinem Gästezimmer. Ich schüttle Schlafpulver in die Flaschen hinein. Danach gebe ich dir ein Zeichen an der Tür vom Vorraum und du kannst mit dem Kunden auf das Zimmer gehen. Dort gießt du ihm Wein ein und überzeugst ihn immerweiter zutrinken."
Jacite stoppt kurz, fuhr weiter dann weiter in einem verschwörerischen Ton: „Pass aber auf, dass er nicht bemerkt, dass du Nichts trinkst. Am besten lenkst du ihn vorerst mit Komplimenten ab. Wenn er trotzdem Verdacht schöpft, musst du zu härteren Methoden greifen. Das machst du solange weiter bis er eingeschlafen ist. Ich versichere dir, er wird sich am nächsten Morgen an gar nichts mehr erinnern. Das wird dann auch sein geringstes Problem sein."
Da mussten beide lachen. Silivren umarmte Jacite erleichtert. „Vielen Dank" Jacite winkte ab. „Kein Problem, dafür sind doch Freunde da", erwiderte diese.
Silivren wusste, sie hatte eine echte Freundin gefunden.
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Jetzt, wo sie verlobt war, drängten ihre Eltern sie einen Hochzeitstermin festzulegen. Warum konnten sie sich nicht mit dem, was war, zufrieden stellen?
Sie wollte John nicht heiraten, bevor sie ihr Studium abgeschlossen hatte. Bald waren die Prüfungen.
Nur hier, in der Universitätsbibliothek, konnte sie in Ruhe lernen.
„Darf ich?", fragte sie ein Student und deutete auf den Platz auf der anderen Seite des Tisches. „Natürlich"
Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick und wendete sich wieder ihrer Arbeit zu.
Nach einiger Zeit spürte sie seine Augen auf sich und, von einer inneren Unruhe gepackt, stand sie auf, nahm ihre Sachen und wollte gehen. Sie war schon fast an der Eingangstür angekommen, als eine Stimme sie zurückhielt. „Warten Sie, Sie haben ihr Buch vergessen!"
Sie drehte sich um und sah den jungen Mann mit ihrem Buch in der Hand auf sich zugehen. Er hatte braune Haare. Er hielt ihr das Buch hin. Sie bedankte sich und nahm das Buch an sich. Da berührten sich ihre Hände.
„Ich wollte mich noch vorstellen. Mein Name ist Andrew Wiles", sagte er lächelnd und streckte ihr seine Hand aus. Sie ergriff sie. „Sehr erfreut, Mr Wiles. Ich bin Elizabeth Madison." Sie schüttelten sich die Hände.
Erst da bemerkte Elizabeth, dass sie ihr Verlobungsring zuhause vergessen hatte.
„Sie können mich Andrew nennen. Ich habe es nicht so mit Mr Wiles." Sie lachte. „Okay, Andrew, dann musst du mich aber auch Elizabeth nennen."
„Sehr gerne" Sie sah ihm in die Augen. Sie waren grün.
Sie schaute kurz auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt leider gehen. Es hat mich sehr gefreut, Andrew." „Mir auch, wir sehen uns?" „Ich hoffe es." Damit begab sich Elizabeth auf den Weg nach Hause.
Andrew Wiles, dachte sie sich, war zwar unscheinbar und jemand, den man leicht übersehen konnte, aber bestimmt ein wahrer Freund.
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Silivren fühlte sich wie gerädert.
Der Besitzer hatte, wie sie es vorausgesehen hatte, ihr befohlen die ganze Nacht lang den Boden zu wischen. Jacite hatte ihr voll schlechtem Gewissen geholfen, obwohl sie ihr versichert hatte, dass sie es alleine schaffe.
Todmüde fiel sie in ihr Bett. Schon bald holte sie der Schlaf ein.
