9. 18Uhr EST-Zeit, Samstag
Scullys Zimmer, Haus von Katherine Scully, Lincoln Landing
Die Sonne flutete durch das riesengroße Fenster, das direkt nach Osten zeigte, und kitzelte Scully an der Nase. Knurrend drehte sie sich in ihrem breiten, ebenhölzernen Bett um und versuchte weiter zu schlafen, doch die enorme Wärme, die die Sonne ebenfalls durch das Fenster schickte, machte einen angenehmen Schlaf geradezu unmöglich. Murrend seufzte sie und setzte sich dann auf. Sie gähnte und rückte sich die Kissen hinter ihrem Rücken zurecht, während sie aus dem Fenster hinaus auf das große Gelände der ehemaligen Plantage blickte.
Ihr ganzes Zimmer schien zu strahlen, weil die Sonne von den hellen, zitronenfarbenen Wänden reflektiert wurde. Scully schloss die Augen und lächelte. Der gestrige Tag war einfach unglaublich gewesen. Nachdem sie Mulder sein Zimmer gezeigt hatte, waren die beiden auf den Dachboden gegangen und hatten abwechselnd durch das Teleskop von Scullys Großvater gesehen, wobei Mulder seine Partnerin ständig davon überzeugen wollte, dass er ein UFO sah. Es war einfach fantastisch gewesen. Selbst jetzt musste sie bei dem Gedanken an einen vollkommen aufgeregten Mulder wieder grinsen. Scully atmete tief ein und schlug dann das dünne Laken zur Seite um in das kleine, niedliche Badezimmer zu gehen, das direkt an ihr Zimmer grenzte.
Mulders Zimmer, selbe Zeit
Sein Zimmer lag direkt neben ihrem und auch Mulder kitzelte nun die Sonne. Verschlafen blickte er auf seine Uhr und musste lächeln, als er die Uhrzeit sah. 9. 21Uhr. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal solange geschlafen hatte. Gott, es tat so gut. Er gähnte herzhaft und strampelte sich dabei aus seinem weißen Laken frei, bevor er sich langsam zur Seite drehte und aufstehen wollte. Müde öffnete er wieder die Augen während er sich aufsetzte. Er atmete einmal tief ein und ging mehr oder weniger wach ins Bad um sich anzuziehen.
9. 26 Uhr EST-Zeit, Samstag
Haus von Katherine Scully, Lincoln Landing
Er war wirklich verdammt schnell gewesen mit dem Anziehen. Und geduscht hatte er sich auch noch. In gewisser Weise war er stolz auf sich, als er nun die Treppe des alten Hauses hinunter hastete und nach irgendwelchen Menschen suchte. Mittlerweile war er wach. Hellwach.
Das ganze Haus schien fast wie in einem Dornröschenschlaf zu liegen. Die Fenster standen weit auf und der leichte Wind blähte die weißen Vorhänge auf, in der Küche hörte er das Radio und draußen sangen die Vögel. Doch niemand war in Sicht.
„Hallo?", rief Mulder und sah sich im Esszimmer um. „Hey!" Nichts tat sich. Langsam durchquerte er jeden Raum des Hauses und er musste wirklich zugeben, dass es fantastisch war. Er hatte wohl noch niemals so ein Haus von innen betreten dürfen. „Scully?", rief er, bevor ihm einfiel, dass in diesem Haus wirklich alle so hießen, und dass ihm das bei der Suche nach SEINER Scully nicht viel helfen würde. „Dana!", versuchte er es, doch auch diesmal tat sich nichts. Langsam kam er sich wirklich ziemlich dumm vor. Er rief und rief, doch niemand antwortete ihm. „DANA!", rief er noch einmal so laut er konnte, als er um eine Ecke wieder in den breiten Hausflur trat und beinahe mit Katherine Scully zusammengerauscht wäre.
Erschreckt hielt die alte Lady die Luft an. „Meine Güte, Fox, sie haben mich ja fast zu Tode erschreckt!", keuchte sie und fasste sich an die Brust.
Mulder legte besorgt den Arm um den Rücken der rüstigen Dame und wollte sie zu einem der nächsten Stühle begleiten, doch Katherine Scully lehnte das ab.
„Ich bin auf der Suche nach ihnen gewesen, Fox!"
„Mrs. Scully, es tut mir wirklich unendlich leid! Ich ... ich hatte nicht vor, ich meine, ich wollte sie wirklich nicht erschrecken!"
„Katherine, mein lieber Gott, bitte nennen sie mich doch endlich Katherine! Mrs. Scully hört sich doch nun wirklich schon so verdammt alt an! Und ich bin doch erst 85 Jahre jung!", sagte sie mit einem belustigten Grinsen auf dem Gesicht.
„Oh natürlich, es tut mir leid, sie haben ja heute Geburtstag, Mrs. Scully, wie ..."
„Katherine!"
Mulder lächelte verlegen. „Tut mir leid! Herzlichen Glückwunsch!", sagte er freundlich und lächelte Scullys Großmutter mit seinen braunen Augen an.
Gott, er war einfach viel zu gutherzig, dachte Katherine Scully und legte so viel Sanftheit, wie es nur ging in ihre Stimme. „Kommen sie jetzt endlich, Fox, und bitte entschuldigen sie sich doch nicht immer. Immerhin sind sie nicht für alles was auf der Welt geschieht verantwortlich, junger Mann!" Mit einem festen Griff packte sie ihn am Arm und zog ihn in den Garten hinter dem Haus.
Mulder folgte ihr lächelnd und gab ohne Gegenwehr ihrem altmodischen Temperament nach.
9. 31 Uhr EST-Zeit, Samstag
Garten der Pfirsichplantage
Strahlend schien ihm die Sonne ins Gesicht, als Mulder mit der alten Dame am Arm auf die hölzerne Veranda trat. Diesen Teil des Anwesens hatte Mulder noch nicht gesehen. Hier standen die letzten Pfirsichbäume noch in Reih und Glied und ließen den süßlichen Duft ihrer weißen Blüten durch den Garten streifen.
Katherine musterte ihn von der Seite und sah seinen erstaunten Blick. Anscheinend fühlte er sich sehr wohl hier und entdeckte immer mehr Neues an der alten Plantage. Er wuchs ihr immer mehr ans Herz. Lächelnd führte sie ihn weiter.
Sie kamen ein breite Treppe hinunter und dann ließ sich Mulder von Katherine Scully gezielt in das Pfirsichlabyrinth führen, ohne zu wissen, worauf sie zusteuerten. Je weiter sie in den Wald aus weißen Blüten eindrangen desto deutlicher konnte Mulder das Gelächter und die Stimmen der anderen hören, bis sich plötzlich vor ihm eine großen Lichtung auftat auf der ein runder Tisch stand an dem sich Maggie, SEINE Scully, Tara und eine weitere Frau niedergelassen hatten. Der Tisch war mehr als nur reichlich mit Sachen für das Frühstück gedeckt und Mulder konnte seinen Augen nicht trauen. So viel Essen auf einem Haufen hatte er wohl seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.
Unweit des Tisches entdeckte Mulder Bill und einen anderen Mann, den er sofort an seinem roten Haar als ein Scully entlarvte. Es musste sich also um Charles handeln, Scullys kleinen Bruder, den er noch niemals gesehen hatte. Charles war also mittlerweile auch eingetrudelt und zwar zusammen mit seiner Familie.
Die beiden Männer unterhielten sich lachend und standen dabei im Schatten eines der großen, alten Bäume. Zu Bill´s Füßen krabbelte Matthew im Gras und versuchte einen Schmetterling zu fangen der sich zappelnd hin und her bewegte. Und dann waren da noch die beiden anderen Kinder. Das rothaarige Mädchen und der Junge. Sie kletterte auf einem der Pfirsichbäume herum während ihr Bruder sie mit den noch unreifen Pfirsichen bewarf.
Mulder musste grinsen. Endlich sah er mal die ganze Sippe.
„Hey, seht mal wen ich hier mitgebracht habe! Den Langschläfer!", rief Katherine Scully und verpasste Mulder einen leichten Rippenstoß.
Alle sahen auf und blickten in ihre Richtung, während sich die Granny auf den Tisch zu bewegte.
Scully stand auf und kam strahlend lächelnd auf ihn zu. Sie trug ein bezauberndes, lavendelfarbenes Sommerkleid mit blauen und weißen, kleinen Blumen. Es war wunderschön. Viel zu selten sah er sie in solchen Kleidern. Und das war schade. Und für heute war dieses ärmellose Kleid ganz besonders gut geeignet, denn die mörderischen Temperaturen des Vortages hatten nicht im Mindesten abgenommen.
Katherine Scully ließ sich auch den freien Stuhl ihrer Enkelin fallen und nahm sich eine Tasse Tee, bevor sie zufrieden grinsend zu ihren beiden Versuchskaninchen hinüber sah. Mit einem breiten Lächeln seufzte sie und fragte dann: „Also, was haltet ihr von ihm?"
Maggie, die ohne es zu bemerken mit einem verträumten Ausdruck auf dem Gesicht ihre Tochter und Fox beobachtet hatte, drehte sich fast entsetzt über die Frage ihrer Schwiegermutter um und sah sie verwirrt an. „Was?"
„Naja, ich meine, wie findet ihr ihn?"
Megan, Charles Frau, lächelte und sah dann wieder zu Mulder hinüber, bevor sie sich durch ihr kurzes, dunkles Haar fuhr. „Naja, ich finde ihn ziemlich ... attraktiv!"
Nun öffnete sich Maggies Mund und sie verpasste Megan einen leichten Stoß.
„Hey! Darf ich nicht sagen, dass er toll aussieht?" Megan rieb sich langsam an der Stelle über den Arm, an der ihre Schwiegermutter ihr den Stoß verpasst hatte.
„Du bist mit Charles verheiratet, Megan!", zischte Maggie und konnte es kaum glauben, was ihre Schwiegertochter da gerade gesagt hatte.
„Mum, nichts geht über meinen Charles, aber du musst doch zugeben, dass ...", wieder warf sie einen Blick auf Mulder und Dana, bevor sie weiterredete, „ ... dass er wirklich verdammt gut aussieht!"
„Oh ja!", stimmte Tara zu und lächelte Megan an.
Maggie sah ungläubig zwischen ihren beiden Schwiegertöchtern hin und her.
„Jetzt reg dich doch nicht so auf, Margaret! Er ist nun mal wirklich ein Schatz. Er hat ein gutes Herz, ist gut erzogen, er ist klug und er sieht unverschämt gut aus. Gott weiß, wäre ich nur 20 Jahre jünger dann ...", sagte Katherine Scully mit einem belustigten Grinsen und wurde von ihrer Schwiegertochter vollkommen fassungslos angestarrt. „Ach komm schon, Margaret, du musst das doch auch zugeben!"
Maggie sah wieder zu ihrer Tochter und Fox Mulder, der die ganze Zeit nur Augen hatte für das Kleid das sie trug. Sie mochte Fox. Wirklich, und ja, so schwer ihr das auch viel: Er sah wirklich verdammt gut aus!
„Und das ist jetzt also Danas Freund?", fragte Megan und beobachtete jede Geste der beiden, die nur sechs Meter von ihnen entfernt standen.
Katherine grinste Tara an und beide wollten gerade antworten, als Maggie ihnen dazwischen kam: „Nein, er ist ihr Partner. Sie arbeiten beide zusammen beim FBI!"
„Partner?", fragte Megan mit einem zweideutigen Grinsen. „Ach ja wirklich?"
Maggie nickte beruhigt und bemerkte den ironischen Unterton in der Stimme von Megan nicht: „Ja, sie arbeiten nun schon seit fast sieben Jahren zusammen und sie haben wirklich ..." Maggie hörte auf, als sie sah, dass sich Megan, Tara und auch Katherine vor Lachen kaum noch halten konnten. „Was habe ich denn jetzt schon wieder gesagt?"
„Partner?", wiederholte Megan.
Und da wusste endlich auch Maggie worum es mal wieder ging. „Oh Gott, ihr seid ja wie kleine Schulmädchen, das ist ja richtig peinlich. Die beiden sind nur Freunde, okay? Das hat mir Dana selber gesagt. Mehr ist da wirklich nicht. Verstanden?"
Das Grinsen auf Taras, Megans und Katherines Gesicht verschwand und die Frauen sahen sich an. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden!", gab Katherine leise zurück und Tara, Megan und sie fingen an zu lachen.
Mulder sah zu der Frauenrunde hinüber, die mittlerweile alle etwas zu lachen hatten, und irgendwie, ja sogar ganz bestimmt, lachten sie auf seine oder besser gesagt auf seine und Scullys Kosten. Doch das war ihm jetzt egal, denn er hatte nur Augen für dieses tolle Kleid.
„Ich hoffe sie haben gut geschlafen!", fragte Scully und fuhr sich mit einer Hand durch ihr Haar, das in der morgendlichen Sonne glänzte.
„Sicher. So gut wie schon lange nicht mehr!" Er konnte sehen, wie sich Scully darüber freute. Wieder musterte er das Kleid. Er konnte einfach nicht genug davon bekommen. Lächelnd musterte er sie von oben bis unten mit seinen braunen Augen.
Scully bemerkte es und sah ihn mit einem fragenden Lächeln an. „Was ist denn?"
Sein Lächeln wandelte sich zu einem breiten Grinsen. „Naja, ich frage mich gerade wo die Schnabeltassen bleiben, die sie mir versprochen haben?"
Scully lachte und rund um ihre blauen Augen bildeten sich leichte Krähenfüße. „Warten sie´s nur ab! Und jetzt kommen sie! Ich will ihnen Charles, Megan, Annabelle und Patrick vorstellen.", sagte sie vergnügt, griff nach seiner Hand und zog ihn auf den runden Tisch zu.
