Kapitel 6

„Okay, was ist es?", fragte Ben, Helios' bester Freund, in ihrer Mittagspause, während der Angesprochene eigentlich dabei war, sein Essen hungrig in sich zu schaufeln. Verdutzt blickte er vom Hackbraten auf, doch bevor er antworten konnte, meinte die Dritte im Bunde: „Falsche Frage, Benni-Schatz. Es heißt, wer ist es!" Nun verschluckte sich der Schüler überrascht und Nummer Vier ihrer Clique klopfte ihm auf den Rücken. „Versuch es gar nicht zu leugnen, du träumst den ganzen Tag schon vor dich hin!" Summer grinste ihn breit an. „Also, welcher Kerl hat dir so den Kopf verdreht, dass du sogar in Bio nur aus dem Fenster starrst?" Statt zu antworten warf er ihr nur einen finsteren Blick zu und machte sich über den Kantinenfraß her. Er würde diese bescheuerte Frage nicht auch noch mit einer Antwort würdigen.
Vielleicht war das die falsche Entscheidung, denn jetzt wurden alle, Ben, Summer und Carolin, ziemlich neugierig und starrten ihn auffordernd an. „Könnt ihr mich bitte essen lassen?", schnappte er jetzt etwas angepisst und funkelte sie alle der Reihe nach an. „Ohhh! Es ist also jemand, den wir kennen! Sonst würdest du es offen sagen. Und so wütend wie du gerade wirst, ist es sogar sehr pikant!", schlussfolgerte die Lästigste seiner Freundinnen und klatschte aufgeregt in die Hände.
„Jetzt sag schon!" „Es ist niemand, okay?", fauchte der Schwarzhaarige und bekam dafür einen Arm um seine Schultern geschlungen und wurde an Carolin gedrückt. „Ach komm schon, lass dich nicht so ärgern. Du weißt, das stachelt sie nur mehr an", riet sie ihm und Ben nickte zustimmend. Frustriert seufzend legte er seine Gabel weg und ließ seinen Blick über die verschiedenen Tische wandern, auf jedem ein paar plappernde Teenager, bevor er endlich einknickte und murmelte: „Ich habe nur darüber nachgedacht, was das Wochenende passiert ist." Er konnte regelrecht sehen wie die Ohren seiner Freunde wuchsen und um weiteren nervtötenden Fragen vorzubeugen sprach er weiter.

„Wehe ihr erzählt das jemandem. Ich würde es rausfinden und euch die Hälse umdrehen, klar? Gut. Also… ich war wandern und bin dabei… auf Dr. Cullen… also Carlisle getroffen. Und wir haben tatsächlich den ganzen Tag gesprochen. Es war so seltsam, auch weil es kein bisschen seltsam war. Er hat nicht versucht, irgendwas aus mir herauszubekommen, sondern hat einfach nur wissen wollen, wie mein Leben läuft. Nichts über die Gründe warum ich so oft im Krankenhaus bin oder ob die Gerüchte stimmen. Das war… so wundervoll. Endlich mal ein Erwachsener, der mich nicht bemitleidet hat oder dachte, er muss mich dazu bringen, zur Polizei zu gehen."
Ein kleines, beinahe erleichtertes Seufzen entkam ihm und er dachte, damit war alles geklärt, doch er hatte sich schwer getäuscht. Und das erkannte er, als das Grinsen auf Summers Gesicht nur noch weiter ausbreitete.
„Du stehst auf ihn." „Was? Nein!", rief er peinlich berührt aus, seine Stimme verräterisch schrill und die Wangen knallrot, was seine Freunde nur dazu brachte, laut zu lachen. Ein wenig grummelte er herum, bevor er dann murrte: „Okay, aber wer würde das nicht. Ich meine, habt ihr ihn schon mal gesehen? Er sieht aus wie ein Gott! Ein wandelnder, feuchter Traum! Man kann gar nicht anders, als auf ihn zu stehen. Verklagt mich halt!"

Was als Nächstes kam hatte er nicht erwartet, Summer stieß ein Quietschen aus, Ben bekam große Augen und plötzlich wurde er von beiden Mädchen fest umarmt, fast schon zerquetscht. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie Summer um den Tisch herumgeflitzt war. „Oh Gott, das ist so süß! Nach Bella bist du der Nächste, der einen Cullen verführt!" Nun wurde es ihm zu viel und er schüttelte die beiden von sich ab, bevor er sie anstarrte, als ob sie etwas unglaublich Dummes gesagt hatten. Hatten sie ja auch.
„Ihr wisst schon, dass er glücklich verheiratet ist?", fragte er und sah, wie die Gesichter um ihn herum lang wurden. „Mist… du hast Recht. Dann musst du eben wie wir Normalsterbliche aus der Ferne schmachten. Untersucht er dich wenigstens von Zeit zu Zeit? Musst du dich da vor ihm ausziehen?", gingen die Fragen auch schon weiter, bevor er die Hände hob. „Okay, stopp, ich will definitiv nicht mehr über meine unerfüllte, unerwiderte Liebe sprechen."

Auf einmal wurde es unheimlich still in der Cafeteria, man hätte eine Stecknadel fallen hören, denn im Gang daneben liefen Alice Cullen und Jasper Hale. Jeder starrte durch die Fenster, welche die Trennwand zwischen Gang und Cafeteria spickten, während die beiden so taten, als ob sie nichts merkten. Aber jeder hätte es bemerkt, wenn eine Kantine voller Teenager ihn anstarrte und auf der Stelle fühlte sich Helios mies. „Großartig, jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihren Vater als unglaublich heißen Kerl beschrieben hatte, der meine… sehr angenehmen Träume heimsucht.", murmelte er zerknirscht, was die Mädchen zum Kichern brachte. „Keine Sorge, sie haben dich sicher nicht gehört, niemand hört durch Wände durch und es war viel zu laut, um dich durch die offene Tür durch zu hören."
Überraschenderweise hatte es Carolin damit geschafft, ihn ein wenig zu trösten und er seufzte leise, bevor er nickte. „Du hast recht.", meinte er lächelnd, doch Summer schaffte es, seine Stimmung wieder in den Keller zu jagen. „Seltsam, dass du ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen hast, aber du über ihn schwärmen kannst obwohl er verheiratet ist."
Gequält stöhnte Helios auf und er sah sie beleidigt an. „Das ist doch bitte was ganz anderes! Würdest du wollen, dass jemand über deinen Vater schwärmt?" „Igitt, nein! Außerdem hätte jeder, der über ihn schwärmt, einen an der Waffel. Er hat doch fast keine Haare mehr! Naja, abgesehen von meiner Mutter. Aber sie ist auch seine Frau, es ist also irgendwie ihr Job.", überlegte sie laut. „Ist doch egal. Also… wirst du nochmal mit ihm durch den Wald laufen?" Daraufhin zuckte der Junge mit den Schultern, bevor er ein verlegenes Grinsen zeigte. „Aber er hat mir angeboten, mit mir für meine Yale-Prüfung zu lernen."

Das Quietschen, dass nun von beiden Mädchen folgte, hätte ihm fast das Trommelfell zerrissen und Ben sah mindestens genauso gequält aus. „Oh mein Gott!", kreischte Summer und zog dadurch einige Blicke auf sich, was Helios mehr als unangenehm war. „Kannst du bitte etwas leiser sein?", zischte er, sich umsehend, ob jemand auf ihr Gespräch aufmerksam geworden war, und verdrehte die Augen, als sie den Kopf schüttelte. „Das ist so romantisch! Du und er, beim Lernen, dicht nebeneinander… Vermutlich wird er sich über dich beugen, um dir was zu erklären und du kannst sein Aftershave riechen!", träumte sie, was Ben dazu brachte, die Stirn zu runzeln. „Mit seiner Ehefrau im Nebenzimmer? Ja klar, sehr romantisch… Und wenn sie wo anders lernen werden da sicher auch mehr als genug Menschen sein." Beleidigt blies Summer ihre Backen auf. „Lass mir meine Fantasie, klar?"