6. Von Thestralen und Rückstufungen
Gelangweilt sah Sarah von ihren Hausaufgaben auf, griff nach einem Keks und lehnte sich zurück. Gab es eigentlich ein uninteressanteres Fach als Pflege Magischer Geschöpfe? Bestimmt nicht!
Und überhaupt, dieser ominöse Professor Hagrid, mehr Bart als Hirn hatte der! Wahrscheinlich waren seine Eltern Geschwister ...
„Bist du fertig?", unterbrach Severus, der sie von seinem Schreibtisch aus beobachtete, ihre Gedankengänge.
„Nee", antwortete Sarah missmutig.
„Du schreibst bereits seit zwei Stunden an diesem Aufsatz", stellte er argwöhnisch fest.
Entnervt sah Sarah zu ihrem Vater, stand auf und schenkte sich einen Becher Tee aus dem Kessel über dem Feuer ein.
„Ich wäre auch gerne schneller fertig", antwortete sie schließlich, setzte sich wieder in ihren Sessel vor dem Kamin und nahm sich noch einen Keks.
Vielleicht sollte sie zurück in ihren Gemeinschaftsraum gehen und Hermione noch einmal fragen, ob sie nicht doch von ihr abschreiben durfte. Dieses mal eventuell etwas freundlicher ...
„Zeig mir, was du bisher geschrieben hast", forderte Severus sie auf.
„Das sind meine Hausaufgaben und das ist nicht dein Fach. Außerdem bin ich nicht hier her gekommen, um meine Hausaufgaben von dir kontrollieren zu lassen, sondern weil es im Gemeinschaftsraum zu laut und die Bibliothek von Erstklässlern überfüllt ist."
„Hagrid hat mich heute das ganze Frühstück über damit gelangweilt, dass er vorhatte heute die Putzerkäfer mit deiner Klasse durchzunehmen. Wer also im Unterricht aufgepasst hat, benötigt keine zwei Stunden, um ein paar Zeilen über diese Krabbeltiere zu schreiben."
„Dann habe ich eben so gut aufgepasst, dass ich einiges zu schreiben habe", behauptete Sarah und hob ihr Blatt leicht an, damit ihr Vater keinen Blick auf die wenigen Wortfetzen erhaschen konnte, die sie sich bisher zusammengereimt hatte.
„Zeigen", befahl Severus, von Sarahs Ausführungen anscheinend wenig beeindruckt.
„Du darfst mir nicht bei den Hausaufgaben helfen", sagte Sarah spitzfindig. „Und außerdem könnte ich schon längst fertig sein, wenn du mich nicht ablenken würdest."
Severus´ Geduld schien ein Ende gefunden zu haben. Er stand auf und kam schnellen Schrittes zu ihr hinüber und bevor sie das Pergament in Sicherheit bringen konnte, hatte er es bereits an einer Ecke zu fassen bekommen.
Laut las er die wenigen Sätze laut vor, die Sarah bisher zu Pergament gebracht hatte: „Putzerkäfer sind magische Tiere. Sie haben acht Beine, zwei Flügel und zwei Fühler" Langsam drehte er seinen Kopf nach links, um eine weitere Notiz zu lesen, die Sarah angepisst an den Rand gekritzelt hatte: „Hagrid hat Titten, wie eine Frau."
Empfindlich langsam lenkte Severus seinen Blick auf seine Tochter, die vor lauter Elend nicht wusste, wohin mit sich. „Ist das alles?" fragte er und riskierte einen Blick auf die leere Rückseite des Pergaments. „Steht hier hinten eventuell ein kleiner Roman? Nein? In der Tat sehr beeindruckend, Sarah."
Abwartend sah er sie an, während er ihre Hausaufgaben mit spitzen Fingern zurück legte.
Sarah versuchte es mit einem schiefen Lächeln. „Ich denke, das alles ist korrekt."
„Ah, es meiner Aufmerksamkeit anscheinend entgangen, dass meine Tochter sich den Optimisten angeschlossen hat. Ich hingegen denke, das alles ist ziemlich miserabel, falls ich meine persönliche Meinung anbringen darf."
„Wir leben ja in einem freien Land", entgegnete Sarah, bevor sie sich stoppen konnte.
„Du überlegst dir besser, mit wem du sprichst, oder du darfst den morgigen Abend damit verbringen, die Rostflecke aus den Unterrichtskesseln zu schrubben."
Säuerlich nahm Sarah ihren Becher und trank einen großen Schluck Tee. Als wenn es ihre Schuld wäre, dass Pflege Magischer Geschöpfe so ein lahmes Fach war!
„Wie sind deine bisherigen Noten?", fragte Severus, plötzlich misstrauisch.
Schnell überdachte Sarah ihre Chancen, die nächsten Wochen nicht lernend in diesem Kerker verbringen zu müssen, würde sie jetzt die Wahrheit sagen.
„In Zaubertränke habe ich ein Ohnegleichen", antwortete sie also, um Zeit zu gewinnen.
„Das ist mir bereits bekannt."
„Und in Verteidigung gegen die Dunklen Künste auch", setzte sie schnell nach.
„Lupin hat mich darüber bereits informiert", erwiderte Severus. „Und ansonsten?"
„Ansonsten auch ganz gut. Okay, ich muss ein wenig Stoff nachholen, aber das schaffe ich schon. Ich lerne wirklich viel. Eigentlich ständig", beteuerte sie.
Einen kurzen Moment schien Severus ihre Glaubwürdigkeit abzuwägen, entschied sich jedoch für die Möglichkeit, welche er recht selten in solchen Situationen wählte: Er glaubte ihr.
„Gut, es ist wichtig, dass du den Anschluss findest, denn wir werden nach Halloween mit deinem Okklumentikunterricht fortfahren." Auf halben Weg zurück zu seinem Schreibtisch setzte er nach: „Und schreib diesen Aufsatz neu!"
Ach jaaaa, Okklumentikunterricht ... den hatte sie ja fast vergessen. Sarah ließ ihren Kopf in den Nacken fallen und blickte an die Kerkerdecke. Okklumentik gehörte nicht wirklich zu ihren Lieblingsaktivitäten.
Klar, wenn man sie beherrschte war das eine tolle Sache und in vielerlei Hinsicht nur von Vorteil - ganz besonders bei einem solch legilimentikbegabten Vater. Trotzdem war es noch ein langer Weg, bis sie es beherrschen würde und wer wusste schon, was dabei noch für Erinnerungen ans Tageslicht kommen würden?
Vor lauter Panik schossen ihr Erlebnisse aus ihrer Schulzeit in Durmstrang durch den Kopf, von denen ihr Vater lieber nicht erfahren sollte. Aber bis Halloween waren es immerhin noch vier Wochen und vielleicht wäre es eine gute Idee, bis dahin noch ein wenig zu üben.
„Ist gut", seufzte Sarah resigniert und suchte Feder und Pergament zusammen um in ihren Gemeinschaftsraum zurückzukehren, denn heute war es nach ihrer Ansicht schon viel zu spät, um sich weitere Gedanken über zauberstabputzende Käfer zu machen.
ooOOoo
„Heute werden wir uns erneut der Verwandlung von Tieren annehmen", begann Professor McGonagall am nächsten Nachmittag ihren Unterricht. „Jeder von Ihnen kommt bitte nach vorne und nimmt sich eine Eidechse. Nicht drängeln, sie sind abgezählt und es steht jedem Schüler Eine zur Verfügung. Nehmen Sie sie bitte vorsichtig auf. Mr. Weasley, packen Sie sie nicht nur an einem Bein – und Sie, Mr. Goyle, wenn ich noch einmal sehe, dass Sie Ihre Eidechse dort hin stecken, melde ich Sie dem Direktor!"
Vorsichtig setzte Sarah ihre Eidechse auf ihren Tisch und beäugte sie argwöhnisch. Sie hatte noch nie viel für Tiere übrig gehabt. Schon gar nicht für solche ohne Federn oder Haare und auch Hermione, die neben ihr saß, sah nicht begeistert davon aus, ein Reptil auf ihrem Tisch sitzen zu haben.
Mit spitzen Fingern hielt Sarah ihre Eidechse am Schwanz fest, während McGonagall fortfuhr: „Im Sommersemester der vierten Klasse haben Sie gelernt, Tiere in Gegenstände zu verwandeln. Heute werden wir damit beginnen, Tiere in andere Tiere, lebende Tiere wenn es möglich wäre, zu verwandeln."
Sarahs Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Also schon wieder irgendein blöder, aufbauender Zauberspruch, für welchen man erst einen Anderen hätte lernen müssen.
Sie selbst hatte noch nie ein Tier in irgendwas verwandelt und sie konnte sich auch nicht vorstellen, zu was dies gut sein sollte, außer vielleicht für Wurst und Pasteten, aber das schien hier eher zu Minuspunkten zu führen.
Aufmerksam hörte sie Professor McGonagalls Ausführungen zu, wie der – angeblich – bereits gelernte Zauberspruch nun anders zu betonen sei und auch die Bewegung des Zauberstabs musste leicht geändert werden.
Während die gesamte Klasse eifrig zu üben begann, starrte Sarah auf ihre Eidechse. Ihre Angst, in den einzelnen Fächern nicht genügend Punkte zu schaffen, um überhaupt zu den ZAGs zugelassen zu werden, überkam sie nun wie eine unfassbare Welle der Verzweiflung und der Blick auf Hermiones Tischseite, wo bereits ein Tier prangte, dass dem geforderten Paradiesvogel erschreckend ähnlich sah, beunruhigte sie noch mehr. Sie musste an die vielen Extraaufgaben in den einzelnen Fächern denken, welche sie ihren schlechten Leistungen zu verdanken hatte und die gemeinsam mit ihren regulären Hausaufgaben zu einem beträchtlichen Stapel herangewachsen waren. Einen Überblick hatte sie längst verloren.
Das Gesicht vor Konzentration verzerrt und den Zauberspruch immer wieder anders betonend fuchtelte Sarah wild mit ihrem Zauberstab vor der Eidechse herum. Als Resultat stob ein Funke aus der Spitze und verkohlte der Eidechse die Bauchschuppen.
Diese schien nun ernsthaft beleidigt. Sie zog und zerrte an ihrem Schwanz, den Sarah immer noch festhielt, warf ihn in schlichter Verzweiflung schließlich ab und suchte sich ein Versteck in den vorderen Reihen des Klassenzimmers.
Angewidert und frustriert schmiss Sarah den übrigen Schwanz in den Mülleimer und machte sich, böse Versprechen für die Eidechse vor sich hinmurmelnd, auf die Suche nach dem Flüchtling.
Professor McGonagalls wachsamen Augen war dieser kleinen Vorfall selbstverständlich nicht entgangen. „Miss Snape, ich möchte Sie im Anschluss an diese Stunde sprechen", informierte sie Sarah im strengen Ton und geschürzten Lippen. „Und sehen Sie zu, dass Sie die Eidechse wiederfinden. Die verbrannten Schuppen werden eine intensive Pflege von Professor Hagrid benötigen!"
„Ja, Professor", antwortete Sarah und tat sich mit einemmal selber leid.
Den Rest der Stunde verbrachte Sarah recht kleinlaut und als das Klingeln das Ende der Stunde ankündigte, schnappte sie sich ihre misshandelte, doch ansonsten völlig unveränderte Eidechse und brachte sie zurück in den Käfig auf Professor McGonagalls Pult, ohne die vielen farbenfrohen Paradiesvögel ihrer Mitschüler eines Blickes zu würdigen.
„Ich habe mir gestern die Noten Ihrer ersten vier Wochen in Hogwarts angesehen", begann Professor McGonagall schließlich, als sie sich mit Sarah alleine im Klassenzimmer befand. „Leider musste ich feststellen, dass Sie in den meisten Ihrer Fächer nur mangelhafte Arbeiten abliefern."
Sarah wollte etwas erwidern, doch Professor McGonagall deutete ihr zu schweigen.
„Ich bin mir durchaus bewusst, dass dies nicht auf mangelnde Intelligenz oder Lernbereitschaft zurückzuführen ist. Ich habe mir den Lehrplan aus Durmstrang schicken lassen und diesen mit dem von Hogwarts verglichen." Ihr Blick ruhte lange auf Sarah. „Die Lehrpläne widersprechen sich völlig. Es sind kaum Einstimmigkeiten erkennbar."
Sarah nickte nur. Was sollte sie dazu sagen? Es entsprach schlicht der Wahrheit, dass ihr jegliche Grundlagen fehlten, um einen guten Abschluss an dieser Schule zu schaffen.
„Nun, Miss Snape, da dieses Jahr Ihr ZAG-Jahr ist, stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, das Jahr mit Hängen und Würgen zu bestehen. Ich habe lange darüber nachgedacht und ich denke es wäre sinnvoll, wenn Sie die vierte Klasse wiederholen würden. Dies würde Ihnen wesentlich bessere Aussichten auf gute ZAGs verschaffen."
Einen Moment war Sarah sprachlos. „Sie wollen mich zurückstufen?"
„Ich halte es für das Beste, ja", antwortete Professor McGonagall mitfühlend. „Und ich habe heute nach dem Mittagessen bereits mit Ihrem Vater über meinen Vorschlag gesprochen."
„Sie ... Sie haben mit meinem Vater darüber gesprochen?"
Sarah hätte nicht weniger entsetzt sein können. Jetzt wusste ihr Vater also nicht nur, dass sie in allen anderen Unterrichtsfächern furchtbar mies war, sondern dass sie ihn auch gerade erst gestern hierüber belogen hatte – wie praktisch!
„Ihr Vater ist eine ausgebildete Lehrkraft, Miss Snape. Unterschätzen sie ihn nicht. Er hat für seine Verhältnisse ... wie soll ich sagen ... verständnisvoll reagiert."
Ja genau! Aaarrrr ... diese naiven, immer an das Gute im Menschen glaubenden Gryffindors konnten einen manchmal in den Wahnsinn treiben!
„Professor, bitte. Ich möchte auf keinen Fall die vierte Klasse wiederholen", sprudelte es aus Sarah heraus. „Bitte geben Sie mir bitte noch zwei Monate Zeit. Ich hatte nur ein paar Startschwierigkeiten. Glauben Sie mir, in zwei Monaten habe ich meine Noten verbessert."
Professor McGonagall sah Sarah durch ihre kleine Brille an. „Also gut, zwei Monate. Sollten Ihre Noten allerdings nicht besser werden, werde ich mit Professor Dumbledore über eine Wiederholung der vierten Klasse für Sie sprechen."
„Danke, Professor." Sarah nickte tapfer und hoffte erleichtert zu klingen. In Wahrheit hatte sie jedoch nicht die geringste Ahnung, wie sie ihr Versprechen halten sollte.
„Sie will dich zurückstufen?", fragte Hermione wenige Minuten später entsetzt. „Oh Sarah, das tut mir so leid."
„Das ist nett von dir, Hermione", antwortete Sarah ohne ihre Stimme zu heben. Mitleid würde ihr nun am wenigsten helfen. Sie nahm neben ihrer Freundin zum Abendessen Platz und starrte auf ihren leeren Teller. Ihr war der Appetit vergangen.
„Jetzt werf´ nicht gleich den Kessel ins Feuer. Das bekommst du schon hin", versuchte Harry sie aufzumuntern. „Hermione wird dir bestimmt beim Lernen helfen."
„Das geht leider nicht", sagte Hermione und sah Sarah entschuldigend an. „Tut mir leid, Sarah, aber dieses ZAG-Jahr ist unglaublich anstrengend. Ich habe kaum Zeit mich um meine eigenen Hausaufgaben zu kümmern. Aber wieso hilfst du ihr nicht, Harry?"
„Das würde ich wirklich gerne", antwortete Harry und sah tatsächlich so aus, als würde es ihm leid tun, dass er anscheinend keine Zeit für Sarahs Nachhilfe hatte. „Aber ich habe zwei Mal die Woche Quidditchtraining und hänge selber mit meinen Hausaufgaben hinterher. Wenn ich nicht ab und zu mal bei dir abschreiben dürfte, Hermione, na ja ... du weißt schon, dann würde ich wahrscheinlich als nächster auf McGonagalls Liste stehen. Aber vielleicht kann Ron dir helfen."
Ron machte ein entrüstetes Gesicht. „Ich habe doch genauso oft Quidditchtraining wie du! Und auch wenn ich nur Hüter bin heißt das nicht, dass ich weniger hart trainieren muss!"
Entnervt lud sich Sarah etwas vom überbackenen Blumenkohl auf den Teller. Das hatte ihr zu ihrem Glück ja gerade noch gefehlt. Ein Streit darüber, wer ihrer drei angeblichen Freunde ihr nun nicht helfen konnte! Oder nicht wollte, fügte sie bockig hinzu. Aber sie würde das auch alleine schaffen. Sie benötigte keine Hilfe. Von niemanden!
„Und McGonagall hat auch schon mit deinem Vater gesprochen?", fragte Harry nach.
Sie nickte nur.
„Was glaubst du, was er dazu sagen wird?"
„Er wird mir wahrscheinlich den Hals umdrehen", orakelte Sarah dumpf und warf einen Blick auf den Lehrertisch, was sie bis dahin tunlichst vermieden hatte.
Tatsächlich schien Severus weniger gut gelaunt zu sein. Er hatte seinen todbringendsten Blick aufgesetzt. Sarah beschloss, ihm in den nächsten Tagen besser aus dem Weg zu gehen.
Morgen war Freitag, das Wochenende stand vor der Tür und wenn er sie vorher nicht zu fassen kriegte, hätte sie immerhin noch vier Tage Zeit um sich eine passende Antworten einfallen zu lassen, bis sie ihm Montag nach Zaubertränke wohl oder übel Rede und Antwort stehen musste.
ooOOoo
Am Sonntagabend hatte Sarah sich, wie in jeder freien Minute seit ihrer Unterredung mit Professor McGonagall, in der Bibliothek eingefunden.
Wahllos hatte sie sich gut ein halbes Dutzend Bücher aus den Regalen gegriffen und hier und da hineingeschaut um festzustellen, dass eine Menge Arbeit vor ihr lag.
Zuerst hatte sie ausschließlich Priorität auf die Zaubersprüche für Verwandlung gelegt. Professor McGonagall würde bestimmt gnädig gestimmt sein, würde sie gerade in ihrem Fach große Fortschritte machen. Dann war Sarah jedoch eingefallen, dass sich Professor McGonagall sehr gut mit Professor Sprout verstand. Sie saß sogar beim Essen neben ihr und das hatte Sarah in ihrem genialen Plan nicht bedacht, denn das heiß, dass sie ebenfalls für Kräuterkunde büffeln musste, damit Professor McGonagall während der Mahlzeiten nicht untergejubelt bekam, dass sie in den anderen Fächern immer noch genauso schlecht war wie zuvor.
Dummerweise war es aber ausgerechnet Professor Binns, der beim Essen zu Professor Sprouts Linken saß. Weiß der Teufel, was ein Geist an einem gedeckten Tisch zu suchen hatte, es bedeutet aber, dass Sarah, wollte sie nicht, dass Professor Binns ihren Plan durchkreuzte, auch in Zaubereigeschichte vorankommen musste.
Stöhnend und rieb sie sich die Schläfen. Sie brauchte einen Plan und zwar einen guten. Einen Plan, der genau aufzeigte, wann sie was in welchem Fach wie lernen sollte, damit das ganze hier Sinn gab. Das hatte nur einen Haken: Um einen solchen Plan erstellen zu können benötigte man ein gewisses Maß an strategischem Denken und, was auch immer man von ihr behaupten mochte, davon hatte sie verdammt wenig.
Genervt lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und ließ ihren Blick durch die Bibliothek schweifen, als sie es sah: die Kreatur, die an ihrem ersten Schultag die Kutschen vom Bahnhof nach Hogwarts gezogen hatte; abgebildet auf dem Umschlag eines Buches: Thestrale, Urtiere unserer Zeit.
Sie hatte es sich also nicht eingebildet. Es gab diese Tiere wirklich und nun würde sie herausfinden, warum sie keiner außer ihr und Harry sehen konnte.
Zielstrebig lief Sarah auf das Regal zu und wollte es gerade herausnehmen, als ihr eine verdächtig helle Hand über die Schulter griff und vor der Nase wegschnappte.
Erbost drehte sie sich um und funkelte geradewegs in die kalten Augen von Draco Malfoy.
Er roch nach Minze, vielleicht mit einem Schuss Moschus, und ein paar hellblonde Fransen klebten ihm nass in der Stirn. Er musste gerade geduscht haben.
Die Vorstellung von Draco unter der Dusche, weißen Schaum auf seiner hellen Brust verteilend, ließ Sarah einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen, den sie schnell zu unterdrücken versuchte. Draco war eindeutig hier, um sie erneut zu ärgern und das war nicht der richtige Moment, um über unbegründete Sympathien zu grübeln.
„Thestrale", erklärte Draco und tippte auf den Buchdeckel. „Weißt du, dieses Buch wollte ich schon die ganze Zeit lesen und vorhin beim Abendessen, dachte ich mir, jetzt geh ich endlich in die Bibliothek und leih es mir aus."
„Ganz tolle Geschichte, Draco und jetzt hör auf meine Zeit zu verschwenden."
Draco schüttelte lehrerhaft den Kopf. „Tztztz. Sarah, du bist immer so unhöflich."
„Was irgendwie mit deiner Anwesenheit zusammenhängt."
„Ich würde es ja eher auf dein biestiges Wesen zurückführen."
„Mein biestiges Wesen kann dir herzlich am Besen vorbei gehen und jetzt gib mir das Buch." Sie schnappte nach dem Buch, doch Draco zog es in letzter Sekunde weg.
„Hm, wenn du es so dringend möchtest, sollte ich es dir wirklich geben", sagte er langsam. „Aber natürlich nicht ohne eine Gegenleistung."
„Eine Gegenleistung? Für ein Buch, das dir nicht gehört? Das ist lächerlich."
„Keine Gegenleistung, kein Buch." Gelassen ließ er es von einer Hand in die andere fallen.
Sarah atmete tief aus. Sie hatte wirklich keinen Nerv für Dracos kindische Streitereien. „Und was soll das für eine Gegenleistung sein?"
„Der erste Hogsmeadeausflug." Seine eisblauen Augen glitzerten leicht. „Wir gehen zusammen und dafür bekommst du dieses äußerst interessante Exemplar über Thestrale."
Sarah verschränkte die Arme vor der Brust. „Vergiss es", zischte sie.
„Aber, aber ... Du willst doch das Buch." Er schüttelte leicht den Kopf, genoss die Situation. Sein Stand wurde noch breitbeiniger und sein Grinsen noch arroganter. „Urteile nicht vorschnell. Lass dir meinen Vorschlag in Ruhe durch den Kopf gehen."
„Habe ich. Und ich denke, dein Vorschlag ist scheiße."
Dracos Augen verengten sich. Das erst Mal in diesem Gespräch fiel seine schmierige Art von ihm ab. Er beugte sich zu ihr hinab, bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit von ihrem entfernt war. „Nein. Ich würde sagen, mein Vorschlag ist ein gutes Geschäft."
„Du würdest auch sagen, dass sich die Sonne um den Mond dreht."
Dracos Gesichtszüge verhärteten sich. Er richtete sich wieder auf. „Du bist so unglaublich starrsinnig, Sarah. Schade eigentlich, aber jetzt werde ich das Buch wohl ganz alleine lesen müssen."
Langsam drehte er sich um und schien zu überlegen, an welchen der vielen freien Plätze er sich setzten sollte. Dann schenkte er Sarah einen triumphierenden Blick und spaziert geradewegs auf den Tisch zu, den Sarah in Beschlag genommen hatte, um sich an den Tisch direkt daneben zu setzen.
Betont lässig nahm er Platz, suchte eine bequeme Sitzposition und begann zu lesen.
Sarah platze fast vor Wut, als sie sich zurück an ihrem Tisch setzte und sie wusste, dass Draco das spürte und sich daran labte.
Da saß er, wenige Meter von ihr entfernt, mit der bodenlosen Dreistigkeit sich mit ihrem Buch neben ihren Tisch zu setzten.
Sie hätten einen lautstarken Streit beginnen können, doch dann würden sie mit höchster Wahrscheinlichkeit hochkant aus der Bibliothek fliegen. Also führten sie einen stillen Machtkampf. Mehrere Stunden sagte keiner von ihnen etwas, oder machte auch nur Anstalten, sich einen anderen Tisch zu suchen. Beide lasen unter mit Konzentration in ihren Büchern und während Sarah Draco möglichst unauffällig aus den Augenwinkeln hasserfüllt beobachtete, machte Draco keinen Hehl aus seinen Blicken, die er ihr gelegentlich zuwarf.
„Die Bibliothek wird jetzt geschlossen, Kinder", verkündete schließlich die Bibliothekarin, Madam Pince.
Zwischen lernen, sich die Haare raufen und Draco böse Blicke zuwerfen, hatte Sarah die Zeitvergessen. Es war tatsächlich bereits 21 Uhr.
Draco schlug sein Buch zu, brachte es zurück ins Regal und verließ die Bibliothek, wobei er verächtlich lächelte.
Sarah packte langsam ihre Sachen zusammen. Sie hatte bereits vor Stunden das Formular ausgefüllt, um die Bibliotheksbücher, die sie sich herausgesucht hatte, ausleihen zu dürfen. Aber in ihrer Tasche war noch ein winzig kleines Plätzchen, in welches die begehrte Lektüre über Thestrale hervorragend passen würde.
Sobald Draco weg war, lief sie vor zu Madam Pince. „Wäre es vielleicht möglich, dass ich noch ein weiteres Buch ausleihe?" fragte sie mit aller Manierlichkeit, die sie irgendwann mal gelernt hatte.
„Das tut mir leid, Miss Snape. Aber Sie müssen sich bis halb neun melden, wenn Sie Bücher ausleihen wollen." Sie zeigte auf ein kleines Schild. „Für heute habe ich die Formulare bereits weggeschlossen. Sie werden sich wohl bis morgen gedulden müssen."
Wütend schlurfte Sarah zum Ausgang. Was war verdammt noch mal so schwer daran, eines dieser lumpigen Formulare aus der Schublade zu holen? Bis Montag sollte sie sich gedulden, oh ja. Sie konnte sich den Zaubertränkeunterricht schon lebhaft vorstellen. Endlos würde Draco sie damit aufziehen, wie interessant Thestrale doch wären und was er heute Abend nicht alles über sie erfahren hatte, natürlich ohne dabei irgendeine interessante Information preiszugeben.
Sarah ballte die Fäuste. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht verschaffen. Sie musste dieses Buch haben, und zwar heute noch!
„Thestrale", sagte Sarah, als sie sich im Gemeinschaftsraum neben Harry setzte.
„Was bitte?", fragte er und sah von seinem Aufsatz auf.
„Thestrale. So heißen die Tiere, die vor die Dumbledore vor die Kutschen spannen lässt." Sie beobachtete Harry aufmerksam.
„Wie hast du das herausgefunden?" Sie hatte seine volle Aufmerksamkeit.
„Ich habe ein Buch über sie gefunden. In der Bibliothek. Dieses Vieh war auf dem Umschlag abgebildet."
„Hast du es gelesen? Was weißt du über sie? Ich meine, warum konnten Ron und Hermione sie nicht sehen?" Harrys Augen funkelten vor Eifer.
„Nichts habe ich herausgefunden, weil ich es nicht gelesen habe", erwiderte Sarah bitter. „Draco es sich genommen. Mit Absicht. Er hat genau gesehen, dass ich es wollte."
„Malfoy. Der lässt auch keine Gelegenheit aus, andere Leute zu provozieren!"
„Ganz genau. Und er wird mich morgen die gesamte Zaubertränkestunde damit aufziehen. Allerdings..." Sarah beendete ihren Satz nicht.
„Allerdings?" fragte Harry nach.
„Ich werde mir dieses Buch holen. Heute Nacht", wisperte Sarah und starrte in den Kamin. „In einer Stunde sind die Gänge leer. Ich gehe zur Bibliothek, mit einem kleinen Alohomora sind die Türen offen und ich hole es mir. Montagabend bringe ich es zurück. Das merkt kein Mensch."
Harry schwieg einen Augenblick und schien mit sich zu hadern. Sarah fürchtete fast, es wäre ein Fehler gewesen ihn einzuweihen, doch dann nickte er langsam. „Ich komme mit. Ich kenne mich mit den Geheimgängen im Schloss bestens aus und ich kann dich mit unter meinen Umhang nehmen."
Sarah wich zurück. Waren denn heute alle total übergeschnappt? „Was will ich denn unter deinem Umhang?"
Harry lachte kurz auf. „Meinen Tarnumhang. Ich habe einen Tarnumhang. Darunter sind wir unsichtbar."
„Harry, du bist... du bist genial!" Das hatte ihr zu ihrem Plan noch gefehlt. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen.
Eine Stunde später schlichen sich Sarah und Harry unter dem Tarnumhang und Hermiones bösen Zischen „Ihr werdet erwischt werden! Wartet bis Montagabend! Das ist Malfoy nicht wert!", aus dem Gemeinschaftsraum und über die dunklen Gänge zur Bibliothek.
Harrys Tarnumhang erwies sich als äußerst praktisch und Harry schien durchaus Erfahrung damit zu haben, sich nachts außerhalb des Gryffindorturms zu befinden. Geschickt manövrierte er sie um Gefahren wie eine streunende Katze oder umherschwebende Geister.
Die Tür der Bibliothek war tatsächlich nach einem einfachen Alohomora offen und Sarah zog sich den Tarnumhang herunter.
„Es steht im dritten Gang von hinten", flüsterte sie Harry zu, der ihr ohne Licht zu machen folgte.
Das Buch stand da, wo Sarah es gesagt hatte. Harry nahm es vom Regal und betrachtete es mit einem seligen Lächeln.
„Na also. Malfoy wird ganz schön blöd gucken, wenn wir morgen genauso viel wissen wie er", flüsterte Harry.
Sarah nickte. Diesem arroganten Mistkerl würde schon noch das Lachen vergehen.
„Aber jetzt gehen wir besser wieder, komm", flüsterte Harry und schlich bereits aus der Regalreihe hervor.
Sarah wollte ihm gerade folgen, als ein Geräusch sie stocken ließ.
„Lumos", wurde gemurmelt und Sekunden später stand Harry im hellen Licht im Bibliotheksgang.
„Potter, sieh an, sieh an", schnarrte es und Sarah traf fast der Schlag. Das war ihr Vater.
Hatte sie heute denn nicht bereits genug durchgemacht!
„Gib mir das Buch", blaffte er.
Stocksteif stand Sarah hinter dem Regal, nicht in der Lage sich zu bewegen. Sie hörte Harry nichts erwidern, jedoch das Rascheln von Umhängen. Harry musste ihm das Buch gegeben haben.
„Nun, Potter", sagte Severus ölig. „Lass mich sehen, um elf Uhr nachts nicht im Gemeinschaftsraum, wie es die Schulregeln besagen, illegal in die Schulbibliothek eingedrungen, die Türen waren sicherlich verschlossen, und auf frischer Tat beim Stehlen eines Buches ertappt, welches zum Schuleigentum von Hogwarts gehört. Ich denke, das wird reichen, um dich endlich der Schule zu verweisen."
Ihr Vater hatte Recht, überlegte Sarah. Harry würde nun eine Menge Ärger, wenn nicht sogar der Schulverweis drohen.
Sarah rang mit sich selbst. Sie konnte sich versteckt halten und für Harry beten, dass er tatsächlich so hoch in der Gunst Dumbledores stand, wie ihr Vater seit Jahren behaupte, oder sie konnte hinter dem Regal hervortreten, sich auf das Schlimmste gefasst machen und die Situation für Harry verbessern. Niemals würde ihr Vater sie von der Schule werfen lassen – und damit wäre auch Harry gerettet.
Unentschlossen tappte Sarah von einem Fuß auf den anderen, dann wurde ihr bewusst, dass sie sich eigentlich schon entschieden hatte.
Verdammter Mist! Diese Gryffindors und ihr treudoofer Zusammenhalt schienen bereits auf sie abzufärben!
Sarah zeterte noch mit sich selbst, als sie hinter dem Regal hervortrat, direkt in den hellen Lichtkegel des Zauberstabs ihres Vaters.
„Mitkommen Pot-" Severus unterbrach sich als er sah, wer nun hinter Harry stand.
Ein paar Sekunden verharrte er regungslos, dann verengten sich seine Augen zu Schlitzen und schließlich stand ihm die blanke Wut ins Gesicht geschrieben.
Die langen, schlanken Finger seiner Hände verspannten sich zuckend und Sarah wusste nur zu gut, dass er sie in diesem Augenblick am liebsten um ihren Hals gelegt hätte, nun da sie ihm die Chance genommen hatte, Harry endlich von der Schule zu verweisen.
„Fünfundzwanzig Punkte Abzug für Gryffindor. Für jeden von euch", presste Severus mühsam hervor. „UND ICH WÜNSCHE EINE ERKLÄRUNG!"
Sarah zuckte zusammen. Hilfesuchend sah sie zu Harry. „Wir ... wir konnten nicht schlafen... und da dachten wir... wir lesen einfach noch ein Buch." Merlin, sie war so eine verdammt schlechte Lügnerin!
„Ja und da es hier genügend hat ...", murmelte Harry.
„Raus hier Potter! In deinen Gemeinschaftsraum. Keine Umwege. Und du wirst dich Morgenabend zum Nachsitzen einfinden!", zischte Severus, ohne den Blick von seiner Tochter zu nehmen.
Mit einem letzten Blick auf Sarah, die ihm auffordernd zunickte, verließ Harry fluchtartig den Raum.
Nachdem sich Severus überzeugt hatte, dass er und Sarah nun alleine war, kam er drohen einen Schritt auf sie zu. „Deine Noten sind miserabel und du gibst deine Hausaufgaben regelmäßig zu spät ab. Du hast in den letzten Wochen wegen fehlendem Wissen in mehreren Fächern Zusatzaufgaben erhalten und McGonagall droht damit, dich eine Klasse zurückzustufen. Doch anstatt dich auf deinen Hintern zu setzten und zu lernen, erwische ich dich nachts mit diesem Potter beim Stehlen eines dämlichen Buches ÜBER THESTRALE!" Die letzten Worten schrie er wieder und schmiss das Buch mit einem lauten Knall auf den nächstbesten Tisch.
„Das ist nicht wahr! Ich habe sehr wohl gelernt. In den letzten Tagen habe ich mehr Zeit in dieser Bibliothek verbracht als Hermione und das ist Hogwartsrekord! Jede freie Minute bin ich hier!"
„Das sehe ich! Das Resultat ist jedoch mehr als fragwürdig!" Wütend zeigte er auf das Buch.
„Ich bin auch tagsüber hier – zum Lernen! Ich setze alles daran, die Klasse nicht zu wiederholen!"
„Ganz recht, du wirst das letzte Schuljahr nicht wiederholen. Du wirst den Stoff der dir fehlt nachholen und zwar schnell! Und du wirst dich nicht noch einmal zu einer solch dummen Aktion wie dieser hinreißen lassen, sondern dich nachts gefälligst in deinem Schlafsaal aufhalten. Und glaube mir, sollte sich etwas Gegenteiliges herausstellen, dann wirst das Konsequenzen mit sich bringen, die du nicht erleben möchtest! Hast du mich verstanden?" Er schrie fast wieder.
„Ja, ich habe dich verstanden! Ich bin nicht taub!", rief Sarah zornig, trat jedoch hastig ein paar Schritte zurück, da ihr Vater sichtlich mit seiner Selbstbeherrschung kämpfte.
Vor Wut am ganzen Leib bebend, deutete er auf den Ausgang. „Ich bringe dich jetzt zurück zu deinem Gemeinschaftsraum und du wirst bis zum Frühstück keine Zehe mehr in den Gang setzten. Und morgen nach dem Unterricht haben wir ein Gespräch."
Sarah schob sich in möglichst großem Abstand an ihm vorbei und trottete zurück zum Gryffindorturm vor ihm her, wie ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank. Mit einem letzten Blick auf ihren Vater kletterte sie durch das Portraitloch. Sie hatte einen furchtbaren Abend gehabt und an die Zaubertränkestunde morgen früh wollte sie erst gar nicht denken.
