Nun endlich waren sie alle aus dem Gröbsten heraus. Auch wenn sie noch immer heimatlos waren, so schwebten sie nicht mehr in unmittelbarer Gefahr. Zudem machte das Leben in der Gruppe vieles leichter und erträglicher. Abgesehen davon hatte es sich Gil-galad auf die Fahne geschrieben, sich persönlich um das Wohlergehen der Zwillinge zu kümmern.

Einige Tage waren die beiden Brüder bettlägerig. Sie mussten erst nach und nach mit dünner Suppe und Zwieback angefüttert werden, damit sie genügend Kraft hatten, sich überhaupt von selbst hinzusetzen, so knapp waren sie dem Tod von der Schippe gesprungen. In dieser Zeit hatte Elrond viele Gelegenheiten zum Nachdenken. Er merkte, dass er zwar schon einiges von der Heilkunst verstand, doch es war noch lange nicht alles und bei weitem nicht genug, um seinem Bruder zu helfen. Er beschloss nun endgültig, Heiler zu werden. Noch am selben Tag bat er Gil-galads Leibarzt, der die beiden pflegte, ihn in die Lehre zu nehmen. Elrond hatte seine Passion gefunden, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollte und nie wieder losließ.

Nun, da es den Zwillingen wieder gut genug ging, dass man ihnen eine längere Reise zumuten konnte, ließ Gil-galad das Lager abbrechen und gab Elros ein kleines Pferd, auf dem er reiten konnte; Elros war zwar wieder halbwegs zu Kräften gekommen, war jedoch noch immer von seiner Krankheit gezeichnet. Das einzige Problem war, dass das Pferd zu klein war, aber es fand sich kein anderes, das entbehrlich gewesen wäre.

So brachen sie nach Norden auf, Elros auf dem Pferd und den Füßen am Boden und Elrond nebenher laufend. Das wenige, das sie an Gepäck besaßen, luden sie dem Tier hinter Elros auf den Sattel auf.

Tags zuvor hatte einer der Kundschafter, die Gil-galad in das Umland entsendet hatte, den König erreicht. Früh an jenem Tag hatte es ein neuerliches heftiges Erdbeben gegeben, gefolgt von einem lang anhaltenden fernen Tosen. Der Bote berichtete, dass das Meer in der Region um die Quelle des Lhûn durch das Gebirge gebrochen und eine tiefe und breite Schneise gerissen habe. Im Verlaufe der nächsten Tage ließ der König die Situation weiter auskundschaften und so erfuhr er, dass das Meer viele Tage lang in das Land eingeströmt und den Lauf so mancher Flüsse umgekehrt hatte. Erst dann hatte es sich wieder beruhigt. Auf diese Weise waren die Förde von Lhûn entstanden.

Langsam zogen die Flüchtlinge nach Norden, um den neu entstandenen Golf zu umrunden und nördlich von ihm das Gebirge in Richtung Westen zu überqueren. Gil-galad verbrachte während dieser Reise viel Zeit bei den Zwillingen und unterhielt sich ausgiebig mit ihnen. Die Brüder lernten ihn schnell sehr zu schätzen und konnten gar nicht mehr aufhören, sich bei ihm für ihre Rettung zu bedanken. Besonders Elrond beteuerte immer wieder, wie tief er in des Königs Schuld stand, da dieser das Leben seines Bruder gerettet hatte. Wie Gil-galad nun einmal gewesen war, winkte er stets ab und meinte, daran sei doch nichts Besonderes gewesen; zwar hatte er Elrond (wie so manch anderer) immer wieder falsche Bescheidenheit vorgeworfen13, besaß hin und wieder jedoch selbst diese Eigenschaft.

Natürlich hatte Gil-galad den jungen Herren14 schon längst Rang und Namen zugesprochen. Elrond erhob er sogleich zu seinem Berater und sprach ihm hohe Adelstitel zu. Ebenso versprach er ihm, sofern sie wieder eine Heimat gefunden hatten, weitere Ländereien. Obgleich er weder Titel noch Ränge ablehnen konnte, so konnte sich Elrond zumindest gegen diese eine Sache erfolgreich mit Händen und Füßen wehren; erst mit Imladris viele Jahr später war er zum Herr seines eigenen Grund und Bodens geworden.

Elros' Stellung war in Gil-galads Volk lange ungeklärt, da er aber Elronds Bruder war, störte sich niemand wirklich daran. Dennoch sah Elros, so lange er noch bei Gil-galad geblieben war, zu, dass auch er sich nützlich machte, wo er nur konnte. Immerhin konnte er es ja nicht auf sich sitzen lassen, dass sein Bruder hart für Gil-galad arbeitete, er selbst aber den lieben langen Tag auf der faulen Haut lag.

Die beiden Halbelbenbrüder und Gil-galad verstanden sich vom ersten Tage an blendend und schon sehr bald schätzte Gil-galad ihren Rat weitaus höher als die der meisten anderen Würdenträger seines Hofstaates; tatsächlich waren Elrond und die Königinmutter Elloth jene beiden Elben, die den meisten Einfluss auf den König hatten, was sie faktisch zu den mächtigsten Personen des Reiches machte.

Elrond hatte von Anfang an Probleme, diese herausragende Stellung in der Gesellschaft als seine eigene anzusehen. Er verstand sich nicht als Angehöriger des Hochadels und als einflussreicher Würdenträger des Reiches, sondern als einfacher Elb, der sein Bestes tat, um seinem König und alsbald auch Freund zu dienen und ihn bei seiner schwierigen Aufgabe, ein Reich aus dem Nichts zu errichten, zu unterstützen. Lange Zeit blieb er dieser Auffassung treu und selbst heute noch sind Reste davon erhalten geblieben.

Darüber hinaus lernte Gil-galad die Brüder nicht nur als Berater zu schätzen sondern auch als jene Personen, die sie waren. Er diskutierte viel mit ihnen über alles Mögliche, scherzte und alberte mit ihnen. Auch ließ er sich liebend gern von ihnen etwas vorsingen und auf ihren Harfen vorspielen. In den ersten Tagen hatte Elrond noch protestiert, sein Bruder sei noch zu schwach dafür. Also hatte Gil-galad ihm gesagt, dass er dann eben alleine spielen könne. Dabei hasst es Elrond wie die Pest, vor anderen spielen zu müssen. Das hatte Gil-galad allerdings natürlich nicht davon abgehalten, ihn zu seinem Hofmusiker zu ernennen. Zu Elronds Glück hatte er diese Rolle jedoch nicht allzu häufig erfüllen müssen.

Indes hatten die Flüchtlinge den neuen Meeresarm umrundet und befanden sich nördlich von ihm. Nun wandten sie sich wieder westwärts, denn durch seine Kundschafter hatte Gil-galad bereits erfahren, dass zwar nahezu ganz Beleriand den Fluten zum Opfer gefallen war, jedoch weite Teile Ossiriands noch erhalten geblieben waren, wenn nun auch durch das Meer getrennt. Dieses Land erwählte Gil-galad als sein Reich. Es war zu allen Seiten geschützt von Meer und Gebirge doch viel mehr noch ein letztes Relikt vergangener Zeiten. Damit war es wie geschaffen für ein letztes Refugium der Macht der alten Noldor.

Nun galt es, einen geeigneten Siedlungsraum in diesem Land zu finden. Einige Zeit wanderten sie entlang der Küste, denn dort suchte Gil-galad nach solch einem Ort. Er hatte eine feste Bindung zu Círdan und so kam für ihn nur eine Küstensiedlung in Frage. Schließlich wurde er am nördlichen Ufer des Golfes fündig, an einer Stelle, wo ein Fluss, vielleicht früher der Große Gelion, sich an einem grünen Hügel spaltete und ins Meer mündete. Es war eine grüne, fruchtbare Gegend, wie es typisch war für das alte Ossiriand. Hier gründete Gil-galad auf der Kuppe des Gwastar Calen sein neues Heim und nannte es Forlond.

Einige Zeit später gründeten Galadriel und Celeborn am südlichen Ufer, Forlond gegenüber, die Schwesterstadt Harlond. Beide Länder wurden in Forlindon und Harlindon umbenannt und als Lindon zusammengefasst. Dies war eine Notwendigkeit, denn Beleriand hatte nicht mehr Bestand und auch die Reste Ossiriands hatten sich gewandelt. Die Welt hatte ein neues Gesicht bekommen und damit mussten auch die Namen der Länder den neuen Begebenheiten angepasst werden.

Für die ersten Wochen lebten alle in einfachen Zelten, bevor die ersten schlichten Hütten fertig gestellt worden waren. Gil-galad bestand natürlich darauf, dass sich zuerst um Elrond und Elros gekümmert wurde, bevor er selbst seine Unterkunft erhielt. Dem Hüttenbau kam in dieser Zeit die allerhöchste Bedeutung zu, wobei es ihnen zugute kam, dass Ossiriand einen großen Bestand an Bäumen besaß. Tag um Tag wurde ununterbrochen gesägt und gehämmert, jeder packte mit an, selbst Gil-galad und Elrond. Wobei es Elrond jedoch seinem Bruder verboten hatte, zur Axt zu greifen, und nun für zwei schuftete.15

Indes sorgte Gil-galad bereits dafür, dass auch die zukünftige Versorgung seiner Leute gesichert und sie nicht länger als nötig von der Hand in den Mund leben mussten. Noch immer waren die Jäger unermüdlich damit beschäftigt, Wild zu fangen, und die Fischer warfen tagtäglich ihre Netze aus. Natürlich würde das nicht auf ewig reichen, weshalb Gil-galad nicht alle gerodeten Flächen wieder bewalden sondern Felder anlegen und sie bewirtschaften ließ.

Nun, da für das Grundlegendste, Wohnraum und Nahrung, gesorgt war, war es Gil-galads Aufgabe, eine funktionierende Wirtschaft auf die Beine zu stellen, und das war wohl das Schwierigste an der ganzen Sache. Er hatte nahezu nichts in den Händen, selbst er war durch den Untergang Beleriands um einen Großteil seines Staatsschatzes gekommen. Gil-galad war nahezu verarmt, wie eigentlich jeder seines Volkes. Wie also konnte er mit nichts etwas Neues schaffen? Wie konnte er aus Luft Gold gewinnen? Tage- und nächtelang zerbrachen sich Elrond und Gil-galad den Kopf darüber. Ja, auch Elrond, obgleich er in jener Zeit noch absolut keine Ahnung von solchen Dingen hatte. Herr Maglor hatte zwar ihm und seinem Bruder erläutert, wie die Wirtschaft der Feanorer funktionierte, doch hatte diese in jenen Tagen kaum noch die Dimensionen von einst. Nun hatte es Elrond zum einem mit einem gesamten Staat zu tun und zum anderen mit einem vollkommen verarmten Staat, etwas, das meilenweit über sein Wissen hinausging. Man muss ihm zugute halten, dass er sich tapfer dieser und jeder anderen Herausfordern, die noch auf ihn zukommen sollte, stellte.

Da Gil-galads Reich innerhalb eines Jahrzehntes wieder erblüht war, zeigt sich, dass der Plan, den der König zusammen mit Herrn Elrond ausgearbeitet hatte, Wurzeln geschlagen hatte. Intuition ist in solchen Angelegenheiten oftmals das einzig Richtige, dem man folgen kann.

Aus nichts kommt natürlich nichts und Gil-galad war noch lange hoch verschuldet, doch mit zahlreichen Investitionen und Fördermitteln schufen sie innerhalb weniger Jahre eine funktionierende und vor allem wachsende Wirtschaft. Zunächst kamen den Handwerkern und Bauern finanzielle und materielle Hilfe zu, sodass weiterhin für Essen und Unterkunft gesorgt und die Stadt sogar weiter ausgebaut werden konnte. Schließlich wollte niemand länger als nötig in den kargen Holzhütten leben. Als diese Wirtschaftszweige gesichert waren, wandte sich Gil-galad den Händlern zu. Mit staatlichen Fördermitteln wurde ihnen ermöglicht, neue Waren anzuschaffen, mit denen sie erst im Land und schließlich auch auswärts Handel treiben konnten, sodass mit der Zeit ein fließender Geldstrom geschaffen wurde. Nun war auch diese Lebensader des Reiches geschaffen und gesichert.

Indes war Círdan, der Gil-galad, seinen Schützling, lange Zeit auf seinem Weg begleitet hatte, wieder nach Osten zur Mündung des Lhûn in die Förde gezogen. Dort gründete er Mithlond, seine Anfurten, und mit diesem Tag war nun endgültig das neue Zeitalter angebrochen, das Zweite dieser Welt. Jetzt, da auch Gil-galads Wirtschaft freilich allmählich aufblühte und sich abzeichnete, dass sich die Situation gefestigt hatte und sich mehr und mehr verbesserte, blickte man nun auch voller Hoffnung diesen neuen Zeiten entgegen. Wir alle hatten unsere Heimat verloren und waren lange umher geirrt, doch nun hatten wir ein neues Heim. Es ist vor allem Gil-galad und Elrond zu verdanken.

Gil-galad hatte in erster Linie mit dem Aufbau des Reiches zu kämpfen. Elrond und Elros hatten jedoch zunächst einmal vor allem um Anerkennung kämpfen müssen. Nicht jeder hatte sie wie Gil-galad mit offenen Armen empfangen und noch mehr missfiel es, wie schnell und hoch sie in Gil-galads Gunst gestiegenen waren; immerhin war dies ja fast von einem Tag auf den anderen geschehen. Gil-galad hatte zwar gewusst, dass es nicht jedem gefallen würde, wenn er den jungen Herren fast aus dem Nichts so hohe Würden zusprach, und hatte daher deutlich gesagt, dass niemand ihn in seiner Meinung und seiner Entscheidung umstimmen könne, doch er konnte den Leuten nicht vorschreiben, wen sie zu mögen oder zu hassen hatten. Damit standen Gil-galads Entschluss und Elronds und Elros' Titel, doch dem Wohlsinnen so mancher Leute war dies nicht zuträglich.

Elros sah vieles lockerer als sein Bruder. Er hatte sich für ein sterbliches Leben entschieden und lächelte nur über jene Elben, die über ihn herzogen, wenn er sich einmal als ungeschickter als vollblütige Elben erwies oder sich anders verhielt als diese. Na und, dann waren sie eben Halbelben und hatten irgendwo unter ihren Vorfahren Menschen, sagte er dann immer. Es war, wie es war und nichts ließ sich daran ändern.

Elrond gingen diese Sticheleien von besagten Elben sehr zu Herzen. Er konnte zwar noch über sich ergehen lassen, wenn sie über ihn lästerten, wenn er mal wieder im Winter auf dem Eis ausgerutscht oder auf der Treppe gestrauchelt war, doch er konnte es nicht ertragen, wenn sie auch noch seinen Bruder mit einbanden.

Ein weiterer Angriffspunkt für jene missgünstigen Elben war die Familie der jungen Herren, zumal diese ja noch immer den Stern der Feanorer trugen. Später trug Elrond diesen deswegen nur noch verdeckt und nicht mehr offen. Nicht selten beschimpfte man ihn oder seinen Bruder als Fürsprecher von Mördern und Verrätern und manche verdächtigten sie als Komplizen der Missetaten ihrer Onkel.

Es versteht sich von selbst, dass dies sowohl für Elrond als auch für Elros unerträglich war. Ihnen waren jedoch die Hände gebunden. Hätten sie etwas gesagt, hätten sie sich nur noch mehr zum Gespött gemacht und zu Gil-galad wollten sie auch nicht gehen, das verbot ihnen ihr Stolz. Der König erfuhr es dennoch fast immer; er wusste ohnehin scheinbar nahezu alles, was in seinem Reich vor sich ging, auch wenn ich bis heute nicht herausgefunden habe, wie er es anstellte. Er bestrafte dann stets die betreffenden Elben teils hart, doch die Lästereien und Sticheleien Elrond und Elros gegenüber wurden lange Zeit kaum weniger.

Ja, so sind nun einmal auch die Elben. Nicht jeder kennt Toleranz.

Auch innerhalb der Adeligen musste insbesondere Elrond hart für die Anerkennung kämpfen, die er verdient hatte. Zwar besaß er die vom König verliehenen Titel, doch das hieß noch lange nicht, dass jeder diese anerkannte und nicht alles hinterfragte, was er tat und sagte. Manche sprachen sogar offen gegen ihn vor dem König und spannen ihre Intrigen gegen ihn. Mit der Zeit ließen zwar die Ärgereien mit anderen Elben nach, mit diesen Intrigen hatte Elrond jedoch noch viele hundert Jahre zu kämpfen.

Elrond hatte damit eine politische Laufbahn eingeschlagen und tat sein Bestes, um Gil-galad zu unterstützen. Parallel dazu studierte er beflissen die Heilkunst bei seinem Lehrer und widmete diesem jede freie Minute. Darüber hinaus hatten er und sein Bruder schon früh Círdan um Hilfe gebeten, denn ihm wird nachgesagt, dass er wie kein zweiter die Gabe der Voraussicht gemeistert hat.

Elros' Rolle war noch immer unklar und schwammig. Er tat mal dies, mal jenes. Als er erfuhr, dass ihr altes Elternhaus auf dem Amon Ereb noch existierte, ließ er alle Wertsachen aus den Ruinen des bei den Beben zusammengestürzten Hauses bergen, die noch zu retten waren. Ein besonderer Schatz war dabei die noch größtenteils intakte Bibliothek, die die Herren über die Jahre zusammengetragen hatten. Bestände aus allen alten Reichen der Noldor Beleriands waren dabei, sowie Beutegut aus Doriath und Arvernien. Nicht wenige und einige sogar als verloren geglaubte Schriften waren darunter; insbesondere Herr Maglor war ein passionierter Sammler von wertvollen Büchern gewesen.

Und das ist nun, am Ende des Kapitels, der Moment, wo ich wieder ins Spiel komme.


13Herr Elrond warf mir an dieser Stelle einen langen Blick zu und schüttelte nur kommentarlos den Kopf.

14Es regte Elrond und Elros immer wieder maßlos auf, wenn ich sie so nannte. Dabei waren sie doch genau das: junge Herren.

15Herr Elrond behauptet, dass dieser Satz sehr ironisch und abwertend klingt und ich ihn ändern soll. Ich weiß jedoch nicht, was er meint. Immerhin war es doch so: Er hat so lange die Axt geschwungen, bis ihm die Hände bluteten, nur damit sein Bruder nicht auch arbeiten musste und sich ausruhen konnte. Da Herr Elrond, was solche handwerklichen Arbeiten angeht, nie wirkliches Geschick aufgewiesen hat, ist ihm jedoch einige Male die Axt auf den Fuß gefallen.