Sorry, Sorry, Sorry, Sorry!
LET ME BE YOUR KITTEN
4. Kapitel
Dichte Dampfschwaden schwebten durch das Halbdunkel des Kerkers und erfüllten ihn mit ihrem warmen, würzigen Duft. Verführerisch wie duftige Schleier schlängelten sie sich zwischen Stühlen und Tischen hindurch, umspielten die schweigend dasitzenden Schüler und tanzten zur hochgewölbten Decke des Raumes empor.
Rotgoldenes Glühen verfing sich in ihrem feinen Gespinst und zauberte mysteriös faszinierende Schatten auf die rauen Steinwände. Dasselbe von den flackernden Fackeln stammende Glühen spiegelte sich auch in den Augen der Schüler wieder, welche gebannt nach vorne blickten. Ein leises Blubbern und gelegentliches Zischen waren die einzigen Geräusche, die zu hören waren.
Die Stille im Raum war etwas Ungewöhnliches, was man in Hogwarts nur äußerst selten erleben konnte. Normalerweise sprudelten die Schüler über vor Leben, flüsterten, kramten, scharrten und kritzelten. Selbst bei strengen Lehrern wie Professor McGonagall konnte dies nicht vermieden werden, es war etwas, was die Schüler nicht einmal bewusst wahrnahmen. Sie waren einfach nicht in der Lage lange stillzusitzen.
Nun jedoch taten sie es. Niemand wisperte irgendetwas zu seinem Nachbarn, Pergamente, Federn und Bücher lagen vergessen auf den Tischen und die Anspannung war beinahe spürbar, als sie fasziniert nach vorne blickten, wo sie zum ersten Mal, seitdem sie in Hogwarts unterrichtet wurden, sehen konnten, was es bedeutete, einem wahren Tränkemeister bei der Arbeit zuzusehen.
Es war intensiv, wie ein leidenschaftlicher Tanz, in dem jeder Schritt perfekt gesetzt war und einen tiefer und tiefer in den Bann der Tänzer zog. Es war wie einem virtuosen Klavierspieler zu lauschen, dessen Musik einen in den Himmel heben und durch die Hölle führen konnte.
Tränkemeister … der Begriff war bekannt, alle hatten gewusst, dass ihr Lehrer, dass Severus Snape, diesen Titel inne hatte, doch keiner von ihnen hatte auch nur im Ansatz geahnt, was dies bedeutete.
Der Mann, der dort vorne über den Kessel gebeugt stand hatte kaum noch etwas von dem kalten, beherrschten Professor, den sie alle kannten und in den meisten Fällen auch fürchteten. Jeder von ihnen hatte gewusst, das Snape das Brauen liebte, jeder hatte die Leidenschaft in seiner Stimme gehört, wenn er über die Kunst sprach, die es einem ermöglichte den Tot zu verkorken, Ruhm in Flaschen zu füllen und die Sinne zu verwirren. Doch dies nun .. dies war anders … dies war mehr.
Es war wie …. Es war wie der Unterschied zwischen einem Abbild von Michelangelos meisterlichen Deckengemälde in einem Buch und dem Staunen, das man empfand, wenn man in diesem riesigen Gewölbe stand und sich neben dem Wunder, das sich über einem entfaltete klein und unbedeutend vorkam.
Das war wie der Unterschied zwischen dem Interesse am Bericht eines Freundes über einen wundervollen Sonnenaufgang und der schmerzhaften Freude, die man empfand, wenn der Himmel vor einem in lodernden Flammen zu stehen schien und man nicht wusste, ob man lachen sollte vor Freude über diese atemberaubende Schönheit oder doch lieber weinen, weil dieser eine Moment so niemals wieder kehren, jeder folgende Sonnenaufgang in all seiner Schönheit doch immer anders und deshalb in keiner Weise vergleichbar sein würde.
Der Lehrer Severus Snape war erschwunden und an seine Stelle war ein Künstler, nein, ein Virtuose getreten.
Kontrolliert und konzentriert, zugleich leidenschaftlich und mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgeführt, ging jede Bewegung fließend in die nächste über. Die Konturen des Messers in seiner Hand verschwammen, als er schnell und geschickt eine Wurzel zerkleinerte. Kräuter und diverse getrocknete Körperteile unterschiedlicher Tiere schienen sich beinahe von selbst in feines Pulver oder akkurate Würfel und Streifen zu verwandeln.
Es war, als müsse der Tränkemeister nicht einmal hinsehen, was er machte, als würden seine Hände ihre Arbeit vollkommen von selbst erledigen und gleichzeitig schien er mit jeder Zelle seines Körpers unter höchster Anspannung zu stehen.
Wie einer geheimen Choreografie folgend glitt er beinahe von einem Ort zum nächsten, bereitete Zutaten vor, rührte den Inhalt des glimmenden Kesseln um und gab nach und nach die vorbereiteten Zutaten zu dem Sud hinzu.
Das Feuer unter dem Kessel loderte hell im Halbdunkel des Raumes, vermischte sich mit dem glühenden Schein der Fackeln und ließ obskure Schatten über das markante Gesicht des Mannes am Kessel huschen, die seinen strengen Zügen beinahe schon etwas dämonische verliehen.
Flammen tanzten in den schwarzen Tiefen seiner Augen.
Tränkemeister … der Begriff war bekannt, doch was dieser Titel wirklich bedeutete, dass verstanden die Schüler erst in diesem Augenblick im Halbdunkel des Kerkers, als sich die dichten, duftenden Dampfschwaden wie lebendige Wesen um sie schlangen und das flackernde Licht der Fackeln alles in seinen rötlich-golden glühenden Schein hüllte.
Tiefe Zufriedenheit erfüllte Harry, als er im Halbdunkel des Kerkers saß. Die Dampfschwaden, die ihn umspielten, dufteten nach Kräutern und erinnerten ihn an den beruhigenden Duft seines Ruhepols. Sanft strichen sie über seine Haut und beinahe war es so, als wenn er sich im sicheren Hafen der Arme des anderen befände.
Es war das erste Mal seit seiner Verwandlung, dass er wieder am regulären Unterricht teilnahm. Da sie sich nicht sicher gewesen waren, in wie weit seine Verwandlung seine Magie mit beeinflusst hatte, hatten die Professoren Dumbledore und McGonagall ihn in den letzten Wochen Einzelunterricht erteilt. Niemand wollte eine unangenehme Überraschung erleben.
Zudem hatten die anderen Schüler so erst einmal Zeit gehabt sich an das neue Aussehen und Verhalten Harrys zu gewöhnen. Seit jenem Morgen in der Großen Halle hatte er jede Mahlzeit in dieser eingenommen, unter den wachsamen Augen der Lehrer und Nevilles, der ihm nicht einen Moment von der Seite wich.
Am Vortag hatte Dumbledore nun entschieden, dass keine Gefahr darin bestünde, wenn er wieder an normalen Unterricht teilnehmen würde. Seine Magie schien von der Verwandlung unbeeinflusst geblieben zu sein, wenn man mal davon absah, dass Zauber nun keine Wirkung mehr auf ihn hatten. Das einzige Fach, bei dem er sich verbessert hatte, war Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Dadurch, dass Zauber einfach an ihm abprallten und seine Reflexe sich verbessert hatten, hatte er Vorteile beim Duellieren und die Fähigkeit Magie sehen zu können befähigte ihn dazu Zauber `vorherzusehen´.
Harry war nervös gewesen, wie sein erster echter Schultag als Katzenjunge ablaufen würde. Als er jedoch gesehen hatte, welches Fach für diesen Tag als erstes auf dem Plan stand, war Erleichterung durch ihn geschwappt und Ruhe hatte Besitz von ihm ergriffen.
Zaubertränke … wenn sein Ruhepol da war, dann würde es nicht so schlimm werden können, selbst wenn sie mit den Slytherins gemeinsam Unterricht hatten.
Seit dem Morgen, an dem Snape aufgewacht war und Harry in seinen Armen vorgefunden hatte, war er ihm ausgewichen. Das Poppy sie am Morgen eng aneinander geschmiegt, friedlich schlafend vorgefunden hatte, hatte nicht unbedingt dafür gesorgt, die Situation für den Tränkemeister angenehmer zu machen. Ebenso wenig, dass Harry sich seitdem noch zwei weitere Mal in seine Katzenform geflüchtet hatte und es bei einem Mal wieder damit geendet hatte, dass er mit einem Arm voll schnurrendem Katzenjungen aufgewacht war.
Dennoch hatte die Wirkung, die der beherrschte Mann auf Harry ausübte nicht nachgelassen. Alleine sein Anblick ließ sein Herz schneller schlagen und erfüllte ihn zugleich mit ruhiger Ausgeglichenheit.
Auch in diesem Moment war dies der Fall, auch wenn sein Herz nicht nur schneller schlug, sondern so sehr raste, als wolle es ihm aus der Brust springen und zu dem Mann am Kessel hinfliegen.
Sein Blick hing wie hypnotisiert an der Gestalt des Tränkemeisters, der brauend in seiner eigenen Welt versunken war.
Als er noch jünger gewesen war, hatte Harry in der Schule einmal ein Buch gelesen, in welchem es um einen Zauberer ging, der tief in den Eingeweiden eines alten verfallenen Schlosses lebte und dort die erstaunlichsten Zauber ausführte. Er hatte damals beinahe vor sich sehen können, wie der Zauberer, Geltizael, dort unten in seiner versunkenen Welt werkelte, umgeben von flackerndem Licht, tanzenden Schatten und in der Luft das Knistern der Magie, die ihn erfüllte und im Laufe der Zeit in die rauen Steine seiner Räume eingedrungen war, bis sie zum Teil der Wände geworden war.
Er war fasziniert gewesen, doch reichte das, was er sich damals ausgemalt hatte, nicht einmal ansatzweise an das Bild heran, das er nun vor sich sah.
Ohne zu blinzeln beobachtete Harry, wie der Mann, der seine Aufmerksamkeit fesselte, mit äußerster Sorgfalt irgendein Pulver zu dem Trank in seinem Kessel hinzu gab, das Gemisch mit gleichmäßigen Bewegungen umrührte und dann das Feuer unter dem Kessel löschte.
Warten.
Ein leises Geräusch ertönte, als wenn eine Kaugummiblase zerplatzt und der Hauch eines Lächelns umspielte die Mundwinkel Severus Snapes. Mit einem Zauber reinigte er seinen Arbeitsplatz. Es war beinahe sichtbar, wie er aus seiner eigenen kleinen Welt der Tränke und Tinkturen auftauchte und als er den Blick hob und zum ersten Mal in dieser Stunde zu seinen Schülern blickte, war der Künstler wieder durch den Professor ersetzt worden.
„Der Vitaemultinea-Trank…", begann er mit kühler Stimme und die Schüler fuhren hoch. „… ist der wohl stärkste Heiltrank der jemals entwickelt wurde. Ein Tropfen reicht aus, um jede Art von Schramme zu heilen, zwei bis drei Tropfen heilen jede Verletzung und einfache Krankheiten und nur wenige Milliliter können sogar lebendbedrohliche Krankheiten innerhalb kürzester Zeit heilen. Entwickelt wurde dieser Trank im 14. Jahrhundert von Asperikus Medenik und erfreute sich schon kurze Zeit später auf der ganzen Welt enormer Beliebtheit. Etwa 150 Jahre später jedoch wurde der Trank auf die „Liste der Eingeschränkten Gebräue" gesetzt. Kann mir jemand von ihnen sagen, was diese Liste ist und weshalb der Vitaemultinea auf sie gesetzt wurde."
Wie nicht anders zu erwarten war Hermines Hand schon in die Höhe geschossen, bevor die Frage überhaupt beendet war. Ein aufgeregter Glanz stand in ihren Augen und es schien sie jede Menge Selbstbeherrschung zu kosten nicht aufzuspringen und ihr Wissen sofort Preis zu geben. Es war immer dasselbe mit ihr. Als befürchte sie, dass irgendjemand ihr zuvor kommen könnte.
Dabei war sie einmal mehr die Einzige, welche die Antwort auf die Frage ihres Lehrers zu wissen schien, denn keine andere Hand gesellte sich zu ihrer in die Höhe.
Severus ignorierte die eifrige Gryffindor und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Sobald sein Blick auf einem Schüler zur Ruhe kam, wurde dieser Unruhig und hielt die Augen gesenkt. Zufrieden registrierte Severus diese Reaktion. Vor allem Longbottom wurde in seinem Sitz immer kleiner, je länger sein Blick auf ihm ruhte. Noch ein wenig länger und er wäre der erste Schüler, der zu Flitwick im wörtlichen Sinne aufblicken konnte.
Dann wanderte sein Blick einen Platz weiter und traf auf nur allzu bekanntes Grün.
Ein Blitz zuckte durch seinen Körper und sein Atem stockte für einen kurzen Augenblick.
Die Augen des Katzenjungen zeigten nicht einen Hauch von der Furcht, welche die anderen Schüler empfanden. Ganz im Gegenteil, warme Zuneigung leuchtete aus den strahlenden Tiefen und erfüllte sein Inneres mit Wärme. Unwillkürlich tauchte eine Erinnerung in ihm auf. Dieselbe grünen Augen, wie sie verschlafen und vertrauensvoll zu ihm aufblickten und ein schlanker Körper, der gegen seinen schmolz.
Ein Lächeln erschien in den grünen Augen und beinah automatisch wollten sich auch Severus Mundwinkel heben, da hustete ein Mädchen im hinteren Teil der Klasse und er schnappte aus dem Bann der Katzenaugen heraus.
Schnell blickte er zur Seite, darum bemüht seinen Herzschlag, der unerklärlicherweise zu rasen begonnen hatte, unter Kontrolle zu bringen.
Reiß dich zusammen Severus!
„Ja, Mrs. Granger!" Er machte eine abwesende Handbewegung in Richtung des Mädchens, das sofort in den Vortragsmodus ging.
„Die „Liste der Eingeschränkten Gebräue" oder auch LEG ist ein Verzeichnis, auf dem alle Tränke, Tinkturen und Toniken zu finden sind, die aus dem einen oder anderen Grund zu gefährlich sind, um sie für die Öffentlichkeit freizugeben. Der Sud der lebenden Toten steht zum Bespiel auf dieser Liste. Gebräue, die auf der LEG stehen, dürfen nur von Tränkemeistern gebraut werden und eine Missachtung dieses Geboten zieht einen Aufenthalt in Askaban nach sich.
Der Vitaemultinea-Trank wurde auf die LEG gesetzt, da eine der Hauptzutaten des Trankes Basaliskenkraut ist, welches, sollte man auch nur ein wenig zuviel hinzufügen, den eigentlichen Heiltrank in ein überaus potentes und schnell wirkendes Gift verwandeln würde, dass man von Aussehen her kaum vom richtigen Trank unterschieden kann.
Zudem ist die Gefahr abhängig zu werden bei dem Vitaemultinea enorm hoch." Sie verstummte.
Während Hermine ihren Vortrag gehalten hatte, war es Severus gelungen sich wieder halbwegs zu sammeln.
„Wie Miss Granger vollkommen richtig gesagt hat, dürfen Tränke wie der Vitaemultinea …" Er wies auf den Kessel. „…von Schülern nicht gebraut werden, da sie als zu gefährlich eingestuft worden sind. Jedoch werden sie heute mit der Arbeit an einem anderen Trank beginnen, der auf dem Viteamultinea basiert. Der Vitaeminuea-Trank wurde im 16. Jahrhundert von einem französischen Tränkemeister namens Jéan-Loui Bernard entwickelt. Er besitzt nur einen kleinen Bruchteil der Heilkraft des Vitaemultinea und ist obgleich nicht unbedingt leicht zu brauen, doch nicht annähernd so schwierig wie dieser herzustellen.
Ihre Aufgabe heute und in der nächsten Stunde wird es sein den Vitaeminuea zu brauen und einen detaillierten Bericht über den Brauvorgang mit all seinen unterschiedlichen Phasen zu verfassen. Zudem werden Sie als Hausaufgabe einen halben Meter über den Vitaemultinea schreiben." Mit einem Schwung seines Zauberstabes ließ Severus das Rezept für den von ihm verlangten Trank an der Tafel erscheinen. „Kopieren Sie das Rezept und holen Sie sich dann die Zutaten. Die Zeit läuft und Sie werden jede Minute benötigen."
Sofort konnte man die Schüler nach ihren Pergamenten und Federn greifen sehen. Eilig schrieben sie ab, was an der Tafel stand und beeilten sich dann zu dem Tisch mit den für sie bereitgelegten Zutaten zu gelangen.
Harry ließ sich alle Zeit der Welt. Ordentlich kopierte er die Anweisungen auf ein Pergament und achtete darauf auch keinen Schritt zu übersehen. Die Schüler um ihn herum eilten einer nach dem anderen nach vorne, doch er ließ sich nicht stören. Das Gedränge was bei den Zutaten herrschte war nichts, was er am eigenen Leibe erfahren musste. Nein danke sehr! Er würde warten, bis die anderen an ihre Plätze zurückgekehrt waren.
Schwungvoll übertrug er den letzten Buchstaben auf sein Pergament und lehnte sich dann zurück um abzuwarten, bis er seine Zutaten holen konnte.
Wie von selbst wanderte sein Blick zu seinem Professor.
Der Mann hatte sich an seinem Schreibtisch niedergelassen und bedachte die Schüler, die sich um den Tisch mit den Zutaten scharrten, mit strengen Blicken. Ab und an wies er einen Schüler mit einem bissigen Kommentar zurecht, wenn dieser sich zu sehr daneben benahm.
Ein Lächeln stahl sich auf Harrys Gesicht. Wenn man ihn so sah, dann konnte man sich kaum vorstellen, dass derselbe Mann auch eine freundliche Seite hatte. Doch er hatte hinter die Maske blicken können. Er wusste, dass an Severus Snape mehr war als nur ein effektiver Todesblick und ein Sarkasmus, mit dem man Stein schneiden konnte.
Er hatte Wärme in den kalten schwarzen Augen gesehen.
Als ob er spüren könnte, dass er beobachtet wurde, wandte Snape in eben diesem Moment den Kopf und wie schon zuvor trafen sich ihre Blicke. Willig ließ Harry zu, dass er in den bodenlosen schwarzen Tiefen versank. Sich in ihnen zu verlieren schien im nicht schlecht. Genau genommen gab es nichts, was er lieber tat. Außer vielleicht sich in die schützenden Arme zu schmiegen und seinem Ruhepol so nahe zu sein, dass er seinen Herzschlag spüren konnte. Ja, dass war noch besser, aber in seinen Augen zu versinken lag auf einem guten zweiten Platz.
Auch Severus war nicht in der Lage den Blickkontakt zu lösen. Es war, als habe er die Kontrolle über seine Augen verloren und je länger er in das strahlende Grün blickte, in welchen die Fackeln goldene Flammen tanzen ließen, desto schwerer fiel es ihm sich daran zu erinnern, weshalb er überhaupt den Wunsch haben sollte irgendwo anders hinzusehen.
Neville war es, der die beiden in die Wirklichkeit zurückholte. Oder … nun ja, im Grunde war es wohl auch ein wenig Malfoys Verdienst, dass sie sich voneinander loszureißen vermochten. Dieser nämlich nutzte das Gedränge in den Gängen, um Neville als dieser an ihm vorbei ging, ein Bein zustellen. Mit einem lauten Schrei stürzte Neville zu Boden, in diesem Vorgang die Zutaten, die er sich geholt hatte, überall auf dem Boden verteilend.
„Nev!", erschrocken sprang Harry auf und eilte zu seinem Freund.
Neville saß mit schmerzverzehrtem Gesicht am Boden und hielt sich seinen Kopf, den er sich an einem Tisch angestoßen hatte. Die Slytherins –allen voran der Verursacher dieses Sturzes- lachten und machten spöttische Bemerkungen über Neville, was ihnen einen finsteren Blick von Harry einbrachte.
„Hast du dich verletzt Neville?", fragte Harry besorgt und kniete sich zu dem brünetten Jungen auf den Boden.
„Nein, ist schon in Ordnung!" Neville lächelt seinen Freund an und auch wenn das Lächeln ein wenig gezwungen wirkte, nahm Harry es zunächst einmal so hin. Er wollte die verstreuten Zutaten einsammeln, doch die Stimme des Tränkemeisters ließ ihn innehalten.
„Wenn Mr. Longbottom sich bei seinem kleinen Sturz seinen hohlen Kopf nicht eingedellt hat und nun auf die Krankenstation muss, damit Madame Pomfrey ihn wieder in Originalform bringt, dann sollte er eigentlich in der Lage sein seine Zutaten selber wieder aufzusammeln. Potter, holen sie sich endlich ebenfalls alles, was Sie für den Trank benötigen. Bei ihrem Talent beim Brauen können Sie es sich nicht leisten noch mehr Zeit zu verschwenden. Fünf Punkte Abzug für jeden von Ihnen wegen Störung des Unterrichts." Finster blickte Severus auf die beiden Gryffindors herab. Neville wich ängstlich seinem Blick aus und begann die zerstreuten Zutaten zusammen zu klauben. Harry jedoch blickte auf und direkt in die Augen von Severus.
Und zum ersten Mal hatte Severus ein schlechtes Gewissen, weil er Gryffindor Punkte abgezogen hatte.
Oh Mist!
Von diesem Moment an vermied Severus es krampfhaft auch nur in die Richtung des Katzenjungen zu blicken. Ihm gefiel es nicht, wie er auf diesen reagierte, wie er jegliche Kontrolle über seine Gefühle verlor.
Das war ihm seit seinem sechsten Jahr in Hogwarts nicht mehr passiert und er konnte es sich einfach nicht erklären.
Bei Merlin aber auch … er hatte in seinem Leben Dinge gesehen, die sich die meisten Menschen nicht einmal vorzustellen vermochten, hatte zum Erhalt seines Spionpostens bei Voldemort andere Dinge getan, die ihn wahrscheinlich sein Leben lang jagen würden. In seinem Leben hatte er es sich nie leisten können mit einem rosaroten Schleier über den Augen herumzulaufen. Er hatte der Wirklichkeit immer ins Gesicht blicken müssen, egal wie hässlich dieses auch manchmal gewesen war.
Weshalb also versank die Welt um ihn herum, wenn er in die grünen Augen des Potter-Jungen blickte? Weshalb ließ das Vertrauen, dass aus diesen Augen leuchtete, sein Herz schneller schlagen und den Wunsch in ihm entstehen diesem Vertrauen gerecht zu werden? Weshalb konnte das sanfte Schnurren seine Albträume verjagen?
Weshalb, weshalb, weshalb?
Auch Harry hatte mit Fragen zu kämpfen, die ihm keine Ruhe ließen, allerdings waren seine Fragen anderer Natur, als jene, die Severus quälten.
Weshalb ignorierte sein Ruhepol ihn? Hatte er irgendetwas Falsches getan? Gab es irgendetwas, was er tun konnte, damit die schwarzen Augen nicht immerzu vor seinem Anblick auswichen?
Je länger sein Professor sich weigerte ihn wahrzunehmen, desto nervöser wurde Harry. Der Trank, der vor ihm im Kessel blubberte, war vergessen, als sein Blick immer wieder sehnsüchtig zu der hochgewachsenen Gestalt des Tränkemeisters wanderte. Eher abwesend warf er mal die eine, mal die andere Zutat in den Sud, uninteressiert daran, was am Ende dabei herauskommen würde. War ja nicht so, als ob er jemals auch nur einen Trank richtig gebraut hätte, wenn er sich dabei konzentriert hatte. Ein lautes Pfeifen lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Kessel von Neville, der direkt neben ihm arbeitete. Sein Trank hatte einen neongrünen Farbton angenommen und war so fest, dass der Rührlöffel in ihm stecken geblieben war.
Das Pfeifen hatte auch Severus Aufmerksamkeit erregt. Einer Gewitterwolke gleich kam er angeflogen, bereit mit Blitz und Donner über den armen Neville hereinzubrechen.
„Longbottom! Was haben Sie Idiot jetzt schon wieder gemacht? Ich schwöre, wenn das neue Schulgesetz nicht vorschreiben würde, dass alle Schüler durchgehend in Zaubertränke unterrichtet werden müssen, dann würde ich Sie mit einem Fußtritt vor die Türe setzen. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem Sie endlich ihren Abschluss haben und ich von Ihrer unvergleichlichen Inkompetenz erlöst bin. Zwanzig Punkte Abzug von Gryffindor." Die Stimme des Professors war mindestens so giftig wie ein falsch gebrauter Vitaemultinea. Mit einem Flicken seines Zauberstabes ließ er den misslungenen Trank verschwinden. „Gehen Sie zu Miss Granger und arbeiten Sie mit ihr zusammen. Ich bezweifle, dass selbst Sie in der Lage sind ihren Trank zu ruinieren." Mit diesem indirekten und definitiv nicht bewusst gemachten Lob für Hermine nahm er seinen Weg durch den Raum wieder auf, ohne auch nur einmal zu Harry geblickt zu haben.
Verdammt … schau mich an!, flehte Harry in Gedanken und folgte Severus mit den Augen. Die Nervosität in seinem Innern wurde immer größer. Seine Krallen fuhren aus und zogen tiefe Rillen in das durch die Zeit geschwärzte Holz seines Tisches. Ruhelos begann sein Schwanz von einer Seite zur anderen zu schwingen. Mit einem Mal war der Duft des Raumes nicht mehr so beruhigend, wie noch zu Anfang.
Ein beklemmendes Gefühl machte sich in seinem Herzen breit.
Warum schaust du mich denn nicht an?
Ein lautes Fluchen ertönte von hinter ihm.
„Harry! Halt deinen verflixten Schwanz still. Du reist mir alle Sachen vom Tisch runter.", beschwerte sich Dean. Sofort konzentrierte Harry sich darauf seinen Schwanz still zu halten, doch kurz darauf war er wieder in Bewegung.
„Bei Salazar … HARRY!"
„Ruhe Mr. Thomas, ein paar Schüler versuchen tatsächlich zu arbeiten." Ein finsterer Blick wanderte direkt über Harrys Kopf hinweg zu Dean, der schnell den Blick senkte.
„Entschuldigung Sir!" Erst als sein Lehrer sich wieder zu einem anderen Schüler umgedreht hatte, wagte Dean es sich wieder zu sprechen. „Harry …", zischte er leise. „ … pass auf deinen Schwanz auf. B.i.t.t.e!"
Und Harry versuchte es, er versuchte es wirklich, doch schien dieser Köperteil an diesem Tag einen eigenen Kopf zu besitzen. Trotz aller Konzentration begann er bald wieder hin und her zu peitschen. Dann spürte er mit einem Mal, wie sein Schwanz in etwas Warmes, Feuchtes eintauchte.
Deans Trank.
Oh nein!
Harry mochte nicht der beste Schüler sein, wenn es um die hohe Kunst des Brauens ging, aber eines wusste er … man durfte niemals –NIEMALS- Katzenhaare in einen Trank geben, in welchem Hundskraut enthalten war.
Bevor er oder irgendjemand anders reagieren konnte, legte der Kessel mit dem kontaminierten Zaubertrank eine gelungene Imitation eines Vulkanes hin, schoss mit einem lauten Knall seinen Inhalt durch den Klassenraum und zwang die Schüler dazu unter ihren Tischen in Deckung zu gehen. Wie durch ein Wunder wurde jedoch kein anderer Trank von der fliegenden Flüssigkeit getroffen.
Zeitgleich stieg eine dichte schwarze Wolke aus dem Innern des Kessels auf. So dicht, dass man durch sie hindurch nichts sehen konnte, hüllte die Wolke die Schüler ein und erfüllte die Luft mit einem Gestank, der an eine Mischung aus faulen Eiern, Drachendung und angebranntem Zucker erinnerte. Husten und Keuchen war zu vernehmen.
„Febresto!", ertönte die Stimme des Tränkemeisters von irgendwoher und die schwarze Wolke begann sich langsam zu lichten.
Erleichtert atmeten alle Schüler auf, als mit der Wolke auch der Gestank verschwand und kamen von unter den Tischen wieder hervor. Alle? Nein!
„Hey, wo ist Harry?", besorgt drehte Neville sich im Kreis und sah sich nach seinem Freund um. Jener befand sich nicht mehr an seinem Platz, der über und über mit den Resten von Deans Zaubertrank bedeckt war. „Harry? Harry, wo steckst du?"
Nicht weit von ihm unterdrückte Severus ein Seufzen.
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er hinab und direkt in zwei grüne Katzenaugen, die ihn mit einem unschuldigen `Damit hab ich nichts zu tun´- Blick ansahen. Er konnte spüren, wie all sein Ärger über das Chaos in seinem Klassenraum unter diesem Blick dahin schmolz.
Und da sind wir wieder!, dachte er resigniert.
Und wie von selbst begannen seine Finger durch das seidige Fell des Katers zu streichen.
~tbc~
