Zweiter Teil: Fidelius

Kapitel 7

Die Kralle und der Falke

Dumbledore seufzte, als er in das Dunkel des nächtlichen Parks eintauchte. Eine einzige schwache Laterne erleuchtete einen kleinen Kreis in fünfzig Meter Entfernung. Und am Rand dieses Kreises entdeckte er genau das, was er jetzt brauchte: eine Bank. Seine Schritte wirbelten die Platanenblätter auf, die den Boden bedeckten. Sie machten ein spröde knisterndes Geräusch, wenn seine Stiefel sie über den Asphalt schoben.

Dumbledore seufzte noch einmal, als er sich auf der einsamen Bank niederließ. Vor ihm erstreckte sich ein kahles Rondell, auf dem im Frühling und Sommer sicher eine Menge Blumen blühten, das jetzt im Lampenschein aber trostlos aussah.

Was für ein Tag!

Es hatte sicher Vorteile, von allen für einen weisen alten Mann gehalten zu werden, der die Dinge schon wieder ins Lot bringen würde. Allein die Erleichterung, nicht ständig in allem Rede und Antwort stehen zu müssen, sondern normalerweise akzeptiert zu werden, egal, wie absurd seine Worte manchmal erscheinen mochten – das wog schon eine Menge Mühen auf ... So hatten sie beispielsweise vorhin auch das ziemlich abrupte Ende der Versammlung hingenommen, obwohl sie zu keinerlei Beschlüssen oder auch nur Plänen für das weitere Vorgehen gekommen waren.

Dumbledore lächelte ins Dunkel. Aber dieses Lächeln verblasste rasch wieder. Die Gespräche und Entscheidungen der vergangenen Stunden waren eine bittere Last, und die Bürde der Verantwortung drückte schwer auf seine Schultern. Er war allein. In Stunden wie diesen geschah es ihm manchmal, dass er sich einsam fühlte und das Gespräch mit einem Vertrauten vermisste.

Zumindest einen Moment der Ruhe wollte er finden, und das war der Grund, warum er jetzt hier saß: in einem nächtlichen, verlassenen Park, nicht weit von der Wohnung der Longbottoms entfernt.

Auch in deren Familie hatte er eben noch Schrecken und Sorge tragen müssen – allerdings war für sie auch ein Quentchen Erleichterung dabei gewesen, als er ihnen mitteilen konnte, dass nicht ihr Sohn das Ziel von Voldemorts Vernichtungsplan war. Dennoch riet er auch ihnen, sich zu verstecken und ihr Heim auf unbestimmte Zeit zu verlassen, und das hatte für aufgeregte Diskussionen gesorgt. Er hatte versprochen, noch vor Ende der Nacht zu ihnen zurückzukehren und ihnen behilflich zu sein. Bis dahin überließ er die Sorge für die kränkelnde Familie der Mutter von Frank Longbottom, die glücklicherweise im gleichen Haus wohnte und eine sehr resolute Person war. Er hatte das Gefühl, dass sie nichts so leicht aus der Bahn werfen würde und dass seine Anweisungen genau befolgt werden würden.

Und jetzt warteten in London James und Lily mit ihrem kleinen Sohn auf ihn, darauf, dass er ihnen mit Rat und Tat beistand. Sie beruhigte.

Dabei machte er sich größte Sorgen.

Von der offensichtlichen Bedrohung abgesehen beschäftigte ihn auch wieder einmal der Gedanke daran, dass es in den Reihen des Ordens einen Spion geben musste. Wer konnte das sein, und welchen Schaden mochte er bereits angerichtet haben? Und wie hatte es ihm, Dumbledore, entgehen können, dass einer von ihnen die dunkle Seite gewählt hatte?

Eine seiner großen Begabungen bestand darin, in die Seele der Menschen sehen zu können. Auf dieses Gespür für Menschen konnte er sich üblicherweise verlassen. Aber es gab da noch etwas, Gabe und Schwäche zugleich, das sich bisweilen einmischen und seine klare Sicht verzerren mochte. In jeder Menschenseele fand er die Unschuld, mit der dieser Mensch zur Welt gekommen war – den Keim, aus dem sich sein Gutes und Lebensbejahendes entwickeln konnte. Aber es fiel ihm schwer zu erkennen, wenn dieser Keim endgültig zu verdorren drohte. Vielleicht fiel es ihm vor allem schwer, diese Möglichkeit überhaupt zu akzeptieren ...

In seinem ganzen Leben war er nur einem einzigen Menschen begegnet, bei dem ihm der Tod dieser Unschuld ohne jeden Zweifel klar gewesen war. Es mochte bedeuten, dass die Seele dieses Menschen als Ganze nicht mehr lebendig war – aber das stand auf einem anderen Blatt; es war müßig, jetzt darüber nachzudenken.

Jedenfalls war sich Dumbledore seiner Schwäche durchaus bewusst und prüfte jetzt noch einmal seine Erinnerungen. Musste sich ein Verräter dem aufmerksamen Beobachter nicht irgendwie verraten? Aber da war kein falscher Ton gewesen in ihrer Runde vorhin.

Seine Gedanken gingen zurück zu den Stunden vor der Versammlung, und noch einmal empfand er tiefe Dankbarkeit für Slughorns dummen Unfall, der ihn aufgehalten und daran gehindert hatte, pünktlich wie geplant nach London zu apparieren.

ooOoo

Zuerst war da nur die leidige Streiterei zwischen den beiden Lehrern, Sybill Trelawney und dem neu eingestellten Lehrer für Verteidigung, Niklas Pride, gewesen, bei der sich ein schlichtendes Gespräch nicht länger hatte vermeiden lassen. Als wenn er an diesem Abend nicht wichtigere Sorgen gehabt hätte! Aber als Trelawney um viertel vor acht weinend bei ihm im Büro zusammenbrach, ließ er auch Pride zu sich kommen und schickte Hagrid allein nach London los, damit er den anderen seine voraussichtliche Verspätung mitteilte. Sollten sie heute eben einmal ohne ihn mit dem Essen anfangen.

Dann lauschte er ergeben dem tränenreichen beziehungsweise beleidigten Hin und Her zwischen den beiden Kollegen, dachte dabei sehnsüchtig an Lammkoteletts in Rosmarinsauce – die einer der Gründe dafür waren, dass er das Kalypso's als Versammlungsort auserwählt hatte – und blickte von Zeit zu Zeit verstohlen auf die Uhr. Es wurde halb neun, und er hatte im Streit zwischen den beiden weder erkennen können, worum es eigentlich ging, noch etwas Wesentliches zu seiner Schlichtung beitragen können – da hörte er aufgeregtes Rufen unten im Flur vor der Treppe zu seinem Büro. Er stand auf, in diesem Moment dankbar für eine Unterbrechung, wie immer sie auch aussehen mochte.

"Kommen Sie herauf, Pomona!", rief er einladend hinunter. "Die Tür ist auf!"

Sekundenbruchteile später fegte die aufgeregte Professorin für Kräuterkunde in das Büro. Sie hielt einen Besen in der Hand und hinterließ mit ihren Stiefeln Klumpen schwarzer Walderde auf dem Fußboden. Der Phönix, der zusammengesunken auf seiner Stange hockte, gab ein lautes, misstönendes Geräusch von sich, das alle zusammenfahren ließ.

"Ich muss Sie sofort sprechen, Direktor!", keuchte Pomona Sprout. "Es geht um Leben oder Tod, wenn Sie mich fragen, aber dieser sture Dummkopf –"

"Immer langsam, Pomona, wer –"

"Und er besteht außerdem darauf, dass ich es nur Ihnen sage, unter vier Augen, verstehen Sie –"

"Dann darf ich diese – Besprechung wohl als beendet ansehen –", sagte Pride steif und erhob sich.

Trelawney schluchzte wütend auf.

"Ach, was soll der Unsinn – Sie müssen es einfach sofort wissen, egal was dieser Dummkopf sich da denkt!", rief Sprout heftig, ohne die beiden zu beachten. "Er liegt drüben im Wald und ist von einer Kriechkralle überfallen worden – fragen Sie mich nicht, wie das passieren konnte, vermutlich ist er da eingeschlafen, warum auch immer, und dann hat das –"

"Nur die Ruhe, Pomona, eins nach dem anderen –"

"Er will, dass Sie kommen und ihn befreien. Nur Sie. Meint wohl, ich kann das nicht, dabei fallen diese Dinger in meinen Fachbereich, und ich wäre jedenfalls nicht so dumm, mich in der Nähe einer Kralle zu einem Nickerchen hinzulegen!"

Ein tränennasses, ein überhebliches und ein besorgtes Augenpaar starrten die empörte Kräuterkunde-Professorin verständnislos an.

"Kommen Sie, Albus! Es geht meines Erachtens um Minuten, sonst können Sie ihn nicht mehr ohne den größten Schaden befreien!"

"Ich bin schon auf dem Weg!", sagte Dumbledore und griff sich seinen Besen hinter dem Vorhang eines Fensters hervor. "Führen Sie mich hin und sagen Sie mir unterwegs, um wen es eigentlich geht! Obwohl ich so einen Verdacht habe –"

"Na, um Professor Slughorn natürlich, der hat doch immer –", waren die letzten Worte, die die beiden im Büro Zurückgebliebenen noch verstehen konnten. Dann waren sie mit dem sterbenden Phönix und den munter surrenden, offenbar völlig zweckfreien Geräten auf den Tischchen um sich herum allein.

Dumbledore flog neben Professor Sprout so schnell es ging in den Verbotenen Wald hinein. Schon von weitem sahen sie das kleine bläuliche Feuer, das Sprout neben dem Unglückseligen hinterlassen hatte – einerseits, um ihn so schnell wie möglich wiederfinden zu können, andererseits, um die Kralle ein wenig in ihrem Eifer zu dämpfen. Erst als sie landeten, konnte Dumbledore unter den schwarzen Ranken seinen Freund und Kollegen Horace Slughorn erkennen. Er lag reglos, aber mit offenen Augen unter dem lichtscheuen Gewächs – einer überaus bösartigen Verwandten der Teufelsschlinge – dessen unzählige kleine Füßchen ihn von Kopf bis zu den Stiefeln in Besitz genommen hatten.

"Nichts sagen, Horace!", sagte Dumbledore rasch und kniete sich vorsichtig neben die Pflanze.

"Oh nein, oh nein!", flüsterte Sprout. "Sie hat ihn völlig eingewickelt! Wenn Sie sie jetzt erschrecken, wird sie sofort zustechen!"

Slughorn verdrehte die Augen, in denen Dumbledore unter Entrüstung und Scham nur zu gut die Angst sehen konnte.

"Du hattest ganz Recht, mich zu rufen", sagte er. "Allerdings hätte Pomona dir vorhin vermutlich noch helfen können."

"Aber was wollen Sie denn jetzt nur tun?", fragte Sprout unglücklich. "Sehen Sie doch, eine Ranke schiebt sich gerade über seinen Mund!"

"Psst! Ruhe jetzt!", sagte Dumbledore und hob den Zauberstab. Dann sagte er ganz sanft: "Titillo!"

Sprout schüttelte ungläubig den Kopf.

Zuerst sahen sie nur, wie die Ranken, die bis dahin in ständiger Vorwärtsbewegung gewesen waren, plötzlich alle innehielten. Dann ging eine leichte Wellenbewegung durch sie hindurch. Und noch eine. Sie konnten hören, wie die zahllosen Füßchen mit winzigen ploppenden Geräuschen von Slughorns Körper abgezogen wurden. Seinem Gesicht war anzusehen, dass das kein angenehmes Gefühl war, aber er blieb still. Kaum hatten sich die Ranken gelöst, knäulten sie sich mit einem Mal zusammen und wirbelten schließlich zuckend über den Boden. Dabei gerieten sie in das kleine Feuer und gingen sofort in grellrote Flammen auf.

Während die Pflanze platzend und knallend verbrannte, beugte Dumbledore sich über Slughorn. Die Füßchen der Kralle hatten zahllose Punkte überall auf seiner Haut und winzige Löcher in seiner Kleidung hinterlassen. Er lag stöhnend auf dem Waldboden.

"So eine Schande!", sagte er schließlich. "Vielen Dank, mein Freund, das hätte ins Auge gehen können."

"Kannst du aufstehen?"

"Sicher. Gib mir nur einen Moment Zeit!"

"Du musst auf jeden Fall sofort in die Krankenstation. Mit diesem Gift ist nicht zu spaßen, wie du selbst ja am besten wissen solltest!"

Er reichte ihm die Hand und half ihm beim Aufstehen. Der rundliche Slughorn stöhnte laut.

"Wir sollten eine Trage nehmen", sagte Dumbledore.

"Auf keinen Fall. Ich habe mich lächerlich genug gemacht, auch ohne dass mich hundert Schüler auf einer Trage durch die Gegend schweben sehen!", fuhr Slughorn auf und hustete dann.

"Wie konnte Ihnen so etwas denn überhaupt passieren?", fragte Sprout spitz, während sie beide ihren Kollegen unterhakten und langsam den Weg zur Schule zurückgingen.

"Ich weiß es nicht so genau", erwiderte Slughorn unwillig und beschämt. "Kam von einer Einladung zurück und wollte dann hier im Wald noch nach einer bestimmten Rinde suchen, die ich für den morgigen Unterricht brauche. Dann überkam mich mit einem Mal eine ganz ungewohnte Schläfrigkeit, und ich setzte mich. Unglücklicherweise offenbar in die Nähe einer Kralle."

Dumbledore hatte das ungute Gefühl, dass sich hinter dieser Sache mehr verbarg, als Slughorn zuzugeben bereit war. Aber da er ihn kannte, wusste er auch, wann weitere Fragen vergeblich waren.

Als sie die Schule erreichten, war Slughorn ziemlich am Ende seiner Kräfte, aber er weigerte sich, in die Krankenstation zu gehen.

"In mein Zimmer, Albus!", sagte er bestimmt. "Ich will in mein Zimmer! Dort gieße ich uns beiden einen guten Schluck ein, und du kannst dich davon überzeugen, dass es mir sofort besser geht. Vor allem, wenn ich ein wenig Bezoar-Pulver dazu nehme."

Dumbledore, der Slughorns Sturheit gut genug kannte, gab sich geschlagen und begleitete ihn hinauf in sein Privatzimmer. Professor Sprout – zur absoluten Geheimhaltung über diesen peinlichen Vorfall verdonnert – ging immer noch kopfschüttelnd zu den Gewächshäusern hinüber.

Nachdem die Sache offenbar glimpflich abgegangen war, Slughorn unter einer schweren Decke auf seinem Sofa lag und gelegentlich an seinem Wein nippte, beschloss Dumbledore, dass es nun endlich an der Zeit war, zu seinem eigentlichen Termin nach London aufzubrechen. Inzwischen war es fünf nach neun.

Er schärfte Slughorn ein, beim kleinsten Unbehagen sofort Madam Pomfrey aufzusuchen, und ging dann hinüber in die Krankenstation, wo er die Krankenschwester bat, später noch einmal nach Slughorn zu sehen, der sich ein wenig unwohl fühle.

Als er zu seinem Büro zurückkehrte – das Trelawney und Pride natürlich längst verlassen hatten – stand Professor McGonagall mit ratlosem Gesichtsausdruck vor der Treppe. "Albus, endlich!", rief sie ihm entgegen und schwenkte einen Fetzen Pergament. "Ich habe Sie überall gesucht –"

"Ich habe heute Abend einen Termin, Minerva. Eigentlich sollte ich längst dort sein."

"Richtig, das hatte ich ganz vergessen. Aber wie gut, dass Sie noch hier sind. Sehen Sie! Das hat eben eine Express-Eule für Sie gebracht!"

Sie überreichte ihm das Pergament, auf dem mit schwarzer Tinte "Dringend, sofort an Dir. Dumbledore aushändigen" geschrieben stand. Darunter fand sich irritierenderweise eine Kolonne Zahlen, die sich auf den zweiten Blick als eine Wirtshausrechnung entpuppte. Dumbledore glättete das Papier und drehte es um. Er überflog es und sah dann auf.

"Wie seltsam", murmelte er. McGonagall betrachtete ihn mit schnell versteckter Neugier. "Ich muss noch einmal weg, Minerva. Jemand erwartet mich im Eberkopf. Ausgerechnet. Und das Bier dort ist ungenießbar –"

ooOoo

Während er noch einmal sehnsüchtig an das Kalypso's und den guten Wein dort dachte, hatte er Minuten später die düstere Gaststube des Eberkopf in Hogsmeade betreten.

Schwaden von Pfeifenrauch, Dünste von ranzigem Bratfett, altem, verschüttetem Bier und Schlimmerem empfingen ihn. Keiner der Männer, die dort schweigsam am Tresen saßen, schenkte ihm Beachtung. Ein Mädchen in einem sehr kurzen und sehr engen schwarzen Kleid balancierte ein Tablett voller Gläser zwischen den gut besetzten Tischen hindurch und wollte an ihm vorbeigehen.

"Guten Abend, Letitia!", sagte Dumbledore. "Ich habe eben die Nachricht erhalten, dass mich einer Ihrer Gäste sprechen möchte."

"Oh – Sie sind es!", erwiderte Letitia, und ihr geschäftsmäßiger Gesichtsausdruck wich einem freundlichen Lächeln. "Ja, das stimmt. Er sitzt da hinten am Tisch in der Ecke. Wollte nicht mal ein Bier."

Was nur für seinen Geschmack spricht, dachte Dumbledore und folgte ihrem Blick. Zu seiner größten Überraschung erkannte er in dem dort sitzenden Mann Severus Snape.

"He, Mädel, wir warten!", rief jemand grob von einem der Tische herüber.

"Ich muss weitermachen, Sie sehen es ja!", sagte Letitia. "Ich komme gleich bei Ihnen vorbei."

Dumbledore nickte und ging dann auf den Tisch in der dunkelsten Ecke des Raums zu. Der junge Mann sah auf.

"Guten Abend, Mr Snape!", grüßte Dumbledore und setzte sich zu ihm. "Was für eine Überraschung! Wenn ich mich recht erinnere, fand unsere letzte Begegnung auch hier im Eberkopf statt, nicht wahr? Und das ist jetzt – wie lange her? Ein Jahr – anderthalb?"

Snape starrte ihn an, als könne er ihn nicht richtig verstehen.

Da ist etwas passiert, dachte Dumbledore alarmiert.

"Was verschafft mir denn das Vergnügen?", fragte er. "Und warum konnten Sie Ihre Nachricht nicht unterschreiben?"

Snape setzte sich wieder und starrte ihn immer noch an. Ein-, zweimal setzte er zu sprechen an, schien aber kein Wort herauszubekommen.

"Letitia!", rief Dumbledore nach einem prüfenden Blick auf seinen ehemaligen Schüler. "Würden Sie so freundlich sein und uns ein Glas Wasser bringen?"

"Kommt sofort!", rief das Mädchen zurück.

"Erinnern Sie sich, was Sie mir damals gesagt – geschrieben haben? Als ich noch – ein Kind war?", sagte Snape dann unerwartet und mit einem wie betäubten Blick. Auch seine Stimme klang fast wie unter Hypnose. "Von dem, was uns wirklich bezwingt, und dass das immer ohne Waffen kommt? Sie hatten Recht."

"Ich bin froh, dass Sie das erkennen durften. Was ist denn passiert?"

Snape gab ein dünnes Lachen von sich. "Ich hab's endlich kapiert. Hat lang gedauert. Aber jetzt hab ich's kapiert. Und jetzt ist es zu spät."

"Immer mit der Ruhe!", sagte Dumbledore, allmählich selbst alles andere als ruhig. So hatte er Snape noch nie gesehen, selbst damals nicht, als er ihn wegen der Prügelei in Slughorns Unterricht zu sich bestellt hatte. Da war er vielmehr verstockt und schweigsam gewesen.

"Sie müssen die Potters warnen", sagte Snape drängend und beinahe im Flüsterton. "Sie müssen sofort untertauchen. Am besten mit dem Fidelius-Zauber."

"Was?!"

"Sie wissen doch Bescheid", sagte Snape bitter. "Diese Frau damals – Sie haben doch mit ihr gesprochen. Hier, im Eberkopf!"

"Sie sprechen von Sybill Trelawneys Prophezeiung über –"

"Ja. Über den Dunklen Lord. Und den, der die Macht hat, ihn zu besiegen. Ich – ich habe das weitergegeben. An – ihn."

"Nun – das hatte ich befürchtet", sagte Dumbledore ernst.

In diesem Moment kam Letitia mit zwei Gläsern Wasser auf einem Tablett. "Darf ich Ihnen auch etwas zu essen bringen?", fragte sie und sah Dumbledore freundlich an. Sie trug silbrig-blauen Lidschatten, in dem winzige silberne Sternchen funkelten. Ihre Nägel waren in derselben Farbe lackiert.

"Danke, Letitia, für mich nicht. Ich bin ein wenig in Eile und werde noch zum Essen erwartet", sagte Dumbledore. "Hoffentlich jedenfalls."

Snape schüttelte nur den Kopf, ohne den Blick von der mit eingetrockneten Bierrändern bedeckten Tischplatte zu heben. Letitia kräuselte ein wenig die glänzenden, dunkelrosa geschminkten Lippen und ging dann wieder.

"Er glaubt jetzt zu wissen, wer gemeint ist", sagte Snape heiser. "Er – er wird den Sohn der Potters töten."

"Den Sohn von James und Lily Potter?"

Snape nickte, unfähig, Dumbledore ins Gesicht zu sehen. "Sie müssen sie verstecken! Wegschicken! Ich weiß es nicht! Tun Sie irgendwas, damit er sie nicht findet!", brach es dann aus ihm heraus. "Bitte! Er wird sie töten – sie, und natürlich das Kind." Und dann sah er endlich auf.

Dumbledores sonst so milde Augen fixierten ihn mit aller Schärfe. "Ich wüsste schon gern, wieso Sie darüber so gut Bescheid wissen", sagte er nachdenklich. Dann packte er plötzlich Snapes Arm und schlug mit hartem Griff den Ärmel des Umhangs zurück.

"Ja, es ist da", sagte Snape, ungeduldig und desinteressiert. "Ich gehöre zu ihnen. Ich bin ein Todesser. Na ja, war es jedenfalls. Vielleicht bin ich es noch immer, keine Ahnung. Er hat da sicher seine eigene Auffassung. Auf jeden Fall müssen Sie mir glauben. Warnen Sie sie. Bitte!"

Jetzt erst wurde Dumbledore wirklich klar, was Snape da eben getan hatte. "Warum sollte ich Ihnen glauben? Ihnen – mit dem Dunklen Mal auf dem Arm und dem Geständnis, dass Sie zu ihm gehören?", fragte er dennoch mit unverminderter Schärfe. Er hielt immer noch Snapes Arm gepackt, wo zwischen den striemigen Narben irgendeiner Verletzung unverkennbar das Abzeichen der Todesser in die Haut gebrannt war.

"Was sollte ich davon haben, Ihnen so was zu erzählen?"

"Eine Finte vielleicht? Vielleicht hat er jemand anderen im Auge, und Sie sollen den Verdacht ablenken?"

Snape sah auf, mit trübem Blick. "Nein, nein! Bitte, Sie müssen mir einfach glauben. Meinetwegen machen Sie eine Legilimentation. Er wird sie töten. Er wird Lily töten. Sie ist – ich habe –" Er brach hilflos ab.

Dumbledore betrachtete ihn aufmerksam und überrascht. "Ja. Ich verstehe schon", sagte er dann und ließ endlich den Arm des anderen los. "Nehmen wir also an, ich glaube Ihnen –"

Aber Snape schien im Augenblick außerstande, ihm zuzuhören. "Ich kann das nicht ertragen", murmelte er mehr zu sich selbst. "Ich kann das alles schon lang nicht mehr ertragen, aber es gibt da keinen Ausweg. Und das ist ja auch unwichtig. Wenn Sie sie nur irgendwie retten können!"

"Severus! Sie müssen sich jetzt erst mal beruhigen. Sie scheinen mir völlig durcheinander zu sein. Trinken Sie einen Schluck Wasser. Und dann erzählen Sie mir alles von Anfang an."

Snape lachte spöttisch auf, ein Klang, der ebenso verzerrt war wie sein krankhaft blasses Gesicht. "Von Anfang an? Das wäre 'ne lange Geschichte. Und Sie haben keine Zeit dafür. Sie müssen die beiden finden – ich bin sicher, Sie wissen, wo sie sich aufhalten. Ich glaube, sie wohnen in London. Verstecken Sie sie!"

"Und was werden Sie tun?"

"Was kann ich denn tun? Was meinen Sie, wie lange er wohl braucht, bis er herausfindet, dass einer seiner Diener abtrünnig geworden ist?"

Endlich trank er einen Schluck Wasser. Dumbledore sah ihm zu und zwang sich zur Ruhe, als könne er sie dadurch auch auf Snape übertragen. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft.

"Sie haben Recht. Wir haben keine Zeit für die ganze Geschichte. Und es gibt auch einen anderen Grund, warum wir uns so wenig wie möglich über all das unterhalten sollten, denke ich. Erzählen Sie mir nichts, das ich nicht unbedingt wissen muss. Ich bemerke, dass Sie sich intensiv mit Okklumentik befasst haben, Severus", sagte er nach einer Weile. "Sie werden verstehen, was ich meine. Vielleicht können Sie ihn täuschen?"

Snape antwortete nicht. Er starrte auf seine Hände, die das Wasserglas umklammert hielten.

"Ich brauche Sie, Severus. Die Potters brauchen Sie", sagte Dumbledore leise. "Sie müssen Möglichkeiten finden, in seiner Nähe zu bleiben –"

"Meinen Sie, das wüsste ich nicht? Die Frage ist nur, wie –" Snapes schwarze Augen starrten finster in die verqualmte Wirtsstube.

"Und Sie müssen mir Bescheid geben, wenn – irgendetwas passiert. Wenn –"

"Wenn er sich auf den Weg zu ihnen macht?", setzte Snape seinen Satz sarkastisch fort. "Natürlich. Wer weiß, vielleicht plant er ohnehin, mich dahin mitzunehmen. Ich werde Sie dann gern benachrichtigen!"

"Haben Sie eine Idee, wie Sie das in einem solchen Fall tun wollen?", fragte Dumbledore, ohne sich vom ungehobelten Verhalten seines ehemaligen Schülers reizen zu lassen.

Snape blickte Dumbledore in trüber Verwirrung an. Ganz offensichtlich hatte er über diese Frage noch nicht nachgedacht. Glaubte Dumbledore denn wirklich, dass es ihm gelingen könnte, den Dunklen Lord selbst zu täuschen?

"Eine Eule können Sie mir dann nicht schicken, nicht wahr?", fuhr Dumbledore sanft fort. "Aber es gibt eine Methode, die ich selbst gelegentlich in dringenden Fällen anwende."

Jetzt hatte er Snapes ungeteilte Aufmerksamkeit.

"Können Sie einen Patronus aufrufen?", fragte Dumbledore dann zu seiner Überraschung.

"Was? Ja – ja, natürlich – aber, was soll –"

"Sind Sie ganz sicher? Die Kunst, einen Patronus aufzurufen, ist nicht ausschließlich von Ihrer magischen Befähigung abhängig", sagte Dumbledore ernst.

"Ja, das weiß ich. Aber ich kann's", erwiderte Snape unwillig. "Nur was das nützen soll, ist mir nicht klar."

"Wenn ich in dringenden Fällen jemanden über etwas informieren will – und ganz sicher sein will, dass das auch gelingt, dann schicke ich meinen Patronus mit der Nachricht aus", sagte Dumbledore langsam.

"Und das geht? Wie?"

"Ja, das geht. Wenn Sie konzentriert und stark genug dafür sind. Sie sollten es üben. Jemand, der wie Sie seine geistige Disziplin in der Kunst der Okklumentik geschult hat, sollte das schaffen können, Severus. Immer vorausgesetzt, der Patronus selbst gelingt Ihnen. Und ist stark genug."

"Woher wissen Sie –"

"Schon gut. Lassen wir das jetzt. Die Zeit drängt wirklich. Ich habe noch einen Termin. Und ein weiteres wichtiges Gespräch vor mir, wie Ihnen ja klar sein dürfte."

"Ja. Ich will Sie nicht aufhalten." Auf einmal war alle Schroffheit aus Snapes Ton verschwunden, und Dumbledore sah die Angst in seinen Augen. Er konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal in wirklicher Angst gesehen zu haben. Schon gar nicht in Angst um jemand anderen. Und mehr als das.

"Bitte – machen Sie ihnen klar, dass – dass es todernst ist. Verstecken Sie sie!"

"Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, Severus. Und ich bin sicher, dass das auch für Sie gilt."

"Ich versuche – na ja, alles, was nötig ist. Ich werde Ihnen sofort Nachricht geben, wenn irgendetwas passiert."

"Welche Gestalt hat Ihr Patronus?"

"Es ist – es ist ein – Falke", antwortete Snape leise. "Und Sie haben Recht. Es ist mir noch nicht sehr oft gelungen, ihn aufzurufen."

Dumbledore betrachtete ihn einen Moment lang. "Einen Falken kann man einfangen und mit viel Geschick dazu bringen, für seinen Besitzer zu jagen", sagte er dann nachdenklich. "Aber wirklich zähmen man kann ihn nicht."

Snape blieb stumm.

"Wohin werden Sie jetzt gehen?", fragte Dumbledore dann unerwartet scharf.

"Nach Hause. Dort – dort wird man mich vermuten."

"In Ordnung. Ich weiß, wo das ist. Es war gut, dass Sie zu mir gekommen sind." Und damit erhob sich Dumbledore, legte ein paar Münzen auf den Tisch und eilte mit langen Schritten aus dem Wirtshaus.

oooOooo

Von einer Kirchturmuhr in der Nähe schlug es Mitternacht. Seufzend kam Dumbledore auf seiner Parkbank in die Gegenwart zurück. Die Ruhepause war vorbei. Er musste los. Inzwischen würde auch Sirius von der Wohnung der Potters zurück sein.

Wie seltsam es war, dass er ausgerechnet an diesem finsteren Tag auch eine Bestätigung seines Glaubens erhalten hatte: seines Glaubens an die Kraft zum Guten in jeder Menschenseele.