A/N: Hallo ihr Lieben – diese Woche bin ich etwas früher dran und ich muss euch warnen, denn das, was wie ein Füllerkapitel aussieht, ist in Wahrheit durchaus wichtig. Eine der Szenen ist besonders wichtig und (wie ich finde) auch schwer zu verstehen – ich bin überzeugt, ihr wisst, was ich meine und könnt sehen, was Cato für sich selber auch langsam sieht. Und wappnet euch selbst, denn der Weg in die Arena ist unausweichlich! – Viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende!
VII
Die Augen sind auf ihn gerichtet. Die Spielmacher, die Juroren, alle sind auf der Empore versammelt. Keine seiner Bewegungen geht unbeachtet. Nichts, was sein Gesicht zeigt, bleibt unbemerkt. Zwanzig Augenpaare, die auf jeden Fehler achten. Zwanzig Männer, die wissen, dass sie den Favoriten der Spiele vor sich haben.
Und er ist in seinem Element.
Er muss noch nicht einmal annähernd zeigen, zu was er wirklich fähig ist, als er schon den respektzollenden Applaus hört. Er lässt das Schwert ein letztes Mal in der Hand kreisen, bevor er es gleich einem Messer durch die Luft wirft, bis es auf den Körper eines bereits kopflosen Trainingsdummies trifft.
So einfach.
…
Brutus steht von seinem Platz vor dem Fernseher auf.
„Gut gemacht."
Er akzeptiert das Lob seines Mentors mit einem Kopfnicken. (Denn natürlich ist allen Anwesenden klar, dass sie nur erfüllt haben, was immer von ihnen erwartet wurde.)
Caesar Flickerman präsentiert gerade die Bewertung der Tribute aus 5, als Enobaria und Brutus den Raum bereits verlassen. Huckleberry Dommersday ist direkt nach der Bewertung von seinen eigenen Tributen verschwunden, um den Erfolg mit seinen Kollegen zu feiern.
Sie sind alleine, der Fernseher spielt weiter vor sich hin. Er lehnt sich in seinem Sessel zurück und wirft einen kurzen Blick zu Clove, die rücklings auf einem der Stühle sitzt und die Arme auf der Lehne verschränkt hat.
7, 8, 9 und 10 bekommen Werte in den unteren und mittleren Bereichen. (Keine Überraschung.)
Dem männlichen 8 hätte er vielleicht etwas Besseres als eine 4 zugetraut. Doch er weiß auch, dass diesen Bewertungen viel zu viel Bedeutung beigemessen wird. Der Sieger vor neun Jahren hatte nur eine erbärmliche 3.
(Seine 10 und ihre 10 werden sie beide nicht aus der Arena herausholen.)
Der männliche 11 bekommt ebenfalls 10 Punkte. (Er hat nichts anderes erwartet.) Vielleicht sollte er ihm das Angebot machen, sich ihrer Allianz anzuschließen. Er könnte brauchbar sein – vielleicht sogar brauchbarer als die beiden aus 1, die es nach allem noch nicht einmal über die 9 Punkte herausgeschafft haben.
Der männliche 12 bekommt eine 8. (Er wird ihn trotzdem im Auge behalten.)
Und die weibliche 12 bekommt eine 11.
(11 verdammte Punkte.)
Er lässt die heiße Welle von Ärger und Hass durch seinen Körper rauschen, bis sie verebbt ist und er sich konzentrieren kann.
(11 Punkte. In den Trainings ist sie nicht besonders aufgefallen. Mittelmäßig. Was war ihre Waffe? Bogen, genau. Sie ist unscheinbar. Was hat sie getan, um 11 Punkte zu bekommen? Ein Glückstreffer? Vielleicht. Zu riskant, um sich darauf zu verlassen. Was kann sie noch können? Die Tribute aus 12 können nie etwas.)
Clove sieht zu ihm herüber. „Wie zum Teufel hat sie eine 11 bekommen?" Er kann Angst und Hass in einer verzerrenden Mischung aus ihrer Stimme heraushören. Auch er weiß, dass sie das den einen oder anderen Sponsoren kosten könnte. Und dass sie wohl einen weiteren ernst zu nehmenden Gegner haben.
Er zuckt mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung."
(Aber in diesem Moment beschließt er, sie auf Nummer 1 seiner Liste zu setzen.)
…
Am nächsten Tag sitzt er wartend im Aufenthaltsraum vor dem Fernseher, der die Wiederholungen der Interviews vom letzten Jahr zeigt. Seine Füße liegen überkreuzt auf dem gläsernen Couchtisch, die Arme verschränkt vor seiner Brust. Brutus und Enobaria sind bereits weg, um sich mit den anderen Mentoren zusammen die kommenden Interviews anzuschauen. Bevor sie gegangen sind, haben sie ihm geraten, er solle einfach so sein, wie er ist, sich nicht verstellen. (Kaltblütig, mächtig, brutal. So, wie das Kapitol seine Tribute liebt.)
Er ist immer, wie er ist.
Und jetzt ist er überrascht, gefesselt, fasziniert, als sie plötzlich aus ihrer Tür tritt, ihr Stylistenteam zurücklassend.
Ihr Kleid raubt ihm den Atem. Nein, sie raubt ihm den Atem, weil ihre Haut noch goldener strahlt als sonst, ihre Augen funkeln, sie wunderschön ist. Der orangene Stoff schmiegt sich an ihren Körper, lässt die Schultern ganz frei (und für den Moment eines Wimpernschlags taucht vor seinen Augen ein Bild auf, in dem das Kleid nicht orange, sondern weiß ist, und er es ihr langsam von den Schultern streift, doch dann ist das Bild weg) und er steht auf und tritt zusammen mit ihr in den Aufzug, der sie auf die Grundebene bringen wird.
Der Gang ist leer, leise. Kaum sind sie aus dem Aufzug herausgetreten, bleibt er stehen, sieht sie an. Lässt seinen Blick langsam an ihr herunterwandern, kehrt zu ihren Augen zurück, fast schwarz und undurchdringlich. (Er versucht, zu verstehen.)
(Versucht zu sagen, was man nicht sagen kann.)
„Was tun wir?" (Was tut sie mit ihm?)
Sie versteht ihn, wie sie ihn immer versteht. „Wir wandern auf einem schmalen, gefährlich Grad, nicht wahr?" Noch ist ihre Stimme weich und leise und beruhigend.
Er fährt sich durch die Haare. „Ich befürchte schon."
Und dann kann er mit eigenen Augen sehen, wie sie sich langsam in die kalte, die hämische, die gefährliche Clove verwandelt – die Clove, die Millionen von Zuschauern auf ihren Bildschirmen sehen wollen. Die Clove, die eine gute Chance auf den Sieg hätte, wäre sie es nur.
Sie sieht ihn an und jetzt hat ihre Stimme einen harten Klang, ihre Augen sind kalt.
„Dann sollten wir wohl aufpassen, dass wir nicht danebentreten."
…
Kaum erreichen sie den Gang, der sie zur Halle bringen wird, hört er hinter sich die Tribute aus 1. Wäre es nicht das taktisch klügste, mit ihnen eine Allianz zu bilden, hätte er sie nach 12 schon ganz oben auf seine Liste gesetzt. (Die Liste, die ihm aus der Arena helfen wird, wenn er sie strategisch abarbeitet.) Aber sie sind aus 1, und abgesehen von dem männlichen 11 und natürlich 12 die einzigen, denen er überhaupt etwas zutraut, also schweigt er und wartet ab. Er kann gerade noch erkennen, wie Clove ihre Augen verdreht, als das Mädchen (Wie hieß sie noch?) sich bereits mit einem breiten Lächeln an seinen Arm hängt.
Und dann geht es ganz schnell. Er hat 1 am Kragen gepackt und gegen die Wand geschleudert, noch ehe jemand realisiert, warum. Doch er weiß, dass kein anderer das Recht hat, vorsichtig mit seinen Fingern über Cloves nackten Hals zu fahren, über ihre Schultern bis zu ihrem Arm. Und dies mit einem anzüglichen Lächeln zu begleiten.
Seine Hand liegt um seinen Hals, und es wäre ein Leichtes, mit einer kurzen Bewegung einfach sein Genick zu brechen (so leicht), doch als er merkt, wie Clove ihre Hand auf seine legt, klären seine Gedankennebel sich langsam.
Er schaut auf ihn nieder, wie er japsend nach Luft an die Wand gedrückt ist, seine Hände kraftlos an der Seite und er beschließt, ihm in der Arena einem besonders langsamen Tod auszusetzen.
„Du fasst sie nie wieder an. Und du vergisst, was gerade passiert ist. Verstanden?"
Ohne eine Bestätigung abzuwarten, lässt er ihn los und dreht sich um, noch bevor er hört, wie der Schwächling nach Luft ringend auf dem Boden zusammensackt. Das Mädchen lässt ein paar unverständlich, viel zu hohe, wimmernde Worte hören, als sie sich zu ihrem Distriktpartner herunterbeugt.
Er greift nach Cloves Hand und gemeinsam lassen sie die beiden anderen hinter sich.
…
Er beobachtet, wie 12 sich in ihrem brennenden Kleid auf der Bühne dreht. Die Reaktion des Publikums ist leicht zu erkennen - süß, aber nicht genug, um weitere Sponsoren anzulocken.
Er weiß, dass ihm die größten Chancen auf den Sieg zugetraut werden. Das letzte Tribut, das eine solch gute Quote in den Wettbüros hatte wie er, hat die Spiele innerhalb von nur zwanzig Stunden gewonnen. Und da Clove auch im oberen Mittelfeld der potentiellen Siegerliste rangiert, ist es kein großes Geheimnis, welchen Distrikttributen die meisten Sponsoren zugeneigt sind.
Er steht und wartet. Einer noch.
Und als 12 schließlich sein Geheimnis öffentlich gesteht, blendet er das spöttische und hämische Gelächter der anderen Tribute um ihn herum einfach aus und konzentriert sich auf das Gesicht von 12.
Er muss ausgesprochen dumm sein (wenn er die Wahrheit sagt, denn so gefährdet er sie nur noch mehr und gibt zudem seine größte Schwäche preis). Oder aber er ist ausgesprochen schlau (wenn er lügt, denn sein kleiner Trick dürfte die größten Auswirkungen auf die Sponsoren haben). Cato braucht nicht lange, um in seinem Blick zu finden, wonach er gesucht hat.
(Es ist so leicht, bei einem Gegner die Schwäche zu finden, die man selber besitzt.)
Er sieht, wie Clove sich schon auf den Weg zum Aufzug macht und mit dem Wissen, dass Intelligenz nicht zu den Stärken von 12 gehört, folgt er ihr schweigend.
…
Es ist soweit.
(Die Zeit verrinnt.)
Der letzte Moment mit ihr. (Der letzte?)
Sie trägt bereits die für die Arena vorgeschriebene Kleidung, als sie aus ihrem Zimmer kommt und wortlos in seine Arme flüchtet.
Sie stehen, Sekunden, Minuten.
(Die Zeit verrinnt.)
Sie schaut ihn nicht an, lässt ihren Kopf aber an seine Schulter gelehnt, als sie schließlich spricht.
„Wenn ich…" Ihre Stimme ist leise, zitternd, angsterfüllt. (Und vielleicht ist es ihm so trotzdem lieber als die kalte, die hinterlistige, die emotionslose Clove, die sie bald wieder sein muss.) „Wenn ich nicht zurückkomme, sagst du meiner Schwester, dass es mir Leid tut? Dass ich es nicht so meinte und dass ich sie liebe?"
(Vage Erinnerungen an eine Szene voll von Angst und Hass und Anschuldigungen an die Erstgeborene, die im Haus der Eltern bleiben durfte, während die Zweitgeborene wie üblich in das Trainingszentrum von Distrikt 2 kam.)
Er schiebt sie ein Stück von sich, fasst sie an den Schultern, möchte sie schütteln (aus Angst, aus Verzweiflung) und tut es doch nicht, sondern versucht seine Stimme so ruhig wie möglich zu halten.
„Du kommst zurück. Du musst daran glauben." Sein Blick misst sich mit ihrem. Für einen Moment ist er versucht, etwas anderes zu sagen, doch er verbietet sich, überhaupt zu denken. „Du musst daran glauben, musst es fühlen, musst es wissen, dass du es daraus schaffst. Du musst daran glauben, Clove." (Denn wer nicht daran glaubt, ist tot, bevor er sich umdrehen kann.)
Sie nickt und schließt für einen Moment ihre Augen, und als sie ihn wieder anblickt, ist die Angst aus ihnen nicht verschwunden, aber weit genug zurückgedrängt.
(Die Zeit verrinnt.)
„Hör mir zu. Wir haben nicht mehr viel Zeit." Er blickt zur Tür, dann zurück zu ihr. „Der Anfang ist das schlimmste. Schau zu, dass du ein paar Messer bekommst. Nimm dich vor 3, 7, 11 und 12 in Acht. Ich weiß nicht, was sie geplant haben." Er sieht die anderen Tribute im Geiste vor sich, versucht abzuschätzen, ob sie es wagen würden, sich gleich zu Anfang auf ein Karrieretribut zu stürzen.
„Wenn es keine Messer gibt, bleib an meiner Seite. Und wenn irgendetwas schiefgeht, hau ab. Ich werde dich dann finden." Er umfasst ihr Gesicht, streicht langsam mit seinem Daumen über ihre weiche Haut. „Hast du das verstanden?" Seine Stimme ist leise.
Sie nickt, ohne Worte.
(Die Zeit verrinnt.)
Er beugt sich zu ihr herunter, berührt mit seinen Lippen federleicht ihre Stirn, ihre Schläfen. (Vielleicht, weil er in diesem Moment nicht mehr ertragen kann.)
Für einen Moment bleiben sie, wie sie sind, sicher in der Umarmung des anderen, doch dann öffnet sich die Tür und ihre Mentoren treten ein.
(Die Zeit ist verronnen.)
Es beginnt.
