Kapitel 7:
Unruhig wälzte sich Jesse im Schlaf umher. Der Wecker zeigte 3 Uhr morgens, spärliches Mondlicht fiel durch die Fenster der Slifer Red Unterkunft. Stille erfüllte den Raum, und wurde nur von einem unregelmäßigen Schnarchen unterbrochen, das von einem der 3 übrigen Jungen stammte. Mit einem leisen Stöhnen warf sich der blauhaarige Junge auf die andere Seite. Sein Gesicht war gerötet, und sein Atem war schwer. Welchem Traum er auch zum Opfer gefallen war, zeigte sich an seinem Körper deutlich, wie intensiv er war. Die nackte Haut glänzte vor Schweiß, und der Skandinavier hatte bereits die Decke von sich geschoben, so dass er nur noch in Unterwäsche da lag. „Nevan." Murmelte er immer wieder leise vor sich hin. Er befand sich in dem festen Griff eines tiefen Schlafes.
Ein Wald. Ein riesiger Wald umgab Jesse. Er konnte den holzigen Geruch vernehmen, und das knacken im Unterholz. Mit einem süßen Lächeln kam Nevan auf ihn zu. Er war vollständig in weiß gekleidet und tapste barfuß auf ihn zu. Ein helles Lachen hallte im Wind, und obwohl Nevan nicht den Mund öffnete, war es eindeutig das seine. Verwundert setzte er sich auf. Langsam hob Jesse seine Hand, und strich ihm über die Wange, schob eine dunkle Strähne aus dem blassen Gesicht. Schweigend schloss Nevan die Augen bei der Berührung, nur um ihn anschließend wieder aus den unergründlichen Tiefen seiner Augen anzusehen. Jesse war wie verloren in dem bodenlosen Blau. Das Rauschen des Meeres hinter ihm wurde immer leiser, und er bemerkte nicht, wie sich die Flut immer weiter in das Land wagte, die Füße der beiden umspielte, und den Wasserstand stetig erhöhte. Immer tiefer tauchte er in die saphirblauen Weiten, während seine Hand über den Hals der blassen Schönheit wanderte, über den Oberkörper, und schließlich an seiner Hüfte verweilte. Mit sanftem Druck zog er ihn noch näher an sich heran, bis sich ihre Körper bereits berührten. Mit verklärtem Blick näherte er seine Lippen denen von Nevan, während das bedrohlich laute Rauschen bereits aus seinen Ohren verschwand. Nevan legte eine zarte Hand in seinen Nacken und sank unmerklich immer tiefer in das Meer, seinen Gefährten mit sich ziehend. Ihre Lippen waren nur Zentimeter voneinander entfernt, als das unheilvolle rote Leuchten in Nevans Augen sah. Erschrocken wich er zurück, das schwarze Wasser, das ihm bis zur Brust reichte, hatte seinen Freund bereits verschlungen. Panisch sah er sich um, doch egal wo er hinsah, erblickte er nichts als ein aufgewühltes dunkles Meer. Weder von seinem Freund, noch vom Festland war eine Spur zu sehen. „NEVAN!" brüllte er verzweifelt gegen die donnernden Fluten, wobei er Unmengen an Wasser verschluckte. Er konnte ihn nicht zurück lassen, nicht erneut allein lassen. Doch es schien vergebens. Das schwarze Meer hatte seinen Freund verschlungen, und er hatte hilflos zu gesehen.
Freudig ging er auf seinen Freund zu, und schlang seine Arme um ihn. Der betörende Geruch des Jungen reizte seine Sinne. Er roch blumig, angenehm, und doch lag noch etwas anderes in der Luft. Salz. Wie salzige Meeresluft.
Jesse schloss die Augen und drückte ihn fester an sich. Es fühlte sich gut an die Wärme des Anderen zu spüren, seinen Geruch einzuatmen und seine Hände über die seidigen Haare des Schwarzhaarigen gleiten zu lassen. Seine Umarmung wurde erwidert, und sein Herz begann immer schneller zu schlagen.
Er vergrub sein Gesicht in Nevans Hals, und ließ seine Hände über dessen Körper wandern. Wie in Trance drückte er ihn zu Boden, bedeckte seinen Hals mit heißen Lippen. Spielerisch wälzte Nevan ihn auf seinen Rücken. Ein kleiner Kampf um die Dominanz entbrannte, bis Jesse schließlich grinsend die Oberhand gewann. Unter ihm lag sein Freund, der ihn weiterhin geheimnisvoll lächelnd abblickte. Jesses Hand wanderte unter das T-Shirt seines Freundes. Er spürte die warme nackte Haut auf der seinen. Ein letztes Mal schloss er die Augen, und erneut hallte das Lachen in dem Wald. Als er die Augen wieder öffnete, war er allein.
Mit einem Mal war Nevan verschwunden.
„Nevan? Hey, wo bist du?" rief er fragend in den Wald hinein.
Ein Rauschen drang an Jesses Ohr. Er drehte sich um. Er stand direkt am Strand, das Meer leckte an seinen nackten Füßen. Wohin war der Wald verschwunden? Und wo war Nevan? Eine Berührung an der Schulter ließ ihn sich erneut umdrehen. Vor ihm waren zwei saphirblaue Augen, endlos wie das Meer, die ihn in ihren Bann zogen. Die schwarzen Haare ergossen sich wie eine Flut über die nackten Schultern des Jungen, der ihm so nah gegenüber stand.
Keuchend wachte Jesse auf und rang rasselnd nach Luft. Sein Bett war vom Schweiß durchnässt und seine Haut glühte. Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und fuhr sich mit einer Hand durch die blauen Haare, während er die Augen schloss. Er hatte schon wieder diesen Traum gehabt, der ihn seit einigen Tagen heimsuchte. Er seufzte. Es wäre so ein schöner Traum, wenn er nicht jedes Mal auf die gleiche Art und Weise enden würde.
Vielleicht war es ein Zeichen. Vielleicht sollte er diesen Traum gar nicht haben. Er träumte bereits zu oft von der Sirene, die seine Gedanken wieder und wieder gefangen nahm. Sie waren Freunde, nichts weiter. Und das wollte er nicht aufs Spiel setzen.
Nein. Es war ein Fehler, den er nicht begehen durfte. Es konnte wohl unmöglich so schwer sein, dieses Gefühl zu unterdrücken. Oder etwa doch?
Leises Flüstern drang an Nevans Ohr, der es sich auf der Fensterbank seines Zimmers gemütlich gemacht hatte. Es war der angenehm kühle Wind, der endlose Geschichte in dem Rascheln der Blätter mit sich trug, und sanft das nasse Haar des Jungen umspielte. Manchmal waren es jene kleinen Momente, in denen man einfach seine Gedanken mit dem Wind davon schweifen lässt, die Klarheit und Ordnung in eine verwirrte Seele brachten.
Zaghaft öffnete der Junge die kleine hölzerne Box, die neben ihm lag. Kaum war der dunkle Deckel hochgeklappt, war eine einfache leise Melodie zu hören, die aus dem Inneren der Spieluhr stammte. Sie war weder besonders hochwertig oder fröhlich, im Gegenteil. Ihr Klang war leicht blechern und die Töne waren schwer und erfüllten ein Herz mit Melancholie. Auch ihr Aussehen glich lediglich dem einer kleinen hölzernen Kiste, die ein kleines Fach aufwies, in dem eine schlichte zierliche Muschel lag. Keine aufwendige Verzierung, keine hochwertige Verarbeitung, nichts als die schlichte Realität.
Und doch, für den Jungen, der mit geschlossenen Augen der Musik lauschte, und vorsichtig das zerbrechliche Kleinod aus seiner Ruhestätte geholt hatte, bedeutete diese Einfachheit mehr, als es auf den ersten Blick jemals jemand verstehen könnte. Sein Finger fuhr über die Schale aus Kalk. Für ihn spielte es keine Rolle wie unauffällig sie war, die Erinnerung die sie enthielt, und das Gefühl, das bei ihrem Anblick sein Herz flutete, waren kostbarer, als jeder Schatz der in den Tiefen der sieben Meere verborgen war.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Melodie des Windes, in die die metallischen Klänge der Spieluhr Einklang fanden. Hastig legte Nevan die Muschel zurück und klappte schnell den Deckel zu, bevor er zur Tür stürmte, die bereits von der blonden Alexis geöffnet wurde.
„Bist du etwa immer noch nicht fertig?"
„Lex? Was gibt es denn? Es ist Wochenende, wir haben keinen Unterricht."
„Und genau deshalb gibt es keinen Grund den Tag verstreichen zu lassen. Hast du etwa vergessen was in ein paar Wochen ist?"
„Lass mich nachdenken. Bald haben wir eine Woche Ferien und danach ist schon recht bald Duel Monsters Geistertag. Keiner hat Geburtstag, keine besonderen Prüfungen wenn man von den täglichen Duellen von Professor Viper absieht, sollte ich irgendetwas vergessen haben?"
„Aber genau darum geht es doch. Erstens hatten wir gemeinsame Pläne für die Ferien, und für den Geistertag sollten wir uns auch noch etwas überlegen. Glaub mir, das Theater der letzten beiden Jahre mach ich nicht noch einmal mit. Du hast bis zum letzten Moment gewartet dir ein Kostüm zu besorgen, konntest dich dann nicht entscheiden, und warst dann den halben Tag enttäuscht, weil du nicht zufrieden warst. Also wird dieses Jahr alles im Voraus geplant."
„Ja ich weiß, wie oft soll ich mich noch dafür entschuldigen? Wirst du mir das in 5 Jahren auch noch hinterher tragen?"
„Worauf du dich verlassen kannst."
„Grandiose Aussichten für meine Zukunft. Was würde ich nur ohne eine Freundin wie dich machen." Lachte Nevan und stupste Alexis in die Seite.
„Ich vermute du wirst dir dieses Jahr besonders viel Mühe geben?"
„Wieso denn das? Ist doch wie die letzten Jahre auch."
„Die letzten Jahre war Jesse nicht dabei."
Nevan lief rot an. Sie hatte Recht, bisher hatte er sich lediglich Gedanken machen müsse, wie er sein Kostüm fand, doch dieses Mal war das ganz anders. Alexis lachte, als sie sah, wie rot ihr Freund wurde.
„Keine Sorge, wir finden schon etwas, mit dem du ihn beeindrucken kannst."
„Man Alexis, du verstehst das immer noch komplett falsch. Da ist nichts und wird auch nichts sein. Wir sind gute Freunde, nicht mehr und nicht weniger." Wich er ihr aus.
„Aber du wärst gern mehr für ihn, hab ich Recht?"
Nevan schwieg. War es denn so? Wollte er tatsächlich, dass Jesse mehr für ihn empfand als er es zum jetzigen Zeitpunkt tat? Was wäre, wenn der Skandinavier nicht dasselbe fühlte, nicht dasselbe dachte wie er über ihn? Er konnte unmöglich alles aufs Spiel setzen, nur weil ein unbedeutender Teil tief in ihm sich mehr erhoffte, als überhaupt möglich war. Nein, es war nichts weiter als eine Illusion, ein Tagtraum, nichts weiter.
„Ach was Lex, du machst dir viel zu viele Gedanken. Jungs denken nicht so kompliziert, Freunde und damit Ende. Können wir?"
Gekonnt ignorierte er den skeptischen Blick seiner Freundin. Er wusste, dass sie ihm kein einziges Wort glauben würde, doch würde er absolut nichts riskieren. Alles würde so bleiben wie es ist, und das war gut so. Derart eingenommen von ihrem Gespräch, dachte keiner der beiden daran, das Fenster zu schließen, noch bemerkten sie, wie Pharao mit einem tiefen Miauen großes Interesse an der hölzernen Spieluhr zeigte. Es dauerte nicht lange bis er die Spieluhr bei dem Versuch den altersschwachen Deckel zu öffnen, vom Fenstersims fegte. Sie landete mit einem dumpfen Klopfen und geöffnetem Deckel auf dem Boden. Ihr Inhalt lag eine Handbreite von ihr entfernt, wo sich bereits ein dicklicher Kater auf sie stürzte.
„Hey Jesse! Hallo? Erde an Jesse, jemand zu Hause?"
Jaden wedelte mit der Hand vor den Augen des geistesabwesenden Duellanten herum. Verwirrt blinzelte der Blauhaarige und sah seinen Freund verwundert an.
„Man du bist mit deinen Gedanken heute echt woanders."
„Hm?"
„Ach vergiss es. Erzähl lieber, was ist los mit dir? Du bist schon seit ein paar Tagen so." Winkte Jaden ab.
„Ich schlafe nur schlecht, das ist alles." Erklärte Jesse, der von einem besorgten Syrus beäugt wurde.
„Du klingt ja schon fast wie Nevan. Wobei er in letzter Zeit ungewohnt gut gelaunt zu sein scheint."
Wie zum Beweis nickte Syrus in die Richtung des Obelisk Blue Studenten, der lachend neben seinen Freundinnen saß. Sowohl Alexis, Jasmine, Mindy und er hatten den Tag zusammen verbracht, und nur durch Zufall hatten sie alle sich begegnet, als Jaden und Jesse sich beim Campusladen mit neuen Karten eindecken wollten, wobei sie natürlich sowohl von Hassleberry als auch Syrus begleitet wurden.
Beim Anblick des Jungen, der vergnügt zwischen den Mädchen stand, wurde Jesse schwer ums Herz. Egal wie sehr er hin- und hergerissen war, er konnte sich unmöglich ihm oder irgendjemand sonst anvertrauen. Den ganzen Tag schon war er wieder und wieder alle Vor- und Nachteile in seinem Inneren durchgegangen, hatte Risiken abgewogen und war dennoch keinen Schritt weitergekommen. Und dass er mit Jaden oder den anderen darüber sprach, stand außer Frage. Er bezweifelte stark, dass er von ihnen in einer solchen Angelegenheit viel Hilfe erwarten konnte.
Die ständige Anwesenheit Nevans machte es nicht einfacher. Natürlich war ihm bewusst, dass es schwer war jemanden aus dem Weg zu gehen, der die gleichen Freunde wie man selbst hatte, und der dazu noch auf einer derart kleinen Insel zur selben Schule ging, doch gerade in solchen zufälligen Begegnungen wie den heutigen, fragte er sich, warum das Schicksal ihm nicht ein einziges Mal einen Gefallen tun konnte, und ihm Klarheit verschaffen konnte.
Jesse seufzte.
Es half alles nichts. Ewig darüber zu grübeln würde nicht weiterhelfen, es musste eine wirksame Lösung her. Über kurz oder lang würde er es ohnehin nicht schaffen, seine Gefühle zu verbergen. Dass er bereits jetzt Tagträumen nachhing, und sich selbst ertappte, wie er mit glasigem Blick in den zwei Ozeanen versank, die sich in Nevans Augen befanden, war der beste Beweis dafür, dass er dringend dagegen angehen musste. Zumal es Nevan ihm unwissentlich nicht einfach machte. Je freundlicher und offener dieser zu ihm war, desto mehr wurde er in seinen Bann gezogen. Auch wenn er sich dafür hassen würde, gab es nur eine Möglichkeit es für sie Beide viel einfacher zu machen.
„Buh!"
Überrascht blickte Jesse in die blauen Augen, die sich nun direkt vor den seinen befanden. Er hatte nicht bemerkt, wie sich Nevan von seinen Freunden getrennt und zu ihnen begeben hatte, so sehr war er in seinen Gedanken gefangen gewesen.
„Wow, du bist ja wirklich nur als körperliche Dekoration anwesend." Spottete Nevan und setzte sich neben Jaden.
„Er sagt er schläft schlecht." Klärte Syrus ihn auf.
„Davon kann ich ein Liedchen singen. Versuch es mal mit heißer Milch und Honig, bei normalen Schlafproblemen wirkt es wahre Wunder."
Nevan streckte sich geräuschvoll. „Und was habt ihr den lieben langen Tag getrieben?"
„Wir haben uns duelliert, haben über unsere Decks gesprochen, und wollten uns eigentlich gerade neue Kartenpacks kaufen." Schwärmte Jaden, woraufhin er jedoch nur einen skeptischen Blick Nevans erntete.
„Karten, Karten und nochmals Karten. Also manchmal frage ich mich wirklich ob du überhaupt jemals noch an etwas anderes denkst Jaden."
„Wieso sollte ich, ich liebe nun mal das duellieren. Und es gibt nun mal nichts besseres, als sich neue Karten zu besorgen und mit ihnen zu duellieren."
„Ansichtssache. Wenn du wie ich theoretisch jede Karte haben kannst, wenn du deinen Vater nur lieb genug fragst, hält sich die Begeisterung beim Kaufen eines Kartenpacks, in dem willkürlich zusammengestellte Karten sind, ehrlich gesagt in Grenzen."
„Du tust gerade so, als sei es etwas Schlimmes der Sohn von Pegasus zu sein. Das ist doch der absolute Oberhammer!"
„Ich behaupte ja nicht, dass es ein Fluch ist, aber ein reiner Segen auch nicht. Man wird nun mal was Duel Monster Karten betrifft, doch ziemlich verwöhnt. Das ist alles."
„Naja willst du trotzdem mitkommen? Wenn wir uns nicht beeilen, macht Dorothy den Laden zu, und wir können erst nächste Woche wieder herkommen."
„Klar, warum eigentlich nicht. Immerhin ist eure Euphorie ansteckend genug."
Verwundert legte Jaden den Kopf schief. „Also ich glaube die Krankheit hatte ich noch nicht."
„Haha, vergiss es einfach Jaden und nimm es als ein simples JA!"
Nur kurze Zeit später befanden sich die 5 Jungen in der Slifer Red Unterkunft. Jesse hatte sein Bestmögliches versucht, und hatte es geschafft, so normal wie es eben nur ging Begeisterung beim Duellieren und Öffnen der neuen Karten zu zeigen. Während Hassleberry ihnen vom obersten Stockbett aus zusah, hatte sich Nevan aus dem Raum begeben und an das Geländer vor der Unterkunft gelehnt. Es war dunkel geworden, doch genoss er die frische Nachtluft auf seiner Haut. Er bemerkte zu spät, wie sich der blauhaarige neben ihn gesellte.
„Na wer ist jetzt am Grübeln?"
„Hey Jesse, sag bloß du und Jaden seit fertig damit über Fallenkarten zu diskutieren, als gäbe es kein morgen?"
„Nachdem Syrus sich mit Hassleberry mal wieder über süße Duellmonster gestritten hat, haben die 3 wieder einmal eine Kissenschlacht angefangen, um zu klären wer Recht hat. Da hatte ich kein Bedürfnis mich einzumischen."
Tatsächlich drang aus dem Raum freudiges Lachen und laute Rufe. Nevan lächelte. Die 3 waren wirklich energetisch. Ein tiefes Miauen ließ ihn zur Seite blicken, als Pharao mit einem Satz auf das Geländer sprang.
„Na mein Kleiner, ist es dir da drin etwa auch zu laut geworden?" fragte er ihn leise und strich behutsam über das weiche Fell.
„Nanu, was hast du denn da?"
„Was ist?"
„Sieh mal, er hat doch etwas im Maul." Verwundert hob Nevan den Kater hoch und hielt ihn vor sein Gesicht.
„Sieht aus wie eine Muschel."
„Es ist eine Muschel! Und die kenne ich! Das ist meine! Aber wie…?" Nevan konnte die Frage nicht zu Ende aussprechen, da zappelte Pharao bereits so wild, dass er ihn nicht mehr halten konnte. Mit wenigen Sätzen verschwand er in der Dunkelheit.
„Na warte, bleib stehen du kleiner Dieb!"
Ohne zu zögern rannte Nevan dem kleinen Tiger hinterher, dich gefolgt von einem ahnungslosen Jesse. Doch es war schwer einem derart kleinen Tier in der Dunkelheit zu folgen. Bereits nach einigen Minuten, standen sie ratlos im Dickicht. Trotz Allem durchsuchte Nevan jeden Busch, in dem es raschelte.
„Autsch. Verfluchte Dornen." Grummelte Nevan und leckte sich den blutigen Finger.
„Jetzt hör schon auf, das hat keinen Sinn. Es ist zu dunkel, als dass man etwas sehen könnte. Es ist doch nur eine blöde Muschel."
„Es ist nicht nur eine blöde Muschel wie du sie nennst!" entgegnete ein gereizter Nevan.
Mit einem leisen Miauen kroch Pharao aus einem Busch und versuchte zu entkommen, doch mit einem schnellen Satz konnte Nevan ihn noch rechtzeitig erwischen und im Nacken festhalten. Pharaos Bewegungen erschlafften und er ließ sich ohne Probleme hochheben.
„Hab ich dich. Das habe ich also davon, dass du dich bei mir durchfrisst? Dass du mir meine Sachen klaust?!" meckerte er den Kater an.
„Keine Muschel, er muss sie hier irgendwo fallen gelassen haben. Sie du da drüben nach. Und du kleiner gehst mir ganz schnell aus den Augen, sonst bleiben von deinen Katzenleben nicht mehr viele übrig."
Ein leises Knirschen ließ ihn herumfahren. Jesse stand wie versteinert da, bevor er einen Schritt zurückwich und auf den Boden sah. Vor ihm, lag eine in kleine Scherben zersprungene Muschelschale. Nevans Herz blieb stehen. Fassungslos starrte er auf den Boden. Einige Minuten schweigen vergingen, bis Jesse das Wort erhob.
„Jetzt mach nicht so ein Drama daraus, ist doch nur eine wertlose Muschel."
„WERTLOS? Sag mal tickst du noch ganz richtig?"
„Ja wertlos, wenn du willst, schreib ich es dir gerne noch einmal auf und klebe es dir auf die Stirn."
Ungläubig schüttelte Nevan den Kopf. Was sollte das? Wieso verhielt sich Jesse so merkwürdig?
„Ach jetzt spiel hier nicht die kleinste Geige der Welt. Von solchen Muscheln gibt es Tausende am Strand." Demonstrativ trat Jesse auf die Scherben, und verrieb sie knirschend in der Erde.
„Warst du schon immer so ein ungehobelter Arsch? Für mich ist es keine einfache Muschel gewesen. Es war die Erste, die ich in meinem Leben gesehen habe, als ich zum ersten Mal am Meer war. Für mich hängen mehr Erinnerungen an diesem Stück Kalk, als du jemals begreifen könntest." Giftete er ihn an. Seine Stimme jedoch zitterte so sehr, dass er nicht besonders bedrohlich klang.
„Na und? So etwas passiert eben, dann solltest du besser darauf aufpassen. Ist ja nicht meine Schuld!" Genervt wandte Jesse sich ab und verschränkte die Arme.
Wortlos schüttelte Nevan den Kopf und stürmte davon durch das Gestrüpp. Nachdem er in der tiefen Dunkelheit verschwunden, und das letzte Rascheln verklungen war, schlug Jesse mit der Hand gegen einen Baum.
„Verdammt!" stieß er keuchend hervor.
Sein Herz schmerzte im Einklang mit dem, das er gerade verletzt hatte. Aber es war besser so. Er musste so reagieren. Nur so konnte er verhindern, dass er die Beherrschung verlor, und alles nur schlimmer machte. Auch wenn es jetzt wehtat, und Nevan ihn womöglich für lange Zeit hassen würde, auf diese Weise konnte er seine eigenen Gefühle vergessen, und ein normales distanziertes Verhältnis zu ihm haben.
Aber warum schmerzte es nur so sehr? Er konnte Nevans Blick nicht vergessen. Enttäuschung. Er hatte sich wirklich wie ein Arsch verhalten.
Auf seiner Schulter erschien Rubin.
„Ich hab ihn nicht so gern Rubin, ich komm schon darüber hinweg."
Das war gelogen. Er musste seinem Duellgeist nicht erst zuhören, um zu bereuen was er getan hatte. Er wollte Nevan schließlich nicht als Freund verlieren. Und in der Angst zuviel für ihn zu empfinden, hatte er genau das getan.
Jetzt gab es nur noch eins was er tun konnte.
Mit geröteten Augen folgte Nevan dem dumpfen Klopfen zur Tür. Es war kurz nach Mitternacht, wer also würde um diese Zeit noch nach seiner Präsenz verlangen? Als die Tür sich öffnete, stand ein triefnasser Jesse vor ihm. Schweigend funkelte Nevan ihn zornerfüllt an.
„Verschwinde!" Mit diesen kalten Worten warf er die Tür zu, wurde jedoch von Jesse aufgehalten.
„Hör zu, ich weiß ich war ein Arsch wie ich mich verhalten habe, und ich wollte sagen, es tut mir Leid." Begann Jesse zaghaft.
Schweigend rührte sich Nevan nicht von der Stelle. Sein Blick war kalt wie Eiswasser. Nach einigen Minuten trat er zur Seite.
„Komm rein, sonst überschwemmst du noch die gesamte Unterkunft."
Zögerlich trat Jesse in das spärlich beleuchtete Zimmer.
„Wieso bist du überhaupt so nass? Es regnet doch gar nicht."
Wortlos hielt Jesse ihm die Hand entgegen. Eine kleine hübsche Muschel lag in seiner Handfläche.
„Ich weiß es ist nicht die Gleiche, und sie wird deine Erinnerungen die du mit der anderen verbindest nicht ersetzen, aber…" Er brach ab. Schweigend nahm Nevan die Muschel entgegen.
„Es tut mir wirklich Leid, ich weiß selber nicht genau, warum ich so unausstehlich war. Ich wollte nur nicht… Ich kann einfach nicht mehr klar denken, seit ich so schlecht schlafe…"
Jesse wusste wirklich nicht, was er noch sagen sollte. Es gab eigentlich nichts mehr zu sagen. So oder so war die Situation aussichtslos. Würde er ihm erklären warum er so gehandelt hatte, wäre Nevan vermutlich mindestens genauso sauer auf ihn wie er es bereits war.
Schweigend wies Nevan in Richtung Bad.
„Du solltest dich abtrocknen und die nassen Sachen ausziehen. Du kannst heute hier schlafen, es würde zu spät werden noch zur Slifer Red Unterkunft zurückzukehren.
Gehorsam folgte Jesse seinen Anweisungen. Die drückende Stille herrschte immer noch, als Jesse nur in Unterwäsche und mit einem Handtuch zurück ins Zimmer trat. Nevan stand am Fenster und starrte nach draußen. Seine Finger drehten die Muschel hin und her. Langsam öffnete er die kleine Schatulle und legte sie hinein. Die blecherne Weise hallte nur kurz in dem Raum wider, bevor er den Deckel verschloss.
„Weißt du" begann Nevan mit leiser Stimme, „In gewisser Hinsicht hattest du sogar Recht. Es war nur eine unscheinbare Muschel, die mich immer daran erinnerte, wie ich zum ersten Mal in meinem Leben das Meer sehen durfte. Ich fühlte mich sofort geborgen in der kalten Brandung. Es war wie ein zu Hause, das ich nie hatte. Als ob das Meer nach mir rief, und mich willkommen hieß."
Er machte eine kleine Pause. Und zog Jesse auf das große Bett, wo er sich niederließ.
„Ich hatte nicht die gleiche Kindheit wie andere Kinder. Und sich darüber zu beschweren oder darüber zu jammern ändert nichts daran, dass ich geworden bin, wer ich heute bin. Für mich ist das Meer etwas Besonderes. Etwas, das mir nah steht. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht perfekt zu sein. Im Waisenhaus wird dir erzählt, dass Perfektion der Schlüssel ist, um von dort fortzukommen.
Aber ich war nie perfekt. Ich habe einen Fehler nach dem anderen gemacht. Ich war ungeschickt, klein, weder besonders schlau, noch war ich besonders schön. Ich musste ansehen, wie einer nach dem Anderen adoptiert wurde. Jahr für Jahr haben mich alle meine Freunde verlassen. Ich hab nie wieder von ihnen gehört. Ich war allein. Und je mehr Zeit verging, desto versessener versuchte ich, die Erwartungen und Wünsche anderer zu erfüllen, bis ich nicht mehr unterscheiden konnte, was meine Bedürfnisse waren, und welche die ihren.
Als ich das Meer sah, fand ich zum ersten Mal wieder einen Teil von mir. Ich wusste, dass ich nicht nur eine einfache Maske war, sondern dass in mir immer noch eine eigenständige Persönlichkeit steckte. Die Muschel erinnerte mich genau an diesen Moment.
Manchmal träume ich sogar davon, wie es wäre einfach wie das Meer zu leben. Frei zu sein. Ohne Verpflichtungen und Kritik anderer. Wild und zügellos wie der Wind über das Land zu fegen, ungebändigt und zugleich voller Leidenschaft wie das Meer. Einfach alle Erwartungen abzuschütteln und ganz man selbst zu sein. Keine Regeln, keine Fehler, kein Bereuen.
Aber dann kommt die Angst, dass ich dann wieder ganz allein bin. Dass mich alle die ich gefunden habe wieder verlassen."
Nevan lachte traurig auf. „Du hältst mich jetzt bestimmt für gestört."
Jesse schüttelte schweigend den Kopf.
„Nein, es ist eigentlich sehr nachvollziehbar. Und ich hatte nichts Besseres zu tun, als eine derart wichtige Erinnerung mit Füßen zu treten. Und keine Entschuldigung der Welt kann sie dir ersetzen."
„Es ist schon okay. Jeder macht Fehler, und wenn ich bedenke, wie unausstehlich ich schon zu dir war, steht es mir als Letzter zu Kritik an dir zu verüben. Außerdem brauche ich keine Muschel um mich erinnern zu können. So senil bin ich noch nicht." Selbst jetzt noch versuchte er einen Witz zu reißen.
„Außerdem kann ich mich jetzt daran erinnern, dass ich Menschen wie dich kenne."
„An mir ist doch nichts Besonderes." Lachte Jesse.
Erst jetzt bemerkte Jesse, dass sein Freund zitterte. Schweigend zog er ihn an sich, und legte sich zurück aus Bett, Nevans Kopf auf seiner Brust ruhend.
„Du bist außergewöhnlich Jesse, mehr als du dir selbst zugestehst." Flüsterte ein fast eingeschlafener Nevan nur kurze Zeit später. Sein regelmäßiger warmer Atem kitzelte Jesses nackte Brust.
„Wenn du nur wüsstest, wie glücklich es mich macht das von dir zu hören, und wie viel du mir bedeutest." Murmelte er und strich sanft das dunkle Haar aus dem hellen Gesicht, bevor er selbst von der Müdigkeit übermannt wurde. Selig schlummerte er ein.
Diese Nacht endete sein Traum nicht in einem Albtraum.
