Kíli schreckte aus dem unruhigen Schlaf, der ihm gerade einmal zwei Stunden Ruhe beschert hatte. Für einen Moment hatte er sichtbar Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, dann endlich erinnerte er sich wo er war und aus welchem Grund. Er richtete sich auf, versuchte die verkrampften Muskeln zu lockern und sah zu seinem Bruder hinüber. Fíli lag ruhig da, das Gesicht abgewandt und flach, aber gleichmäßig atmend. Der Dunkelhaarige erhob sich von dem Hocker, auf dem er die letzten Stunden gekauert hatte und streckte sich, bis seine Wirbelsäule vernehmlich knackte. Er fühlte sich wenig ausgeruht und ärgerte sich darüber, dass er letztendlich doch eingeschlafen war.

Der leichte Geruch von Tabak ließ ihn aufblicken und er sah, dass Bofur auf dem provisorischen Lager saß, die dünne Decke über die Schultern gezogen und eine einfache, hölzerne Pfeife zwischen den Fingern haltend, deren Ende schwach glomm. Anscheinend hatte er sie noch bei sich getragen und auch noch ein paar Tabakreste in seinen Taschen gefunden, die er mit Hilfe der Kerze in Brand setzen konnte.

Seine dunklen Augen waren auf die Brüder gerichtet und als Kíli nun aufblickte, gab er das Mundstück frei und meinte: „Alles in Ordnung. Fíli hat sich kaum gerührt, sonst hätte ich gerufen."

Offenbar hatte er sein Versprechen eingelöst und auf den Thronfolger geachtet, als Kíli die Augen zugefallen waren, ohne dass er es überhaupt bewusst wahrnahm. Der junge Zwerg nickte dankend, dann tappte er zu dem Lager hinüber.

„Wie geht es dir überhaupt?", erkundigte er sich in einem Anflug schlechten Gewissens.

Er hatte Bofur und dessen Verletzung bisher kaum Beachtung geschenkt, dabei musste der Freund ebenso Schmerzen erleiden. Der Musikant zuckte die Achseln.

„Óin hat ganze Arbeit geleistet, ich kann mich keinen Zentimeter bewegen", meinte er mit einem angedeuteten Grinsen, um die Situation zu überspielen.

Tatsächlich machte er sich ein wenig Sorgen – der Heiler hatte nach dem ersten Abtasten die Vermutung aufgestellt, dass der Knochen womöglich gesplittert sein könnte. Im schlimmsten Fall beutete dies, das er fortan Probleme mit dem Laufen haben könnte und das war etwas, das Bofur ganz und gar nicht behagte. Schon immer war er durch die Lande gezogen und hatte es nie lange an einem Ort ausgehalten, nicht einmal zu Hause auf dem kleinen Hof in den Ered Luin, den er und Bombur von ihren Eltern übernommen und weitergeführt hatten. Die Aussicht, diese Freiheit aufgeben zu müssen, jagte ihm Angst ein. Trotzdem gab er sich alle Mühe dies nicht zu zeigen, nicht einmal vor seinem Bruder und seinem Vetter und erst recht nicht vor Kíli.

Der Bogenschütze sah furchtbar aus – seine Augen waren von dunklen Ringen gekränzt, die Wangen blass und eingefallen. Das dunkle Haar hing ihm in wirren Strähnen in die Stirn und er wischte sie lediglich ab und an mit fahrigen Bewegungen zur Seite, was allerdings nicht viel brachte. Es gab nicht viel Unterschied zu Fíli, der offenbar schwerer verletzt worden war als der Rest.

„Was ist geschehen?", wollte Bofur nun wissen und deutete mit dem Pfeifenende auf den bewusstlosen Blondschopf.

Kíli zögerte, da er wenig Lust verspürte, die Geschichte noch einmal zu erzählen, doch schließlich rang er sich zu einer knappen Version davon durch. Als er fertig war, fühlte er sich zutiefst erschöpft.

Bofur schwieg und sog gedankenverloren an dem Mundstück, doch außer Asche befand sich nichts mehr in dem schmucklosen Holzkopf des Rauchwerkes. Mit einer geübten Bewegung klopfte er es aus und ließ es wieder in einer Tasche seines Gewandes verschwinden.

„Das heißt, die Verantwortung obliegt nun dir", fasste er Kílis Erzählungen zusammen.

Dieser seufzte schwer.

„Für den Moment… aber ich glaube nicht, dass ich das kann", entgegnete er leise und fuhr sich müde über das Gesicht.

Fíli und er selbst hatten beide eine gewisse Ausbildung genossen und obwohl er der Jüngere war, schonten weder Thorin, noch Balin oder Dwalin ihn wirklich. Dennoch hatte Kíli sich nie als potenzieller Thronerbe gefühlt und war der festen Überzeugung, dass wenn dann Fíli nachfolgen würde; in etlichen Jahren, wenn Thorin irgendwann alt geworden war und sich zur Ruhe setzte. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass es einmal so kommen könnte wie es gekommen war und plötzlich wünschte er, er hätte sich mehr mit dem Gedanken auseinander gesetzt.

„Er wird es schaffen, daran glaube ich fest. Fíli ist ein Sturkopf, der am Leben hängt. Du wirst sehen, es wird alles gut werden."

In Bofurs Worten schwang mehr Enthusiasmus mit, als er tatsächlich verspürte, aber es schien bei Kíli anzukommen, denn dieser lächelte nun schwach und meinte nur: „Danke", ehe er sich erhob und erneut seinen Posten bezog.

Die Verpflichtungen eines Regenten holten den jungen Bogenschützen schneller ein, als ihm lieb war und zwar in Form von Óin, der sich nach gut einer Stunde zu ihm gesellte. Der Grauhaarige schien in den letzten beiden Tagen um Jahrzehnte gealtert zu sein und sich mehr verausgabt zu haben als je zuvor, dennoch lag ein Lächeln auf seinen Lippen, als er sich näherte. Kíli nickte zur Begrüßung und beobachtete, wie der Heiler Fílis Temperatur und Puls maß, den Verband kontrollierte und seine Aufmerksamkeit schließlich ihm zuwandte.

„Ich soll dir eine Nachricht von Balin überbringen. Er möchte, dass du zum Haupttor kommst. Falls du dich weigerst soll ich dir sagen, dass es um Thorin geht."

Kíli, der genau das gerade vorgehabt hatte, hielt inne und schluckte schwer, während sich sein Herzschlag beschleunigte. Hastig stand er auf, bat Óin darum während seiner Abwesenheit ein Auge auf Fíli zu haben und machte sich auf den Weg, um Balins Ruf nachzukommen.


Der ehemalige Berater des Königs stand am Haupttor und ließ seinen Blick über die verwüstete Landschaft des Schlachtfeldes schweifen. Es war nicht das erste, das er sah und es würde nicht das letzte sein, doch barg es für ihn einen der größten Verluste. Die Verheerung der Schlacht ließen sich in seinen Augen nur mit denen vor den Toren Morias vergleichen, als die Zwerge versuchten die Minen zurück zu erobern und kläglich an den Linien der verteidigenden Orks scheiterten. Diesmal war ihre Mission von mehr Erfolg gekrönt, doch der Preis war nicht geringer. Sie hatten ihren König verloren – erneut gefallen durch den bleichen Ork, wie zu seiner Zeit Thror. Es schien, als ginge von dieser Kreatur ein Fluch aus, der bis über ihren Tod hinaus wirkte.

Er trat zur Seite, um einem voll beladenen Karren auszuweichen, der mit quietschenden Rädern die granitene Rampe empor kam. Mehrere Zwerge zogen und schoben, ächzten und schnauften, als sie das schwere Gefährt in das Innere des Berges brachten. Darauf waren Waffen und Rüstungsteile sowie Metallstücke geladen, die in ihrer Form noch Verwendung fanden. Vereinzelt kamen ihm auch Krieger auf ihren Patrouillen entgegen und alle Aktivitäten wurden von einem stetigen Klopfen, Schaben und Rumoren untermalt, das die ganze Festung auszufüllen schien.

Die Aufräumarbeiten hatten auch im Inneren der Festung begonnen und die Zwerge trugen emsig Berge von Schutt und Gestein ab, die der Drache bei seinem Ausbruch aus dem Zwergenreich hinterlassen hatte. Etliche Säulen wiesen Beschädigungen auf und der Boden war an vielen Stellen gesprungen. Dies hier war gerade der Anfang – es würde noch eine ganze Weile länger dauern, ehe die Spuren endgültig getilgt waren. Aber sie würden es schaffen, hatten es schließlich immer geschafft.

Balin wandte den Kopf ein wenig und sah, dass am anderen Ende der Halle eine Gestalt aufgetaucht war, die nun direkt auf ihn zuhielt. Óin hatte seine Nachricht also überbracht und Kíli war ihr gefolgt. Er musterte den Näherkommenden und konnte einen erneuten Anflug von Besorgnis nicht unterdrücken. Der junge Zwerg war nur noch ein Schatten seiner selbst und inzwischen machte Balin sich um Kíli genauso viele Sorgen wie um Fíli, obwohl dieser weit glimpflicher davongekommen war.

Doch der Tod seines Onkels und das ungewisse Schicksal seines Bruders schienen ihn weit mehr mitzunehmen, als geahnt. Balin war, ebenso wie dem alternden Heiler, nicht entgangen, dass er weder schlief noch aß, höchstens ein paar Schlucke trank um durchzuhalten und das auch nur, ohne sich von dem Lager seines Bruders zu entfernen. Er selbst hatte in einer ruhigen Minute mit Óin gesprochen, aber dieser konnte wenig Auskunft über den weiteren Verlauf von Fílis Zustand geben. Mit Glück besserte er sich in den nächsten Tagen – wenn sie Pech hatten, konnte er aber auch noch wochenlang in der Zwischenwelt wandeln. Was würden sie währenddessen mit Kíli machen?

Der junge Bogenschütze durchmaß derweilen die Halle mit schnellen Schritten, ohne sich näher umzusehen oder die Arbeiten groß zur Kenntnis zu nehmen. In seinem Gebaren lag mühsam unterdrückte Nervosität und Balin konnte an seinem Gesichtsabdruck ablesen, dass er liebend gerne wieder umkehren würde. Einzig das Argument, das der Wunsch nach dem Treffen mit Thorin zusammenhing, hatte ihn hier her bewogen. Der ehemalige Berater des Königs wandte sich ihm nun vollends zu und wartete geduldig, bis er heran war. Sonnenlicht fiel durch das geöffnete Portal und warf den Schatten des Zwerges verzerrt, jedoch scharf umrissen auf den steinernen Boden. Kíli blinzelte angesichts der Helligkeit; seine Augen mussten sich so sehr an das permanente Dämmerlicht gewöhnt haben, dass ihm das helle Licht kurzzeitig die Sicht nahm und er ein paar Sekunden länger brauchte, ehe er bei Balin angelangt war.

„Ich danke dir für dein Kommen. Wie geht es Fíli?", begrüßte er den Dunkelhaarigen und deutete dessen Kopfschütteln gleich richtig.

Unverändert also.

Kíli trat stumm an seine Seite und statt den älteren Zwerg anzusehen, hefteten sich seine dunklen Augen an den Horizont. Balin folgte seinem Beispiel und sah wieder auf das Feld hinaus, auf dem vor kurzem noch so viele Freunde und Mitstreiter ihr Leben verloren hatten. Die Verheerungen waren schrecklich; überall war der Boden aufgerissen, dunkel und schlammig von abertausenden Füßen und dem vergossenen Blut, das die Erde getränkt hatte. Die Kälte hatte die Oberfläche gefrieren lassen und den Boden mit Reif überzogen, der an fielen Stellen funkelte und tatsächlich so etwas wie Schönheit vorzutäuschen mochte.

Dazwischen befanden sich schwarz verbrannte Stellen, die von dem Feueratem des Drachen gestreift worden waren und auf denen nie wieder etwas Grünes wachsen würde. Ein paar Felsbrocken, die in einer dieser Feuerschneise standen, hatten ihre schroffe, von Wind und Wetter aufgeraute Oberfläche verloren und waren nun glatt und glänzend, wie mit Glas überzogen. Das Feuer hatte die Oberfläche des Gesteins schmelzen lassen und verlieh ihnen ein bizarres Aussehen. Noch immer zogen kleinere und größere Gruppen über das Feld und lasen Gefallene, Kriegsausrüstung und Trümmer auf. Kíli bemerkte, dass es überwiegend Zwerge waren – vereinzelt sah er Menschen aus Esgaroth und noch vereinzelter Elben aus dem Düsterwald. Am Rande der Fläche, die gut und gerne zwei oder drei Meilen durchmaß, erhoben sich die weißen und blassgrünen Zeltstädte der Verbündeten.

Balin räusperte sich nun vernehmlich und ergriff das Wort.

„Gut, dass du gekommen bist. Ein Trupp Arbeiter hat vor weniger als einer Stunde Thorin Eichenschild geborgen."

Kíli schluckte schwer. Er bemerkte, dass Balin nicht „Thorins Leiche" oder „die sterblichen Überreste deines Onkels" sagte, sondern ganz bewusst nur dessen Namen nannte.

„Ist er…"

Kíli führte den Satz nicht zu Ende. Er wusste, dass die Hoffnung töricht war, doch er musste die Frage stellen. Es war der letzte Funke, der in der Dunkelheit glomm und Balins langsames, getragenes Kopfschütteln brachte ihn vollends zum erlöschen.

„Es ist, wie wir befürchtet und insgeheim schon lange gewusst haben."

Für einen Moment blitzte die Trauer auf seinen faltigen Zügen auf, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte. In einer väterlichen Geste legte er Kíli eine Hand auf den Unterarm.

„Ich weiß, die Gewissheit darüber ist noch einmal so schwer zu ertragen."

Obwohl er es nicht für möglich gehalten hatte, vertiefte sich das Gefühl der Leere in seinem Inneren noch einmal.

„Dann ruht die Verantwortung nun auf Fíli", wisperte der Bogenschütze. Der weißhaarige Zwerg schwieg, aber sein Blick sprach Bände.

„Warum jetzt erst?", erkundigte sich Kíli schließlich, als das Schweigen unerträglich wurde.

„Weil es schwer war, zu der Stelle zu gelangen. Der Torweg war hart umkämpftes Gebiet und die Arbeiter haben eine Weile gebraucht, bis sie sich zu der Erhöhung vorgedrungen waren."

Balin deutete auf einen Punkt vor ihnen, der die höchste Stelle des Torweges markierte. Tatsächlich schien die Erhebung dort ebenfalls höher zu sein als der eigentliche Weg und Kíli wusste nur allzu gut, aus was dieser Hügel bestand. Winzige Gestalten schwärmten umher, beluden Karren, fuhren sie davon wenn sie voll waren und brachten leere herbei. Es war eine bedrückende Tätigkeit, doch auch sie musste getan werden. Mitten zwischen den kleinen Gestalten erblickte er einen massigen, dunklen Umriss, der seltsam gedrungen aussah und sich auf allen Vieren zu bewegen schien. Er kniff die Augen zusammen, um genaueres erkennen zu können.

„Was ist das?", erkundigte er sich bei Balin.

„Das dort ist Beorn. Er half bei der Suche", erklärte dieser. „Er war der Letzte, der Thorin sah und wusste am ehesten, wo er sich befinden würde."

Er und noch jemand weiteres.

„Was ist mit dem Orkanführer?", verlangte Kíli zu wissen. Sein Gegenüber senkte die Stimme und der junge Zwerg vernahm deutlich den Groll darin.

„Lag ebenfalls bei ihm. Sie haben ihm die Waffen genommen und ihn mit seinen stinkenden Brüdern verbrannt. Niemand soll die Gelegenheit bekommen, diesem Scheusal noch einmal zu gedenken."

Es brachte Kíli keine Genugtuung, aber so war es nun einmal geschehen. Viel lieber hätte er sich Azog persönlich angenommen und ihn ein zweites und ein drittes Mal in die Abgründe geschickt, aus denen er hervorgekrochen war. Der junge Zwerg empfand etwas, dass er bisher nur sehr selten gefühlt hatte - einen unbändigen Hass auf die Kreatur, die ihm einen Teil seiner Familie geraubt hatte. So musste Thorin sich auf dem Feld von Azanulbizar gefühlt haben, als sein Großvater und sein Bruder fielen und er glaubte nun, ihn ein wenig besser zu verstehen. Diese Empfindung dauerte allerdings nur Sekunden an, ehe sie wieder verebbte, aber es riss Kíli wenigstens kurzzeitig aus seiner Lethargie.

„Was passiert jetzt, Balin?", fragte er und wagte es nicht, den Zwerg direkt anzusehen.

Dafür drehte dieser ihm den Kopf zu und antwortete: „Wir werden Thorin in spätestens zwei Tagen bei Sonnenaufgang in der Gruft seiner Väter beisetzen, so wie es die Tradition unseres Volkes verlangt."

Er sprach langsam, fast feierlich. Als Kíli ihn nun doch von der Seite her anblinzelte, konnte er ein verdächtiges Glitzern in Balins Augen wahrnehmen. Seine eigene Antwort bestand aus einem Nicken, da ihm der Gedanke die Kehle zuschnürte. Bisher hatte er noch keine Beisetzung eines nahen Verwandten erlebt; an die seines Vaters hatte er keine Erinnerung, da er selbst zu dem Zeitpunkt noch zu klein gewesen war um zu verstehen, was geschah.

„Deine Anwesenheit wird verlangt, Kíli. Wenigstens einer von euch beiden muss gegenwärtig sein, wenn wir ihm die letzte Ehre erweisen."

Der Kloß in seinem Hals wurde noch ein wenig größer.

„Ich verstehe", brachte er mit einiger Anstrengung hervor.

Selbst wenn Fíli bis dahin erwachte wäre er kaum in der Lage, an dem Begräbnis teilzunehmen und so blieb die Verantwortung bei ihm. Kíli fürchtete den Augenblick jetzt schon, in dem er vor der Krypta der Erben Durins stehen und Haltung bewahren musste, weil es alle von ihm verlangten. Dennoch - er würde stark sein. Musste es einfach.

Für Thorin. Für Fíli.