Nirnaeth Arnoediad. Íta Linníri. Selbst für mich, der sechzig Jahre später geboren wurde, ist dies ein Name, der mit unsäglichem Leid verbunden ist. Ich kann nicht beschreiben, welch tiefe Schuldgefühle Onkel Maedhros noch viele Jahre danach zerfressen hatten, ja, ich kann nicht einmal in Worte fassen, wie er auf mich wirkte, wenn die Rede drauf kam. Nirnaeth Arnoediad im Jahre 472 des Ersten Zeitalters war die Fünfte der Schlachten von Beleriand und die vielleicht mit Abstand verheerendste. Immerhin endete sie mit dem Ergebnis, dass Morgoth fast ganz Beleriand offen stand.
Als mein Bruder und ich alt genug waren, um von diesen Ereignissen in Kenntnis gesetzt zu werden, rief unser Onkel uns zu sich und fing an, uns in Militärtaktik zu unterrichten. Er begann mit einem Beispiel: sich selbst und seinen Plänen zu jener Schlacht, die hernach Nirnaeth Arnoediad genannt werden sollte.
Onkel Maedhros hatte in jener Zeit erkannt, dass nur ein Bündnis aller Völker Beleriands ihnen zum Sieg gegen Morgoth verhelfen konnte, dass sie vereint stehen musste, wenn sie nicht alle einer nach dem anderen vernichtet werden wollten. Berens und Lúthiens Geschichte hatte ihm wieder Mut gegeben und ihm gezeigt, dass Morgoth nicht unangreifbar war. Jeder hat eine Schwäche, der einzige Trick an der Sache ist, diese Schwäche herauszufinden, bevor es der Feind tut. Passender (oder ironischer, wie mein Onkel meinte) Weise nannte man diesen Bund Maedhros' Bund, und mein Onkel verabscheute diesen Namen hinterher nur noch umso mehr, da es jeden (seiner Meinung nach) immer und immer wieder daran erinnerte, welcher der Heerführer es war, der die Idee zu diesem fatalen Bund fasste.
Jetzt, da ich selbst Schlachten von ganz ähnlichen Dimensionen schlug und gar selbst führte, weiß ich, dass Onkel Maedhros' Vorstellungen durchaus begründet waren. Ihnen war nichts anderes übrig geblieben, als diesen Bund zu wagen und zu schließen. Allein der Eid der Feanorer stand ihnen im Weg und es kamen weit weniger als erhofft, nicht zuletzt aber auch aufgrund der bitteren Worte, die Celegorm und Curufin zuvor nach Doriath gesandt hatten. Dennoch konnte Onkel Maedhros mit Fingons Unterstützung, der freilich sofort diesem Bund zugesagt hatte, ein äußerst starkes und beachtliches Heer aufstellen, das Morgoth zu Recht fürchten sollte.
Maedhros und seine Brüder selbst zogen zusammen mit den Zwergen von Belegost und Nogrod sowie den Menschen Bórs und Ulfangs in den Krieg. Nur eine kleine Schar aus Nargothrond unter der Führung Gwindors und lediglich Beleg und Mablung aus Doriath folgten Fingon, da Thingol nicht gewillt war, Maedhros seine Unterstützung zuzusagen, jedoch jenen beiden Gefolgsleuten nicht verwehren wollte, an solch großen Taten teil zu haben. Weiterhin beteiligten sich die Menschen aus Hadors Geschlecht an diesem Krieg ebenso wie Haleths Volk in Brethil. Auch nach Gondolin und zu Turgon wurde Kunde gesandt, auch wenn dieser nicht von Beginn an an der Schlacht teilhaben sollte.
Ja, dieses Heer war von beeindruckender Größe und Schlagfertigkeit. In gewisser Weise mochte Gil-galads und Elendils Letzter Bund daran erinnert haben.
Onkel Maedhros' Pläne waren sehr gut, nahezu genial, wie es nicht anders von ihm zu erwarten war. Doch auch er war nicht gänzlich vor Fehlern gefeit. Ganz zu schweigen von der Geheimwaffe des Feindes. Er beging den Fehler, Morgoth zu früh zur Kraftprobe herauszufordern, noch lange bevor alle seine Pläne zur Reife gekommen waren, wodurch Morgoth gewarnt wurde vor dem, was Onkel Maedhros plante. Er schickte seine Späher und Spione aus, sandte sie sogar bis in das Lager seines Feindes, auf das sie dort Zwietracht und Unsicherheit sähen mochten. Umso leichter fiel ihm dies, da die insgeheim verräterischen Menschen schon tief in die Pläne der Feanorer eingeweiht waren und all dies Morgoth berichteten.
Maedhros' Idee war es, Morgoth in offener Feldschlacht auf Anfauglith zu begegnen und das Heer des Feindes aus Angband zu locken. Der Angriff sollte von Osten durch Fingon von den Ered Wethrim und von Westen durch die Feanorer erfolgen. Morgoth sollte von zwei Seiten in die Zange genommen und zerschmettert werden. Ein guter Plan, der äußerst erfolgsversprechend war, er hätte funktionieren können. Ich hätte es vielleicht nicht anders gemacht.
Der Tag der Schlacht war der Mittsommer jenes Jahres. Über Thangorodrim hingen dunkle Wolken und schwarzer Rauch stieg auf; Morgoths Zorn war geweckt, er hatte die Herausforderung angenommen. Das verabredete Zeichen zum Angriff, ein großes Leuchtfeuer, das Onkel Maedhros an den Hängen von Dorthonion entzünden wollte, verzögerte sich allerdings, da Uldor der Verfluchte meinen Onkel mit falschen Warnungen vor Angriffen aus Angband aufhielt. Das jedoch war der Moment, wo Turgon die Tore Gondolins öffnete und mit einer beeindruckenden Streitmacht ausrückte.
Da erfasste wieder Mut den Hohen König und er rief laut über das Feld: „Utúlië' n aure! Aiya Eldalië ar Atanatári, utúlië' n aure!" Und seine Heere antworteten ihm: „Auta i lóme!"
Nun wähnte Morgoth seine Stunde gekommen und er schickte seine Heere gegen Hithlum aus. Obwohl Maedhros' Zeichen immer noch nicht erfolgt war, drängten die Noldor auf einen Angriff, Húrin aber riet Fingon, noch zu warten und Morgoths Heere sich an den Wällen aufreiben zu lassen, Morgoth erschiene stets schwächer, als er stets war. So verhallte das Hohngeschrei der Orks antwortlos in den Bergen und die Heere hüllten sich weiter in Schweigen. Als nun aber ihr Gefangener Gelmir vorgeführt, geschändet und schließlich wie ein Schlachtschwein abgestochen wurde, geriet darüber Gelmirs Bruder Gwindor so in Zorn, dass er mit seinen Leuten wie rasend vorstürmte, die Schänder seines Bruders erschlug und bis weit in das Hauptheer vordrang. Ihr Angriff war wie ein Sturm erfolgt, plötzlich und heftig und beinahe hätten sie Morgoths Pläne zunichte gemacht, denn Gwindor folge schließlich auch Fingon mit seinen Heeren. Gwindor gelang es, Fingolfins Banner tragend, bis zu den Toren Angbands durchzudringen, doch dort saß er in der Falle. Alle seine Gefolgsleute wurden erschlagen, er selbst gefangen genommen.
Daraufhin sandte Morgoth sein Hauptheer aus, das er bis dahin in den Höhlen und Löchern Angbands verborgen gehalten hatte, um Fingon von seinen Mauern zurückzuschlagen. Hier, am vierten Tag der Schlacht, begann Nirnaeth Arnoediad, denn kein Lied kann besingen, welch unsagbares Leid über die Heere der Noldor kam. Nicht einmal Onkel Maglor vermochte dies, der doch sonst alles besingen konnte.3
Fingon musste sich über Anfauglith zurückziehen, Haldir starb während dieses Unterfangens in der Nachhut zusammen mit den meisten Männern aus Brethil. Am fünften Tag waren sie von Orks umzingelt, doch am Morgen des nächsten Tages gelang es Turgon, sich zu ihnen und seinem Bruder durchzuschlagen, und die Gondolindrim brachten Tod und Verwüstung unter ihre Feinde. Jetzt endlich ließ auch Onkel Maedhros zur Dritten Morgenstunde die Trompeten blasen und griff in die Schlacht ein; mit Zorn fielen die Söhne Feanors dem Feind in den Rücken und trieben die Orks in Furcht zur Flucht. Es heißt, dass sie in dieser Stunde noch den Sieg hätten davontragen können, währen ihnen alle Heere treu geblieben, doch nun ließ Morgoth seine stärksten Streitkräfte los: Wölfe und Wolfsreiter, Balrogs und Drachen und Glaurung, der Vater aller Drachen. Nun erst war Glaurung zur voller Gewaltigkeit und Macht angewachsen und er vernichtete seine Feinde mühelos, nichts konnte ihn lange Zeit aufhalten. Trotz dieser gewaltigen Kräfte des Feindes wäre ein Sieg für die Noldor möglich gewesen, hätten die Menschen Ulfangs sie nicht verraten. All seine Ränke wurden offen gelegt, seine Leute flohen oder wandten sich gegen ihre vormaligen Verbündeten. Onkel Maglor erschlug in dieser Stunde Uldor den Verfluchten, da die Verräter in all der Verwirrung beinahe bis zu Onkel Maedhros' Standarte vorgedrungen wären. Doch hatte Uldor zuvor noch zahlreiche seiner Gefolgsleute zur Schlacht rufen können, die nun Onkel Maedhros Heer angingen, sodass es von drei Seiten angegriffen wurde. Das Heer wurde versprengt, meine Onkel und ihre Brüder mussten sich zurückziehen; keiner von ihnen überstand diese Schlacht ohne Verwundung. Sie konnten sich mit einem Rest der Noldor und der Hilfe der Naugrim zum Berg Dolmed im Osten retten und zogen später weiter nach Ossiriand im Süden, doch der Himring war verloren.
Bis zuletzt hielten aus dem Heer des Ostens die Naugrim von Belegost stand. Wären sie nicht mit ihren fürchterlich anzusehenden Kriegsmasken in den Kampf gezogen, hätten Glaurung und seine Brut alles verbrannt, was von den Heeren noch übrig war. Ihnen gelang, was sonst niemanden je gelungen war: Sie stellten Glaurung, umzingelten ihn und bedrängten ihn, und so erlangten sie großen Ruhm. Der Lindwurm nutzte als seine Verteidigung seine schiere Größe, als er sich auf den Fürsten der Zwerge, Azaghâl, wälzte und ihn nieder machte. Mit letzter Kraft stieß Azaghâl dem großen Drachen jedoch ein Messer in den weichen Bauch und brachte ihm eine tiefe Wunde bei. Glaurung floh vom Schlachtfeld.
Auf dem westlichen Schlachtfeld stand es ebenso verheerend um die Brüder Fingon und Turgon, eine Flut von Feinden bedrängte sie, allen voran der Feldheer Angbands, Gothmog, Fürst der Balrogs. Er drängte Turgon und Húrin seitlich ab ins Fenn von Serech und umzingelte Fingon. Am Ende stand Fingon allein zwischen den Leichen seiner gefallenen Leibwächter und focht mit dem Balrog. Fingon war ein großartiger Kämpfer, wie Onkel Maedhros mir und meinem Bruder gegenüber immer wieder betonte, vielleicht hätte er diesen Kampf auch geschwächt und nach tagelangem Gefecht in grausamer Schlacht gewinnen können. Doch es war die Heimtücke des Feindes, die ihn am Ende zu Fall brachte: Ein Balrog schlang seine Feuerschlinge von hinten um den König und warf ihn zu Boden, und Gothmog erschlug ihn sogleich.
Dies war Fingons Ende, tapfer hatte er mit dem Mut der Verzweifelten gekämpft, doch wurde dies von seinen Feinden nicht im Geringsten geehrt. Sie hieben ihn mit ihren blutigen Waffen in den Staub und stampften sein blausilbernes Banner in die Lachen seines Blutes. Auch wenn er auf diese schreckliche Weise entehrt wurde, so was sein Kampf doch niemals ehrlos.
Niemand weiß, was seine letzten Gedanken gewesen sein mochten, doch nach allem, was ich von ihm hörte, bin ich mir sicher, dass er wohl zuerst an seinen Freund Maedhros gedacht hatte und dann an seinen kleinen Ereinion, den er doch so geliebt hatte. Ich danke an dieser Stelle Elloth, dass sie mir erlaubt, Fingons letzten Brief an seinen Sohn hier wiedergeben zu dürfen. Er verfasste ihn am Abend vor der Schlacht und sandte ihn zusammen mit Aeglos, dem Speer, für den Gil-galad später weithin berühmt wurde, zu den Falas.
Es ist nun spät, mein Sohn, der Abend vor der Schlacht. Morgen, am Mittsommertag, werde ich mit Maitimo in die Schlacht ziehen und hoffentlich endlich all das Übel aus dieser Welt vertreiben. Ich weiß nicht, ob ich morgen Abend noch leben werde, ob morgen Abend schon alles vorbei sein mag, ob wir morgen Abend schon den Sieg davon getragen haben. Die Zukunft ist ungewiss. Doch sagt mir mein Gefühl, dass große Gefahr über uns alle kommen wird, vielleicht gar größer, als wir es jetzt schon ahnen. Schon einmal überraschte uns Morgoth Bauglir und übermannte uns verheerend. Meinen Vater trieb dies in den Tod.
Fürchte dich nicht, ich begehe nicht den Fehler, unseren Feind zu unterschätzen. Maitimo hat gute Pläne, alles wird so laufen, wie wir es wünschen.
Und doch ist da etwas in der Luft, das das Ende verkündet. Doch wessen Ende? Morgoths Ende, unser Ende? Mein Ende?
Ich wünschte, ich hätte dich wachsen sehen können, mein Sohn. Wünschte mir, ich könnte dich noch einmal in meine Arme schließen. Doch kann ich es nicht … Vielleicht wirst du mich hassen: dafür, dass ich dich fortgeschickt habe, und auch dafür, dass ich nicht mit dir mitgegangen bin … Doch vor allem dafür, dass ich nicht mehr zu dir kommen kann.
Wisse, dass ich stolz auf dich bin und dich liebe. Mehr als alles andere auf Arda! Ich bin sicher, dass du eines Tages in meine Fußstapften treten und dich als würdig für mein Erbe erweisen wirst. Habe Vertrauen in dich, mein geliebter Sohn. Du bist immerhin mein Sohn, vergiss das nicht, der Sohn eines Helden. Der Sohn eines Hohen Königs. Du wirst das schaffen, und solltest du doch jemals an dir zweifeln, dann möge dir die Erinnerung an diese Worte vielleicht Trost und Kraft spenden.
Denn langsam hege ich die Befürchtung, dich nicht mehr zu sehen, langsam regt sich etwas in mir, dass mir mit immer größer werdender Deutlichkeit sagt, dass es so kommen muss. Etwas sagt mir, dass ich die bevorstehende Schlacht nicht überleben werde … Und so gerne ich dich auch bei mir hätte, so sehr und weit mehr, wünsche ich mir für dich ein langes und glückliches Leben … Wenn ich bis zum Ende Ardas warten müsste, dich wiederzusehen, ich würde nicht einmal klagen. Obgleich ich dich immer vermissen werde, wünsche ich mir doch nichts mehr, als so lange warten zu müssen. Wäre die Zeit kürzer, würde dies doch nur bedeuten, dass auch du einen frühzeitigen Tod gefunden hast, und das würde ich mir nie verzeihen können. Dies hier ist meine letzte Möglichkeit, dich zu schützen, und ich werde sie mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln nutzten. Würde ich dich vor dem Ende aller Zeiten wiedersehen, hätte ich selbst in dieser Aufgabe eines Vaters versagt.
Ich habe das Gefühl, ein so schlechter Vater gewesen zu sein …
Eines bleibt mir noch. Ich habe etwas für dich, ein Geschenk. Der Speer, Aeglos mit Namen, wurde mir von Maitimo für die bevorstehende Schlacht gegeben und von dessen Bruder Curufinwe gefertigt. Doch kann ich mich nicht recht damit anfreunden, ich bevorzuge das Schwert. Solltest du eines Tages eine Waffe brauchen (obgleich ich mit jeder Faser meines Dasein hoffe, dass es niemals soweit kommen wird), vielleicht sagt sie dir zu.
Pass auf dich auch.
In Liebe
Dein dich ewig liebender Vater
3Ich meine, er konnte sogar Elros und mir das Meer mit seiner Musik so genau beschreiben, dass wir es in allen Details und wie wirklich vor uns sehen konnten, obwohl wir es, bevor wir erwachsen geworden waren, niemals gesehen hatten. Nun, wahrscheinlich hatten wir es schon gesehen, waren aber noch zu jung, um Erinnerungen daran zu haben, bevor und Onkel Maglor mit nach Ossiriand nahm.
