7. Kapitel
Javert stand in Grantaires Büro, überflog die Liste für den Tag und versuchte zu ignorieren, wie seine Flügel und Valjeans Flügel durch den Raum flatterten. Offenbar waren die beiden dabei, eine neue Flügelfamilie zu gründen. Ob Flügel Eier legten? Javert versuchte, den Gedanken durch Schütteln des Kopfes zu vertreiben.
Valjean versuchte ebenso wiederholt wie erfolglos, Grantaire davon zu überzeugen, daß der Alkohol ihn eines Tages in ernste Schwierigkeiten bringen würde.
Auf einmal gab es einen leisen Knall, und einer Schwefelwolke entstieg die Advokatin. „Bonjour, Messieurs", sagte sie. „Grantaire, ich habe drei Nachrichten für Sie, und ich bin mir sicher, daß Ihnen nicht alle davon gefallen werden."
„Nichts, das Sie sagen, könnte mir mißfallen." Grantaire bemühte sich, galant zu sein. Er hatte gerade ausgesprochen, da griff er zu dem Glas mit Absinth auf seinem Schreibtisch und wollte einen Schluck nehmen.
Das Glas verschwand aus seiner Hand.
„Bravo!" kommentierte Valjean.
„Erstens, wir werden Sie trockenlegen", erklärte die Advokatin. „Vorerst keinen Alkohol mehr."
„Ich finde Sie nicht mehr so nett wie bisher", beklagte Grantaire sich.
„Zweitens, wir haben eine neue Aufgabe für Sie. Als Weinkoster in gehobener Position in den höllischen Weinbergen."
„Da befürchte ich, daß es eher die Hölle sein wird, die trockengelegt wird", bemerkte Javert sarkastisch.
„Jetzt finde ich Sie wieder nett", erklärte Grantaire.
Die Advokatin ließ sich nicht beirren. „Drittens werden Sie nicht allein zur Hölle fahren."
„Nicht mit ihm", stöhnte Javert auf, und Valjean sagte gleichzeitig empört und entsetzt: „Ich hätte wissen müssen, daß man der Hölle nicht trauen darf."
Die Advokatin warf beiden Männern einen irritierten Blick zu. „Wie kommen Sie darauf, daß ich von Javert rede?"
Es gab einen erneuten Knall, diesmal allerdings ohne Schwefelwolke. Innerhalb der Wolke stand ein junger, blonder Engel, der merkwürdigerweise über seinem Engelshemd eine rote Weste trug und offenbar gerade dabei war, eine Rede zu halten. „Und darum, meine Freunde, gibt es keine andere Möglichkeit als die Revolution des Volkes gegen die Unterdrücker! Die Cherubine müssen sich erheben, um…" Der blonde Engel stellte das Sprechen unvermittelt ein, als er feststellte, nicht mehr vor einer Gruppe gelangweilter Cherubine zu reden. Er blickte sich um und erkannte zunächst Javert und Valjean. „Sie und… Sie!" stieß er hervor. „Wo bin ich hier?" Er wandte sich um und erkannte Grantaire. „Du bist hier?"
„Enjolras!" brachte Grantaire mühsam hervor, und sein Gesicht begann zu glühen - ausnahmsweise nicht vom Alkohol. Die beiden jüngeren Männer fielen sich in die Arme und ähnelten dabei sehr dem Anblick, den sie bei ihrem Tod geboten hatten.
Javert verdrehte die Augen, während die Advokatin Valjean fröhlich zuzwinkerte, welcher sich in einer Geste der Anerkennung leicht verneigte.
„Wo bin ich hier?" wiederholte Enjolras, als er sich aus der Umarmung gelöst hatte.
„Zwischen Himmel und Hölle", sagte die Advokatin und ließ ihre Stimme pathetisch beben. „Sie sind hier, weil wir Ihre Hilfe benötigen. Die Unterteufel werden brutal unterdrückt. Sie müssen menschen- und teufelverachtende Zwangsarbeit beim Kohleschaufeln leisten. Nur Sie können ihnen helfen, die Bürde der Unterdrückung abzuwerfen und sie in dem Kampf gegen die Tyrannen führen."
Enjolras warf sich in Positur. „Ja, laßt uns das Morgengrauen eines neuen Lebens herbeiführen. Freiheit für die Unterteufel!" Er drehte sich zu Grantaire um. „Bist du bereit, mir zu folgen? Wie damals auf der Barrikade?"
Grantaire war versucht, daran zu erinnern, daß er während der Barrikade die meiste Zeit betrunken seinen Rausch ausgeschlafen hatte, doch dann sagte er nur: „Ich soll sowieso in die Hölle, und dies zusammen mit dir tun zu können, das ist wundervoll."
Enjolras streckte die Hand aus, die Grantaire ergriff. „Zusammen werden wir die Hölle zu einem besseren Platz machen." Die beiden Männer blickten sich tief in die Augen.
Die Advokatin schnipste einmal mit den Fingern, und beide verschwanden in einer Wolke von Schwefel. „Ich frage mich wirklich, was er an ihm findet", murmelte sie mit ihrer normalen Stimme.
„Also ich finde Grantaire, abgesehen von seiner Trinkerei, gar nicht so übel", warf Valjean ein.
„Ich sprach ja auch nicht von Grantaire, sondern von dem anderen Kerl", erwiderte die Advokatin. Sie drehte sich zu den beiden übrig gebliebenen Männern um „M. l'Inspecteur, ich muß Ihnen mitteilen, daß es keine Verhandlung geben wird, ob Sie zu Himmel oder Hölle gehören. Es ist mir gelungen, eine Einigung mit dem Himmel herbeizuführen."
„Sie haben um meine Seele geschachert?"
„Seien Sie doch nicht immer so negativ", sagte die Advokatin und fand, daß dieser Satz aus ihrem Mund etwas merkwürdig klang. „Mit ein bißchen Hilfe", sie sah kurz zu Valjean hinüber, „ist es mir gelungen, den Himmel zu überzeugen, daß es für alle Beteiligten von Vorteil ist, wenn Sie und Valjean dauerhaft zusammen arbeiten können."
Javert war sprachlos. Das erste Gefühl, was in ihm aufstieg, war nicht Abscheu, sondern Freude, auch wenn diese sich schnell mit Zweifel paarte. Valjean und er zusammen? Wie sollte das gehen? fragte eine Stimme in ihm, und eine andere Stimme antwortete prompt: Wie bisher natürlich.
„Ich habe mit Erzengel Michael und ein paar Aposteln über Ihre Einsatzmöglichkeiten gesprochen", fuhr die Advokatin fort. „Wir sind uns einig geworden, daß Sie beide für die Stelle eines Schutzengels prädestiniert sind."
„Eines Schutzengels?" Die Formulierung irritierte Valjean.
„Ja, eines Schutzengels. Jeder für sich allein würde vermutlich keine befriedigenden Ergebnisse liefern. M. l'Inspecteur würde nur Menschen schützen, die niemals einen Fehltritt begangen haben, und M. Valjean würde sich an jedem Fall ewig aufhalten, bei all dem Elend, was es gibt. Zusammen aber sind Sie perfekt für diese Tätigkeit."
„Schutzengel…", murmelte Javert; der Klang gefiel ihm deutlich besser als „Todesengel". Es schien auch nicht so
weit von der Tätigkeit eines Polizisten entfernt zu sein.
„Das klingt ja… himmlisch", sagte Valjean. „Sie sind unser guter Engel."
„Uh, bitte, sagen Sie so etwas bloß nicht." Das Gesicht der Advokatin hatte Ähnlichkeit mit dem einer Katze angenommen, die ein Haarknäuel auswürgen wollte. „Ich habe noch etwas für Sie." Mit einem Griff in die Luft zog die Advokatin zwei Stapel Karten aus dem Nichts hervor und warf sie den beiden Männern zu.
Beide fingen sie auf. „Visitenkarten?" fragte Valejan.
„‚Javert & Valjean, Schutzengel S.A.R.L.'", las Javert laut vor. „Was heißt S.A.R.L.?"
„Société à responsabilité limitée", antwortete die Advokatin. „Das muß Sie zur Zeit noch nicht kümmern, weil es erst in ein paar Jahrzehnten erfunden werden wird, aber die kluge Juristin baut vor."
Das graue Zimmer begann, sich zu verändern, das Grau wechselte zu hellen, freundlichen Farben, Fenster bildeten sich, und ganz langsam fuhr der gesamte Raum in die Höhe.
„Ich verabschiede mich", sagte die Advokatin. „Sie sind jetzt auf dem Weg nach oben. Diesen Weg kann ich nicht mit Ihnen gehen."
„Ich werde Sie vermissen", sagte Valjean leise. „Danke für alles, was Sie getan haben, aus welchen Gründen Sie es auch immer getan haben."
Zur grenzenlosen Überraschung der Advokatin trat Javert auf sie zu und ergriff zum ersten Mal in seiner gesamten Existenz die Hand einer Frau, um sich stumm darüber zu beugen.
Diese Geste brachte die Advokatin derart durcheinander, daß sie etwas zuviel Schwefel verwandte, als sie in einer Wolke verschwand. Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Qualm verzogen hatte.
„Nun, Javert, ich hoffe, es bringt Sie nicht zu sehr auf, daß wir auch zukünftig nicht voneinander loskommen werden", sagte Valjean schließlich.
Javert drehte sich um und blickte Valjean an. „Sie haben einen Heiligenschein", entgegnete er fasziniert, denn er stellte fest, daß der Heiligenschein Valjean nur zu gut stand.
„Sie auch", erwiderte Valjean.
„Oh, nein", stieß Javert bestürzt hervor, denn er konnte sich vorstellen, daß dies vollkommen albern aussehen mußte. Er beruhigte ihn nur wenig, daß Valjean nicht zu lachen begonnen hatte. „Sie scheinen den Gedanken zu mögen, daß wir jetzt zusammen die Ewigkeit verbringen werden."
Valjean wurde ein wenig rot. „Ich… bin mein ganzes Leben lang allein gewesen. Niemand hat meinen Weg lang genug geteilt, um zu wissen, wer ich war. Natürlich, Cosette war da, aber sie war ein Kind, dem ich meine Nöte nicht anvertrauen konnte. Stellen Sie sich vor, Sie waren der Mensch, der am längsten Teil meines Lebens war. Und die Vorstellung, daß ich auch die Ewigkeit in Einsamkeit verbringen müßte, hat nichts Angenehmes."
„Sie hätten die Ewigkeit mit Cosettes Mutter verbringen können oder dem Bischof von Digne." Seit Javert tot war, wußte er Dinge, die er vorher nicht einmal erahnt hatte.
„Aber das wäre nicht das selbe gewesen. Sie haben nur Teile von mir gekannt. Doch Sie, Javert, Sie haben das Schlimmste von mir gesehen und gekannt, und ein paar der Dinge, die vielleicht etwas Gutes gewesen sind. Niemand kennt mich so wie Sie. Und deswegen bin ich froh, daß wir die Ewigkeit zusammen verbringen können."
Javert warf Valjean einen kurzen Seitenblick zu. Er war unsicher, wie er mit dem Gehörten umgehen sollte, und sagte er das erste, was ihm in den Sinn kam, auch wenn er sich hinterher lieber fast die Zunge abgebissen hätte. „Sie wollen mir doch nicht etwa Avancen, Valjean?"
„Ich weiß nicht", antwortete Valjean entwaffnend ehrlich. „Aber ich denke, wir können es herausfinden. Wir haben schließlich eine Ewigkeit Zeit dafür."
Ende
