Disclaimer: - siehe Teil 1 / einige (etwas abgewandelte) Zeilen stammen zudem aus dem "Göttinnen-Geflüster" von Amy Sophia Marashinksy (mein Dank an dieser Stelle für das wunderwunderbare Orakel)
-+- Die Wegkreuzung -+- (Teil 7)
Am nächsten Tag begannen die mehrtägigen Prüfungen, und die Anspannung jedes Einzelnen war deutlich zu spüren. Ron, Harry und Hermione hatten sich wie immer im Gryffindor-Gemeinschaftsraum getroffen, um zusammen zum Frühstück zu gehen. "Hermione, du siehst grauenhaft aus!", sagte Harry entsetzt, "Was ist mit dir?", und nahm sie rasch in den Arm, als er Tränen in ihre Augen treten sah.
Sie sah wirklich schrecklich aus: Ihr Gesicht war äusserst blass und die Augen rot gerändert. Sie mochte nicht antworten, wusste aber, dass Harry vorher keine Ruhe lassen würde. "Es... es ist nichts – Frag nicht weiter, bitte.", gab sie leise zur Antwort, löste sich aus seiner Umarmung und ging zum Ausgang, um weitere Fragen zu unterbinden. Um keinen Preis der Welt würde sie es Ron und Harry erzählen. Egal, den es war zu spät dazu. Als Hermione ihnen die Wahrheit über sie und Severus vorenthalten hatte, war ein noch nicht spürbarer, doch haarfeiner Riss in ihrer Freundschaft entstanden. Nun fühlte es sich so an, als sei durch die Erkenntnis von letzter Nacht ein Keil in diese Lücke getrieben worden, und mit jeder Minute sank dieser tiefer ein. Zuerst war es nur ein Riss gewesen, dann ein Spalt, und schliesslich ein unüberwindlicher Graben.
Lange Zeit war sie am Ufer des Sees sitzen geblieben und hatte auf eine Antwort der Göttin gewartet – Doch sie kam nicht. Irgendwann hatte sie dann selbst eine Entscheidung getroffen und war ins Bett zurück gekehrt, obwohl sie keine Müdigkeit verspürt hatte: Sie würde das Kind nicht austragen. Im Gewächshaus von Professor Sprout wuchsen einige ihr bekannte Kräuter um eine Blutung auszulösen, aber die Wirkung war nicht vollkommen sicher. Zudem hielt die Professorin ein wachsames Auge auf die Pflanzen, und jedes Fehlen fiele ihr vermutlich sofort auf. Doch Hermione hatte sich bereits eine andere Lösung überlegt. In den nächsten Tagen würden die Abschlussprüfungen stattfinden, anschliessend mussten sie eine Woche auf die Ergebnisse warten und danach begannen die Sommerferien. Ihre Eltern waren vielbeschäftigte Zahnärzte, und somit hätte sie genügend Zeit, ihren Entschluss in die Tat umzusetzen. Ausserdem wäre sie weit genug von der magischen Welt entfernt und allem, was sie davon abhalten könnte: In erster Linie Severus. Beim Gedanken an ihn spürte sie einen leichten Stich im Innern, doch sie verdrängte es. Sie liebte ihn nach wie vor, aber dies war etwas, dass sie alleine durch stehen wollte. Ihr Gesicht wurde kühl und abweisend, und sie verschloss ihr Herz.
***
Severus wunderte sich, was heute Morgen mit Hermione los war. Sie blickte äusserst selten zu ihm hinauf, und wenn, dann nur kurz. Nichts desto trotz stellte er rasch fest, dass sie vor Kurzem geweint haben musste, denn ihre Augen waren immer noch rot und verquollen. Ob es etwas mit ihm zu tun hatte? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und beinahe hätte er seine Tasse fallen gelassen. Oh, wie sehr er doch seine gelegentlichen Vorahnungen hasste. Severus musste dringend mit ihr sprechen.
Seine Blicke blieben nicht unbemerkt, doch Hermione reagierte nur selten darauf. Sie hatte Angst, dass wenn er ihr tief genug in die Augen schaute, er alles erfahren würde. Heute Abend am Litha-Ritual würden sie sich wiedersehen, und das wäre früh genug. Bis dahin musste sie ihr Wissen tief genug in sich vergraben können. Hermione würde zum Ritual hingehen – genauso wie es auch Severus musste. Obwohl sie am See keine Antwort erhalten hatte, und sie sich von den Göttern verlassen und verraten fühlte, konnte sie noch immer den Ruf der Erde zu Litha in sich spüren. Es war nicht etwas, dass man so einfach ignorieren konnte, auch wenn man den ganzen Tag mit Prüfungen beschäftigt war. Hermione wusste, dass Severus versuchen würde sie abzufangen, doch den ganzen Tag über vermochte sie ihm geschickt auszuweichen.
Als die Nacht schliesslich kam, wartete Severus bereits voller Ungeduld vor der Türe Hogwarts. Er hatte immer wieder versucht, ihr "per Zufall" zwischen den Prüfungen auf den Fluren zu begegnen, aber sie schien wie vom Erdboden verschwunden. Nun stand er in der warmen Nachtluft und hoffte innigst auf ihr Kommen. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, öffnete sich auch schon die Türe und eine etwas besser aussehende Hermione trat zu ihm. "Hermione!", flüsterte er laut, umarmte und küsste sie. "Was ist los? Warum hast du heute morgen geweint?", fuhr er fort.
Etwas zögernd zunächst erwiderte Hermione seinen Kuss. Beinahe wäre die ganze Geschichte aus ihr heraus gesprudelt, doch gerade noch rechtzeitig konnte sie sich zurück halten. "Es ist nichts... Ich... hatte nur einen schlechten Traum, das ist alles.", log sie und wusste im gleichen Moment, dass er ihr nicht glaubte. Doch er fragte nicht weiter.
Er blickte sie etwas enttäuscht und traurig an, nahm sie dann aber bei der Hand und flüsterte: "Komm, wir müssen uns beeilen – wir sind etwas spät dran." Schon eilten sie im Schatten bleibend über die Wiesen Hogwarts, am Waldrand entlang und zur Lichtung.
***
Die übrigen Teilnehmer waren bereits versammelt und blickten etwas erstaunt, als Severus mit Hermione an der Hand erst jetzt eintraf. Normalerweise war er einer der Ersten, die man auf der Lichtung vorfand. Mit freundlichem Lächeln und warmen Worten wurden sie in ihrer Mitte begrüsst, und kurz darauf wurde das Feuer entzündet und das Ritual begann.
Hermione hatte seit Beltaine viel über Wicca gelesen und auch von Severus einiges erfahren, so dass sie dieses Mal wusste, was sie erwartete. Die ihr bereits bekannten Energien fluteten wieder einmal über sie hinweg, und sie genoss die Gegenwart der Anderen zu spüren, doch tief drinnen fühlte sie immer noch die Verzweiflung letzter Nacht. Schlechtes Gewissen begann sich in ihr zu regen und es gelang ihr nicht richtig, sich zu erden und zentrieren. Die übrigen Anwesenden hatten mittlerweile die Augen geschlossen und liessen sich treiben.
Und dann sah Hermione etwas, dass ihren Atem stocken liess. In der Mitte des Feuers erblickte sie ein Gesicht, und kurz darauf schritt eine alte Frau auf sie zu. Hermione wollte gerade zu sprechen beginnen, als die Frau einen Finger an die Lippen hob und so signalisierte, still zu sein. Wer war sie?
Kurz vor Hermione blieb sie stehen und begann: " Wer ich bin, mein Kind?", fragte sie lachend, "Ich trage viele Namen, doch heute bin ich für dich Hekate, die Göttin der Wegkreuzung.", und auf ihren Wink traten drei grosse Hunde aus dem Feuer und legten sich neben ihr nieder.
"Mit
meinen Hunden sitze ich
an den Kreuzungen
an denen sich drei Strassen treffen
an Kreuzungen,
die eine Wahl erfordern!
Alle Wege führen zu Kreuzungen,
und alle scheinen verlockend,
doch du kannst nur einen gehen,
du kannst nur einen wählen;
jede Wahl gebiert ein Ende
und vor jedem Anfang steht ein Ende
an einer Kreuzung.
Welchen Weg wirst du wählen?
Welchen wirst du gehen?
Welchen?
Die Wahl liegt zwar bei dir,
doch teile mit mir ein Geheimnis."
Mit diesen Worten nahm Hekate sie bei der Hand und die Welt um Hermione verschwand. Plötzlich standen sie auf einer mondbeschienen Kreuzung, drei Wege vor sich. "Sie hin und wähle, meine Tochter. Wähle gut, denn ist der Weg erst einmal begangen, führt kein Schritt mehr zurück!", wies die Göttin sie an und zeigte auf den linken Pfad. Hermione trat hervor und blickte den Weg entlang.
Zuerst war es dunkel, doch dann erkannte sie allmählich die Umrisse von Menschen. Leiden und Schmerz stand in ihren Gesichtern geschrieben, und in der Ferne war das Blitzen grünen Lichts und ein kehliges Lachen zu hören. Erschrocken sprang sie zurück und blickte zu Hekate. Die Göttin lächelte sie an, nickte, und wies auf den zweiten, mittleren Weg. Wieder trat Hermione einen Schritt vor und schaute gebannt in die Zukunft.
Sie sah sich selbst, wie sie aus Hogwarts Fenster auf den See blickte. Es schien eine friedliche, ruhige Zeit zu sein, doch irgend etwas fehlte. Hermione schaute genauer hin und erkannte es: Da war keine Wärme, keine Liebe zu spüren. Ihre Augen, die da in die Ferne blickten, wirkten traurig und ohne Hoffnung. Sie spürte wie ihr Herz zu schmerzen begann und erneut trat sie zurück. Nein, dies war nicht der Weg, den sie gehen wollte. Wieder lächelte Hekate und zeigte auf den letzten Weg.
Hermione hatte genug gesehen, doch gerade als sie sich abwenden wollte, trat eine Gestalt auf dem Weg vor ihr auf sie zu. Es war eine junge Frau mit dunkelbraunen Haaren, nachdenklichem Gesicht und unergründlichen Augen. Licht schien um sie zu fliessen wie Wasser und ein nicht spürbarer Wind umspielte ihr Haar. Sie schaute Hermione liebvoll in die Augen, legte den Kopf schief als würde sie etwas hören und streckte die Hand nach ihr aus. Hermione erkannte augenblicklich, wer es war, und ein kaum hörbares Flüstern kam über ihre Lippen: "Tochter..."
Sie wusste nicht weiter, und blickte sich Hilfe suchend nach Hekate um. Diese erwiderte ihren Blick und sprach: "Fürchte dich nicht, mein Kind, und folge deiner Bestimmung. Bedenke immer: Ich war bei dir, seit dem Anbeginn der Zeit, und werde noch sein, wenn selbst die Welt nicht mehr ist." Mit diesen Worten trat sie zurück und verschwand wortlos mit ihren Hunden. Hermione blickte wieder zur Frau vor sich und nahm deren Hand. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, setzte ihren Fuss auf den letzten Weg und es gab kein zurück mehr.
***
Hermione stand wieder auf der Lichtung. Ohne es zu bemerken war das Litha-Ritual zu Ende gegangen. Leise flüsterte sie einen Dank an die Göttin für die Einsicht. Nein, sie war nicht alleine, niemals. Sie blickte zu Severus und erkannte, dass er noch nicht bereit war, das Wissen um ihre ungeborene Tochter mit ihr zu teilen. Noch nicht.
Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Stirn. "Was hast du gesehen, Hermione? Du sahst so weit weg aus... Und nun leuchtest du wie eine kleine Sonne"
"Ich habe die Göttin gesehen, Severus. Sie hat mir meinen Weg gezeigt.", gab sie geheimnisvoll zur Antwort und verliess mit ihm die Lichtung. Morgen würden Hogwarts Prüfungen fortgesetzt, und so kehrten sie auf direktem Weg zur Schule zurück, anstatt noch im Wald zu verweilen. Hermione hatte in dieser Nacht einen kleinen Blick in die Zukunft geworfen und wusste, dass sie auch später noch genügend Zeit füreinander hätten.
*** Ende (Teil 7) ***
